Donnerstag, 16. Juli 2009

NINIVE kontra Alteskrokodil





Heute hat uns Herr Weinbrenner sein neues Portal "Ninive" vorgestellt. Kompliment!
Das trifft sich gut - ich baue auch eines. Ich bitte um Nachsicht dafür, wenn meine Planungen gedanklich nicht so gut untermauert sind und ich mich anders als Kollege Weinbrenner deshalb hier kurz fasse.


alteskrokodil
Portal für Sammler alter Bücher und Buchantiquare
im deutschen Sprachgebiet



Wo stehen wir?

A.
Was wir n i c h t oder jedenfalls doch nicht vordringlich zu erledigen haben

1.
Die technischen Möglichkeiten im Bereich der Bucherfassung und der Darstellung alter Bücher lassen sich vorderhand nicht verbessern. Man muß w+h oder das abebooks-Titelaufnahmesystem nicht lieben, andere Systeme dieser Art noch weniger, tatsächlich aber ist mit den am Markt vorhandenen und recht preiswert oder sogar gratis zu erwerbenden Hilfsmitteln für jedermann, der Titel aufnehmen und verwalten will, ein vernünftiges Arbeiten möglich. Angesichts der riesigen Probleme, die das Antiquariat an anderen Stellen gefährden, vor allem im Absatz, erscheint es mir nicht sinnvoll, hier Nachbesserungen anzustreben.

2.
Anders sieht es mit einer Verbesserung der Webseitengestaltung aus, wenn wir uns Gedanken über Webseiten und Webkataloge des einzelnen Buchantiquars machen. Hier liegt vieles im Argen. Andererseits aber müssen wir mit dem ausgeprägten Hang des Antiquars zum Individualismus rechnen. Deshalb ist es eine Sache mit Nücken und Ösen, dem Kollegen Hilfestellungen oder gar Standardisierungen zur Gestaltung seiner Webseite zu vermitteln. Auch deshalb, weil der Werbewert individueller Kollegenseiten nicht so hoch zu sein pflegt, als daß man als Antiquar nicht getrost ein wenig ins Provisorische hinein gestalten könnte (mit anderen Worten - meistens guckt ja doch keiner hin).

3.
Dies gilt auch für die Form und Funktionalität unserer großen allgemeinen Verkaufsportale. Mein Test vor einigen Tagen, der ja nur einen Teilaspekt der Funktionalität umfaßte, ist mehr beachtet worden, als ich erwartet hatte. Trotzdem halte ich ein weiteres Nachdenken über die Sonderfrage "Verkaufsportalverbesserung" nicht für vordringlich. Der auch vom Kollegen RFMeyer und im Zusammenhang mit dem (an sich sehr reizvollen) "Daumennagelkinobuch" zum Durchblättern bei Flickr angesprochene Aspekt einer besseren Visualisierung des Buchs, übrigens auch die einzige echte Innovation bei Prolibri, scheitert, was oft vergessen wird, am notwendigen Zeitaufwand für die Scan-Erstellung. Im Bereich des teuren Buchs allerdings muß weitaus mehr gescannt werden. Wie auch immer - Abebooks und ZVAB, die wichtigen Portale für den kleineren Antiquar, arbeiten technisch und ästhetisch gut bis befriedigend.

4.
Die bibliographische Erschließung unserer alten Bücher wird durch die Google-Digitalisierung, durch Wordcat, durch KVK/Digibib und andere Hilfsmittel, die jenseits unserer Einwirkungsmöglichkeit liegen, immer weiter vorangetrieben. Was vor einem Jahrzehnt noch ein anzustrebendes Ziel gewesen wäre, die Bibliographie und Inhaltserschließung der älteren Titel zu erleichtern, das ist heute schon auf mittlere Zeit hin unnötig.


B.
Was sofort und unbedingt zu leisten ist

5.
Durch die Digitalisierung der alten Bücher, die Zeitgrenze wird sich in der Praxis bis gegen 1930 voranschieben, brechen die meisten sachlichen Nutzer weg. Das gilt nicht nur für den Wissenschaftler, sondern auch für weite Bereiche der berufspraktischen Nutzung, wir müssen da auch an Bibliotheken und Archive denken. Denn es gilt zwar einerseits, daß die Fachbibliothek das "körperliche" Exemplar haben muß aus archivalischen Gesichtspunkten - die Kontakte, die ich zu Freiburger Fachbibliotheken unterhalte, zeigen mir aber ganz klar, daß die Vorteile der Nutzung eines digitalisierten Exemplars so schwer wiegen (blitzschnelles Lesen am Apparat, elegantes "copy and paste", sekundenschnelles, gezieltes Teilausdrucken, elegantes Zitieren, perfektes Totalindizieren des Wortlauts usw.), daß mit ganz wenigen Ausnahmen auch der Institutsbereich für das Antiquariat in allernächster Zukunft als Kunde entfallen wird. Zweifel daran sind nicht möglich.

6.
Der allgemein, querbeet über Sachgebiete hinweg das "seltene" oder "interessante" alte Buch sammelnde Antiquariatskunde war schon immer ein rara avis. Bei näherem Zusehen handelt es sich dann eben doch um den Liebhaber bestimmter Sachgebiete. Dies ist die eine wichtige Regel, die wir auch bisher als Antiquare schon beachtet hatten. - Nicht ins Blickfeld genommen haben wir aber etwas anderes, und daran tragen die Verfechter, die Anbeter und Hohepriester der Bibliophilie ein gerüttelt Maß an Schuld: Das klassische Büchersammeln bezieht sich b i s h e r mit wenigen Ausnahmen auf das seltene, das teure, das gesuchte Buch. Eine Wertuntergrenze läßt sich generell nicht angeben. Kinderbuchsammler halten auch kleine Titel zu 15 Euro schon des Erwerbens wert, die Liebhaber alter Reiseliteratur beginnen meist erst ab 80-100 Euro, um zwei Beispiele herauszugreifen. Die Wertuntergrenze beim Büchersammeln ist bisher zu wenig überdacht worden.

7.
Um das Antiquariat wieder auf die Beine zu bekommen, um ihm neue Käuferschichten zuzuführen, um einen Ausgleich für die Digitalisierungsverluste zu schaffen, müssen wir eines leisten:

Der Sachgebietsammler soll angeleitet, soll verführt werden dazu, nach unten hin *alle* Titel seines Sammelgebiets zu kaufen.

Wir müssen also für jedes thematische Sammelgebiet Anreize dafür schaffen, daß das billige, das einfache alte Buch geschätzt, als sammelwürdig und als besitzenswwert angesehen wird. Wir haben also die Aufgabe,

das Sammelgebiet des alten Buchs im unteren und mittleren Wertbereich neu zu postulieren, es einzuführen, es "modern" zu machen.

8.
Mit allgemeinen Redensarten ist da gar nichts zu wollen, mit Leseförderungsmaßnahmen der mehr oder minder tollpatschigen Art auch nicht. Jeder andere Berufsstand würde diese Aufgabe, die nichts anderes bezweckt als die Gewinnung neuer Käuferschichten, gemeinsam anpacken. Das ist nicht möglich. Man muß das verstehen - die von mir sine ira et studio als "edel" bezeichnete Oberschicht unseres Gewerbes lebt von der Jagd auf die teuren Titel. Ihnen könnte von einer Erweiterung des Sammelgebietes "altes Buch" nach unten hin höchstes Schaden entstehen. 950 von 1000 Buchantiquaren aber würde davon davon profitieren.

9.
Nun muß ich dringend davor warnen, der Aufgabe mit jenem allgemeinen kulturpolitischen Geschwafel zu Leibe rücken zu wollen, das unter uns Antiquaren zur lingua franca geworden ist immer dann, wenn uns eigentlich - nichts einfällt. Es mag kurios klingen, aber angesichts der gestellten Aufgabe ist der im Vorteil, der ausgedehnte Erfahrungen im klassischen Briefmarkensammeln hat. Wir sprechen da natürlich nicht von jenem Sammeln postfrischer Bilderchen, die die Post liefert, um alte Greise und Kinder auszunehmen - sondern von der passionierten Jagd nach Briefmarken auf Dachböden und in Kellern, vom nächtelangen Katalogisieren, kurzum vom Markensammeln als Leidenschaft. Nur wer das kennt (und um die Regelwerke weiß, die der zuliefernde Berufsstand seit anderzalb Jahrhunderten entwickelt hat), kann die Brücke vom Briefmarkensammeln zum Altbuchsammeln schlagen.

10.
Da Bücher nicht Briefmarken sind, muß jede Regel, jeder Grundsatz daraufhin abgeklopft werden, wo Gemeinsamkeiten herzustellen sind oder wo energisch abgewandelt werden muß. Immerhin darf ich, auf den Stockzähnen grinsend, gleich eine Gemeinsamkeit feststellen - der Büchersammler liest seine Erwerbungen (auch) nicht. Er hortet sie, er streichelt sie, er liebt sie. Von daher sollte er sich mit dem klassischen Markensammler gut verstehen. - Es gibt absolut keine Bezüge zum Kunstsammeln, auch hier übrigens eine Konfliktmöglichkeit mit den Edelantiquaren, die streckenweise in der Atmosphäre des Kunsthandels mehr leben, psychologisch gesehen, als im Buchantiquariat. Mir scheint, daß das Buchantiquariat seine neuen Impulse tatsächlich aus dem Bereich des - übrigens rapide im Rückgang befindlichen - Briefmarkensammelns erhalten kann.


C.
Und nun konkret

11.
Das Internet stellt uns besonders günstige Möglichkeiten zur Verfügung. Wir können jedes Sammelgebiet, soweit es sich sachlich abgrenzen läßt, in einer "eigenen Seite" ins Netz bringen. Das - übrigens höchst reizvolle - Sammelgebiet "ältere Esoterik" muß ich völlig anders herüberbringen als das der "älteren Naturheilkunde", auch wenn sich beide Gebiete überschneiden mögen. Es geht jeweils darum, den "Geist" des Sammelgebiets einzufangen. Es geht darum, Bibliographien bereitszustellen, soweit das juristisch-urheberrechtlich möglich ist; vor allem aber müssen sehr viele Buch-Scans das Sammelgebiet vorstellen, es schmackhaft machen.

12.
Wenn nun Portal auf Portal für den Sachgebiets-Büchersammler entsteht, ist der nächste Schritt schon vorgezeichnet, ergibt sich sozusagen von selbst. In einer freien Zone, die beliebig groß sein darf, Speicherplatz kostet wenig und Traffic auch nicht viel mehr, bringen die Fachantiquare Links zu ihrer Webseite ein, stellen ihre Listen in Kopie ein, machen sonstwie auf sich aufmerksam (Ladengeschäfte, Messebesuche, Ankaufswunsch).

Aber nicht nur die Fachantiquare - das System bedeutet, daß jeder Kollege, auch der kleinste, seine Bestände ordnet und einbringt nach den neuen Kriterien der entstehenden Sammelgebiete. Man kann die Gliederung unten in einer provisorischen Fassung nachlesen. Ich denke, daß dieser kleine Zwang zur Normierung, zur Vereinheitlichung die Freiheit der Kollegen nicht allzusehr einschränkt. Dieses kleine Stück Unfreiheit ist der Preis für die Schaffung einheitlicher Sammelgebiete im Bereich des unteren und mittleren Antiquariats, für die Erschließung neuer Käuferschichten.

Vorderhand brauchen wir gar nichts anderes. Denn was hülfen uns neue technische Tricks, "Module" und Bildsysteme, wenn wir weiter Monat für Monat - - unsere Kunden verlören?

Wir müssen uns vielmehr durch Schaffung und Propagierung neuer Sammelgebiete und Sammelregeln die neuen Kunden selber schaffen.


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Gustave DORE. 1832-1883: "Jonas exhorte les habitants de Ninive à la pénitence." Gravure.

Mittwoch, 8. Juli 2009

Wo muß eine Rationalisierung im Antiquariat ansetzen?




Unser aller Redakteur Biester von börsenblatt.net verweist den Leser, wenn auch nur schamhaft über seine Twitter-Randleiste, auf die anstehende Ebay-Versteigerung von 3000 Büchern aus "Geschichte Technik Literatur", die derzeit mit 125 Euro beboten wird und, lassen Sie mich schätzen, am Ende etwa 700 Euro erbringen sollte.

Wenn sich Edelantiquare und ihr Hausredakteur Biester in die Niederungen des Alltagsantiquariats hinabbegeben, dann geschieht das selten ohne verwundertes Kopfschütteln: Welch seltsame Regeln gelten hier, wo es weder um hüpfende Gazellenlederprunkeinbände, noch um per Handschlag erworbene Heine-Erstausgaben, noch um diskret behandelte Stammbuchseiten aus Königsberg geht, sondern um, horrible dictu, alltägliche Gebrauchsliteratur.

Wobei hier der Name des Auktionshauses Kiefer, man weiß es, für solide Buchqualität steht, Überraschungen nach unten sind nicht zu befürchten, Trouvaillen aber auch nicht zu erhoffen, denn die Kiefer-Leute kennen sich aus. Übrgens versenden sie die derzeit graphisch erfreulichsten Versteigerungs-Halbjahreskataloge, die sich die Helden unseres Quack-Grufti-Katalogs für depressive Büchersammler vorher hätten ansehen sollen - aber lassen wir das.

Was lehrt uns das durchaus interessante Beispiel der 3000 Titel, ordentliche bessere Unter- oder untere Mittelware, wie man das sehen will, die nach meiner Vorahnung pro Titel zu etwa 50 Pfennigen, sorry, 25 cents, über den Pforzheimer Tresen gehen wird?

Bei Titeln unter etwa 30 Euro mittlerem ZVAB-Wert, die mit einiger Sicherheit mehr als 1 x im ZVAB nachgewiesen sind, spielt der Ankaufspreis kaum mehr irgendeine Rolle.

Randbemerkung: Wir orientieren uns nur an der Bücherdatenbank ZVAB, alles andere wäre Unfug. Gerade bei älterer Allerweltsliteratur außerhalb des modernen Antiquariats hat das ZVAB ein Quasi-Monopol von mindestens 80 % Marktanteil.

Daß der Ankaufspreis kleinerer Allerweltstitel keine Rolle spielt, ergibt sich ganz organisch aus der Ankaufspraxis jedes Antiquars. Wir sondern bei jedem Ankauf zunächst rechnerisch, dann realiter die bessere Spitzenware, dann die guten Mitteltitel aus. Sie bringen allein den Gewinn. Die untere Mittelklasse aber und das ganze untere Feld "muß" gratis sein, sonst haben wir beim Ankauf etwas falsch gemacht.

Das sind olle Kamellen, zugegeben. Ich möchte aber heute auf etwas anderes hinweisen. Es wird ja eine zunehmende Absatzkrise im Antiquariat erwartet. In der Krise, bei sinkenden Erträgen, rationalisiert man. Jetzt ist man dazu von der Lage her gezwungen. Rationalisierung in der Krise war schon immer sehr heilsam - wer aus der Fülle einer guten Konjunktur lebt, der denkt nicht an Vereinfachung der Arbeitsabläufe.

Da uns ganz abstruse, fürchterlich schlechte Betriebsrechnungen selbsternannter Betriebswirtschaftler, neugebackener Antiquare in Oberfranken und anderswio via Xing ins Haus gekommen sind, ich nenne hier keine Namen, kann es nicht schaden, dagegenzuhalten und auch ein wenig zu rechnen.

Wir sprechen jetzt nur über Untere Mittelware / obere Unterware - das Kieferangebot ist sehr typisch dafür und übrigens mit exzellenten Fotostrecken versehen.

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Anteilige Zeit für Vorordnen, Ausscheiden, Bereitstellen nach Themengruppen ....... 1 min
(dabei eingerechnet die endgültig auszuscheidenden Titel, deren Bearbeitung ja auch Zeit braucht)
Nachsehen des Preises und evtl. Besonderheiten im ZVAB ..... 2 min
(vor allem wegen des Abklärens von Auflagen, Besonderheiten usw. immer zeitaufwendiger, als man denkt)
Einkopieren aus ZVAB oer sonstiger Titeldatenklau via Wiesler, Worldcat usw. ...1 min
(geht aber nur dann so schnell, wenn man im ZVAB vorermittelt hat)
Zustandsprüfung (muß blitzschnell gehen), Preisfestsetzung, Notierung von Mängeln ....1 min.
(An sich wäre nun noch ein guter Scan anzusetzen, lohnt sich !immer!, vorausgesetzt, man hat eine schnelle Scan-Maschine) aber davon sprechen wir ein andermal)
Anteil des Titels an der Endkontrolle (Rechtschreibung, Buchnummern usw.) und am Hochladen ....30 sec.
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Summa 5 1/2 min

In absehbarer Zeit werden abgesetzt 10 % der Titel (sorry, bei besserer Unterware/ unterer Mittelware ist das schon ein sehr guter Wert!). Für einen verkauften Titel sind also 9 weitere zu bearbeiten (diese Zeit ist nicht ganz verloren, aber in absehbarer Zeit nicht zu nutzen).
Zeitaufwand je verkauftem Titel 55 min.
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Rechnungsausdruck und Packen, exzellente Organisation vorausgesetzt, 5 min.
(Rechnungsverfolgung usw. nicht berücksichtig, tatsächlich ist die Zahlungsmoral in diesem Buchbereich sehr gut, trotz des Kollegengejammeres)
ZEITAUFWAND JE VERKAUFTEM TITEL 60 min.
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Nun beträgt der mittlere Verkaufswert solcher Titel
21 Euro
- 3 Euro Datenbank- und Wiesler- usw.-kosten
- 1 Euro MWst (-teil)
-------------
17 Euro

Das ist, berücksichtigen wir die katastrophale Situation der *kleineren* Selbständigen im Kranken- und Altersversorgungssystem unserer Republik, ein Netto-Stundenlohn von etwa 13-14 Euro.

Fazit: Der Antiquar, der sich solcher Titel annimmt im Versandgeschäft, arbeitet zum Stundenlohn einer Reinemachefrau.

Wobei wir wieder bei der Versteigerung angekommen wären - jetzt verstehen wir, weshalb der Antiquar mehr nicht zahlen *kann* für gute, aber doch eben sachkundig ausgesuchte Ware dieser Art.

In meiner Rechnung stecken zahlreiche weitere Lehren, ja: Der Kern einer aktuellen Rationalisierungsdiskussion muß hier und nirgendwo anders liegen - - - aber ich radle jetzt in die Mensa 2. Zum Kaffeetrinken gibts eine hübsche Studentin, weiß mans?


Das Foto gehört Fa. Kiefer, der ich für die Verwendungsmöglichkeit danke.

Dienstag, 7. Juli 2009

Zwischenruf: Krisenkonferenz der Antiquare (Idee Redakteur Biester)

Reakteur Biester regt via Twitter an, ob man nicht eine Konferenz zur gegenwärtigen und kommenden Krise im Antiquariat veranstalten solle, ich zitiere ihn:

07.07.2009 17:38h "Books in Hard Times Conference" sollten wir hier auch so etw veranstalten? Krise lässt sich doch nicht verleugnen. #Antiquariat,

wobei er sich die geplante noble Veranstaltung des Grolier Club in New York zum Vorbild nimmt, siehe http://ow.ly/gGE9

Ich würde anregen, das auf deutsche Verhältnisse übertragen anders auszurichten, weniger nobel, dafür praxisbezogener und mit Werbetamtam.

Vorab würde der Börsenverein in einer Überlegungsphase Thesen/ Vorschläge interessierter Antiquare einsammeln und bündeln. Dazu genügt ein sorgfältig begründeter Aufruf in börsenblatt.net. Die Überlegungszeit sollte trotz Ferienstimmung sofort beginnen und nur eine Woche betragen - einmal machen Antiquare überwiegend keine Sommerferien, zum andern haben sie in der klassischen Ferienzeit etwas mehr Muße für solche Überlegungen. Eine längere Überlegungsfrist könnte die Aktualität beeinträchtigen, die Aufmerksamkeit einschlafen lassen.

Die Konferenz sollte unbedingt mitten in der Ferienzeit angesetzt werden, am besten Anfang August. Nur dann ist durch die Sauregurkenzeit ein optimales Medienecho gewährleistet.

Die Konferenz braucht einen Aufhänger, der hohen Propagandawert für das Buchantiquariat haben sollte.

Die Antiquare vertreten ihre Vorschläge persönlich in Frankfurt, Buchhändlerschule der ideale Konferenzort.

Der Veranstalter sollte sich vornehmen, daß von dieser Konferenz eine zündende Initiative zur Absatzförderung des alten Buchs in der Krise ausgehen muß.

++++++++++++++++++++

Ein möglicher Vorschlag wäre eine generelle Preisreduktion der nicht seltenen gebrauchten Bücher auf Einheitspreise von 5 und 10 Euro - Einheitspreismodell.

Eine weitere Idee könnte die Ankündigung einer massiven Ausweitung des Webseitenbündnisses sein (bitte aber nicht unter diesem hausbackenen Namen) mit einem Aktionsplan.

Auch sind radikale Ideen einer ganz neu überdachten Verbindung zum Neubuchhandel möglich.

Eine Idee wäre, mit Google in ein Bündnis zu kommen, durch das Google baldigst die Portal- und Datenbankfunktion der deutschen Antiquare übernimmt.

Undsoweiter. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Das wichtigste Ergebnis muß aber am zweiten Tag der Konferenz in einem Pressemeeting verkündet werden können.

börsenblatt.net und die Antiquare



(Foto: Redaktionskonferenz bei börsenblatt.net, Abteilung Antiquariat)





Unverändertes Zitat, heute früh aus "boersenblatt.net", Abteilung "Antiquariat":


"Veranstaltungen
Türkisch Marmor – schöne alte Buntpapiere in Würzburg

Die Veranstaltungsreihe "Bibliothek für alle" der UB Würzburg widmet sich am 10. Juli Buntpapieren – präsentiert werden Materialien und Techniken.

Buntpapier ist ein Sammelbegriff für Papiere, die oberflächlich gefärbt, bedruckt oder geprägt sind. Bis zum Beginn der industriellen Herstellung im 19. Jahrhunderts geschah dies ausschließlich handwerklich in verschiedenen Techniken: Marmorpapier, Kleisterpapier, Kattunpapier, oder Brokatpapier sind nur einige Beispiele. Die Blütezeit des Buntpapiers war im 17. und 18. Jahrhundert. Als schmückendes und dabei billiges Material fand es bevorzugt Verwendung zum Einbinden von Gelegenheitsschriften und Dissertationen, von denen sich einige hundert in den historischen Beständen der Universitätsbibliothek Würzburg befinden.

In der Veranstaltung (10. Juli; 16.30–18 Uhr) der Universitätsbibliothek Würzburg werden anhand von original eingebundenen Büchern unterschiedliche Materialien und Techniken erläutert. Treffpunkt für die (kostenlose) Führung ist die Informationstheke in der Eingangshalle der Zentralbibliothek Am Hubland. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich."



Wir sind uns einig, daß diese Meldung als reiner Veranstaltungshinweis nur für jene handvoll Antiquare, die in Würzburg und Umgebung leben, von irgendeiner Bedeutung sein kann. Das arme Würzburg, die Anfang 1945 fast vollständig dem Erdboden gleichgemachte, bei näherem Hinsehen unendlich häßliche Neubaustadt, einst die traumhaft schöne Perle Barockfrankens, beherbergt nur wenige Kollegen. Das Umland, romantisch, aber landwirtschaftlich geprägt, hat mit alten Büchern eher wenig im Sinn.

Soweit, so bekannt. Vermutlich wird, ich verwette dagegen meine Sammlung historischer Pornohefte 1970-1975 - 1, in Worten ein Kollege aus Unterfranken Redakteur Biesters Meldung lesen und 0, in Worten Null Kollege bei der Veranstaltung erscheinen, da Antiquare für gewöhnlich anderes zu tun haben.

Warum also bringt die Netzzeitung von "Aus dem Antiquariat", richtiger als Antiquariatsableger von "börsenblatt.net" zu bezeichnen, diese Meldung, die zunächst doch zu fast niemandes Nutzen dient?

So einfach darfst du das nicht sehen, Mulzer. Erstens ist es löblich und beispielhaft, daß eine Bibliothek, dazu noch eine Universitäts- und Landesbibliothek (die haben in Bayerns Teilrepubliken einen hohen Rechtsstatus), solche Veranstaltungen unternimmt. Wir würden das eher von Volkshochschulen oder Stadtbüchereien erwarten.

Zweitens ist das Sammeln alter Papiere ein reizvolles Steckenpferd. Es gehört zu jenen Sammelgebieten rund um das alte Buch, von denen Du, Mulzer, ja selber dauernd predigst, daß sie in Zukunft wichtig werden und die Grundlage des Antiquariats der Zukunft bilden könnten.

Zumal in Bayern. Die Chefin der UB Eichstätt kann uns aus den Güterwagenladungen der von ihr ganz sicher nicht vernichteten Bücher des 18. Jahrhunderts gewiß viele hübsche Buntpapiervorlagen aus den Vorsatzpapieren zur Verfügung stellen. Und tatsächlich ermöglicht die unbegreifliche, radikale Verachtung auch der schönsten Theologica etwa bei Ebay den Aufbau umfangreicher Buntpapiersammlungen zu mittleren Briefmarkenpreisen.

Das ist ja alles Gemeingut und über Google leicht zu recherchieren.

Warum, und nun kommen wir zum Kern meiner Frage - warum läßt sich die Redaktion von "börsenblatt.net" nicht herab, wenigstens mit zwei, drei Wiki-Weisheiten den lesenden Antiquar auf Folgendes hinzuweisen:

1.
Hier bekommst Du die Würzburger Meldung, siehe oben.

2.
Die allgemeine Bedeutung und Nutzanwendung sehen wir, die Redaktion von "börsenblatt.net", darin, daß es wünschbar wäre, wenn Bibliotheken solche Veranstaltungen öfter unternehmen würden,

3.
Wir weisen bei dieser Gelegenheit darauf hin, daß Antiquare das Sammelgebiet "alte Buntpapiere" fördern und kultivieren könnten und sollten,

4.
Wir stellen die Meldung und diese beiden Ratschläge nun noch - da wir eine denkende Fachredaktion und keine "copy and paste" -Roboter sind - in einen größeren Rahmen und machen den Antiquaren einige Vorschläge, wie das Sammeln alter Buntpapiere technisch und taktisch anzuleiern wäre, etwa über die alten Theologica.

Nichts davon tut Redakteur Biester.

Nochmals, zur Vertiefung: Nur die reine Meldung zur Würzburger Veranstaltung zu bringen, ist töricht, ja recht eigentlich dreist, eine Ohrfeige ins Gesicht des denkenden Lesers. Es ist eine Kastration des journalistischen Instinkts, die sich die Redaktion selbst zufügt, wenn sie diesen ideal geeigneten Aufhänger nicht zum Antippen einer seriösen Fachdiskussion benutzt.

So geht es laufend zu in börsenblatt.net, Abteilung "Antiquariat", in letzter Zeit verstärkt. Da wir dem zu Zeiten durchaus emsigen und bemühten Redakteur Biester gewogen sind, vermuten wir weder Trägheit noch Dummheit hinter solcher journalistischen Abstinenz, sondern ein
völlig verqueres und absurdes Mißverständnis vom Charakter der "reinen Meldung" und von der edlen Enthaltung von Kommentaren, Wertungen und Nutzanwendungen.

Das ist aber im Rahmen eines Fachjournalismus allemal eine völlig abstruse Grundhaltung, die es zu ändern gilt. Halten zu Gnaden, wenn wir dies den gestrengen Frankfurter Herren zur wohlwollenden Prüfung hierdurch unterbreiten.


Nachschrift, heute 12.15 h: börsenblatt.net - Zitat >


"Alle Blätter der ältesten Bibel der Welt vereint – im Internet

Die Universitätsbibliothek Leipzig meldet den Abschluss des internationalen Codex Sinaiticus-Projekts, an dem sie als eine von vier Institutionen beteiligt war. Gemeinsam wurden die Blätter der ältesten Bibel der Welt digitalisiert...."

Was soll das? Sie bringen den quasi unveränderten Text der Pressemitteilung aus Leipzig. Kein(!) Antiquar kennt den Hintergrund, die Bedeutung gerade dieser Bibelabschrift. Nicht einmal Kollege Kretzer als Fachtheologe könnte das aus dem Stand richtig beantworten. - Knallen Sie uns doch nicht den Leipziger Text vor die Nase - in dieser Form ist das nur billiger Informationsmüll. Googeln Sie für 2 Pfennig, quälen Sie sich einen erklärenden Absatz aus der Feder, versuchen Sie, zum Edelantiquariat irgendwelche Brücken zu schlagen (die handeln durchaus mit alten Bibelhandschriftenresten, wenn auch nicht mit so alten) - kurzum, tun Sie doch wenigstens irgendetwas!



Das hübsche Foto gehört der Webseite www.gymnasium-achim.de/ags/26.php. Wir danken dem Gymnasium in Achim für die Verwendungsmöglichkeit. Bild wird auf einfache Anforderung hin sofort entfernt.

Montag, 6. Juli 2009

The Grolier Club und der Skandal um das IMPRIMATUR-JAHRBUCH




Offener Brief an die Gesellschaft der Bibliophilen:


So veröffentlicht man, unter Zuhilfenahme eines angesehenen Verlags, bibliographische/ bibliophile Drucke mit Niveau zu verantwortungsvollen Preisen über den Buchhandel. Es geht! Man muß nur wollen:



A Century for the Century
Fine Printed Books 1900-1999
Martin Hutner, Jerry Kelly

The Grolier Club
distributed by
University Press of New England
1999 • 144 pp. 46 color and 54 b&w illus. 9 x 12"
Books on Books / Decorative Arts & Material Culture

$35.00 Paper, 978-0-910672-29-0

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The Extraordinary Life of Charles Dickens
R. J. Crawford, B. J. Crawford

The Grolier Club
distributed by
University Press of New England
2006 • 112 pp. 116 duotone illustrations 6 x 9"
Books on Books / Literature & Language-English

$25.00 Cloth, 978-0-910672-62-7

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Four Centuries of Graphic Design for Science
From the Collection of Ronald K. Smeltzer
Ronald K. Smeltzer

The Grolier Club
distributed by
University Press of New England
2004 • 50 pp. Illustrated. 5 x 7 1/2"
Books on Books / Design

$10.00 Paper, 978-0-910672-88-7

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The Grolier Club Collects
Books, Manuscripts, & Works on Paper From The Collections of Grolier Club Members
T. Peter Kraus, Eric Holzenberg

The Grolier Club
distributed by
University Press of New England
2002 • 192 pp. 39 color & 96 duotone illus. 9 x 12"
Books on Books / Antiques & Collectibles

$50.00 Cloth, 978-0-910672-44-3
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Lasting Impressions
The Grolier Club Library
Eric Holzenberg, J. Fernando Pena

The Grolier Club
distributed by
University Press of New England
2004 • 208 pp. 300 color & black & white illus. 8 x 11"
Books on Books / Antiques & Collectibles

$50.00 Cloth, 978-0-910672-52-8
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Symbolic Literature from the European Renaissance
Robin Raybould

The Grolier Club
distributed by
University Press of New England
2009 • 160 pp. 80 illus 5 1/2 x 8 1/2"
Books on Books / Art History / History - Medieval & Renaissance

$20.00 Paper, 978-1-60583-023-0

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A Treasure House of Books
The Library of Duke August of Brunswick-Wolfenbuttel
Herzog August Library in Wolfenbuttel

The Grolier Club
distributed by
University Press of New England
1999 • 270 pp. 200 illustrations in color and black & white 8 1/2 x 11"
Books on Books / Antiques & Collectibles / Decorative Arts & Material Culture

$30.00 Paper, 978-1-60583-026-1

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Vivat Rex!
An Exhibition Commemorating the 500th Anniversary of the Accession of Henry VIII
Arthur L. Schwarz; John Guy, contrib.; Dale Hoak, contrib.; Susan Wabuda, contrib.

The Grolier Club
distributed by
University Press of New England
2009 • 248 pp. 150 illus. 100 color illus. 8 1/2 x 11"
History - British & European

$45.00 Paper, 978-1-60583-017-9

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The Proper Decoration of Book Covers
The Life and Work of Alice C. Morse
Mindell Dubansky; Alice Cooney Frelinghuysen, contrib.; Josephine M. Dunn, contrib.

The Grolier Club
distributed by
University Press of New England
2008 • 108 pp. 119 color illus. 9 x 12"
Books on Books

$35.00 Paper, 978-0-910672-74-0
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Das gute Repro gehört dem Grolier Club N.Y., USA, dem wir Dank für die Benutzungsmöglichkeit sagen.

Unkonventionelle Quellen zur Geschichte des Antiquariats sammeln!



Es gibt keinen Grund, warum die Buchantiquare sich nicht gern mit der Geschichte ihres Gewerbes befassen sollten. Gerade weil und wenn man mehr Ärger, mehr Unregelmäßigkeiten und Abenteuer damit verbindet als mit vielen ruhigeren Berufen, freut man sich doch rückblickend der gehabten Sorgen.

Daß dabei die Geschichte des Antiquariats ihres Nimbus weitgehend entkleidet wird, muß man in Kauf nehmen. Ein Durchblättern älterer Quellen zeigt, wie sehr schon unsere Vorgänger zur Konstruktion und zum Verleih von Heiligenscheinen, Denkmalspodesten und Legendenbüchern neigten. Interessanter psycholgischer Aspekt: In den 20er Jahren und noch mehr vor dem 1.Weltkrieg begegnen wir dann einer - gar nicht unsympathischen - Nüchternheit und Sachlichkeit, was die Selbst- und Rückschau von Antiquaren anbelangt.

Keine Frage, daß mir der streckenweise fürchterlich verlogene Mythos rund um unsere "bedeutenden" Antiquare auf die Nerven geht. Ich war in meiner Studentenzeit ungemein reiselustig und habe mich zwei fröhliche Jahre, um nur ein Beispiel zu nennen, von einem Fern- und Ameisenhandel zwischen Wien, Berlin und Zürich ernährt. Die Preisunterschiede waren damals, vor 45 Jahren, regional noch sehr stark, und wer sich, wie ich das gern auf mich nahm, wochenlang durch Antiquariate z.B. in Wien zu wühlen bereit war, der konnte noch Funde machen. Wobei Wien meistens sehr abgenutzte Bücher hatte, Berlin dagegen damals und noch auf lange Zeit die Traumstadt der alten Bücher war. An gute Sachen, zumal in Bern, seinerzeit ein Geheimtip, gelangte man nur mit Berndeutsch-Kenntnissen, von denen ich mitunter noch heute zehre.

Bei solchen Gelegenheiten lernte ich die meisten der Mythenträger unseres Gewerbes noch kennen. Sie starben reihenweise wenig später, heute lebt keiner mehr. Wer die Herren in ihren Verliesen, Gehäusen, Keller- und Dachbodenfluchten von nahem kennenlernen durfte, der wurde von mancher Illusion befreit (kam dafür aber mit neuen nach Hause). Vor allem die Sexualgeschichte des Antiquariats, sie sollte einmal geschrieben werden. Auch die der übellaunigen, jähzornigen, bestgehaßten und tyrannischen Antiquare, der verlogenen, schmierigen, unzuverlässigen... Und sei es nur, um die unerträglichen Heucheleien, wie sie in unserer Geschichtsschreibung seither üblich geworden sind, zu konterkarieren.

Zu diesem Thema, beschränkt auf Wien und Berlin, nehmen wir als Stichdatum 1965, könnte ich aus dem Stand zwei Stunden reden. Es würde ein unterhaltsamer Vortrag.

Sehen Sie meine Beurteilungen und Wertungen nicht falsch. Ich verdanke jenen alten Herren sehr viel, ohne sie wäre ich nicht das, was ich heute (nicht) bin. Vieles von dem, was mir heute in Sachen "Reform" unseres Gewerbes so am Herzen liegt, auf den Nägeln brennt, war damals noch kaum aktuell, besonders gilt dies für die Fron der Titelaufnahme.

Hilfskräfte, Lagerzeiten, Einkaufsbräuche und Kundenverkehr waren damals völlig anders strukturiert, ich zögere nicht zu sagen: Besser, angenehmer, menschlicher.

Auch fachlich sehr gute Antiquare hatten viel Zeit für Leidenschaften, Verrücktheiten jeder Art, Passionen im besten wie im schlechtesten Sinn. Ihre Lebensqualität war höher.

Aber das alles interessiert heute ja niemanden mehr. Verband, AG und Genossenschaft überbieten sich in Beweihräucherungen ihrer Vorfahren, kehren das wahre Leben der Antiquare, wie ich es - gerade noch - kennenlernen konnte, mit viel Heuchelei unter den Teppich.

Ich glaube nicht, daß die alten Kollegen, die längst aus einem Bücherhimmel auf uns Nachgeborene herabblicken, darüber besoners erfreut wären.

Zurück zum Thema. Während der Börsenverein liebevoll jedes bedruckte Blatt Papier sammelt, das mit Antiquariat zu tun hat *und* bibliographisch greifbar ist, frage ich mich, inwieweit die Überlieferung unseres Gewerbes im Presse- und noch mehr im Bildbereich gesammelt wird. Was in den Zeitungsarchiven schlummert, kann man, nach Investierung weniger Pfund, zum Beispiel im elektronischen Archiv der (Londoner) Times nachsehen. Das Ullstein-Springer-Zeitungsarchiv in Berlin in der Kochstraße muß prallgefüllte Ordner mit Zeitungsausschnitten zum Thema "Antiquare in Berlin" besitzen. Sogar das Ausschnittarchiv des Hamburger Fremdenblatt vor 1945 ist in Teilen noch erhalten. Undsoweiter.

Es scheint mir ein lohnende Aufgabe, ohne Zeitbeschränkung nach rückwärts alles Archiv-, Presse- und Bildmaterial zum Thema "Antiquariat" zu sammeln und natürlich gratis und vollständig im Internet zur Benutzung einzustellen.

Die Antiquare könnten entsprechende Forschungsaufgaben unter sich aufteilen. Ein anregendes Steckenpferd.



Das Photo (rechts unten im Firmenschild lesen wir "Antiquariat") gehört der Schweizer Illustrierten Zeitung, Nr. 34 vom 21.8.1946 (eigener Scan, leider kommt meine Scanqualität im Bloggerbild nicht rüber)

Twitter-Telegramm und Videovortrag - zwei ungleiche Geschwister




Twitter ist nicht alles.

Die modernen Kommunikationsformen sollten so genutzt werden, daß alle inhaltlichen und technischen Möglichkeiten und Verbindungsarten zum Einsatz kommen.

Beim "Twittern" wird eine ebenso reizvolle wie gefährliche Beschränkung auf extrem wortarme Sofort-Kommunikation kultiviert. Das kommt dem Trend der Zeit zur Schreibfaulheit entgegen, freilich nur scheinbar - denn die Sprache schlägt zurück, sie rächt ihre Vernachlässigung durch ein tückisches Bumerang-Manöver: Um sich auch nur halbwegs wirkungsvoll in knappster Wortbeschränkung ausdrücken zu können, braucht man ein besonders gutes Sprachempfinden.

Twitter zwingt also zu mehr Nachdenken und Nachfühlen über unsere Sprache, sie (es?) läßt die eher Sprachlosen rat-los zurück. Ich wette, daß viele Zeitgenossen verzweifelt vor dem knappen Twitter-Textfeld sitzen.

Dennoch ist die quantitative Spracharmut des neuen Kommunikationssystems für den Liebhaber der deutschen Sprache bedauerlich. So können Einseitigkeiten entstehen.

Die gleiche Grundtechnik, unser Internet, ermöglicht aber auch das geschwätzige, wortreiche Gegenteil - die ausführliche Kommunikation mit Videos. Inzwischen ist die Länge, in der Videos ins Netz gestellt werden können, praktisch unbegrenzt. Es zeigt sich bei näherem Hinsehen, daß das Medium "Video-Sequenz" für einen kürzeren Vortrag, der sich an fachlich interessierte Laien wendet, besonders geeignet ist.

Die technische Seite löst jeder Unterprimaner mit links. Ein Dreibein, wie wir es vom Fotografieren her kennen, eine Videokamera auch nur der billigeren Ausführung, ein ordentliches Mikrofon - das wars dann.

Der Vortrag wird ohne jegliche Kosten ins Netz gestellt und bleibt dort auf Dauer. Man kann gerade um Videovorträge herum gute, anschauliche, fachbezogene Webseiten bauen, in die die Links zu den Videos eingebaut werden.

Besonders gut eignen sich, wie schon erwähnt, semiprofessionelle Veranstaltungen. Redakteur Biester erinnert heute an die Vorträge der "Freien geselligen Vereinigung DIE MAPPE". Wie hübsch wäre es, wenn man diese Veranstaltungen hinterher auf Video noch Jahre später mitverfolgen könnte!

Ähnliches gilt von Einführungsvorträgen für Antiquariatsmessen, für ausführliche Statements jeder Art, die von Kollegen, vom Börsenverein, von der Antiquariatsschule usw. auf Video mitgeschnitten würden. Anfängliche Hemmungen bei den Vortragenden verlieren sich rasch.

Freilich denken wir nicht an Kurz-Stellungnahmen. Hier muß, schon um die Archivierung, Sammlung und Bereithaltung zu rechtfertigen, ein Zeit-Mindestmaß von 5-10 Minuten angesetzt werden.

Dies wäre ein Beispiel dafür, wie Einseitigkeiten in der Nutzung moderner Medien vermieden werden können. An die Seite der Kürzest- und Sofortmitteilung im Twitter-System tritt die langlebige, ausführliche Videosequenz.



Das herzerfrischende Bild ist Eigentum von: David Bernstein: Die Kunst der Präsentation. Wir danken für die Verwendungsmöglichkeit. Bild wird auf formlose Anforderung hin entfernt.

Sonntag, 5. Juli 2009

Zwischenruf: Wer will diesen Blog zensieren (oder: Die Mafia vom Père Lachaise)





Lieber Kollege Erlemann,

1.
Sie hatten mir mit Datum vom 2. Juli, Uhrzeit 14.39, folgende freundliche Antwort zukommen lassen über die Blogger-Antwortfunktion:

"I beg your pardon. Sie loben die GIAQ-Seite (= prolibri)? Toll! Schauen Sie mal unter kaune.hardwig.com. Natürlich ein Nachtprogramm mit den zahlreichen links. Aber Klasse! Innovative, junge Leut'chen, die Ihr Handwerk verstehen, wenn man Sie gewähren läßt. Da ist niks mit Leipziger oder Münchner Tradition, da geht es rund und wird reingehauen. Ach, fast hätte ich es vergessen: F. Hardwig hat den Umschlag für den Gemeinschaftskatalog 2009 entworfen. Von Ihnen leider nicht gelobt. Macht aber niks, Qualität setzt sich immer, wenn auch erst dann, wenn wir Alten nicht mehr sind.
Weil Sie immer meckern und garstig auftreten, ist Ihre Kritik unerheblich und wird auch weithin nicht beachtet oder wahrgenommen. Die nur selten oder nicht genutzte Kommentarfunktion spricht Bände. Ich hingegen habe habe mich über eine Mitteilung Ihrerseits gefreut und möchte Sie mit einer unerheblichen captatio benevolentiae zur Nacht beglücken, damit Sie, von der Sonne geblendet, in einem sanften Schlummer versinken können. So long Hartmut Erlemann"

2.
Ein Anonymus hatte I h n e n, nicht etwa mir, wieder über die Antwortleiste dieses Bloggings auf Ihr Posting geantwortet, Datum 2. Juli, Uhrzeit 23.40. Sie hatten die Antwort, wie wir alle, dann ja lesen können.
Diese Antwort eines mir nicht bekannten Einsenders a n S i e (daß ichs nicht war, ersehen wir aus der geloggten IP-Nummer) hat nun das entschiedene Mißfallen eines/ einer unserer anonymen Kollegen/ Kolleginnen gefunden.

In zwei rüden, nicht unterzeichneten Emails hat mich ein Kollege/ eine Kollegin, der sich im Briefkopf mit "Heinrich Heine, Düsseldorf" bezeichnet, aufgefordert, in dem Antwortposting von 23.40 Uhr, das a n S i e gerichtet war, Namen und Link darin bzw. den ganzen Text zu löschen. Dies ist offenbar die neue anonyme Mafia-Methode im Netz: Drohen und nötigen.

Welchen unverschämten Ton der Anonymus/ die Anonyma angeschlagen hat, können Sie, lieber Kollege Erlemann, aus folgenden wörtlichem Zitat ersehen:

"Diese Nachricht löschen, oder den Namen und den link x-en, und zwar sofort"

Das ist Mafia-Stil. Schreiben kultivierte Menschen so? Niemals. Es kann daher auch der Jux eines Kindes gewesen sein, das James Bond spielen will.

Nun weiß ich wirklich nicht, wer hinter "Heinrich Heine" steckt. Trotzdem muß ich seine/ ihre Aufforderung ernst nehmen, da er sie mir unter Mißbrauch der Emailfunktion bei Ebay so hat zukommen lassen, daß ein Mitlesen durch Ebay gegeben war. Das ist nach meiner persönlichen Auffassung indirekte Nötigung.

Hier nun der - entsprechend der anonymen Aufforderung zensierte - nunmehr jetzt verstümmelte Text, der an S i e gerichtet war und insoweit Ihre Rechte berührt:

"Anonym hat gesagt…

" Lieber Herr Erlemann, Sie verkennen die Situation. Die Kommentarfunktion wird sehr häufig benutzt. Nur nicht immer unbedingt auf dieser Seite. Kollege xxxxxxx hat sich auf seiner Homepage extra eine Unterseite angelegt, nur um Kroko täglich kommentieren zu können. Sehen Sie selbst: http://www.xxxxxxxxxxxxxx.de/seiten/b-dot-t-w 2. Juli 2009 23:40 "

Der Anonymus/ die Anonyma -

vielleicht war es ja der Geist von Heinrich Heine, der aus Paris (Père Lachaise, si je ne me trompe pas) fernwirksam seinen Bannstrahl in meine arme Freiburger Klause gerichtet hat -

hat mich zu etwas gebracht, was ich für schäbig halte und was weißgott sonst nicht mein Brauch ist - -
in den Schriftwechsel zwischen Ihnen, Herr Erlemann, und dem uns unbekannten Dritten störend, zerstörend, zensierend einzugreifen.

Heinrich Heine dürfte das irgendwie nicht recht sein.

Wissen Sie vielleicht, wer da Internetzensur durchsetzen will? Ich hab keinen Schimmer.

Samstag, 4. Juli 2009

Test der Bücherportale I - Abebooks das Beste












Vorsicht: Dieser Beitrag wurde inzwischen - Mitte 2011 - schon weitgehend von der Entwicklung überholt








































































































































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Sie sehen die Webseitenscans in der Reihenfolge der Bewertungen. Als Suchwort verwende ich das ehrwürdige FKK-Werk von Ungewitter bzw. ein amerikanisches Fotobuch. Stand von heute, 4.Juli 2009.

Es handelt sich um den Teil I einer größeren Testreihe. Beurteilt wird diesmal nur der Aufbau der Ergebnisseiten, also die Darstellung der Titelaufnahmen, das "Eingemachte" der Datenbanken insofern, als sich der Nutzer hier am längsten aufhält.

Ich sehe die Arbeit als Vorstufe zur kommenden Diskuission über eine gemeinsame, vielfach vernetzte Datenbank aller Antiquare im deutschen Sprachraum. Es kann nichts schaden, dazu erste Überlegungen konkret anzustellen.

Hier nun die Zusammenfassung der Ergebnisse, verwendet wurden sinngemäß die deutschen Schulnoten:

1-2 Abebooks
2 Tomfolio
2-3 ZVAB
3 Antbo
3-4 Prolibri
4 Eurobuch
4 ABAA
5 Amazon
5 Antikbuch
6 Booklooker



außer Konkurrenz:
2 Bookfinder



ABAA
Schwärzungsgrad der Schriften zu schwach, Zeilenabstand zu groß. Ungeschickte Hervorhebung der ersten Großdruckzeile durch: a) Farbe blau, b) übermäßige Größe, c) Unterstreichung - ganz unmöglich! Verweisung auf "more information" eröffnet ein Schlachtfeld des Grauens (das wird hier aber nicht mitbewertet). Eine gewisse feminine Ästhetik ist versucht worden. Schrifttyp nicht flüssig lesbar.
Note: 4


Abebooks
Trotz der zwar nicht ungeschickten, aber unruhigen Unterstreichung der Überschriftenzeile erscheint die brutale Dominanz des Titels nach kurzem Einlesen sehr sinnvoll und praktisch. Verfasser in Schwarzdruck sehr übersichtlich abgehoben. Preis erscheint früh, das entspricht aber dem Interesse vieler Kunden. Bewertung des Lieferanten etwas störend herausgehoben. Ganz blödsinnig und ärgerlich das stets wiederholte Anfangswort "Buchbeschreibung". Ungewöhnliche Schreibmachinenähnliche Schrifttype, die sich sehr gut und schnell liest. Klug abgesetzte kleinformatige Zusatzangaben, wirken in dieser Form fast als "Strich" und als Lesehilfe. - Ungemein günstige Feldabgrenzung zwischen den Datensätzen.
Hier ist, trotz der erwähnten Mängel, große Kunst eingesetzt worden. So kritisch wir der ABEbooks-Strategie gegenüberstehen, ihre Webseitengestaltung ist absolute Spitze!
Note 1-2


Amazon
Ein Vergleich ist nur unter Vorbehalt möglich, da es sich überwiegend (oder nur) um Neuware handelt, die Titelbeschreibung also einen anderen Rang einnimmt. Trotzdem werden Schwächen deutlich:
Preishervorhebung gleich links in Rot wirkt brutal. Unglückliche Abtrennung der Datensätze durch Strichlein, die an vorgestanzte Knickfalten erinnern. Blödsinnige Hervorhebung des Verkäufers noch vor der Titelei. Widerrufsbelehrung unanständig hervorgehoben. Absetzung von Versand und Anmerkungen unschön. Bewertungssternchen farblich zu aufdringlich.
Note (unter Vorbehalt, da eher für Neuware) 5


Antbo
Farblich angenehm gestaltet, wenn sich auch die beiden Blautöne nicht vertragen. Unsinnige Verschwendung des linken Randbereichs. Ungemein zu loben ist die kleinere Schrifttype für Anmerkungen - eine gute Idee! geschickt auch der geringere Schwärzungsgrad der Liefernummern. - Im unteren Teil der Datensätze leider ganz versaut: "gefunden bei" hängt im leeren, verschenkten Raum, "Angebot einsehen" wirkt wie von Kinderhand sinnlos und unästhetisch angepappt. Trotzdem hinterläßt diese kleine Seite, die ich jahrelang als "Entchen" verspottet hatte, einen recht guten Eindruck.
Note: 3


Antikbuch
Leider ganz unmöglich und ohne jedes Stilgefühl gebaut. Blödsinnige Strichelung des Titels, peinliche Dominanz der Suchbegriffe in Quietschgelb, viel zu breit verlaufende Zeilen, kaum Absätze, unästhetischer Warenkorb-Button (der kein Button ist, sondern eine anzuklickende Textzeile), "weitere Details" so nicht gut gelöst, vorgestanzte Knicklinien zwischen den Datensätzen wirken wie Abreißvorlagen, abwechselnde Hintergrundtönung braun-weiß erscheint unruhig. Diese Seite ist nicht durchdacht.
Note: 5


Bookfinder
Diese Seite kann nur unter Vorbehalt bewertet werden, da sie als Metadatenbank ganz besondere Arten der Verweisung hat. Zunächst versucht die Seite, zum angegebenen Suchwort alles nur irgendwie "Passende" zu finden, und zwar übersichtlich in verlinkten Zeilen. Diese Zeilen führen zu neuen, sehr gut gestalteten, recht komplizierten Tabellensystemen, von denen dann wiederum auf die bezogene Webseite verwiesen wird. Ein solches Stufensystem ist sehr brauchbar, auch schwierige bibliographische Fälle lassen sich genial einfach erkennen und lösen. Allerdings ist die Seite von quälender Langsamkeit.
Das System ist aber so praktisch und graphisch derart geschickt gelöst, daß wir
(unter Vorbehalt) vergeben die
Note: 2


Booklooker
Fürchterliche Überklexung des Schlachtfelds mit arteriellem Blut auf depressivem grauem Hintergrund. Rechts und links viel verschenkter, teils zugemüllter Raum. Die brutale, geschmacklose Linienführung der roten Registerkarten rechts erinnert an das blaue Wunder von ABAA. Auf weitere Einzelheiten möchte ich nicht eingehen, da diese Seite eine Zumutung für Auge und Gemüt des Benutzers darstellt. Mit Bedauern vergeben wir nur die
Note: 6


Eurobuch
hat sich seit meiner noch nicht vergessenen Kritik vor 3 Jahren ("Menstruationsblutrot, Fäkalbraun...") sehr gebessert, das Grün wirkt geradezu freundlich. - Die zweite waagerechte Trennlinie innerhalb der Datensätze ist ein Unding. Völlig unzulässig ist die modisch-abgeschwächte, graue Schrift im zweiten Teil der Titelaufnahmen. Auch die große, hervorgehobene Schwarzschrift ist unscharf, es wurden keine Standardschriften verwendet. Solches rächt sich! Zeilen laufen zu breit, "Antiquariate" sind viel zu sehr hervorgehoben. Rechts weitgehend sinnfreies Rubrizieren mit aufdringlichen Registerkarten-Oberteilen. Das Lesen ist trotz einiger netter Einfälle für die Augen sehr mühsam. Leute, ihr macht solche Seiten für die Leser, nicht für euren künstlerischen Ehrgeiz. Wer dagegen sündigt, der erhält leider nur die
Note: 4


Prolibri,
unser liebes Prolibri... Die Seite sieht gar nicht so schlecht aus. Gelb, Braun und Grau im Kopf wirken angenehm, trotz einem gewissen Hang zur Kindergarten-Kolorierung. Daß das Buchsymbol neben Prolibri sehr unglücklich gewählt ist, hatte ich schon in Sachen Grufti-Sammelkastalog erwähnt, es fällt mir hier wieder unangenehm auf. - Völlig versaut sind die gepünktelten Unterstreichungen von Verfasser und manchen, in sich unlogischen, nicht funktionalen Titelteilen. Die kommen dann noch in dem an sich doch dem Verfasser zugeordneten Braun daher. Das verwirrt! Die begrüßenswerte Absetzung der Ergänzungen in kleinerer Schrift wird dadurch ad absurdum geführt, daß der Schrioftgrad deutlich zu klein gewählt wurde. - Die Zeilen laufen etwas zu weit/ breit, besonders natürlich die klein abgesetzten. Blödsinnig verdummbeutelter, viel zu großer Zeilenabstand. Beide Schriften sind schwer lesbar und ganz unglücklich gewählt. Die technischen Angaben stören das Querlesen, sie wirken zu herausgehoben (Bestellnummer, Aus Liste). Der Ausdruck "Anbieter" ist dem Händler gegenüber arrogant, möchtegernjuristisch, völlig deplaziert. Gestandene Antiquare sind mehr als nur "Anbieter". Die stereotype, auch noch braun eingefärbte Wiederholung von "AGB" und "Widerrufsbelehrung" ist belämmernd und störend in dieser Form. Die Trennung der Datensätze ist nicht bis zum Rand durchgezogen und dadurch leseunfreundlich. - Schwer zu benoten, am meisten stören mich die Pünkteleien und die kreuzunglückliche Schriftart, fast ebenso die zu großen Zeilenabstände.
Note: 3-4


TomFolio
Auf den Ergebnisseiten hätte ich mir die an sich ja recht pfiffigen "Other Areas" nicht so aufdringlich gewünscht. Der braune Hinweistext am Anfang jeder Ergebnisseite wirkt etwas lehrhaft. Sehr angenehme Schrifttype (auch bei Google die Standardschrift für viele Anwendungen). Die Absetzung des Titels nur durch Blaufärbung ist etwas gewagt. - Die Titelei ist zu unübersichtlich aneinandergeklatscht, hier muß sich Tomfolio Gedanken machen über eine elementare Gliederung, noch besser zwei verschiedene Schriftgrößen.- Preis und Anklick-Buttons sind hier - und nur hier - sehr gut gelöst, alle anderen heute besprochenen Seiten stümpern da fürchterlich. TomFolio kanns! - Die an sich brandgefährliche, weil sehr störende Auflistung der Währungsbeträge ist geschickt verwirklicht, die Zeile stört fast gar nicht. - Wenn TomFolio die Händler nun noch dazu bringt, auf blödsinnige Großbuchstaben im Text zu verzichten, dann haben wir eine angenehm lesbare Seite. Schon die ganz zurückhaltende Notierung von Antiquariat und Buchnummer ist, bei näherem Hinsehen, in ihrer Schlichtheit genial gelöst! Ideale Abstimmung aller verwendten Farben. - Schwierig zu benoten, gerecht erscheint mir
Note: 2


ZVAB
Schöne Farbenwahl,. auch wenn das neu eingeführte Stumpfblau nach wie vor depressiv wirkt. Immer noch verdirbt das lächerliche, blödsinnige, peinliche "nach diesem Titel suchen" die ganzen Titeleien - wie oft hab ich das nicht schon getadelt! Auch die Zusätze "Artikel zur Merkliste" und noch mehr das "weiterempfehlen" sind überflüssig wie ein Kropf. - Sehr geschickte Schriftwahl. Daß die rechte Kante mit den Kreditkartensymbolen und auch sonst seit der letzten Reform vermanscht und verdummt worden ist, ästhetisch wie sachlich, darüber hatte ich auch schon geschrieben, ich will mich hier nicht wiederholen. - Seit der Reform laufen die Zeilen leider etwas zu weit. Die Preise sind schwer mit den Titeleien in einem Blick zu erfassen, das ist wirklich störend. Wer den Leser dergestallt zur Sehnervgymnastik zwingt, zum dauernden Hin- und Herzucken des Augapfels beim Querlesen der Datensätze, der verdient eine spürbar Abwertung. Dennoch bleibt unserem Flagschiff eine ordentliche
Note 2-3


Alterssicherung für Antiquare - die Handbibliothek?




Während das einzige Thema, das die Antiquare heute interessieren sollte, nämlich der ILAB-Prolibri-Skandal, eisern verhehlt und vermauschelt wird, in der Hoffnung, daß das keiner merkt und der Deckel über dem wild kochenden Topf gehalten werden könne, unterhalten sich die werten Kollegen im Twitter über Sinn und Wert der Handbibliothek des Antiquars, besonders im Hinblick auf seine, des Altbuchhändlers, Alterssicherung.

Immerhin eine interessante Frage. Da sollten wir näher hinsehen.


1.
Bibliographische Werke jeder Art sind Teil eines der beliebtesten Sammelgebiete im Antiquariat, "Buchwesen", die Kundennachfrage ist hoch, die Preise bleiben zur Zeit mindestens stabil. Das gilt auch für solche Titel und Reihen, die bereits im Internet greifbar sind.

In der Tagespraxis erweist sich nämlich schnell, daß die Nutzung digitalisierter Quellen zur praktischen bibliographischen Arbeit äußerst mühsam und unpraktisch ist. Die Umsetzung digitalisierter Titel (wer von "Digitalisat" spricht, den kanne ich nicht mehr) in CD-Rom oder entsprechende Festplattenformate ermöglicht nämlich oft erst ihre komfortable Nutzung, das ist aber technisch kniffelig, keiner kanns richtig.

Die hier schon öfter aufs Schärfste angeprangerte Praxis gewisser Dokumentationsverlage, auch öffentlich geförderte bibliographische Werke zu Apothekenpreisen zu verhökern, hat doch den Vorteil, daß auf diese (für das Antiquariat freilich schädliche) Weise das allgemeine Preisniveau für bibliographische Titel "gefühlt" hoch bleibt.

2.
Aber schon mittelfristig, rechnen wir da mit 3-5 Jahren, kann sich die Benutzungsqualität digitalisierter Titel sehr schnell verbessern. Dann ist die teure Serie, etwa aufgrund von Sammelabkommen zwischen Google und den Verlegern, auf einmal anstatt für 500 Euro - - als CD für 20 Euro zu haben. Das geht wies Bretzelbacken.

Die Entwicklung bei den modernen Lexika zeigt uns, wie fürchterlich schnell das gehen kann.

Diese Erwägung läßt uns ausdrücklich warnen vor der Erwartung, man könne mit einer stabilen Wertentwickung im Bereich "bibliographische Titel" rechnen. Denn bibliographische Werke sind das ganz typische Beispiel einer durch Digitalisierung in nächster Zeit hochgefährdeten Buchart.

3.
Dazu kommt ein weiterer, meist vergessener Gesichtspunkt. Aktivitäten wie die von Tante Google machen oftmals bestehende, bewährte bibliographische Werke durch ihre neuartige, bessere, umfassendere Nutzbarkeit, Struktur, den Anspruch, die Arbeitstechnik - überflüssig. Wir werden durch ein ausgebautes Worldcat-Google-System sowohl die Allgemein- wie auch die meisten Fachbibliographien bald den Berghang hinunter kippen können. Es ist dann nur noch eine Sache der richtigen "Abfrage", um auf die alten Teil- und Fachbibliographien verzichten zu können.

4.
Dies alles gilt nur für ausgesprochen bibliographische Werke. Soweit es sich um kommentierte Bibliographien handelt, bleibt natürlich die alte hohe Wertschätzung erhalten. Aber auch da muß ein warnendes Fragezeichen angebracht werden: Die unverschämte Preispolitik mancher Verleger beim Verhökern öffentlich geförderter Arbeiten kann zusammenbrechen wie eine Seifenblase. Serien wie das inhaltlich ganz exzellente, preispolitisch aber dümmlich zu Apothekenpreisen vertriebene Imprimatur-Jahrbuch werden mit einiger Sicherheit auf ihren wahren Marktwert, den sehr guter Fachtitel, heruntergeführt werden.

Dies alles führt den Antiquar insgesamt zu folgender Feststellung:

a) wir räumen der Fachbibliothek keinen Sonderstatus als "gute Alterssicherung" mehr ein, da sie mehreren hochgefährlichen Abwertungstendenzen unterliegt,

b) wir bewerten diejenigen Titel aus der Handbibliothek, die wir einem Fachgebiet zuordnen können, ähnlich wie die anderen Titel des betreffenden Fachgebiets. Bewertungs- und alterssicherungsmäßig existiert der Sonder-Posten "Handbibliothek" für uns also nicht mehr.

++++++++++++++++++++

Die Frage der Alterssicherung für den Antiquar bedarf längerer Ausführungen.

1.
Der Begriff des "seltenen Buchs", die Vorstellung also, ein Titel sei einfach wegen seiner Seltenheit schon wertvoll oder könne doch wertvoll werden, gilt nicht mehr. Man kann das nicht deutlich genug sagen. Einmal wegen der Digitalisierung, dann aber, und dies ist wichtiger, wegen der jetzigen und kommenden Verschiebung der Sammelgebiete.

Wissen wir, was in 10 Jahren gesammelt wird? Wir können aus der heutigen Beliebtheit der Gebiete hübsche Extrapolationen in die Zukunft anstellen, aber das ist hochgefährlich. Ich traue mir ein Werweissen darüber einfach nicht zu.

2.
Der Begriff des "teuren Buchs" ist ein besserer Anhalt für die Zukunft, unterliegt freilich auch den kommenden Moden anderer, neuer oder abgelegter Sammelgebiete. Immerhin wird man nichts falsch machen, wenn man eine recht vielfältige Mischung heute (noch?) beliebter Sammelgebiete im hochpreisigen Sektor sich anlegt. Der richtige "Mix" ist da aber ganz wichtig, also nicht unähnlich der klassischen Kapitalanlage.

3.
Internatiional gehandelte Spitzenstücke sind leider ebenfalls nicht ohne Zukunftsrisiko, denn da treten die tückischen Gesetze des Kunstmarkts auf. Ich würde wirklich niemandem raten, seine Alterssicherung in Zimelien anzulegen.

4.
Neben der ersten Empfehlung, bessere Stücke aus (heute) gesuchten Sammelgebieten in einem breitgefächerten "Mix" sich zuzulegen, möchte ich auf eine zweite, in der Regel vergessene Möglichkeit hinweisen. Man könnte sie "viel bringt viel" nennen oder "Kleinvieh macht auch Mist".

Wir stoßen immer wieder auf Kollegen, die sehr große Lagerbestände besitzen, 50.000 Titel und mehr. Die sind im Grunde recht billig zu erwerben gewesen, da die bekannte Querfinanzierung durch teure Stücke stattgefunden hat und diese Restbestände aus der Tagesarbeit quasi "gratis" waren, auf meine 30.000 Titel trifft das auch so ähnlich zu.

Das Paradoxe liegt nun darin, daß zwar gerade dieses Unter- und Mittelfeld der Entwertung durch Digitalisiefrung besonders unterliegt, auch schlägt hier die kommende Entwertung im Altbuchmarkt generell besonders heftig zu. Aber diese Entwertung hat eine natürliche Untergrenze.

Die liegt in der Mühe, die mit der Benutzung ditigalisierter Bücher, der Herstellung von Xeroxkopien usw. verbunden ist. Wir dürfen vermuten, daß ein Ansatz von etwa 3 Euro je Buch realistisch bleibt, die üblichen Romane und abgelaufenen Nachschlagewerke natürlich ausgenommen.

Diesen Grundwert zu nutzen ist dann nur noch eine Frage der Arbeitstechnik. Dazu braucht man sehr viel Organisationssinn. Auch muß das Lagern von Büchern, das Sparen von Miete, der Umgang mit Hilfskräften "sitzen". Wem das alles aber liegt, der tut sich mit einem sehr großen Feld-, Wald-, Wiesenlager aller Gebiete als Alterssicherung, bei Ausscheidung eines Bodensatzes, etwas Gutes an.

Ich würde nicht zögern, diesen überraschend "einfachen" Weg der Alterssicherung jedem Kollegen anzuraten - der es sich zutraut.

Das Thema ist damit noch lang nicht abgehandelt. Aber jetzt muß ich mich beeilen, sonst hat eine gewisse hübsche Kaiserstühlerin ihren Marktstand am Münster schon abgebaut, bis ich komme. Und das wäre doch schade.


Das Foto ist Eigentum der Seite http://www.miscelle.de. Wir danken für die Verwendungsmöglichkeit. Das Bild wird auf formlose Anforderung hin sofort entfernt.

Freitag, 3. Juli 2009

ABAA - strategy : bad marks




1.
"books, maps, autograph letters, and printed matter"

Jetzt wissen wir wenigstens, wo die verunglückte Formulierung im GIAQ-Grufti-Katalog herkommt - schlecht übersetzt aus dem Vorwort zum ABAA-Katalog. Abschreiber haben kurze Beine. Und sie müßten mal nachforschen, was "printed matter" auf deutsch hier meint.

2.
"Users can browse and purchase...with the confidence that they are buying from knowledgeable booksellers at a venue that is easy and safe to navigate."

Es ist schon fatal mit der Angeberei. Auf mich wirkt das schamlos, mit der Vielfalt der beteiligten Kollegen im Hinterkopf pauschal von "kenntnisreichen" Antiquaren zu sprechen, wobei, das muß man da einrechnen, der US-Begriff im Anklang "viel wissen" mitbringt, also etwas anspruchsvoller daherkommt als unser deutsches "kenntnisreich". - Diese verkorkste, vermurkste Portal als "easy to navigate" zu bezeichnen ist angesichts der grauenvollen Präsentation der einzelnen Datensätze - - etwas keck.

3.
"It is an essential part of our marketing plan to try to persuade our members to upload to ABAA before they go to ABE or elsewhere. It's in our members' interest because our site will charge no commission. And it will be the most effective way to get the news out that ABAA is where the best books go first, and is therefore a site to watch and a site where collectors should enter their wants."

Wohin gebührenfreie ehrenamtliche Arbeit führt, wissen wir inzwischen. ABAA sollte sich mal bei der GIAQ umhören... Die Grundidee ist übrigens nicht durchdacht, das kann einfach nicht klappen auf dem US-Datenbankmarkt, wie wir ihn kennen. Hier haben Idealisten einen schönen Plan aufgestellt, der - wenn überhaupt - nur unter Anspannung aller Kräfte eine Chance haben würde.

Das erinnert natürlich fatal an die GIAQ, die ihre Datenbank auch mit hohen Zielen befrachtet hatte, dann aber durch klägliche Fehler in Taktik und Strategie seither zum Dahindümpeln verurteilt ist. Halten wir fest: Der Elitegedanke "the best books first" ist an und für sich überdenkenswert - - womit wir übrigens beim aktuellen ILAB-Skandal sind.

Sagen wir mal so: Für das ABAA-Projekt wären die besten Kräfte, die genialsten Portalbauer gerade gut genug gewesen. Läßt man aber blutige Stümper dran, dann ist das Scheitern von vornherein besiegelt.

4.
"We are working to create a system whereby subscribers to our new site can upload their books and have them subsequently -- with a delay of each subscriber's choosing -- uploaded to commercial bookselling sites. "

Auch hier alte Bekannte - wie sich die Dinge doch gleichen auf beiden Seiten des Ozeans. Der Grufti-Katalog der Quack, jenes Groschengrab der besten Kollegen, soll ja auch "nach einer gewissen Zeit" hochgeladen werden ins Netz. Nur ist diese Idee allemal fragwürdig. Es muß um die Grundfrage der Alleinstellung überhaupt gehen. Bekomme ich nur Titel in meine Datenbank, die auf kurze Frist allein bei mir, dann aber im weiten Netz zu finden sind, dann führt das zu gar nichts.

Was mir gerade mal so einfällt: Kann es sein, daß wir in Deutschland in solchen strategischen Fragen weiter sind?

5.
" And wasn't it only a few years ago that everyone was all abuzz about selling on e-Bay? Now with that site seeming largely a dumping ground for unsaleable and often-defective retail or, as e-Bay calls them, "Buy it Now" items, the percentage of sales to listings, which seems to be a closely-guarded e-Bay secret, can't, as far as I can tell, be much more than twenty percent. "I'm tired of getting burned," is a complaint I regularly hear."

Wer so halbverdautes Zeug schreibt über die aktuelle Situation bei Ebay-USA, der kann allerdings auch sonst keine Absatzstrategie auf die Beine stellen. Dieses statement ist teils Wunschdenken, teils stimmt es einfach nicht.

6.
Ich vermisse in den ABAA-Überlegungen schmerzlich ein viel direkteres und offensiveres, punktgenaues strategisches Einbeziehen von Abebooks und von Amazon. Nochmals: Hier sind wir in Deutschland offenbar viel weiter in den strategischen Planspielen.

Ich vergesse nicht, daß es bei uns im deutschsprachigen Bereich grundsätzlich anders zugeht, hab ich doch selber seit über einem Jahrzehnt herausgestellt, daß unser spezieller deutscher Absatzmarkt weltweit einmalige Eingrenzungen im Absatz hat. Ich sage nicht "leidet unter", denn das ist auch eine Riesenchance für uns deutschsprachige Antiquare, wenn wir sie nur ergreifen.

Abschließend, ich mag die neue alte ABAA-Webseite nicht länger zerpflücken, ein Blick auf Tomfolio -

http://www.tomfolio.com/

wir bewundern eine geniale Gestaltung des Portalbereichs . Beachten Sie nur einmal vermeintliche "Kleinigkeiten" wie links den Streifen "other areas", die hübschen tagesaktuellen Beiträge, die zum regelmäßigen Wiederkommen einladen (viel geschickter übrigens als im ZVAB), genießen Sie aber vor allem Farben und Formen. - Und dann sehen Sie sich den graphisch-lesetechnisch nahezu perfekten Titelsatz-Aufbau auf der Suchergebnisseite an.

Das ist große Webseitenkunst!

Was soll da die kindische Portal- und Datensatzstümperei bei ABAA?

We are not amused.

Weitere AABA-Schrecknisse






































































































Beispiel 5:
"Nicht nur Stumpfblau mögen sie, sondern ein geradezu überwältigend blödes Bilderbuchgucken, eine Leporello-Bilderschau in quietschbunten Farben, die freilich des tieferen Sinns entbehrt. Seit wann sind denn Altbücherfreunde im Kindergartenalter? (So hab ich gestern die Forderung nach "Jugendlichkeit" nicht gemeint)

Völlig sinn-, takt- und stillos ist die Art, mit der die Büchersuchmaske mitten in diese Batikarbeit für ältere Jungfrauen hineingerotzt erscheint - indiskutabel."

(ohne Nummer - "highest standards in trade"):
"Die Angeberei und Arroganz, die die Portalseite durchzieht, ist schlechtester GIAQ-Stil. Wer sich nicht entblödet, hochtrabend schon im Portal nur Kollegen mit bester Zahlungsmoral und fünf Jahren Berufserfahrung zuzulassen, der macht einen (an sich durchaus vertretbaren) Schritt zum aufdringlich-peinlichen Werbeargument. Einer Organisation, die so mit ihren Mitgliedern umgeht *und* das plakativ verkündet, der mag ich mich nicht anvertrauen, auch nicht als Kunde."

Beispiel 7:
farblich aufdringliche Spielchen in quietschgelb und babyblau

Beispiel 1:
"Die Datensätze kommen in viel zu großen Typen mit viel zu breiten Zeilenabständen, unendliches Scrollen bzw. Seitenwechsel ist im Normalfall angesagt, innere Datensatz-Gliederungen erhalten wir nicht, die ganze Beschreibungssoße wird in einem schwer lesbaren Sermon ausgeschüttet. Der Preis erscheint optisch unanständig herausgehoben."

Beispiel 2:
"Wehe, man drückt den Button "mehr Information" ein! Dann kommt die vorhin erwartete Gliederung - aber idiotisch. Es überfällt einen zunächst eine kindlich-naive, völlig unerträgliche Kindergartenliste von "Bindungsart" bis "Erscheinungsjahr", wie wir sie aus den Urzeiten unserer Bibliographieprogramme in unschöner Erinnerung haben."

Beispiel 3:
Zum angeberischen Stil der Eingangsseite paßt, daß auf jeder Ergebnisseite dieses aufdringliche Logo mit Text im Kopf erscheint - das ist höchst unanständig, unbescheiden - besonders wenn dann unten mittelmäßiger Quark steht.

Beispiel 4:
bitte einfach mal lesen...

Das ABAA-Portal, Sequel : Ein verunglücktes Entlein

Redakteur Biester stellt die neue Webseite nun - ohne jeden wertenden Kommentar - in börsenblatt.net vor. Falls er mich damit ärgern will, ist ihm das gelungen.

Bei Eingabe eines Titels, Sie kenne ja meine Standardsuche "Hitler, Kampf" enthüllt sich ein Szenarium des Grauens.

Die Datensätze kommen in viel zu großen Typen mit viel zu breiten Zeilenabständen, unendliches Scrollen bzw. Seitenwechsel ist im Normalfall angesagt, innere Datensatz-Gliederungen erhalten wir nicht, die ganze Beschreibungssoße wird in einem schwer lesbaren Sermon ausgeschüttet. Der Preis erscheint optisch unanständig herausgehoben.

Wehe, man drückt den Button "mehr Information" ein! Dann kommt die vorhin erwartete Gliederung - aber idiotisch. Es überfällt einen zunächst eine kindlich-naive, völlig unerträgliche Kindergartenliste von "Bindungsart" bis "Erscheinungsjahr", wie wir sie aus den Urzeiten unserer Bibliographieprogramme in unschöner Erinnerung haben.

Mein nächstes Probemuster, "Goethe Gedichte" bringt drei sprachlich so fürchterlich verhunzte Datensätze zu tage, daß ich weitere Tests abbreche - soweit trägt mein antiquarischer Masochismus nicht.

Fazit: Diese Webseite ist ganz fürchterlich schlecht. Als Bücherportal ist sie nahezu unbrauchbar, eine Suchmaschine des äußersten Schreckens.

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Nachschrift, 1745 h: Eben twittert Redakteur Biester, daß er die Webseite durchaus gut findet. Was soll man dazu sagen?

Ich mag es nicht, pauschal abgebügelt zu werden. Schließlich nehme ich mir auch Zeit und Aufmerksamkeit, um auf Einzelheiten einzugehen.

Eines weiß ich: Wenn Redakteur Biester die beiden Tests mit dem Datensatz-Aufruf macht und das Portal dann immer noch für gut hält - dann gehe ich morgen zum Optiker und besorge mir eine neue Brille.


Das Antiquariat als Herrenclub




Die Webseitenkritik gestern ist noch mild ausgefallen. Ich war wieder einmal zu zaghaft und zu feige - sollst du es dir wirklich verderben mit den jungen Damen, die offensichtlich jenes ungeschickte Verbandsportal zusammengeschustert haben? Eine Kritik, die ihren Namen verdiente, wäre eingehender gewesen und hätte das ganze Ausmaß der Stümperei enthüllen müssen, mit der sich die amerikanischen Kollegen da bekleckert haben.

Wobei wir gut daran tun, uns in Erinnerung zu rufen, daß Webseitenkritik mehreres zugleich leisten muß, auch wenn sie das nicht jedesmal ausführlich herbetet:

1)
Der erste, spontane und der zweite, nachwirkende Eindruck - die Gesamtwirkung als Milieu wird nachgefragt. Sehen Sie es wie den Besuch in einer fremden Wohnung - wie riecht es, auf welchem Bodenbelag gehen wir, was sehen wir beim Blick aus dem Fenster, wie "kommen wir uns vor", während wir in der Wohnung sind, wie ist der Tonfall, die Haltung der Bewohner...

2)
Die sprachliche Form und das Vermeiden sachlicher Fehler. Das wird immer wieder unterschätzt. Ich erinnere mich an eines der fürchterlichsten Beispiele, eine (heute hoffentlich nicht mehr bestehende) Version der Quack-Seite, in der ich etwa 60 grammatikalische und sprachästhetische Fehler entdecken mußte, zwanzig davon hatte ich in börsenblatt.net aufgelistet (ach, hätte mich Biester doch besser schon damals hinausgeworfen, nicht wahr?)

3)
Wir fragen nach der Brauchbarkeit, der Anwendungstauglichkeit - was beides zum Teil auch die Usability ausmacht, nur meint jener unübersetzbare Fachausdruck weit mehr als nur das. Da können und müssen wir ganz elementar vorgehen, sozusagen primitiv. Der Kritiker hat sich naiv zu stellen und die Webseite "einfach" zu benutzen. Oder doch wenigstens sollte er das versuchen..., falls und soweit es ihm die oft so unpraktischen Webseitenbauer ermöglichen.

4.)
Erst jetzt kommt die Ästhetik, also Farbenwahl, Typen, Durchschuß, Zeilenabstände. Die fließen zwar stets in die anderen Gesichtspunkte ein, können aber mit Gewinn auch separat betrachtet werden.


Darf ich nach dieser Auflistung, die Sie so in keinem Lehrbuch finden, da sie auf meinen eigenen "naiven" Erfahrungen beruht, nochmals andeuten, daß eine Kritik der US-Webseite, schön aufgedröselt nach 1 bis 4, absolut verheerend ausgefallen wäre? Und daß es mir nur begrenzt Freude bereitet, den verehrten Kollegen dort Kummer zu bereiten?

Eine Nutzanwendung können wir ziehen aus dem Desaster. Ich bin mir sicher, daß hier eine Frau am Werk war. Die Fehler der Webseite sind ausgesprochen feminin. man muß das spüren!

Es ist ganz interessant:

Die besten Webseiten werden von homophilen jungen Menschen gebaut. Die nächstbesten von Greisen.

Greise haben sehr viel Sinn für männerbündische Gestaltungsweisen. Nun habe ich zwar vorgestern ausgeführt, daß unser Gewerbe nur dann ein neues Absatz-Image aufbauen kann, wenn es sich "entgreist" und jugendlich wird. Aber was vor allem da sein und da bleiben muß, ist männliches Stilempfinden. Im Antiquariat darf absolut kein femininer Ton unterlaufen, schon gar nicht bei der angedachten Wendung ins Jugendliche.

Unsere Kunden, auch die jüngeren, die wir jetzt einwerben möchten, fahren auf einer streng männlichen Schiene, insoweit sie sammeln.

Während der Neubuchhandel bis in die Verästelungen hinein in einer widerlich-süßlichen Weise verweibt ist - wir stolpern über Röschen und Blumenkärtchen, sinken in flauschige Sitzgruppen in rosa oder lindgrün, werden betüttelt von törichten, aber hübschen Buchhändlerinnen und alles ist unsäglich verkitscht, verniedlicht und verschönt, gerade auch von der Verlagswerbung her - - währenddessen herrschen im Antiquariat entgegengesetzte Tendenzen.

Wir müssen hart, männlich (nicht: sachlich), streng geordnet (nicht: langweilig), mit allen Attributen des Männlichen versehen (kein Schild "bitte im Sitzen urinieren", kein Verzicht auf gemütliche Rauchernischen, soweit rechtlich herstellbar, keine übertriebene Sauberkeit, keine lindgrünen oder babyblauen Farben, nicht eine Blume bitte...) ein klassisches Eldorado für den jüngeren Sammler herstellen.

Das Antiquariat der nahen Zukunft muß das Image eines britischen konservativen Herrenklubs annehmen. Dies war und ist die Sammleratmosphäre aller Völker und Zeiten. Männer, die ernsthaft miteinander umgehen und sammeln.

Auch und gerade deshalb ist die besprochene US-Webseite so fürchterlich - sie verrät alle männerbündischen Image-Grundbedürfnisse, hier wurde gebatikt und geblümelt, beides leider auch noch sehr unästhetisch und krottenschlecht.


Die Urheberrechte des Filmbildes liegen beim WDR, dem wir für die Verwendungsmöglichkeit danken. Foto wird auf einfache Anfrage hin entfernt.