Mittwoch, 1. Februar 2012

Der Webseitenverbund der Antiquare im deutschen Sprachraum (Freiburger Modell)



1.
Der Webseitenverbund muß  a l l e   Antiquariate im deutschen Sprachraum umfassen.

Das ist zwingend, weil nur so

- das Werbeargument in vieler Hinsicht ausgenutzt werden kann, "die" Antiquariate darzustellen.

Was gibt es da bisher? Ich habe mich fürchterlich aufgeregt über Kollegen Höfs Methode, nur ausgewählte Antiquariate darzustellen, schon weil er das nicht klar geschrieben hat auf seiner Webseite. Juristisch, will sagen wettbewerbsrechtlich kommt jedes Vorhaben, das nur Auswahlen darstellt, schnell in des Teufels Küche. Deutlicher formuliert Biester im Börsenblatt-Netzdienst seine Auswahlkriterien, die Auflistungen der Genossenschaft und des Verbands verstehen sich von selber. In der Praxis greift man übrigens gern auf das ZVAB-Antiquariatsverzeichnis zurück. Google-Abfragen liefern überwiegend Datenmüll, weil dort immer noch der Unterschied zwischen Buchantiquariat und Antiquitätengeschäft nicht begriffen wird. Das gilt auch für die sonst so nützliche Kombination von Regional-Kartierung bzw. Stadtplänen (Google-Maps) mit den Google-Brancheneinträgen.

Bis zu meinem Frankfurter Antiquariatsmesse-Erlebnis hatte ich mich damit abgefunden, daß man wegen der (vermeintlichen) großen Qualitätsunterschiede im Antiquariat Adressenauswahlen rechtfertigen könnte und müßte, schon weil die Zusammenarbeit unter den "Edel- und Spitzenantiquaren" viel einfacher und ertragreicher sein würde als die mit kleineren Kollegen. Ich bin inzwischen gründlich geheilt von dieser Auffassung. Wir finden auch im oberen Feld unseres Gewerbes hochaktive, interessierte und aufgeschlossene Antiquare unmittelbar neben engstirnigen, ängstlich beschränkten und mitunter leider auch egoistischen Kollegen. Qualitätvolle Titelbeschreibungen und tadelloser Bestandsaufbau sagen noch nichts aus über die Kooperationsbereitschaft und Intelligenz des jeweiligen Antiquars.

Es ist daher, zu dieser neuen Erkenntnis stehe ich, nicht möglich, nach der "Qualität" der Antiquariate Auswahlgruppen zu bilden. Schon weil es typischerweise im Antiquariat gute Leute gibt, die aus irgendwelchen Gründen an den Rand von Hartz 4 abgesunken sind, die aber energisch einen Wiederaufstieg anstreben und ihn vom Fachwissen her auch schaffen können. Solche Leute auszugliedern wäre mehr als unfair.

Nun ist es aber notwendig, der guten Öffentlichkeitsarbeit halber, eine Grenze nach unten hin zu ziehen. Ein Webseitenverbund ist ja im besten Fall immer auch eine Selbstdarstellung des Antiquariats par excellence und bestimmte Erscheinungsformen würden uns schaden. Wir werden uns darüber noch den Kopf zerbrechen müssen. Als Beispiel erwähne ich die Wohltätigkeitsläden, auch in ihren verkappten Formen, wie sie sich zur Zeit krebsartig in der Schweiz ausbreiten. Die Formel könnte hier lauten: Wer sein Antiquariat nicht zur Gewinnerzielung betreibt in einer herkömmlichen Ankauf-Verkauf-Beziehung, der bleibt außen vor.

Im Umkehrschluß müssen wir dann allerdings An- und Verkaufsbetriebe wie Momox aufnehmen, da hilft alles nichts. Auch sind reine Ebay-Antiquariate ab einer bestimmten Mindestgröße durchaus klassische Kollegen. Wenn Fachantiquariate nur als Nebenerwerb betrieben werden, etwa von Lehrern, hindert das die Aufnahme auch nicht.

2.
Es gibt keine aktive, sondern nur eine  p a s s i v e  Mitgliedschaft im Webseitenverbund.

Diese Festlegung tut weh, besonders mir als altem Pfadfinder und 68er, sie ist aber unbedingt notwendig. Wenn wir nun auch aus dem Desaster von RFMeyers Webseitengrüppchen nichts gelernt haben, dann kann uns nicht mehr geholfen werden. Wir können nicht erwarten, daß in unserem Gewerbe irgendeine aktive Bereitschaft aller oder auch nur einer deutlichen Mehrheit in der Teilnahme an irgendwelchen Projekten erreicht werden kann. Lassen wir die Gründe dahingestellt, lernen wir einfach aus den Erfahrungen.

Was bedeutet "passive" Mitgliedschaft im Verbund?  Jedes Antiquariat muß es sich gefallen lassen, unter Maßgabe seiner öffentlich zugänglichen Daten in Verzeichnisse aufgenommen zu werden. Die wenigen Ausnahmen von dieser Regel, anstößige oder kriminelle Verzeichnisse etwa, betreffen uns nicht. Allerdings muß man bei passiver Aufnahme sehr genau darauf achten, nichts, aber auch rein gar nichts zu behaupten über einen Willen, eine Absicht oder Tendenz des ins Verzeichnis Aufgenommenen. Beachtet man das nicht, stehen die Anwälte mit schönen Kostenrechnungen schon morgens um 8 Uhr Schlange vor der Tür des leichtsinnigen Webseitenplaners.

Was wir unter Umständen, die aber genau abzuklären sein werden, machen dürfen, ist eine sachverständige Einordnung der jeweiligen Firma in ein Größen- oder Warenwertschema, das aber dann nachvollziehbar, für alle Teilnehmer gleich standardisiert und ähnlich wie bei einem Test "beweisbar" sein muß.

Wir werden sehen, daß die Verwendung einer dynamischen  G o o g l e - Karte als Grundlage des Webseitenverbunds eine Reihe von Vorteilen bietet. Google ist in der Adaption seiner Karten so großzügig, daß sich auch graphisch eine schöne, praktisch nutzbare Karte zuhanden des Kunden bauen läßt, die sowohl die Antiquariate in Berlin-Kreuzberg als auch die im Bayerischen Wald zeigt, mit gleicher dynamischer Genauigkeit.

Passive Mitgliedschaft im Webseitenverbund bedeutet auch den Verzicht auf aktive Information des Antiquars über seine Öffnungszeiten und andere grundlegende Geschäftsdaten. Schaue ich mir die schauerlich veralteten, aktiv eingeholten Firmendaten in Höfs Listen an, dann weiß ich, warum ich hier desillusioniert zum passiven Verfahren rate - n i c h t s  planen also, was eine aktive Mitwirkung der Antiquariate voraussetzt.

3.
Im Webseitenverbund werden zunächst bereits bestehende Antiquariatsseiten  i n t e l l i g e n t  vernetzt.

Darunter verstehen wir, daß soweit immer möglich das grundlegende Sachgebietsschema bei der Verlinkung berücksichtigt wird. Dieses stellt eine Kombination aus Sammel- und Sachgebieten her, etwa 100 Gliederungspunkte. Wenn ich also innerhalb der Webseite des Kollegen Stöberhai einige interessante alte Kursbücher mit guten Scans finde, auch eine Aktie der Oberharz-Schmalspurbahn von 1890, dann verlinke ich diese "innere" Seite direkt zum Sachgebiet "Eisenbahn" (in dem natürlich Kollege Dumjahn dominiert). Ich werde auch die Sachgruppe "Verkehr" beim Auktionshaus Kiefer verlinken, die für die kommende Versteigerung vorbereitet ist.

Das alles geschieht, ich wiederhole mich, vom Antiquariat her passiv. Der Antiquar wird weder gefragt noch über die Verlinkung informiert.

Wie der Kunde von der allgemeinen Sachgruppenübersicht zur Rundwanderung durch die Links und dann wieder zurückgeführt wird, wie die Querverbindungen zur - allgegenwärtigen - zentralen Google-Verkartung gestaltet werden, darüber sollen sich andere den Kopf zerbrechen.

Sehr gern werde ich es aber zu meiner Aufgabe machen, als Schmankerl, als Zusatznutzen für den Kunden (und auch für manchen Antiquar) die wichtigsten zum Sachgebiet gehörenden  A u ß e n - Fundstellen verlinken. Die Bibliothek des technischen Zentralamts der Bahn in Minden  muß ebenso anklickbar sein wie die Suchmaske "Railroad" der Kongreßbibliothek. Denn wenn der Kunde in unserem Webseitenverbund schnell und einfach Zusatzlinks finden kann, dann wird er auch, so hoffen wir, die Links zu den Antiquariaten beachten.

4.
Das Credo vom beim Kunden angeblich beliebten W a r e n k o r b - Kauf wird von uns als falsch entlarvt und bleibt unbeachtet.

In einer Mischung aus Betriebsblindheit und Naivität sind wir Antiquare seit Jahren dem Irrglauben auf den Leim gegangen, unsere Kunden würden den "bequemen" Warenkorbkauf schätzen und stünden hilflos und verärgert der Zumutung gegenüber, nach althergebrachter Weise direkt zu bestellen und nach Rechnungserhalt überweisen zu sollen.

Für wie blöde halten wir eigentlich unsere Antiquariatskäufer? Und wie meschugge sind wir selber, daß wir nicht erkennen: Hinter der Warenkorbmentalität steckt nur das Interesse der großen Bücherverkaufsportale, die uns per Warenkorb-Dienst in die Hand bekommen?

Hinter der Warenkorb- und Vorauszahlungsmanie, hinter der so "nützlichen" Warenwirtschaftssystematik verbirgt sich allein das Interesse unserer Amazon-, ZVAB- und anderen Zwingherren! Wir sind doch als Klein- und untere Mittelbetriebe ohne weitreres in der Lage, unsere Warenwirtschaft mitsamt dem Rechnungswesen halbautomatisiert selber zu erledigen - und 99,5 % aller unserer Kunden zahlen gern und flott nach Erhalt des Buchs über Bank und Paypal.

Warum ist das so wichtig? Weil sich ein Einbau des Warenkorbsystems in einen wie immer auch gearteten Webseitenverbund nicht machen läßt. Das ist aber auch gar nicht nötig!


5.
Beim Korrekturlesen der Abschnitte 1-4 fällt mir auf, wie skeptisch und desillusioniert ich an die Thematik herangehe. So nüchtern muß man das planen, gewiß - aber am Ende dieses Grundrisses wollen wir doch einen optimistischeren Ausblick wagen.

Ein Webseitenverbund dieser Art ist nur in wenigen Wirtschaftsbereichen möglich. Die große Schwäche des Buchantiquariats, seine Vereinzelung und Vielfältigkeit, wird hier zur Stärke. Als Gesamtbild erhalten wir ein faszinierendes Spektrum des Altbuchhandels zwischen Bern und Greifswald. Die unübersichtliche Zersplitterung unserer Schwerpunkte wird im Gesamtbild zu einem überraschenden, abenteuerlichen Kaleidoskop.

Den Antiquaren selber ist das zunächst ganz egal, da mache ich mir keine Illusionen. Es sind aber unsere  K u n d e n, die sich nach einigem Stutzen und Zögern mit Begeisterung auf das neuartige Informationsmittel einlassen werden. Nach solchen Rundwanderungen durch die Antiquariate kann man süchtig werden...

Die Antiquare müssen sich, und hier liegt wirklich ein spannendes Moment, zu neuartigen Verkehrsformen mit unbekannten Kunden bequemen. Sie werden feststellen, daß der Versand auf Rechnung, die direkte Beratung, der Verzicht auf Warenkorbmechanismen  S p a ß  macht. Das erinnert mich an die Wiedereinführung der Gruppenarbeit bei Volvo, ein soziales Experiment also, die Abschaffung des Warenkorbs entsprechend der des Fließbands.

Die Antiquare werden anfangen, spezielle Web-Unterseiten - über Google gratis in unbegrenzter Anzahl zu bekommen - einzurichten, wenn sie geeignete Ankäufe mit Schwerpunktbeständen erlangen konnten, wenn sie ihre Uraltlager nach der Systematik des Webseitenverbunds neu geordnet haben und nun gesondert anbieten. Spaß kann es auch machen, die längst vergessenen eigenen ZVAB-Bestände wieder in Sachgruppenlisten zurückzuverwandeln und sie, mit einigen guten Scans, als Sonder- oder Unterseiten in der eigenen Webseite einzustellen, damit sie gefunden werden im Webseitenverbund.

Überhaupt ermöglicht erst unser Webseitenverbund - nicht etwa Amazon oder ZVAB - das Veröffentlichen vieler guter Fotos und Scans. Alle Sonder- und Unterseiten können, etwa mit Links zu den vorzüglichen Großbildern des Picasa-Webseitensystems, nahezu gratis tausend- und zehntausendfach veröffentlicht werden. Der Kunde kann durch Bildergalerien geleitet werden, Textabschnitte sollen ihm unterbreitet werden. Kostenfaktor: Etwas Zeitbedarf, praktisch keine Internetkosten, Vermittlungs- oder Verkaufsgebühr  k e i n e.

Die Teilnahme ist für ganz große Versteigerungshäuser wie für kleinste arme Fachantiquariate möglich, und zwar mit fast der gleichen optisch-organisatorischen Wirksamkeit. Das gilt vor allem für die Arbeit mit  B i l d e r n  und Textausschnitten, die wir radikal intensivieren und ausweiten müssen. Ein gut gescanntes Buch, mit zwei, drei geschickten Großaufnahmen, ist schon halb verkauft. Anleitungen wird der Webseitenverbund vor allem den kleineren Antiquaren ins Netz stellen, die sich aus Kostengründen an Googles Gratisdienste anschließen müssen. Auch Netz-Laien können das schaffen.

Die engere Verzahnung und Verlinkung unserer Webseiten, verbunden mit vielen Bildern, wird vor allem für eine sehr gute Google-Plazierung unserer Titel sorgen. Darin besteht vermutlich der größte Nutzen des Unternehmens.


Das Foto ist möglicherweise geschützt (de.academic.ru). Wir danken für die Ausleihe.

Aber wer soll denn das alles lesen?



Die Normalgestalt des Blog ist die Ruine. Das gilt inzwischen auch für den Blog, in dem Sie gerade lesen.

Baustellen, die irgendwo zwischen Fundament und erstem Stock eingestellt worden sind, berühren mich in ihrem seltsamen Zustand immer sehr - was für Schicksale verbergen sich dahinter, traurige (Tod, Offenbarungseid) oder erfreuliche (Auswanderung, große Liebe), und wie wird es weitergehen?

Ein gutes Vierteljahr Bedenkzeit hatte ich mir eingeräumt, das habe ich eingehalten. Nun sind die alten Gespenster wieder da, grüßen mich freundlich, als sei nichts gewesen. Keines ihrer Probleme ist inzwischen gelöst, sie sind nur etwas älter geworden.

Mein  F r a n k f u r t - E r l e b n i s   im Herbst 2011 wirkt natürlich nach. Ich komme aus der alten Schule der Journalisten, für die naive, emsige, möglichst fleißige teilnehmende Beobachtung erste Voraussetzung ist. Du sollst einen Zeit-Artikel schreiben, 1970, Abteilung "Modernes Leben", zehn Seiten A4, getippt auf der braven Monica.

Die allgemeine Buchmesse der Fachbesuchertage kennst du ja von früher her, eine anregende, nahezu heitere, aktive Stimmung, viele kluge Menschen, aufgeschlossen und neugierig, man möchte Tage dort zubringen und mit fremden Leuten plaudern. Dann aber der große Augenblick: Nach zwei Jahrzehnten der bewußten Abstinenz wieder einer geordneten Vielzahl von Antiquaren zu begegnen im Rahmen einer besonderen Messe. Was spürst du, was siehst du?

Ich hatte das Erlebnis in diesem Blog geschildert, frisch von der Pfanne. Damals konnte ich mir noch keine Rechenschaft geben über das Verhältnis meiner Erwartungen aus jahrelanger aktueller Blogarbeit und meiner Erinnerungen aus wochenlangen Rundreisen durch europäische Antiquariate vor 30 Jahren - zur Wirklichkeit im Herbst 2011. Solche komplexen Erfahrungen werden erst aus dem Abstand deutlich.

E n t t ä u s c h u n g  ist der Schlüsselbegriff, der aber sofort erläutert werden muß, sonst wird alles falsch verstanden. Ich bin einer überwiegend farb-, ideen- und einfallslosen Vielzahl von Antiquaren begegnet, die ebenso in anderen Verlegenheitsberufen hätten tätig sein können - was sich halt so anbietet in unserem Wirtschaftssystem.

Unter ihnen suchst du meist vergeblich  P e r s ö n l i c h k e i t e n, Originale, willensstarke, meinethalben verwirrte, böse oder hilfreiche, hyperaktive oder lukullisch-bequeme - nichts ist sichtbar, wenig erkennbar. Darin besteht der schmerzlichste Unterschied zur Antiquariatslandschaft vor 30 oder 40 Jahren.

Eine andere Sorte Antiquare scheint mehr und mehr zu dominieren, der kaufmännisch-kleinliche, ängstlich-genaue Buchhalter. Man kennt das vom Neubuchhandel her, dort ist ja sehr viel Registratur und Prozentrechnung unabdingbar, der Kreativität sind enge Grenzen gesetzt. Aber solche kaufmännische Grundgesinnung und Lebenseinstellung in das Reich der alten Bücher zu übertragen ist eine ganz schreckliche Sache. Der meiste Blödsinn in unserem Gewerbe wird von Kollegen "mit solider kaufmännischer Ausbildung" produziert, halten zu Gnaden. Da stehen und sitzen sie nun, die farblosen Männlein und verwalten die Objekte des Geistes, der Phantasie, der Kunst...

Inwieweit dieser Eindruck untrennbar verwoben ist mit dem Peinlichen des Messegedankens im Antiquariat überhaupt, sei dahingestellt. Wie es so geht im Leben, die letzten Beiträge aus meiner Feder, die dann zur Abwürgung des Kommentarteils in "börsenblatt.net/Antiquariat" geführt hatten, waren wirklich punktgenau - ich war auf den Trichter gekommen, wie verquer der Messegedanke in unserem Gewerbe durchexerziert wird.

Das Ausstellen der Antiquare in persona vor ihren mickrigen kleinen Holzgestellchen oder den nicht minder lächerlichen pseudoperfekten Messestellagen, mit einigen Trouvaillen garniert, das alles erscheint mir in der Rückschau als ein ganz unmögliches Verfahren. Es entwürdigt die Antiquare, die zu Mitwirkenden einer ärmlichen Zirkusschau (Berlin, Gewerbeausstellung 1897) werden:

"Hottentotten, die die Erzeugnisse ihrer Handwerkskunst vorzeigen "

Diese Frankfurter "Besichtigung" wirkt in mir nach, besonders wenn ich sie vergleiche mit jenen Möglichkeiten einer modernen Internet- und Videopräsentation, die ich als Alternative zu unserem Messewesen in den letzten Börsenblatt-Kommentaren vorgestellt hatte. Ich sage gleich, daß das anderswo im Netz längst Selbstverständlichkeiten sind, der Kronzeuge dafür, unser Soloantiquar, steht Gewehr bei Fuß. Aber bei uns ist das  alles noch Hekuba.

Wenn Sie sich bis hierher durchgearbeitet haben, können Sie sich in die Grundstimmung versetzen, in der mein Schweigevierteljahr, die Freiburger Klausur, verlaufen ist.

Heute Mittag überlas ich, lustlos und wenig motiviert, aus alter Anhänglichkeit die neuesten Meldungen des Börsenblatt-Netzdienstes. Christian Hesse wurde zum neuen Vorstand des in letzter Zeit erstaunlich untätigen Verbands Deutscher Antiquare gewählt - alles kann nur besser werden.

Einen neuen Schatzmeister hat der Verband auch. Ich versage mir das Bild vom Augias-Stall, der hier beim Verband nach meiner Einschätzung zu säubern ist; sein Vorgänger hatte die Verhehlung der Auktionspreise gegen schweres Geld - und manch anderen Fehler mit zu verantworten. Werter Verbandsschatzmeister Meinhard Knigge - könnten Sie zur Abwechslung vielleicht mal wieder  s o z i a l  denken und handeln?

Noch mehr - das Börsenblatt raffte sich zu einem Kurzinterview mit dem neuen Schatzmeister auf. Was lesen wir dort:

"Ich erstaune immer wieder über den Einsatz der Blogger-Kollegen. Aber wer soll denn diese vielen Blogs alle lesen? Lest Bücher und ihr bleibt gesund!"

Das sagt der geschätzte Kollege Knigge (wir verdanken ihm manchen guten Text in "Aus dem Antiquariat"), obgleich er besser als andere weiß, wie miserabel es mit der Kommunikation in unserem Gewerbe bestellt ist.

Die Gespräche in den viel zu selten angesetzten Versammlungen des Verbands und der Genossenschaft sind völlig unzureichend strukturiert, echte Sachdiskussionen sind dort kaum möglich, Arbeitskreise gibt es nur wenige. Die einst so offene Hess-Runde ist zu einem verzankten Geheimforum verkommen, ein Debitorenmelde- und Intrigantenstadel, unbeleckt von den modernen Erkenntnissen einer offenen Netzkultur, ob "Hoefs" oder "intern", das gleiche Strickmuster.

Wenn da allerlei Blogs der Kollegen in ihren Übergangsformen zu Melde- und Diskussionssystemen (wie es sich Soloantiquar vorgenommen hatte) geschrieben werden und die werten Kollegen eingeladen sind, die Texte zu überfliegen - dann kommt uns Kollege Knigge mit dem plattesten aller Hausfrauen-Argumente, wenn der Mann wieder eine gefüllte Büchertasche aus dem Antiquariat mitbringt: Erstens haben wir keinen Platz mehr, und dann: Wer soll das alles lesen?

Bei dieser Gelegenheit: Antiquar Knigge möge nicht meinen Fehler nachmachen und auf eine eigene Webseite verzichten. Es gibt viele gute Gründe, eine  r i c h t i g e  Antiquariatsseite im Netz zu haben. Vorausgesetzt, sie ist sinnvoll vernetzt und verlinkt, gut indiziert und getag(g)t, reich bebildert und nicht nur ein Schwindelauszug aus einer großen Datenbank.

Wobei wir an dem Punkt meiner Planungen von einst angekommen  wären, der mir nach wie vor am Herzen liegt - eine bedienbare, durchwanderbare, "erlebbare" Vernetzung aller Antiquariatsseiten, die Umstellung unseres Buchverkaufs von der Datenbank zum  g e m e i n s a m e n  Verkaufsraum-im-Internet.

Aber wer will davon schon was hören?



Für das Hottentotten-Bild danke ich http://www.ne-koelsche-jung-harry.de/

Donnerstag, 17. November 2011

Ein Opfer des absurden Datenbank-Prinzips im Antiquariat

   
Das Börsenblatt für den Buchhandel berichtet von einer denkwürdigen Ebay-Versteigerung. Eine Antiquarin trennt sich von 70.000 teilweise schon in Bücherdatenbanken eingespeisten Titeln, fordert sofortige Abholung ein (3 schwere Lastzüge erforderlich) und wird, wie ich vermute, nicht über 1000 Euronen dafür erlösen. Was ihr recht zu sein scheint, denn sie stellte mit "Startpreis 1 Euro" ein. Ihre Beschreibung des Materials ist sehr fair und eingehend, es handelt sich um häufige, untere Ware in offenbar recht gutem Zustand, wohl auch mit unfangreicheren MA-Blöcken.

"KONVOLUT von ca. 70.000 Bücher"

Dieser Ebay-Titel zur Versteigerung weist zwar einen grammatischen Fehler auf, aber sonst ist uns die fleißige Antiquarin als tüchtige Fachkraft bekannt. Darauf deutet die Zahl der erfolgreichen Verkäufe (bei Ebay 29.100) ebenso hin wie die sehr gute Bewertung (99,8 % von 100). Und sie ist ehrlich, denn wer glatte "100 %" gute Kundenbeurteilungen hat bei tausenden von Verkäufen, der trickst mit Sicherheit. Ihre Scans sind ordentlich, diverse Blödheiten in der Buchbeschreibung dürften den "Buchfreund"-Standards zuzuschreiben sein. Der geneigte Leser gerät in Raserei, wenn er hundertmal über das Blödwort "Hardcover" stolpern muß, gemoppelt mit dem Ausdruck "Gebundene Ausgabe" wirkt jede Titelaufnahme meschugge und vollends in den Wachsaal der Psychiatrie gelangen wir mit der 10.000 mal wiederholten Formulierung "Bemerkungen: Das Buch befindet sich in einem ordentlich erhaltenen Zustand". Liebe verehrte Petra, was ist den ein so oder anders "e r h a l t e n e r  Z u s t a n d" ?

Solche Detailkritik, die auch auf das Buchfreund-System zurückzuführen sein könnte (dort kann man grundsätzlich kein Deutsch), ändert nichts daran, daß die Ebay-Einstellungen gut, in der Sache fehlerfrei und korrekt vorgenommen werden.

Wie wir es von ihm gewohnt sind, enthält sich Redakteur Biester jeder klaren Stellungnahme zu diesem Vorgang. Er bleibt hinter der Säule stehen, verbirgt seine Meinung (falls er denn eine hat), wirft uns den Knochen mit den Fakten hin und schaut dem Leser zu - soll er ihn doch abnagen (den Knochen).

Ich zitiere, "...die betriebswirtschaftliche Misere vieler Altbuchverkäufer" - "...Aber was lernt man daraus?" - "führt... die Situation des "Gebrauchtbuchhandels" vor Augen". Ende der Analyse. Ja, wenn es sich um Inkunabeln handeln würde oder um Pressendrucke aus der Lüneburger Heide, dann bekämen wir aus seiner Feder die schönsten Kommentare.

Wobei ich bei der Wahrheit bleiben will: Ich mag das niedere Gebrauchtbuch-Antiquariat gefühlsmäßig auch nicht. Was uns schon im mittleren und oft noch im oberen Bereich nervt, nämlich die Routinearbeit, jenes seelenlose Abarbeiten, das konstante "Leseverbot" auch bei interessanten Titeln, der Zwang, mechanisch arbeiten zu müssen - das alles gestaltet das Massen-Gebrauchtbuchantiquariat zu einer wahren  H ö l l e  für jeden geistig interessierten Kollegen.

Nun hat uns Wölki, längst ein Stück Antiquariatgeschichte, schon vor einem Jahrzehnt vorgemacht, wie man Gebrauchtbuchantiquariat speditiv betreibt. Die  K o s t e n  müssen minimiert werden, und zwar durch schärfste Pfennigfuchserei auch in vermeintlichen Kleinigkeiten, das  P e r s o n a l  sollte ähnlich wie bei Schlecker oder Aldi auf Teilzeitbasis und je nach Geschäftslage frei abrufbar eingestellt werden, Titeleinträge, Verwendung von Scannern beim Titeltransfer und andere Tricks sind obligatorisch, besonders auch beim Versand.

Vernünftig lösen läßt sich das nur dann, wenn man exzellent organisieren kann. Ich habe mit verschiedenen Varianten meines "Grossohauses", in diesem Blog kann man das nachlesen, die Sache angedacht und kam zum Ergebnis, daß das nur als Gemeinschaftsleistung aller Antiquare sinnvoll durchgeführt werden kann.

Ich weiß nun nicht im Einzelnen, wie sich die Kollegin organisiert hat. Ich vermute mal, daß sie auf der Personalseite gut vorankommt, daß es bei ihr aber in der  T e c h n i k  einige Lücken und Mängel gibt. Es ist gerade die Lagerungstechnik, die bei sehr vielen Kollegen im Argen liegt. Ich sehe unendlich viel ganz primitive Fehler in den Lagerräumen bei Kollegenbesuchen.

Aber worüber die Kollegin ganz bestimmt gestolpert ist: Sie bietet  E i n z e l t i t e l  aus den letzten 40 Jahren mit einer ganz rührenden Naivität und Selbstverständlichkeit an - wobei sie voraussetzt, daß der Kunde  w e i ß , welchen Titel er will, daß er den nötigen Überblick hat über sein Interessensgebiet, um nun gerade diesen Titel von 1975 zu  s u c h e n  und jenen von 1990 nicht. Das ist natürlich völliger Unfug!

Der Kunde hat vielmehr "ungefähr" eine Vorstellung von einer "Art Buch", das er kaufen will. Die Datenbank aber fordert von ihm ein, daß er entweder einen genauen Titelwunsch haben möge oder aber, wenn ihm der fehlt, er sich durch ellenlange Listen zu quälen hat.

Wer meine Beiträge der letzten Tage gelesen hat, weiß ja, was ich meine - das Angebot solcher Titel, wie sie Kollegin Petra anbietet, scheitert (auch bei bester Arbeitstechnik) am  a b s u r d e n  G r u n d f e h l e r  unserer Bücherdatenbanken - daß nämlich der Kunde keineswegs einen präzisen Titelwunsch hat, sondern diffus aus einem Sachgebiet, in einer ungefähren Preislage, etwas Ungefähres kaufen will. Und das kann ihm die Bücherdatenbank nicht bieten!

Weil, wir wissen es nun ja, von Ebay abgesehen gute 90 % unserer Altbuchportale in der Hand von Amazon sind - deshalb ist diese Grundmisere der Bücherportale zugleich der ideale Hebel, um das Amazon -Monopol abzuschütteln. Reform der Bücherdatenbanken, Rückkehr zu den Webseiten, auch Rückkehr zu großen zentralen L a d e n - Antiquariaten - alles sind Wege, die diskutiert werden müssen.

Die Kollegin aber mit ihren unglücklichen 70.000 Surplus-Titeln ist allein und nur das Opfer des

*überstrapazierten Datenbank-Prinzips

im Antiquariat geworden. Wir müssen in weiten Bereichen wieder vom unseligen Einzeltitelangebot wegkommen. Das ist jetzt unsere Aufgabe.


Das Deckelbild gehört dem herausgebenden Reprint-Verlag

Dienstag, 15. November 2011

GIAQ: Antiquariats-Genossenschaft verrät ihre Mitte



Für Außenstehende: Die Rede ist im folgenden vom "Verband" , einer Spitzenorganisation der Antiquare, und von der "Genossenschaft", vulgo GIAQ, einem Arbeitsbündnis der Internetantiquare, beide in Deutschland

Die Interessen der unteren und mittleren Antiquare können nicht die der oberen sein.

Der mittlere Antiquar lebt im Schwerpunkt vom Verkauf gängiger Titel über die Bücherportale oder aus seinem Ladenbestand, er fertigt die eine oder andere Fachliste. Versteigerungsfähige Bücher im Wert über etwa 50 Euro geht eher selten durch seine Hände.  Wenn er solche Spitzenware erhält und damit handeln kann, freut er sich, das bleibt aber die Ausnahme in seinem Alltag.

Gerade deshalb träumt er sich gern in eine Rolle hinein, die ihm nicht zusteht. Der überwiegende Teil unserer Kollegen im Verband setzt sich bei näherem Hinsehen aus mittleren Antiquaren zusammen, die aber gern Edelantiquare sein würden. Sie pflegen im Verband zu kuschen, da sie sehr wohl um ihre fragwürdigen Edelqualitäten wissen und froh sind, wenn sie im Verband sein und Höhenluft schnuppern dürfen - das ideale Stimmvieh also für die etwa 50 "echten" Spitzenantiquare, die folgerichtig ihre Interessen im Verband recht konsequent durchsetzen. Ein Blick auf die Arbeitsschwerpunkte des Verbands genügt schon, um das zu beweisen.

GIAQ, die "Internet-Antiquare" dagegen, diese Bezeichnung steckt in dem unsinnigen Kürzel der Genossenschaft, gehören typischerweise nicht zu den Spitzenleuten der Branche. Soweit sie höhere Ambitionen haben, können und sollen sie diese im Verband diskutieren und durchsetzen.


Wenn nun aber, wie uns das Börsenblatt in gewohnter Objektivität berichtet, als Ergebnis der jüngsten GIAQ-Strategiediskussion zum 10jährigen Jubiläum eine "Zusammenarbeit mit dem Verband Deutscher Antiquare (als) besonders lohnenswertes Ziel (in Auge gefaßt wird)", dann ist das eine  A b l e n k u n g  von, ja eine Flucht vor den wirklichen Anliegen, die sich der Genossenschaft derzeit stellen. Wohlwollend könnte man das als inhaltsleere Fensterrede bezeichnen, ich sage, daß sich die Genossenschaft damit in die Tasche  l ü g t.

Denn jeder der Antiquare, die das neue Ziel mit bestimmt hat, weiß ganz genau, wie unbeweglich und unbegabt sich der Verband in den letzten Jahren erwiesen hat, ein einziges Trauerspiel zeigt sich dem Blick, der dort nach Aktivitäten und Ideen sucht dort, wo nur "ehrenamtlich" getafelt, hohle Reden geschwungen und aufgeplusterte hehre "Ziele" deklamiert werden. Die Arbeit des Verbands ist unter seiner jetzigen Führung an einem denkwürdigen Tiefpunkt angelangt.

Abgesehen von dem halbtoten Zustand des Verbands sei nochmals betont, daß die Interessen der Genossenschaft, der mittleren Internetantiquare sich kaum mit denen der Edelantiquare decken. Wo bitte soll denn eine Zusammenarbeit möglich sein, wenn sich die Tätigkeits- (oder Untätigkeits-) Felder kaum irgendwo decken?

So lenkt man von der inneren Uneinigkeit, von der eigenen Tatenlosigkeit ab.




Die lebendige Momentaufnahme aus der Arbeitssitzung der GIAQ am vergangenen Samstag verdanken wir der Freien Waldorfschule am Kräherwald, die die Rechte daran besitzt

Montag, 14. November 2011

Bausteine zum Webseitenverbund im Antiquariat -1-


Wir sahen gestern, daß die Flucht vor dem Terror der Buchvereinzelung in den großen Bücherdatenbanken dem Antiquar nicht nur die Würde, sondern geradezu die berufliche Identität wieder zurückgibt.

Damit sinnvolles Arbeiten im Antiquariat in Zukunft möglich wird, muß der durchschnittliche Kollege einen Teil seiner Arbeitstechnik ändern.

Der Ankauf sollte wieder flächendeckend bei Privatleuten stattfinden. Nur so erhält der Antiquar jene echten Sammlerbestände, die jetzt wieder die Seele seines Geschäfts bilden. Der Zwischenhandel, das moderne Antiquariat, die Übernahme von Kollegenbeständen und der Ankauf von Posten bei Ebay und andere mehr oder minder problematische Quellen ersetzen nicht die Bearbeitung unberührter Nachlässe.

Wir besinnen uns wieder auf unsere Rolle als Begleiter des Todes (und des Umzugs ins Altersheim, was oft das gleiche bedeutet). Zwischen Aasgeier und anderen Resteverwertern, immer nahe beim Antiquitätenhandel, aber auch dem Bestattungsunternehmer und Totengräber nicht unähnlich, verwerten wir das von anderen Angesammelte neu.

Auf diese Weise erhalten wir mit etwas Glück nicht nur seltene Einzelstücke, sondern vor allem auch thematisch bestimmte Sachgebietsblöcke. Die Toten hatten ja ihre Interessen, ihre Sammelgebiete, ihre kleinen Fluchten und großen Leidenschaften.

Gleich nach jedem Erwerb ordnen wir die Bücher im Antiquariat nach den rund hundert  S a c h g r u p p e n, die sich oft mit klassischen Sammelgebieten decken.

Ich sagte Ihnen schon, daß die zentrale Verlinkungstabelle der von mir möglichst neutral und vermittelnd festgelegten hundert Themenbereiche das H e r z  des neuen Webseitenverbunds sein wird. Wo überall in Ihren Webseiten etwas größere Posten oder aber beachtlichere Einzelstücke angeboten werden, verlinken wir zur Sachgebietstabelle hin.

Das geschieht "aktiv", Sie brauchen sich darum nicht zu kümmern. Einem Spider nicht unähnlich krabbelt der Sachbearbeiter durch die Webseiten der Antiquariate, in regelmäßigen Abständen, über die noch diskutiert werden muß. Ab 5 - 10 Titeln zu einer Sachgruppe oder bei Einzelstücken über etwa 50 Euro wird verlinkt. Es versteht sich, daß die Bearbeiter Hinweise von Kollegen stets gern entgegennehmen und, wenn sie nur irgendwie ins System passen, solchen Verlinkungswünschen auch nachkommen werden.

Eine interessante Frage: Wie reagiert der Kunde auf die dann recht häufig vorkommenden "leider schon verkauft"-Meldungen, die das betreffende Antiquariat ihm mailen muß? Hier sollten wir eine Art der Antwort finden, die mit der "verkauft"-Meldung einen zusätzlichen Kundendienst verbindet. Der Antiquar muß die - vordergründig lästige - Verkauftmeldung als  C h a n c e  auffassen, mit dem Kunden in nähere Verbindung zu treten, ihm ergänzende, ähnliche Objekte anzubieten, um seine Desideratenliste zu bitten oder doch um Angabe seiner Sammelgebiete. Eine  k l u g  genutzte Verkauft-Meldung läßt sich als  Werbeinstrument nutzen.

Abgesehen davon wird der Antiquar für recht fleißige Aktualisierung seiner Listen und Titel im Netz Sorge tragen.

Mit die wichtigste Aufgabe, die wir zu lösen haben, ist eine pfiffige Internetdarstellung dergestalt, daß sich jeder verlinkte Titel / jede Titelgruppe tagesaktuell auch in  G o o g l e  befindet und dort beim Titelaufruf weit "oben" gefunden werden kann. Wie bringen wir es zuwege, daß

*Google ein vollwertiger Ersatz für die bei uns ja fehlende Gesamtdatenbank wird?

Wir sollten versuchen, unser Verlinkungssystem so anzulegen, daß wir bei Titeleingaben in Google mit, vielleicht sogar vor den Amazon-Datenbanken (Amazon, Abebooks, ZVAB) aufgerufen werden können.

Zurück zur neuen Arbeitstechnik im Antiquariat. Nach der Sachgruppenzuordnung wird der Titel auch körperlich in die Regalstelle eingelegt, die der Sachgruppe entspricht - es werden also immer Sachgruppentitel  a n g e s a m m e l t. Erscheint uns die Anzahl der gesammelten Titel zu einer Gruppe im Antiquariat interessant genug, um eine kleine Liste zusammenzustellen, dann fertigen wir sie an. Sie werden bald sehen, wie viel ganzheitlicher und angenehmer die Bearbeitung / Erstellung einer Sachgruppenliste für den einzelnen Antiquar  ist als das bisherige, blödsinnig-stupide Einzeltiteleingeben nach Kraut und Rüben.

Soviel für heute. Sie erinnern sich: Wir wollen hier Bausteine zusammentragen, über die diskutiert werden soll. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


 "Wie der Schiefe Turm in Pisa gerettet wird" - das hübsche Foto gehört der Webseite "Quermania"

Sonntag, 13. November 2011

Sonntagspredigt über Webseitenverbund und Antiquariatsmystik

Wir beschäftigen uns heute mit einigen Bausteinen, die wir zum Aufbau des kommenden Webseitenverbunds verwenden wollen.


Wie kann der  M y t h o s  des Antiquariats neu belebt werden?

"In einem weiteren Sinn bezeichnet Mythos auch Personen, Dinge oder Ereignisse von hoher symbolischer Bedeutung" (Wiki)

Es gibt im Antiquariat eine charismatische, geheimnisvoll wirkende, vom Kunden eingeforderte und vom Antiquar erfüllte Beziehung besonderer Art. Es ist ein Verhängnis, daß die deutschen Antiquariatskenner, von Wendt über Bender bis zu Biester, in den letzten Jahrzehnten mit einer himmelschreienden Nüchternheit begabt waren und sich fast nie mit der besonderen Seelenlage unseres Berufs befaßt hatten.

Diese Versäumnis liegt ganz nahe, es fällt dem unvoreingenommenen Betrachter sofort ins Auge. Wäre es in Frankfurt zu einem längeren Gespräch auf der Antiquariatsmesse zwischen Biester und mir gekommen, hätte ich ihn auf diesen Punkt festgenagelt und eine Art Privatinquisition im Café der schönen schnippischen Damen veranstaltet: Wie bringen Sie, verehrter Herr Doktor, es zuwege, sich beständig um den  K e r n  unseres Gewerbes herumzumogeln?

Derart provoziert hätten wir uns gut kennenlernen können.

Wir sind hier auf schwierigem Gelände. Psychologische Sachverhalte sind sprachlich-begrifflich nie exakt zu fassen, sie müssen umschrieben und angedeutet werden. Immerhin, versuchen wirs.

Das Antiquar ist für den Büchersammler eine Mischung aus

- Hohepriester und Wächter des Tempelschatzes,

- Schacherjude mit schmuddeligen Geheimnissen und großem Schnappsack unbekannten Inhalts,

- Seelenarzt, Hüter der verhehlten Lebensträume, der verpaßten Chancen,

- Drogendealer, der dringendste Sammlerbedürfnisse stillen kann.

Priester ist der Antiquar, weil er das  W i s s e n  der Menschheit verwaltet. Das gilt auch in Internetzeiten, denn nur im Buch haben wir die verdinglichten Wissensschätze. Zumindest unterbewußt ist nur etwas Greifbares, dessen wir uns mit eigenen Händen vergewissern können,  e c h t e s  Wissen. Vielleicht empfinden unsere Enkel das einmal anders.

Schacherjuden sind wir im naiven, nicht allzu böse gemeinten Begriff des 19. Jahrhunderts, etwa in "Soll und Haben" bei Gustav Freytag, weil wir Schätze in der Hinterhand haben, die wir herausgeben können oder auch nicht, mit denen wir Wucher treiben. Von daher die wichtigen Berufsmythen des  L a g e r s, in das der Kunde nicht eintreten darf, oder doch nur in einen Teil, oder nur wenn er zum inneren Kreis der Auserwählten gehört - der  N e u e r w e r b u n g e n, die jungfräulich, mit einem Schamtuch überdeckt, der Deflorierung wiederum nur durch Auserwählte harren - der B i e t e r k o n k u r r e n z, wenn zwei oder mehr Sammler wie die läufigen Kater um eine begehrte Zimelie herumstreichen, während der Antiquar lächelnd dabeisitzt und die Situation genießt.

Seelenarzt ist der Antiquar, weil seine universellen Buchbestände für so viele unterschiedliche Kunden ein Reich unerfüllter Träume darstellen - der Handwerker, der Ingenieur werden wollte, der Chirurg, der lieber Priester geworden wäre, der Kaufmann, der sich als Architekt sieht, der Lehrer, der eigentlich hatte Universitätsprofessor werden wollen. Sie alle bauen sich aus unseren Beständen ihren Lebensersatz auf, der Gang zum Antiquar ist auch der magische Weg in jenes Leben, das sie eigentlich hatten führen wollen...

Zum Drogendealer  wird der Antiquar, wenn er den Kunden mit Erfolg angefixt hat. Wir brauchen dazu keinen Magister Tinius - jeder geistig interessierte Mensch, ja jeder Esel kann mit geschickten Techniken zum Büchersammler eines Spezialgebiets gemacht werden. Hier fordere ich seit Monaten die Überlegung und Planung neuer Absatztechniken, deshalb auch meine maßlose Enttäuschung über den in meinen Augen ganz törichten Bücher-Michel von ZVAB-Schwaneberger. Denn der "Katalog" sollte das Herzstück jeder Sammelleidenschaft sein.

Nun kommt der wichtigste Satz, der bisher in diesem Blog zu lesen war:

Der Absatz alter Bücher über eine Bücherdatenbank, ein Bücherportal  z e r s t ö r t  die Magie des Antiquars, wir werden durch die Altbuchportale  e n t m a n n t, unserer natürlichen Berufskräfte beraubt.

Die Vereinzelung der Bücher im Portalabsatz - 600 Antiquare bieten, Stückchen für Stückchen, 12 Millionen alter Bücher an - war notwendig, sie stellte eine Übergangsphase dar, die nun beendet ist.

Wir können und müssen jetzt zurückkehren zum vorherigen Stand. Der Weg muß so beschaffen sein, daß wir unsere alten, natürlichen mythischen Berufskräfte wieder gewinnen.

Zwei Faktoren helfen uns dabei. Zum einen ist das der seltsame Zustand, daß Amazon im Alleinbesitz von gut 90 % unserer Internet-Absatzwege ist (vom Sonderfall Ebay abgesehen) und die Kartellbehörde dagegen nicht einschreitet. Warum ist das so wichtig?

Wir werden sehen, daß uns mein Projekt beständig in eine gefährliche Nähe zu verschiedenen Klippen des Wettbewerbsrechts bringt. Während die Kartellbehörde zur Zeit offenbar durch irgendwelche Winkelzüge lahmgelegt ist, kann aber der Richter in einem Wettbewerbsverfahren diese ganz unglaubliche Monopolsituation  f r e i  b e w e r t e n. Um es einfacher zu sagen: Wer einem solchen Monopolzwang ausgesetzt ist wie unser Berufsstand, der darf sich  w e h r e n, dem sind besondere wirtschaftliche Abwehrmaßnahmen gestattet.

Der andere Faktor, auf den wir bauen können, ist die sehr komfortable Internetsituation, die wir zur Zeit genießen. Webspace ist spottbillig, auch sehr gute Seitenmodelle sind preiswert, sogar gratis zu erhalten, die Verbindungen laufen schnell, fast jeder Kunde hat nicht nur Internetzugang, sondern weiß auch damit recht gut umzugehen. Vor zwei, drei Jahren wäre das alles wesentlich teurer und wegen der Überalterung unserer Kunden auch problematisch gewesen.

Mit leisem Kopfschütteln gegenüber manchen Plänen, die uns Wattig in rascher Folge vorlegt, muß ich darauf bestehen, daß wir vor allen ultramodernen Vernetzungsspielchen die Möglichkeiten unserer traditionellen, fast schon altbackenen Darstellung im klassischen Internet, in der einfach strukturierten Webseite, besser nutzen. Ich spreche von der Webseite des einzelnen Antiquars und von der Vernetzung aller Webseiten in einem gigantischen Verbund auf mehreren Ebenen.

Wir sagten: Die Fragmentierung seiner Bestände in der Millionen-Datenbank entmannt den Antiquar, sie beraubt ihn seiner natürlichen mythischen Kräfte und Fähigkeiten. Notabene sprechen wir heute nicht vom Verlust an wirtschaftlicher Macht, nicht davon, daß der Antiquar durch das Datenbankverfahren zum Hampelmann beherrschender Datensysteme wird. Sondern davon, daß Kräfte, die der Absatzförderung zugute kommen könnten und sollten, auf diese Weise geopfert werden.

Mit Hilfe eines geschickt organisierten Verbundsystems, das alle Kollegenwebseiten auf mehreren Ebenen vernetzt, können große Teile der verlorengegangenen mythischen Rolle und Bedeutung des Antiquars zurückgewonnen werden.

Dazu müssen wir eine Reihe von Regeln aufstellen, die dem Antiquar beim Bau einer guten Webseite helfen. Das wird uns in nächster Zeit noch ausführlich beschäftigen, ich bitte Sie an dieser Stelle einfach, sich eine beliebig herausgegriffene Frankfurter Webseite anzusehen

http://www.orbanundstreu.de/index.html

Sie weist zwar eine Vielzahl von Einzelschwächen auf, ist aber in der Gesamtwertung "gut bis sehr gut" und wenn es jedem Kollegen möglich wäre, sich so oder ähnlich im Netz darzustellen, würden fürs erste alle Voraussetzungen für eine sofortige Vernetzung auf mehreren Ebenen erfüllt sein. Bei dieser Gelegenheit: Kompliment an die Frankfurter Kollegen!

In einer tieferen Anstrengung wird es dann darauf ankommen, die  d i r e k t e  Beziehung zwischen Antiquar und Sammler durch technische Mittel zu verstärken. Der Kunde soll sich bei einer Reihe von Kollegen  z u h a u s e  fühlen, regelmäßig  v o r b e i s c h a u e n  und  Vertrauen gewinnen. Das wird nicht gehen ohne

- Sprechstunden im Netz / am Telefon

zu bestimmten Zeiten, in denen der Antiquar Auskunft gibt, Wünsche bearbeitet, einfach nur jene wenigen Sätze wechselt, die dem Kunden das Gefühl vermitteln, daß da ein  M e n s c h  zwischen den Bücherregalen sitzt, mit dem man reden, auf den man zählen kann.

In Klammern müssen wir uns immer wieder fragen, ob denn meine These, daß die meisten Kunden nicht einzelne Titel suchen, sondern "ungefähr" Bücher einer bestimmten Art aus bestimmten Sachbereichen erwerben wollen, stimmt. Ich bin davon überzeugt, aber das muß diskutiert weden.

Für die großen Bücherdatenbanken gibt es keine schlimmere Gefahr als die, daß sich der einzelne Antiquar wieder seiner natürlichen Kräfte besinnt, daß er selbständig dem Kunden gegenübertritt und zum Stammantiquar, zum guten Bekannten einer Reihe von Büchersammlern wird. Für die Großportale ist unser Webseitenverbund der absolute Alptraum.

Ich gehe hier gleich noch einen Schritt weiter. Auf der Grenze des Wettbewerbsrechts wandelnd können wir doch versuchen, als Abwehrmaßnahme gegen die Monopolsituation eine  A b s p r a c h e  hinzubekommen der Art, daß die Antiquare des Webseitenverbunds ihre Titel bei Direktbestellung 10 % billiger liefern. Das wäre die eine Maßnahme, eine andere könnte sein, daß wir einen Teil unserer Titel n u r  über den Webseitenverbund liefern...

Ich wünsche Ihnen noch einen guten Sonntag, Ihr

Peter Mulzer in Freiburg

Das Bild verdanken wir gutenberg.spiegel.de . Es zeigt eine Schlange, die am Amazonas zuhause ist, und den deutschen Antiquar  Mustermann

Donnerstag, 10. November 2011

GIAQ-Tagung: Portal einstellen, Webseitenverbund für alle Antiquare gründen, mit Amazon verhandeln


Der eine oder andere Teilnehmer an der Jubiläumsveranstaltung jener Genossenschaft der Internet-Antiquare, die am 12. in Berlin stattfindet, wird sich in diesen Blog verirren. Ich will ihm in Gestalt einiger Zeilen Wegzehrung mit auf den Weg geben.

1.
Zunächst ein Geständnis. Ich hatte den Genossenschaftsgedanken vor rund 12 Jahren in der Hess-Runde entwickelt aus einer recht unklaren Grundvorstellung heraus, man müsse sich in einer Berufsgruppe ähnlich solidarisch organisieren, wie es Pfadfinder oder Flüchtlinge aus Ostpreußen, Anhänger des Bischofs Lefèvre oder Briefmarkensammler tun: Begeistert, ohne persönliche Interessen, auf ein gemeinsames Ziel hin, freundlich und fröhlich. Meine DDR-Zeit war mir noch deutlich in Erinnerung und sozialistische Motive spukten mir wohl auch im Kopf herum.

Dieses unklare, aber interessante Konglomerat von Vorstellungen und Plänen bestand die Probe vor dem Realitätssinn der meisten Kollegen nicht. Im Rückblick hätte ich das schon wissen sollen, was mir erst Jahre später langsam und schmerzhaft klar wurde: Die Antiquare sind in ihrer Mehrheit weder romantisch noch gelehrt, auch nicht weltfremd - sondern unbeschreiblich und ganz besonders  n ü c h t e r n, sachbezogen und phantasielos. Was ich zuviel hatte, Phantasie nämlich, besaßen sie zu wenig.

So wurden meine schönen Genossenschaftspläne, die ich seitenweise beschrieben hatte in jenem Rundsendedienst aus Bern, der wirklich alle Kollegen täglich erreicht hatte, gnadenlos zusammen- und niedergebügelt zu einem Z w e c k v e r b a n d  mit dem nahezu einzigen konkreten Ziel, dem Kauf des ZVAB, der damals absolut marktbeherrschenden Bücherdatenbank mit Verkaufsportal.

Mir schwante von dem Augenblick an Schlimmes, als man mich aus der vorbereitenden Diskussionsgruppe ausschloß. Bei der Gründungsversammlung vor 10 Jahren in Berlin, an der ich teilnahm, wurde zementiert, was ich sofort als entscheidenden Sargnagel der Genossenschaft erkannte - auf eine weite Öffnung hin zu möglichst  a l l e n  Antiquaren wurde verzichtet zugunsten einer rigorosen Festlegung auf hohe Eintrittsgebühren.

Was ich gewollt und gefordert hatte, eine  a l l g e m e i n e  breite Organisation der Antiquare im deutschen Sprachgebiet, war verworfen worden.

2.
Der Kauf des ZVAB scheiterte unter Umständen, die bis heute nicht ganz geklärt sind und auch nicht erörtert werden müssen, denn in der Rückschau war Kollege Müller wohl wirklich nicht der ideale Finanzier und die  l a h m e, langsame, unbewegliche Struktur der Genossenschaft konnte die Probleme nicht so rasch, wie es erforderlich gewesen wäre, in den Griff bekommen.

Ich will nicht auf olle Kamellen hinaus, sehe vielmehr seit dem letzten Webseiten-Teiltest in ganz neuem Licht, welches Unglück das Portal, das die Genossenschaft schließlich selbst auf die Beine gestellt hatte, verfolgt bis zum heutigen Tag. Ich hatte begleitend über die Jahre hinweg der Genossenschafts-Datenbank zwar die Leviten gelesen, aber auch das Positive benannt. Vor allem die frühzeitige und großzügige Verwendung von  S c a n s als Bilderfolgen  und die (wenn auch dem Kunden zum Teil leider unaufrichtig verkaufte) sehr gut ausgedachte Idee selbständiger Antiquariatswebseiten, die anstelle eigener Leistungen "einfach" einen Datenbankausschnitt präsentierten - das waren Meilensteine.

Leider überwog aber eine ungeschickte Datenbankpolitik, verbunden mit jahrelang aufrechterhaltenen törichten, blöden und in unsäglichem Schülerdeutsch verfaßten Begleittexten, auch mit schweren Fehlern in Typographie und Usability des Portals. Man mag das als Äußerlichkeiten ansehen; versetze ich mich in die Rolle des Portalnutzers, dann stößt mich das - vor allem in der Rückschau - buchstäblich ab, es läßt mich Ekel empfinden vor einer Datenbank, die weder Deutsch schreiben noch sich in Augen und Finger des Benutzers hineinversetzen konnte.

Heute ist das besser geworden, aber nun hat sich beim letzten Test herausgestellt, daß die Ergebnisseiten, das Herzstück der Datenbank, auf die Dauer fast unlesbar sind. Der Nutzer aber will und muß  q u e r l e s e n  können.

Auch wenn die Begleittexte verdaubar geworden sind, zeigt sich die Empfangsseite (die ich vor einigen Monaten mit mäßigen Notenergebnissen getestet hatte) nach wie vor derart  t r i s t, in den Formulierungen oft derart  seltsam, in den Feldaufteilungen so einfallslos und absurd, daß ich zu einem klaren Ergebnis komme - die Datenbank "Antiquariat.de", derzeit und seit langem mit weit unter 10 % Marktanteil dahindümpelnd,

*kann nicht gerettet, nicht verbessert werden - sie ist wegzuwerfen.

Jeder Pfennig, jede Stunde Arbeitszeit dafür würde vergeudet sein.

3.
Nun bitte ich Sie, mit mir ein Stück wirtschaftlicher Strategie zu bedenken. Wir wissen, daß (vom Sonderfall Ebay abgesehen) Amazon zu gut 90 % den Internet-Absatz unserer alten Bücher kontrolliert. Amazon liegt im Weltkrieg mit den Buchhändlern, seit Neuestem auch mit den Verlegern. Was immer Amazon auch dazu bewogen hat, Abebooks und dann ZVAB zu kaufen, wir können es nur vermuten. Am nächsten liegt die Annahme, daß das Antiquariat einen weitaus besseren Ruf hat, als wir es von uns selber glauben, daß es also ein guter Imageträger ist und die Eroberung des deutschen Neubuchmarktes ideal sekundieren und verstärken kann. Dann wären wir Antiquare hilflose Manövriermasse im Milliardengeschäft der Neubücher.

Ich schäme mich gar nicht daran zu erinnern, daß ich seit Jahren - gut mitzuverfolgen im Börsenblatt - den Weiterverkauf des ZVAB vorausgesagt hatte, immer wieder neu - ich wurde nur ausgelacht. Heute lacht von den damaligen Mulzer-Kritikern keiner mehr. Ich empfinde meine Voraussagen von damals, wenn ich sie heute nachlese, als geradezu gespenstisch zutreffend.

Weil ich damals Recht hatte, sollte man mir auch heute in ähnlichen Fragen gut zuhören. Ich will nämlich nicht schon wieder zutreffende Voraussagen machen, mir reicht die letzte...

Und nun zur Strategie. Es spielt für Amazon-Abebooks.-ZVAB finanziell überhaupt keine Rolle, ob die genossenschaftliche Antiquariat.de-Datenbank eingestellt wird oder nicht. Diese 5-7 Prozent am Gesamtkuchen des Absatzes antiquarischer Bücher übers Internet spürt sie kaum in den Bilanzen.

Wohl aber wäre die Einstellung von Antiquariat.de strategisch-planerisch für Amazon ein ganz herber Schlag ins Kontor. Denn um weiterhin die deutschen Kartellbehörden ruhigzustellen, muß sie wenigstens einen halbwegs herzeigbaren Gegenpart nachweisen können - und genau diese hochwichtige Rolle erfüllt bis zur Stunde Antiquariat.de. Ohne es zu wollen, ja ohne es zu wissen ist also Antiquariat.de ein zentraler Stützpfeiler der gewagten, ja tollkühnen Strategie von Amazon in Sachen Kartellbehörde.

Auch deshalb sollte Antiquariat.de vollständig eingestellt werden.

4.
Was wäre dann das Aufgabenfeld der Genossenschaft? Erstens muß sie sich zum  a l l g e m e i n e n  B e r u f s v e r e i n  erweitern. Was mit der AG im Börsenverein noch zu machen ist oder vielmehr was nicht, haben wir auf der Versammlung in Frankfurt gesehen - ein einziges Trauerspiel. Über den Verband sage ich hier nichts Negatives, denn w o  er arbeitet, tut er das ganz vernünftig. Nur denkt er nicht im Traum daran, die beruflichen Interessen der Antiquare ernsthaft zu lösen. Also muß die Genossenschaft in diese Rolle eintreten - sie  m u ß, oder sie geht ein und unter. Aquis submersus...

Das rechtliche Instrument dazu wäre zum Beispiel ein assoziierter Berufsverein. Gescheiter scheint mir die Umgründung der Genossenschaft mit niedrigster Eintrittsschwelle zu sein, für alle Kollegen.

Ist Antiquariat.de eingestellt, dann wird die Genossenschaft

*zum wichtigsten Verhandlungspartner mit Amazon-Abebooks-ZVAB.

Sie kann dann Bedingungen aushandeln, sie wird wie eine  "G e w e r k s c h a f t  der Antiquare" dem Unternehmer Amazon gegenübertreten. Sie würde zu einem Machtfaktor. Innere demokratische Strukturen der umgegründeten Genossenschaft setze ich voraus, auch schnellere Entscheidungs- und Handlungskompetenzen.

Das zweite große Betätigungsfeld sehe ich in einer ganz wesentlich verbesserten Konzeption des Webseitenverbands. Würde sich die Genossenschaft dieses Ziel setzen, dann wären meine diesbezüglichen Entwürfe hinfällig, diese Zusicherung kann ich geben.

Zum Gemeinschaftskatalog sage ich an dieser Stelle nichts. Wenn es den verantwortlichen Kollegen Spaß macht und es sich wirklich  r e c h n e t, dann bin ich der letzte, der dieses seltsame, groteske Katalogbuchgebilde kritisieren möchte. Man kann es weitermachen, kanns aber auch bleibenlassen.


5.
Zusammenfassung meiner Empfehlungen für die Jubiläumstagung in Berlin:

- Das Portal Antiquariat.de sofort und ersatzlos einstellen
- Umorganisation zur allgemeinen Berufsvertretung, Berufs g e w e r k s c h a f t, Aufnahme von Verhandlungen mit Amazon-Abebooks-ZVAB
- Den großen deutschen Webseitenverbund auf ganz breiter Grundlage sofort angehen.

Und nun tagt mal schön.