Donnerstag, 13. Oktober 2011

Thesenpapier zur Interessenvertretung der Antiquare durch die AG im Börsenverein

"Diskutiert werden soll außerdem die Frage, wie effektivere Interessenvertretung für den Antiquariatsbuchhandel gelingen kann"

Hierzu ein T h e s e n p a p i e r   als Gastbeitrag

mit der Bitte um Kopie und Auslage.

Nach alter Tradition haben Gäste kein Rederecht. Sie legen deshalb externe Arbeitspapiere vor, die in die Diskussion einfließen können - falls einer der Teilnehmer sie gelesen hat, was nicht selbstverständlich ist.


Unser Gewerbe zerfällt in drei sehr deutlich voneinander unterschiedene Bereiche. Interessen, Arbeitsmethoden, Kapitalausstattung, Selbstbild und Kundenbeurteilung sind zwischen diesen drei Schichten sehr unterschiedlich, oft übrigens auch die Charaktere (aber lassen wir das).


(1) Das Edelantiquariat

Halten zu Gnaden, ich habe für diesen Begriff auch nach anderthalb Jahrzehnten der Diskussion einfach keinen Ersatz finden können.  Er trifft das Image dieser Kollegen genau. Wenn ich die Liste der Messeteilnehmer durchgehe, haben wir da eine perfekte Musterkarte des deutschen Edelantiquariats.

Die Interessen, Sorgen, Bedürfnisse der etwa 50 Edelantiquariate im deutschen Sprachbereich werden durch die - freilich bescheidene und nach meiner Einschätzung streckenweise ineffektive - Vertretung durch den  V e r b a n d  hinreichend abgedeckt. Ich sehe da keinen Handlungsbedarf durch eine Parallelorganisation.

Eine notwendige Anmerkung: Der Verband umfaßt neben den echten Edelantiquaren, die ich wie bemerkt auf rd. 50 beziffere, noch das Mehrfache solcher Kollegen, die gern Edelantiquare sein würden, es aber nicht sind. Diese "unechte" Gruppe, etwa 200-300 Antiquare, bedarf einer Interessenvertretung am dringendsten:


(2) Die Antiquare des Mittelfelds

Eine Auswahl von ihnen treffen wir auf Messen, hochpreisige Ware ist ihnen nicht fremd, nimmt aber im Wertschränkchen eher eine Ausnahmestellung ein. Ihr Arbeitsfeld ist entweder ein gutes Allgemeinsortiment im Laden, mit enger regionaler Kunden- und Ankaufsbindung, oder sie betreiben emsig Internetverkauf mit oft überraschen hohen katalogisierten Buchmengen. Hinzu kommen die echten Fachantiquare, auch sie  rechne ich der Mittelschicht zu, freilich mit der Überzeugung, daß Fachantiquare immer ihr eigenes Süppchen kochen (müssen) und gut daran tun, sich separat zu vernetzen.

Bei den Kollegen des Mittelfelds beginnen schon ganz deutlich die akuten Sorgen und Probleme unseres Berufsstands. Eine ganz typische Scham, die der "verschämten Armut" des früheren Mittelstands verzweifelt ähnlich ist, hindert sie daran, ihre Anliegen deutlich zu formulieren. Sie sind die treuesten Verbandsmitglieder, denn es ist für sie eine Ehrensache, nominell zum Edelantiquariat zu gehören. Nur im direkten Gespräch bringt man sie dazu zuzugeben, wie lächerlich gering ihre Kapitaldecke ist, wie unzureichend ihre Einkünfte sind, wie sie unter dem Zwang zu nervtötender Titeleingabe bis spät in die Nacht schier zugrundegehen und daß die ganze Organisation ihres Berufsstandes bisher für sie eher ein lächerlicher, peinlicher  P o p a n z  ist denn eine Hilfe.

Diese Kollegen, die ich aufgrund älterer, freilich von mir hausgemachter statistischer Versuche auf etwa 200-300 schätze, schleppen einen Rattenschwanz ungelöster Probleme mit sich herum. Ich wiederhole mich: Erst bei intensiveren Gesprächen geben sie ihre problematische Lage zu. Tatsächlich leiden viele Antiquare dieser Schicht - um nur ein Beispiel zu nennen - wie die Hunde unter jener vom Verband abgesegneten Abkassiererei durch gebührenpflichtige Preisdatenbanken, ebenso ärgerlich wie etwa die Jahresgebühren der Handelskammer. Freilich - hat sich je einer über die vom Verband verordneten Preisdatenbanken öffentlich beschwert? Das würde ja bedeuten, seine Geldknappheit zuzugeben, und was denken die Kollegen dann im Verband?


(3) Antiquare am Rand und im Keller

Die restlichen  500-600 Antiquare sind mehr oder minder armselige Malocher. Hier reicht die Bandbreite vom Ebay-Sklaven bis zum Flohmarkt- und Mensakistenverkäufer. Was man diesen Leuten, fast immer im Grenzbereich zur Sozialhilfe, Gutes tun kann, sollte man machen - auch wenn höllisch aufgepaßt werden muß, um die beiden gefährlichen Feinde unseres Berufsstandes, Momox und die "Geschenkt"-Ketten nach Schweizer Vorbild, unter ihnen zu erkennen und ihnen bei jeder Gelegenheit auf die Finger zu hauen.

Diese "Rand- und Kellerantiquare" sind in der Regel nicht in der Lage und auch nicht willens, die Probleme ihres Berufsstands zu erkennen. In ihren Foren beißen sie sich in Einzelheiten und Nebensächlichkeiten fest, aus langjähriger Erfahrung wissen wir, daß es völlig sinnlos wäre, die Unterschicht des Antiquariats zu organisieren. Das soll nicht hart klingen, es ist einfach Fakt.


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Also geht es, so meine These, bei der Frage "wie effektivere Interessenvertretung für den Antiquariatsbuchhandel gelingen kann" um eine Organisation des Mittelfelds unseres Gewerbes. Wir sollten nur im Sinn haben, daß unter der "Oberschicht" wirklich nur die echten 50 Antiquare zu verstehen sind bei diesem Modell. Alle anderen gehören ins Mittelfeld, sie haben dort sehr  t y p i s c h e  Interessen, Anliegen und Sorgen.

Über die Problematik der Genossenschaft breiten wir heute gnädig den Mantel des Schweigens. Ich höre in jüngster Zeit nichts Gutes von dort, die Kollegen sind in einer kritischen Phase.

Wie organisiert die AG also die 200-300 Antiquare des Mittelfelds?

Ich hoffe, daß die anwesenden und zur Rede autorisierten Mitglieder der AG im Börsenverein unter sich eine rege Diskussion dieser Kernfrage führen werden. Als schweigender Gast deute ich nur meinen Lösungsvorschlag an:

A.
Es sollte eine neue, sozusagen eine " L i g h t -"Form der Mitgliedschaft  in der AG geschaffen werden. Damit die Satzung nicht geändert werden muß, kann man sowas auch durch  Zusatz  zur Satzung regeln. Die "Light-Mitglieder" brauchen durch ihre Teilnahme auch keine Mitglieder im Börsenverein zu werden, man hat da großen organisatorischen Spielraum.

B.
Ausgehend von Björn Biesters doch recht gutem Adressenmaterial sollte der  g a n z e  Kreis der 200-300 Antiquare des Mittelfelds zur Teilnahme aufgefordert und eingeworben werden. Nach den bisherigen Erfahrungen ist eine Mailingliste kombiniert mit einer Art Yahoo-Forum die beste Lösung. Nur wenn der Antiquar die täglichen Beiträge und Meldungen im Briefkasten hat, wird er zur Kenntnisnahme und Beteiligung angestoßen. Es gibt im Grunde bis heute keinen Ersatz für das Procedere der guten alten Hess-Runde.

C.
Wenn diese erweiterte AG zur Interessenvertretung werden soll, dann müssen demokratische Abstimmungs- und Entscheidungsformen gefunden werden. Eine berufliche Interessenvertretung ist nichts anderes als ein  P a r l a m e n t  im Kleinen. Abstimmungen sind heute elektronisch in ausgefeilter Form möglich, Diskussionen und Resolutionen können gesteuert und eingegrenzt werden.

In anderen Berufsgruppen ist das alles selbstverständlich.

Behalten Sie bitte im Auge, daß meine Vorschläge sich untereinander bedingen. Verwirklicht man nur einen Teil, können die restlichen Faktoren beschädigt oder verunmöglicht werden.

Peter Mulzer

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Offener Brief an die deutschen Antiquare - und an ihre Freunde

aus Anlaß der Informationsveranstaltung von Abebooks und ZVAB auf der Buchmesse am Freitag, 14.10. 2011, ab 17.30 Uhr im Cafebereich der Frankfurter Antiquariatsmesse (Open Space AGORA, Ebene 0)

Buchantiquare in Deutschland, Österreich und in der Schweiz, wehrt Euch! Klärt die Öffentlichkeit auf über einen vertuschten, vernebelten, verhehlten Tatbestand, der eure Freiheit und eure Ehre bedroht!

Die Antiquare sind je nach Betriebsform ganz überwiegend abhängig vom Verkauf ihrer Bücher über das Internet. Inzwischen stellt der Ladenverkauf, bezogen auf die meisten der 1000 Kollegen, eher die Ausnahme dar, auch gedruckte Fachkataloge und Fachlisten ermöglichen immer weniger ein hinreichendes Auskommen. Die Buchantiquare hängen inzwischen auf Gedeih und Verderb am Internetvertrieb, ohne den Absatz über Internetplattformen sind sie in aller Regel nicht lebensfähig.

Die Verkaufsplattformen verheimlichen zwar ihre Umsatzanteile, es gilt aber unter Antiquaren als gesichert, daß ZVAB und Abebooks zusammen mit Amazon mindestens 80, wenn nicht sogar 90 % des Internetabsatzes im deutschen Antiquariat kontrollieren.

Es gibt praktisch keine Alternativen mehr zu diesen drei Portalen. Die bunte Vielfalt der anderen Verkaufsportale erreicht insgesamt nicht mehr als 10 - 15 % des Umsatzes. Dies gilt besonders auch für das genossenschaftliche Verkaufsportal Antiquariat.de, das trotz guter Ansätze marginalisiert bleibt. Vorhandene Metaportale wie Eurobuch sind in Wahrheit nur Zubringer der großen Portale, von denen sie Umsatzanteile erhalten. Ebay, die einzige reale Alternative, ist wegen zeitraubender Einstellprozeduren und aus einer Vielzahl anderer Gründe für die Antiquare nicht wirklich brauchbar.

Die im Verband der Antiquare zusammengeschlossenen führenden Antiquare kommen mit ihrer eigenen internationalen Verkaufsdatenbank, Trägerschaft durch die  ILAB, auf keinen grünen Zweig, hier ist der Absatz völlig unbedeutend. Ein Ausweichen auf andere internationale Portale ist den Antiquaren im deutschen Sprach- und Lesebereich verwehrt, weil deutsche Titel außerhalb des Sprachbereichs kaum bestellt und so gut wie nicht gelesen werden.

Der deutschsprachige Absatzmarkt im Antiquariat ist völlig abgeschottet vom Rest der Welt.

Wer hier ein Monopol erreicht, der kann nicht mehr gestoppt werden.

Nach verschiedenen sehr verwickelten, zumindest beim ZVAB-Verkauf auch bewußt verschleierten Vorgängen ist die Lage seit einem halben Jahr nun so: A m a z o n  hat schon vor längerer Zeit das international und regional tätige große Antiquariatsportal A b e b o o k s  gekauft. Abebooks seinerseits hat das  Z V A B  gekauft.

Damit besitzt und kontrolliert  A m a z o n mindestens 80, vermutlich aber rund 90 % aller Absatzwege der deutschen Antiquare im Internet.

Es gibt an diesen Zahlen keine ernsthaften Zweifel. Die Schätzungen stützen sich auf durchgesickerte Daten der Medienfirma w+h, deren Software fast die Hälfte aller Antiquare versorgt und ihre Titelaufnahmen Amazon / Abebooks / ZVAB zuleitet, aber auch Umfragen und Zuschriften deutscher Antiquare aus allen Schichten belegen das dramatische Zahlenbild. Fast jeder Kollege aus den unteren und mittleren Bereichen des Gewerbes wird meine Zahlen aus eigener Erfahrung bestätigen.

Dies bedeutet, daß ein sehr deutlich definiertes, nach eigenen Regeln arbeitendes und in sich ganz geschlossenes Berufsfeld, das Buchantiquariat, seine unverzichtbaren Absatzwege im Netz zu mindestens 80, wahrscheinlich aber schon zu 90 % im Besitz und unter der Kontrolle des Megakonzerns  A m a z o n  weiß.

Dies ist nicht nur eine Situation, die nach einer Untersuchung durch das Kartellamt ruft, es ist geradezu  d i e  typische Monopolsituation, das Musterbeispiel eines hochgefährlichen Monopols. Trotzdem scheint es Amazon gelungen zu sein, das Kartellamt durch seine Anwälte lahmzulegen.

Die brandgefährliche Struktur dieses Monopols im Bereich des Antiquariats ist unter anderem gekennzeichnet dadurch, daß es hier geht um

- eine besondere, hochspezialisierte Dienstleistung, nämlich den Betrieb eines Verkaufsweges, zu dem es für die Betroffenen keine Alternative gibt,
- einen ungemein mächtigen, finanzkräftigen und im Neubuchbereich bisher nicht durch zarte Durchsetzungstaktiken und subtile Rücksichtnahme aufgefallenen Weltkonzern,
- einen in mehrere Schichten und Betriebstypen gegliederten Berufsbereich, dessen Mitglieder vertikal kaum kooperieren, sondern seit langen Jahren in tragikomischer Weise sich in mehrere Organisationen zersplittern und insgesamt fast handlungsunfähig und dadurch wehrlos sind,
- einen Vorsprung der Bekanntheit der drei Portale mit entsprechenden Verkaufs- und Durchsetzungschancen, der im Netz in gar keiner Weise einzuholen ist.

Tatsächlich sind die Antiquare in ihrer überwiegenden Mehrzahl dem Monopol gegenüber  h i l f l o s.


Das Bundeskartellamt hat die Antiquare in dieser erdrückenden, quälenden Situation alleingelassen, es hat sie nach meiner Einschätzung  v e r r a t e n.  Vermutlich hält Amazon die Fiktion aufrecht, die drei Absatzportale würden selbständig agieren und unabhängig voneinander geführt. Tatsächlich wäre eine solche Behauptung absurd, denn es handelt sich jeweils um einen 100%igen Besitz. ZVAB und Abebooks sind de facto machtlose Ausführende der Amazon-Zentrale. Wer 100 % der Anteile einer Firma besitzt, der bestimmt oder kann doch jederzeit bestimmen, besonders dann, wenn es sich um einen US-Konzern handelt, den noch niemand als zimperlich eingeschätzt hat. Abebooks und ZVAB gehören vollständig, mit Haut und Haaren  A m a z o n.

Ich weiß nicht, wie es Amazon geschafft hat, seine Eroberung und Knebelung des deutschen Antiquariats bisher aus den Medien herauszuhalten. Die Öffentlichkeit weiß davon nichts, im Internet wurde und wird das sorgfältig verschwiegen.

Ein Antiquar aus Freiburg hat das Thema in seinem Blog eher beiläufig behandelt und einen Teil der Berufskollegen aufgescheucht. Nicht zuletzt deshalb lädt Amazon /Abebooks /ZVAB jetzt im Rahmen der Buchmesse zu der oben erwähnten Informationsveranstaltung ein.

Ich bitte die Antiquare und vielleicht auch den einen oder anderen solidarischen Neubuchhändler, zu bedenken, daß es sich nicht nur etwa um mit Sicherheit kommende finanzielle Ausnützungen der Monopolsituation handelt. Die Tendenz aller Datenbanken, die sich in anderen Ländern um ähnliche Monopolisierung der Absatzwege bemüht hatten, ging stets dahin, den Antiquaren ihre Individualität zu nehmen, sie bei der Verkaufsvermittlung nach Kräften zu anonymisieren, sie in den Augen des Kunden und Käufers zum Angestellten, zum a n o n y m e n  Zulieferer der Datenbank zu machen.

Es handelt sich hier um eine interessante, besonders grausame Variante des Amazon-Vorgehens: Es wird hier nicht wie beim Neubuchhandel auf allerlei Wegen ein Teil des Umsatzes weggenommen, vielmehr wird an der Stelle, an der jeder Internetantiquar am  v e r l e t z l i c h s t e n  ist, nämlich bei der Absatzvermittlung Antiquar-Kunde, ein Würgemonopol eingerichtet.

Tatsächlich handelt es sich nicht nur um die Identität eines ganzen Berufszweigs, nicht nur um die drohende Degradierung eines knappen Tausend selbständiger Kleinkaufleute zu Franchise-Nehmern , es geht darüber hinaus um die berufliche  W ü r d e.

Wenn sich die Antiquare im deutschen Sprachraum zu machtlosen, monopolgebundenen Hampelmännern des Amazon-Weltkonzerns machen lassen, dann können sie sich selbst nicht mehr im Spiegel anschauen, ohne sich zu schämen.

Darum soll es am Freitag gehen.




Presserechtliche Verantwortung für den Inhalt dieses Aufrufs: Peter Mulzer, Antiquar, Freiburg, Guntramstr. 46

Das Projekt ZVAB-Büchermichel, zum zweiten



Die Darstellung der Chancen und Probleme des "Büchermichel" wird durch diesen ergänzenden Beitrag nicht übersichtlicher und auch nicht unterhaltsamer. Ich bitte diejenigen Kollegen, die sich für Bibliographie nicht interessieren, auch den heutigen Text nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Man kann bibliographische Neigungen nicht herbeiquälen - entweder hat man sie, oder sie bleiben aus. Ich habe zu meinem Erstaunen immer wieder feststellen müssen, daß die meisten Buchantiquare - neben den Bibliothekaren eigentlich doch die Hauptapostel der retrospektiven Bibliographie - ostentativ zu gähnen beginnen, wenn man das Thema auch nur ankündigt. Da werden jahrzehntelang mehr oder minder gute Buchbeschreibungen abgeliefert, mit der Geduld und Zuversicht einer wiederkäuenden Kuh auf der Wiese, aber was da eigentlich "stattfindet", darüber denken die meisten Akteure nicht gern nach.

Wir sprachen im vorhergehenden Blogbeitrag darüber, daß die einzelne, für sich genommene, isolierte Buchpreisbestimmung viel weniger wert ist als die Übersicht über ein ganzes thematisches Bücherfeld mit den dazugehörigen typischen Mittelpreisen bei vordefinierten mittleren Erhaltungszuständen - daß der ZVAB-Büchermichel also die Grundidee des Schwaneberger-Briefmarkenkatalogs jämmerlich verrät und in den Sand setzt. Wir forderten gestern, es müsse dem Büchersammler in Auswahl ermöglicht werden, sein Sammelgebiet feld- und listenmäßig "optisch" zu erfassen auf ganzen Katalogseiten.

Dr.Biesters Katalogsammlung
Beim Börsenverein in Frankfurt steht eine liebevoll gepflegte Sammlung der allermeisten Antiquariatskataloge seit olims Zeiten, relativ vollständig ab etwa 1950, wenn ich recht unterrichtet bin. Welchen Wert dieses Material darstellt, konnte ich vor einem Jahrzehnt selber feststellen, als ich mir mit einigem Portoaufwand eine aktuelle Sammlung von etwa 300 Kollegenkatalogen zurechtgesammelt hatte, sie nach Fachgebieten ordnete und an die nähere Untersuchung der enthaltenen bibliographischen Schätze ging.

Von der Verwertbarkeit her kann man das französische geflügelte Wort bemühen "les extrèmes se touchent". Neben ganz ausgezeichneten, ja erstaunlichen Katalogen stehen jämmerlich hingeschluderte Machwerke. Insgesamt waren die Ergebnisse aber sehr positiv. Das mag sich seither geändert haben, ZVAB steckte damals noch in den Kinderschuhen und wurde von Heinisch mühsam hochgepäppelt. Wie auch immer, in den Antiquariatskatalogen seit 1950 ist bibliographisch ungemein Wertvolles und Nutzbares verborgen.

Nur war die Auswertung bis vor wenigen Monaten nicht möglich. Erst jetzt haben wir preiswert nutzbare Instrumente, mit denen wir vom ersten Scannen (oft schwache Schreibmaschinentypen) bis zur blitzschnellen Ordnung und Auswertung von Millionen unterschiedlich angesetzter Titelerfassungen vernünftig arbeiten können, wenn wir uns vornehmen, Dr. Biesters Katalogmaterial als riesige durchsuchbare Datenbank darzustellen und zu benutzen.

Das ist eine der Voraussetzungen für  d e n  Büchermichel, den wir Antiquare schaffen wollen. Einige Detailfragen sind noch zu diskutieren, prinzipiell aber lösbar, so müssen Gleitklauseln für die  P r e i s e n t w i c k l u n g  im Antiquariat von 1950 bis zur Gegenwart festgelegt und angewendet werden und man muß sich Regeln für die ein-eindeutige Identifikation und Zusammenführung aller Titel ausdenken.

Eine interessante Frage übrigens, mit der wir alle instinktiv schon längst umgehen, wenn wir etwa im ZVAB einen bestimmten Titel suchen und diejenigen Stichworte eingeben, von denen wir uns das eindeutige Auffinden unseres gesuchten Buchs erhoffen - möglichst wenige Verfasser-, Titel- Orts- und Verlagsworte, die tunlich "selten" sein sollten. Oft reichen schon drei Worte hin: "Jimmerthal - Ochsen - Zolltarif" oder "Goethe - Kröner - 1943" führen, wie man hoffen darf, direkt zum gesuchten Buch. Auf die gleiche Weise würde die Datenbank der  e i n deutigen Titel aus den Antiquariatskatalogen zusammengeführt, im Prinzip.

Noch eine Anmerkung zum Urheberrecht, die kurz und deutlich ausfallen muß, weil eine Reihe ehrenwerter Kollegen notorisch (und kindisch) auf dem vermeintlichen Recht "ihrer" Titelaufnahmen beharrt. Dieses Urheberrecht gibt es nicht, überhaupt nicht, gar nicht daran zu denken, weder auf die Titelei noch auf die Preisfestsetzung, allenfalls auf längere Kommentierungen, um die es uns ja nicht geht. Wenn ich (a) die Zusammenstellung der Titel in den Listen nicht übernehme, sondern die Antiquariatskataloge quasi wieder auseinandermontiere in ihre Einzeltitel, und wenn (b) kein direktes Wettbewerbsverhältnis von mir zum Antiquar besteht, dann darf ich mit den einzelnen Titelaufnahmen der Kollegen machen, was ich will. Weitere Erörterungen dazu sind einfach Zeitverschwendung. Das ZVAB und Schwaneberger führen diese Diskussion mit Rücksicht auf die zarten Seelchen der betreffenden Kollegen - sie müßten es juristisch absolut nicht tun.

Zusammenarbeit mit den Fachbibliotheken und Fachantiquaren
Wenn wir uns vornehmen, für alle Sachgebiete einen  K a n o n  der wichtigeren Titel seit 1500 aufzustellen, dürfen wir auf die Hilfe der Fachbibliothekare in Spezialbibliotheken und der Fachreferenten großer allgemeiner Büchereien rechnen. Von dort würde ein solches Vorhaben mit Interesse verfolgt. Bereits das Studium der dortigen unterschiedlichen Sachgliederungen ist für die Rubrizierung des "Büchermichel" wichtig und immer ertragreich. Es gibt nichts Besseres als eine aus langer Praxis hervorgegangene Bibliotheksgliederung, die von Fachleuten des jeweiligen Sammel- und Studienbereichs gepflegt und benutzt wird.

Im Bereich der bei den Antiquaren ja ganz brachliegenden und wahrhaft notleidenden Theologie zum Beispiel würde eine Neuaufstellung von Rubriken wie "religiöse Volkskunde", "Wunder und religiöse Paramedizin", "Klöster und Orden" oder auch nur "Jesuiten" ganze Impulsschübe bewirken - weil der potentielle Sammler und Käufer ja dadurch oft erst entdeckt, was da alles angeboten wird von uns.

Die Einbindung der Fachkollegen im Antiquariat stellt eines der ganz ungelösten Probleme dar. Natürlich würde ein Kollege wie etwa von Matt oder Nonnenmacher die Aufstellung eines Kanons, die Rubrizierung und überhaupt jeden Schritt bei der Bearbeitung des Gebiets "Theologie" wertvoll, interessant und bestimmt auch innovativ gestalten. Was wären die Naturwissenschaften ohne Gruber, was die Volkswirtschaft ohne Hohmann? Und doch habe ich gerade hier meine Zweifel, ob es zu solcher Zusammenarbeit wird kommen können. Der Büchermichel würde mit Namensnennung im Katalog und großzügigen Werbeangeboten beim jeweiligen Fachgebiet Dienstleistungen natürlich nach Kräften indirekt honorieren, aber das reicht nicht aus.

Zum Schluß noch der Hinweis, daß Titel, die zwar in den Kanon aufgenommen  worden sind, für die sich aber keinerlei Preisangabe hat finden lassen, nach guter Michel-Tradition mit " - - " bewertet werden sollten. Wie bei den Briefmarken sind solche Nummern immer besonders interessant.

*
Diesen zweiten Teil denke ich mir als Anhang zum ersten und würde mich freuen, wenn auch er zur "Büchermichel"-Diskussion am Freitag in Kopie vorläge.


Unterschrift des Fotos: "Vorahnungen / Einstimmungen zur Buchmesse, Abteilung Antiquariat"

Dienstag, 11. Oktober 2011

Was der ZVAB-Büchermichel nicht leistet


Das Thema ist auf den ersten Blick ebenso kompliziert wie ernüchternd. Niemand nimmt sich begeistert solcher Fragen an, sowas läßt sich auch beim besten Willen nicht unterhaltsam darstellen. Bei näherem Hinsehen werden aber - ganz unvermutet - Querverbindungen zu einigen zentralen Anliegen unseres Gewerbes sichtbar. Vielleicht bringe ich in schlichten Worten die Fakten zu meinem Bücher-Michel, um eine Diskussion der Unterschiede zum Schwaneberger-ZVAB-Modell zu ermöglichen.

Die wichtigste Aufgabe meines "Bücher-Michel" ist die Gesamtdarstellung jedes Sammelgebiets, jedes Sachbereichs im Antiquariat, so wie das der "Michel-Katalog" für den Markensammler leistet.

Büchersammler, Händler, Bibliothekar, Wissenschaftler, jeder, der ein Gebiet mehr oder weniger systematisch bearbeiten, sich in ihm zurechtfinden will, hat in seiner Vorstellung die Bücherwelt als eine Art  L a n d s c h a f t. Berge, Städte, Burgen, bemerkenswerte Bäume, Räuberhöhlen, stürmische Meere markieren einzelne Bücher oder ganze Reihen und Sachgruppen. Wer die Musiklandschaften bei Heimeran - schon lang nicht mehr lieferbar - gesehen hat, kennt das System von den Komponisten und Musikarten her.

Die Bücherwelt eines Sachgebiets wird also nicht durch Aneinanderreihen von Einzeltiteln "gemerkt" und erinnert, sondern topographisch als eine Art Gedächtnislandschaft. Das Gehirn arbeitet sehr vernünftig, denn nur so lassen sich vielfältige Querverbindungen ziehen, können Bücher ungefähr eingeordnet, annähernd bewertet werden. Die Mnemotechnik, ein leider derzeit fast vergessenes Gebiet der Psychologie, hat dazu schon viel erarbeitet.

Unsere Bücherdatenbanken können nur Einzeltitel anbieten, sie sind so angelegt, so funktionieren sie. Ich habe schon öfter Zweifel angemeldet, ob wir nicht vom Anbieten der Einzeltitel wegkommen und mehr und mehr Lose, Konvolute, Sachgebietszusammenstellungen als Ganzes verkaufen sollten. Denn die meisten Kunden kennen keine Einzeltitel oder aber - noch schlimmer - sie suchen Einzeltitel aus der Verlegenheit eines pars pro toto-Wissens heraus, vom Hörensagen vielleicht oder durch zufällige Literaturangaben.

Wie bitte sollen wir denn unsere älteren Bestände verkaufen, wenn die Kunden nur einzelne alte Titel kennen oder gar keine? Ist es nicht unsere erste, natürliche Aufgabe, die retrospektive Literaturkenntnis der Bücherkäufer zu befördern, sie überhaupt erst möglich zu machen?

Hier liegt der Kern meines "Bücher-Michel". Ich hatte von Anfang an gefordert, die  P r e i s l i s t e  zu kombinieren mit einer retrospektiven, also rückwärtsgewandten bibliographischen  Ü b e r s i c h t  jedes unserer Sachgebiete im Antiquariat.

Nichts anderes macht ja der klassische Briefmarkenkatalog. Auch er geht davon aus, daß man dem Sammler erst einmal die Marken des Gebiets auflisten, vorstellen muß. - Schon sehr früh haben die Markenkataloge, trotz der damit verbundenen unendlich mühsamen Herstellung vieler kleiner Klischees, das Visuelle genutzt, in der richtigen Erkenntnis, daß die bildmäßige Erinnerung des Sammlers jene topographische Feldorientierung befördert, die der Sammler besitzen muß, wenn er sein Gebiet im Kopf haben will.

Eine weitere selbstverständliche Methode schon der ältesten Markenkataloge war die Bildung von Mittelpreisen, von typischen Durchschnittsbewertungen jeder Marke, oft ergänzt mit Erklärungen zu wertsteigernden oder wertmindernden Faktoren, bezogen auf die individuelle Marke oder auf das ganze Sammelgebiet. Hier ist die Parallele zu den Büchersammelgebieten perfekt, denn nicht anders wird man bei so unterschiedlichen Erhaltungs- und Bewertungsgebieten wie etwa "Baedeker" und "Abenteuerroman" vorgehen. Dieser Mittelpreis, den ich lieber den  t y p i s c h e n  Preis nennen möchte, wurde schon immer als genaue, festgesetzte Mittelzahl angegeben. Es ist dem Gedächtnis nicht förderlich, wenn man umständliche "von - bis"-Notierungen im Kopf behalten soll - eine klare Mittelzahl, die in der Art ihrer Festsetzung durch den ganzen Katalog gleichmäßig durchgeführt wird, nützt viel mehr.

Die Reihung der Titel jedes Sachgebiets folgt in meinem Büchermichel im Prinzip einer Zeitschiene. Aber es kann, wie bei den Briefmarkenkatalogen auch, sinnvoll sein, eine Mehrzahl von Neben-, Rand- und Sondergebieten je nach Eigenart des Sachgebiets einzuführen.

Nehmen wir als Beispiel das Sammelgebiet "Geographie, Reisen, Übersee". Neben "Reiseführern nach Reihen" wird man "Landkarten" gesondert aufführen, Zeitschriften wie etwa "Petermanns Mitteilungen" würde man als gesonderte Blöcke bringen mitsamt ihren vielen Sonder- und Beiheften. Man wird das Sammelgebiet aufteilen und jeden Kontinent gesondert bringen, allen vorangestellt drei Abteilungen "Allgemeine Geographie", "Weltreise" und "Schulbücher".

So etwa dürften die ersten groben Einteilungen laufen. Jedes dieser Untergebiete wird dann chronologisch ausgefüllt, wobei man bedeutende, bekannte, wichtige Werke in Rot drucken wird. Auch die Ausstattung mit Daumennagelbildern wird nach Bedeutung und Verbreitung des jeweiligen Titels vorzunehmen sein. Im Übrigen tritt die Kunst des  W e g l a s s e n s  in ihr Recht. Man kann Gebiete wie "Afrika" recht gut mit zwei- bis dreihundert Titeln durchführen, das gibt schon ein brauchbares topographisches Bild für den Büchersammler und Nutzer. Der Büchermichel nimmt natürlich nur  d e u t s c h sprachige Titel auf.

Wie beim Briefmarkenkatalog lassen sich dann kleine Teilausgaben mit großen Gesamtkatalogen kombinieren. Ein schmales Heft, Teil des Bücher-Michel, der auf etwa 100 Seiten A4 das Sammelgebiet "Übersee" enthält, würde durchaus zu einer Bibel des Sammlers alter Reiseliteratur werden können.

Nicht nur weil die Qualität unserer Titelaufnahmen stark schwankt, sondern aus wichtigen erinnerungstechnischen Erwägungen darf man nicht daran denken, vollständige Titelaufnahmen zu bringen. Was Verfasser und  K u r z t i t e l   leisten können, das haben uns schon die uralten Monatsverzeichnisse des Buchhandels, Hinrichs und andere, im 19. Jahrhundert vorgemacht. Der Leser des Bücher-Michel nach meinem System benutzt die Kataloge nicht als Hilfsmittel zur exakten Titelaufnahme, auch nicht zur Detailbestimmung der Seitenzahlen, Tafeln und Karten. Dazu gibt es inzwischen andere Hilfsmittel in Masse, immer wichtiger übrigens hier der Karlsruhe Katalog KIT/KVK, ungeachtet aller Detailmängel bei den öffentlichen Titelaufnahmen.

Ganz selbstverständlich erfolgt aus der Philatelie die Übernahme festgelegter, vereinbarter und soweit möglich definierter  N o r m a l z u s t ä n d e  bei der Festsetzung der Mittelpreise. Wie im Briefmarkenbereich muß das je nach Sachgebiet individuell vereinbart sein, es wird am Kopf jedes Sachgebiets vermerkt.

Damit ist das Pflichtenheft für den "Büchermichel" in etwa geschildert. Vernünftig wird sein, den Anfang der ISBN-Nummerung als Ende der Aufnahmezeit festzulegen, auch wenn im Einzelfall Titel nach 1970 recht interessant sein könnten.

Noch ein Wort zur Arbeitstechnik: Es ist ein Trugschluß anzunehmen, die Erstellung eines Bücherkatalogs nach meinem System sei besonders zeitaufwendig. Man nutzt bis zur letzten Stufe, in der "händisch" gedacht und geschrieben werden muß, alle Hilfsmittel der Elektronik. Erst dann beginnt

a) die Auswahl der aufzunehmenden Titel
b) die Festlegung des Kurztitels
c) die Ermittlung des typischen Mittelpreises (unter Beachtung der vereinbarten Zustandskriterien der "mittleren Erhaltung".

Mit etwas Routine geht das flott wie's Brötchenbacken, es ist eher schneller und eleganter zu leisten als z.B. die Ermittlung der Briefmarkenpreise.

Der "Büchermichel" macht dem Büchersammler  A p p e t i t, er informiert ihn über sein Gesamtgebiet, in vielen Fällen konstituiert er ein Sammelgebiet erst (übrigens eine spannende Frage, aber lassen wir das für den Augenblick unerörtert).

Nun noch einen Ausblick auf den erwarteten Synergieeffekt.

Es ist im Prinzip möglich, einzelne Teile des Büchermichel zur Erstellung von Fachkatalogen zu nutzen in der Form, daß der Antiquar vorhandene Titel farblich markiert, mit seinen eigenen Preisen versieht, seine Werbung und/oder seine Listen an einen Auszug des Büchermichel anhängt. Hier muß eine sehr liberale Verlagspolitik vorgesehen werden, ist doch der Büchermichel ein Werbeinstrument, eine neue Verkaufsmaschine für das Antiquariat überhaupt, sozusagen mit gemeinnützigem Charakter.

In einer weiteren Stufe sorgt die  B e n u m m e r u n g  aller Titel jedes Sachgebiets dafür, daß man sich in Zukunft schon durch genaue Nummernangabe über Bestände, Angebote, Desiderata verständigen kann, nicht anders als das bei jedem Briefmarkenkatalog der Fall ist.

Vielleicht findet sich eine gute Seele, die diesen - bewußt unpolemisch gehaltenen - Text zur Diskussion in der Buchmesse am Freitag mitbringt und durch die AG verteilen läßt, wenn Schwaneberger  s e i n e n  Büchermichel vorstellt.

Ich bin dazu nicht befugt. Freuen würde ich mich, wenn sich die Diskussion nicht nur auf die Frage beschränken würde: "Welche Auswirkung hat die Kodifizierung typischer Mittelpreise auf die zukünftige An- und Verkaufspolitik im Antiquariat?". Wir Antiquare dürfen bei solchen taktischen Fragen nicht stehenbleiben, es geht um Absatzförderung. Alles, was dazu nützt, ist gut, was sie hindert, ist schädlich.


Der guten Ordnung halber: Der Begriff "Michelkatalog" gehört als Markenzeichen dem Schwaneberger-Verlag, auch "Büchermichel" ist nicht frei.

Montag, 10. Oktober 2011

Freitag in Frankfurt - schöne Aussichten





1.
Die Gefesselten oder: Sie könnten so vieles bewirken, aber man läßt sie nicht...

Soll ich mir das antun? Am Freitag lädt die AG Antiquariat im Börsenverein zu ihrer Jahresversammlung ein, 12 bis 14 Uhr. Wie sowas läuft, das haben wir noch unter dem leutseligen Kollegen Hohmann kennengelernt, in Karlsruhe. Zunächst werden mit ernstaunlicher Ernsthaftigkeit die unbedeutenden Geschäftsordnungspunkte abgearbeitet, während welcher Kaninchenvereinsroutine die Kollegen je nach Temperament gähnen oder Interesse heucheln.

Irgendwann beginnt es zu knistern, ein Thema fesselt das schüttere Häuflein der Antiquare, auch Mulzer wacht auf und freut sich auf eine angeregte Diskussion. Zwei Kollegen spinnen lange Monologe aus, der Faden geht verloren, die Zeit drängt, eine Regelung der Redezeit, eine Planung der Traktanden wurde im Vorfeld nicht ausgearbeitet, das Grüppchen setzt sich ungeschickter ins Benehmen als eine Unterprima, alles versandet, nichts wird beschlossen, geklärt ist auch nichts, die Zeit drängt, freundliche Verabschiedung.

Nun sind Dr. Biester und die Kollegen Mewes und Thursch Leute, denen man einiges zutrauen kann. Vielleicht haben sie diesmal ein Arbeitsprogramm ausgearbeitet, ein  T h e s e n p a p i e r  aufgestellt, über das man aus dem Stand sachlich diskutieren wird?

Die Ausgangslage ist nicht einfach. Wir wissen alle, welche faszinierenden Möglichkeiten die Antiquare unter dem Dach des Börsenvereins haben könnten, wie gut gerade dem Antiquariat, diesem disparaten Zweig des Buchhandels, ein Nacheifern des Vorbilds der Neubuchhändler bekommen würde. Vor einer Reihe von Jahren zeichneten sich in der Diskussion Horizonte ab, von denen wir heute nur noch wehmütig träumen können -

- gemeinnützige Führung des Verkaufsportals der Antiquare durch eine Dienstleistungsgesellschaft beim Börsenverein,
- Schaffung eines radikal ermäßigten Mitglied-Sondertarifs für Buchantiquare, quasi als "kleiner Börsenverein",
- Imagetransfer, Organisationshilfe, Beratung bei Ausschüssen und Ausbildungsgängen durch den großen Börsenverein.

Vor gut zehn Jahren hatte Hohmann lange  zu leiden unter meinem Spott, warf ich ihm doch beständig sein eisernes Schweigen, seine Tatenlosigkeit vor. Heute wissen wir, daß er gar nicht anders handeln konnte - weil die Unlust der Neubuchhändler, die Blockierung durch den Börsenverein uns antiquarischen  C h a o t e n  gegenüber schon damals allzu offenkundig war. Unübersteigbare Hindernisse! Man hat uns nie getraut von den Höhen des Vereins herab, nur wurde das nicht öffentlich gesagt. Jenes vorsorgliche Hausverbot, mit dem man mich in Karlsruhe bedacht hatte, war nur die Spitze eines Eisbergs an Unlust und Unbehagen der Neubuchhändler, sich mehr als unbedingt notwendig mit den Antiquaren zu befassen oder gar einzulassen.

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern...

Wenn aber doch, dann säuberlich eingegrenzt auf die Antiquare, denen die immens hohen Mitgliedsbeiträge beim Börsenverein erträglich erschienen. Mit dieser Hürde stellte man mühelos 800 der 1000 deutschen Buchantiquare vor die Tür, konnte sich noch den Bauch halten mit der jovialen Ausruf: Was wollt Ihr denn, jeder darf in den Börsenverein, wenn er nur zahlt...

Dieses Hindernis besteht immer noch, es hat an Dramatik nichts verloren. Die Herren beim Börsenverein haben doch ihre Syndici, die nur beim Institut der deutschen Wirtschaft oder bei den Kreditschutzvereinen anzufragen bräuchten, um das zu hören, was jeder Kollege weiß: Die Antiquare gehören mit gut 80 % ihrer Betriebe zu den kapitalmäßig ganz unterversorgten, chronisch ertragsschwachen, meist von Anfang an gefährdeten Berufsgruppen. Gute Kenntnisse, schöne Kataloge, saubere Läden ändern daran gar nichts.

Ich fasse meine Thesen für die AG zusammen:


Die AG im Börsenverein ist nach wie vor jene Organisationsform, die für das deutsche Antiquariat bei weitem den größten Nutzen bringen könnte, ihm zum Segen sein würde gerade angesichts der aktuellen Nöte der Branche, wenn die heillose  F e s s e l u n g  der AG an die Bedingung der hohen Mitgliedsbeiträge wegfallen könnte und Sondertarife für einen "kleinen Börsenverein" der Antiquare eingeführt würden. Solang das nicht geschieht, ist die AG zur Alibi-Übung degradiert und zur Unwirksamkeit verurteilt.

An eine Reform der Genossenschaft ist ebensowenig zu denken wie an ein Erwachen des Verbands aus seinem Tiefschlaf. Das wagt kein Kollege öffentlich auszusprechen, aber alle denken es. Die jüngsten Urteile über die Genossenschaft, die mir zugetragen worden sind, fallen derart vernichtend aus, daß ich in die kuriose Lage gekommen bin, die Genossenschaft zu verteidigen. Ihr Image unter den Kollegen ist derzeit im Tiefkeller. Ich sehe da durchaus noch Chancen und Potential, aber erst auf längere Zeit hin. Diese Zeit haben wir aber nicht! Deshalb sollte sich die AG nun auf breiter Ebene neu auftstellen. Was sagt Dr. Biester dazu? Mewes, der alte Kämpfer, muß halt mal den Mund aufmachen, von Thursch als Praktiker vom Dienst erwarten wir Taten.

Daß im zweiten Teil der Veranstaltung das ZVAB und der Schwaneberger-Verlag seine retrospektive Preisdatenbank vorstellen dürfen, entbehrt nicht einer leisen Komik - dieses Thema hätte ich eher bei der Häppchen-Veranstaltung, siehe unten, eingeordnet.

Meine Kritik an diversen kleineren Ungeschicklichkeiten dieses Gebildes sollte man eher tiefer hängen - wichtig war und ist mir immer nur die verpaßte Chance, anstatt isolierten Preishäppchen die große, übersichtlich gestaltete umfassende Altbuch-Datenbank ins Netz zu stellen. Es entbehrt nicht der Tragikomik, wenn ausgerechnet Schwaneberger, nach Senf der Urvater der Idee des  G e s a m t k a t a l o g s, mein Grundkonzept verrät und stattdessen einzeln aufrufbare Titel- und Preishäppchen serviert.

Was soll ich tun - mir ein Schild umhängen und mich in Frankfurt vor den Stand postieren mit dem Nachweis, daß ich vor einigen Jahren die Idee des "Bücher-Michel" entwickelt hatte, viel umfassender und geschickter als die Schwaneberger es nun hingestümpert haben, mir zum Hohn... Ach, lassen wir das.

2.
Die Verkauften oder: Es ist so schön am Amazonas

Die Formulierung las sich bei Dr. Biester etwas doppeldeutig. Da ich ihm noch nie begegnet bin - und also in Frankfurt hübsch anonym bleiben kann - , weiß ich nicht, ob er nicht doch gegrinst hat, als er schrieb, ich zitiere "...stehen für Gespräche zur Verfügung und beantworten, wie es in einer Mitteilung aus Düsseldorf heißt, "Fragen zu den nächsten Schritten der beiden Plattformen".... Die Veranstaltung "mit Wein und Häppchen"..."

Soll also diskutiert werden, darf man debattieren, wird offiziell oder wenigstens sub rosa etwas mitgeteilt - oder werden einzelne Kollegen in vertraulichen Gesprächen aufgeklärt, ihrer Sorgen enthoben, mit Häppchen gefüttert?

Von der Sache her ist das Abendunternehmen in der Buchmesse mutig. In der Tür steht Amazon wie die boshafte Ehefrau mit den Nudelholz in der Hand, bereit, jeden Abweichler unter den fünf Herren über den Kopf zu hauen. Amazon wagt man dort nicht zu benennen, ist es doch der Ur- und Erzfeind aller Buchhändler, das drohende Gespenst, das über der ganzen Buchmesse schwebt. Keine beneidenswerte Ausgangslage für die tapferen Schwaben aus dem Rheinland. Heinisch dürfte sich nicht glücklich fühlen, denn gegenüber Abebooks ist das ZVAB von der Optik und der Taktik her inzwischen schier unerträglich, man kann das ja unten in meinem Blog irgendwo nachlesen.

Wie das Kartellamt eingewickelt worden ist, das möchte man gern hören, mit oder ohne Häppchen. Und wenn zum Thema "Amazon" wieder nicht mehr zu hören ist, als daß dort autonom entschieden werde und man nix genaues nicht wisse, dann bleiben dem Besucher die Häppchen im Halse stecken.

Ich sags ganz deutlich, habe dafür von Kollegen auch schon Prügel einstecken müssen: Abebooks ist zur Zeit die mit großem Abstand  b e s t e  Verkaufsdatenbank für deutsche Bücher. Mein diesbezüglicher Test zur Optik und Usability war nur eine Teilbetrachtung, denn die Querverbindungen, die angeschlossenen Beurteilungsforen usw. bei Abebooks sind womöglich noch genialer. Abebooks ist ein regelrechtes Netzwerk bei näherem Hinsehen - ganz ausgezeichnet bis hin zu vielen guten Kleinigkeiten.

Nun kommen die Häppchenspender aber gerade dadurch vom Regen in die Traufe. Weil sie so gut sind bei Abebooks, und beim ZVAB so  schlecht - eben deshalb glaubnt keiner die Märchen vom parallelen Weiterbestehen. Ganz zu schweigen von der nicht geplanten Zusammenlegung mit Amazon.

Das Würgemonopol im deutschen Altbuchmarkt ist ausweglos, alternativlos. Weil sie  g u t  sind, unsere Erdrossler. Daran bitte ich zu denken beim Verzehr der Häppchen. Keine Häppchen der Welt werden so teuer bezahlt sein wie diese, denn die Freiheit unserer Absatzwege ist nur noch ein schöner Traum.


Soll ich nach Frankfurt fahren? Es kostet Eintritt, der Intercity von Zürich fährt auch nicht gerade gratis, freundlich geht sowieso niemand mit mir um, weil ich jedem auf den Schlips getreten bin, spätestens beim dritten Häppchen sehe ich mich des Saales verwiesen. Schöne Aussichten!

Das Foto zeigt den Verfasser am Portal der Buchmesse, oder auch nicht.

Freitag, 9. September 2011

Jagdszenen aus dem Antiquariat



Werte Kollegen!

Wir begeben uns heute auf eine mittlere Parforcetour.

Die Ausgangslage ist bekannt. Unser Buchabsatz im unteren und mittleren Bereich geht beständig zurück, die besseren Segmente stagnieren auf hohem Niveau. Zwei völlig berufsfremde Kräfte werden von Tag zu Tag mächtiger und bedrohen uns. Amazon-Abebooks-ZVAB kontrollieren, vom Sonderfall Ebay abgesehen, gut 90 % des Internetabsatzes der Antiquare in Deutschland, von daher sind Gebührenerhöhungen, fortschreitende Verluste an Selbständigkeit und Gestaltungsfreiheit zwangsläufig vorprogrammiert. Momox und die Nachahmer haben bereits weit über 10 %  des Antiquariats in Deutschland verdrängt und vernichtet, mit extrem galoppierender Zuwachserwartung in der allernächsten Zeit.

Dazu kommt die bekannte Verlagerung des Leseinteresses zum Internet hin und nicht zuletzt auch die Problematik der Fraktur bei unseren älteren Titeln. Was die Google-Scans der Bücher vor 1900 betrifft, haben wir noch eine Gnadenfrist, weil die Benutzung und vor allem das Ausdrucken gescannter Bücher noch kompliziert erscheint. Das wird sich in wenigen Jahren, vielleicht schon in Monaten ändern.

Ich sage nicht, daß man gegen die vielen negativen Faktoren nichts unternehmen könne - dieser Blog ist angefüllt mit mehr oder minder untauglichen Vorschlägen und Ideen dazu. Am weitaus dringendsten aber ist das Doppelproblem der Monopolisierung unseres Internetabsatzes durch Amazon-Abebooks-ZVAB und des Wegbrechens der Titel, die Momox schon zu Millionen Stück kauft und über Tarnfirmen, wie ich das persönlich werten möchte, ins deutsche Verkaufsnetz schiebt.

*

Wenn die halbe Stadt anfängt zu brennen, dann wird man dort löschen, wo es am dringlichsten erscheint, im Kern der Innenstadt vielleicht und im Petroleumhafen. Wenn wir uns darauf einigen, daß Amazon und Momox zur Stunde die Hauptfeinde des deutschen Antiquariats sind, dann haben wir schon viel gewonnen. Amazon durch Monopolisierung und drohende Franchise-Unfreiheit, Momox durch Wegziehen des Teppichs unter unseren Füßen.  Um es deutlich, aber unzulässig verkürzt zu sagen: V e r s k l a v u n g  durch Amazon und  B e r a u b u n g  durch Momox -  natürlich nicht so ungeschützt zu formulieren, sondern immer nur unter der Voraussetzung, daß man die "wenn" und "aber" kennt, die hinter diesen harschen Worten stehen.

Beides ist ein Vernichtungskampf. Ich bin wegen meiner militärischen Dramatik getadelt worden - aber ist nicht das Geschehen am Markt ein Kampf? Die Vernichtung ergibt sich aus den Mechanismen, es geht alles ganz logisch zu. Gegen Momox' exponentielles Wachstum ist gar nichts zu machen, Momox  m u ß  wachsen, ob es will oder nicht, wie überhaupt die Kräfte im Wirtschaftsmarkt selten Böses  w o l l e n. Sie sind wie naive Kinder, die im Sand spielen. Ihre Kunden müssen sie am Leben lassen, sonst kaufen und verbrauchen die ja nichts - wir Antiquare aber als  M i t b e w e r b e r  am Markt "müssen" nach den Regeln vernichtet werden.

Ist es den Setzern, den Stenotypistinnen, den Lokomotivheizern, den Tankwarten etwa anders ergangen?

Es geht also nicht um Feindbilder, auch nicht um unzulässige Dramatisierung - ich stelle ganz einfach fest, daß wir mit Amazon ein langsam wachsendes, mit Momox ein agressiv schnelles Krebsgeschwür in unserem Körper haben. Amazon muß uns langsam ersticken durch Anonymisierung und andere Unfreiheits- und Gebührenschrauben; Momox muß uns austrocknen und ganz eliminieren. Beide sind im Wirtschaftsgefüge so positioniert, sie funktionieren nach diesen Regeln.

Wir haben uns nun die Frage zu stellen, wie wir diese beiden Krebse in unserem Körper bekämpfen können.

*
Nun ein kurzes Wort zur Frage des Genossenschaftsgedankens im Antiquariat. Ich hatte ihn vor mehr als zehn Jahren eingeführt für den Altbuchhandel, weil er juristisch wie auch soziologisch genau das abdeckt, was getan werden muß - wir haben Geld in die Hand zu nehmen und mit diesem Geld eine Leistung für alle zu erbringen. Wobei "für alle" auf unser Gewerbe beschränkt bleibt, auch wenn die Dienstleistung der größeren Allgemeinheit zu gute kommt.

Lange Zeit waren Kräfte in der Genossenschaft am Werk, die sich wacker geschlagen hatten, aber durch  e i n e  strategische Fehlentscheidung von Anfang an gelähmt waren. Ich hatte das in jenen wenigen Minuten Redezeit, die mir damals in Berlin eingeräumt worden war, klar gesagt: Nur wenn sich die Genossenschaft als weit offene, allgemeine Berufsorganisation für  a l l e  versteht, kann sie die richtigen Weg gehen.

Warum mußte ich Recht behalten mit meiner stotternd vorgetragenen, völlig unbeachteten Einwendung? Weil  der  W e r b e w e r t  einer Genossenschaft verloren geht, wenn sie sich nicht als allgemein und weit offen versteht. Genossenschaften, die nur kleine Grüppchen des Gewerbes oder gar - schrecklich zu denken - nur bestimmte Schichten umfassen, können am Markt nicht frei und wirksam mit dem speziellen Genossenschafts - I m a g e  auftreten. Sie können dann nicht sagen " W i r  A n t i q u a r e".

Genau da liegt aber jene Zauberformel, mit deren Hilfe sich die Datenbank gegen alle Widerstände werbetechnisch, in Sachen Kredit und imagemäßig hätte durchsetzen lassen. Ich sage das, weil ich weniger vom "gehobenen Antiquariatsbereich" als vielmehr vom allgemeinen Kulturbetrieb in den Medien eine gute Kenntnis habe. Die ticken so - das Goodwill für eine echte, allgemeine Genossenschaft im Kulturwesen ist unschätzbar - die Verachtung für Grüppchenbildung dagegen grenzenlos.

Der andere einzigartige Vorteil einer allgemeinen Genossenschaft ist eher interner Natur: Die Genossenschaftler werden fast nie eine Entscheidung gegen die Interessen ihrer Kollegen treffen. Wenn nur die richtigen demokratischen Regeln durchexerziert werden - sie wurden und werden schmählich vernachlässigt -, dann geht es in einer breiten Berufsgenossenschaft zu wie in einem Parlament - Anträge, Motionen,. Diskussionen, Vor- und Endabstimmungen begleiten den Alltag der genossenschaftlichen Arbeit. Dann, aber nur dann wird die Genossenschaft zu einem heilsamen demokratischen Instrument zum Wohl aller, auch gerade der schwachen Kollegen.

Diese beiden Punkte gilt es im Sinn zu behalten. Es geht primär also nicht darum, daß wir eine Wirtschaftsgemeinschaft zum Betrieb der Datenbank bildern, sondern es geht um einen unvergleichlichen, unbezahlbaren Imagewert im Kulturbetrieb - und um gerechte, demokratische Entscheidungen in der stürmischen See der Gegenwart, mit zwei Haifischen darin, durch die unserem Gewerbe heil hindurchkommen soll.

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Ich setze voraus, daß eine umgegründete Genossenschaft und ihre Vorstufe, ein allgemeiner Berufs v e r e i n  ohne jede Verpflichtung, virtuell von Anfang an bestehen sollen. Es hat nämlich keinen Sinn, die folgenden Pläne als Werk einer Schicht, eines Grüppchens interessierter Kollegen oder gar als Gemisch aus drei verunglückten Berufsvereinigungen herzustellen.

Der Werbewert, die Imagestrategie geht weitgehend verloren, wenn die Planung nicht von Anfang an auf ganz breiter Grundlage stattfindet. Es darf keinen Antiquar welcher Art auch immer geben in Deutschland, Österreich und in der Schweiz, der nicht von unserer Planung weiß, regelmäßig darüber unterrichtet ist und zu den Abstimmungen eingeladen wird.

Erste Vorbedingung ist also ein allgemeines Berufsregister. Das muß man auf Ortsebene recherchieren, Björn Biesters Listen sind eine Hilfe, aber ohne gründliche Adreßbuch- und Telefonlistenrecherche geht das nicht. Ich erlebe regelmäßig bei Stichproben, etwa in Basel oder in Hamburg, ein wahres Chaos an Veränderungen. Man muß da die babylonische - aus dem Amerikanischen kommende - Sprachverwirrung zwischen "Antiquitätenhändler" und "Buchantiquar" ebenso in Rechnung stellen wie die Scheu mancher, durchaus bedeutender, Internethändler, sich adressenmäßig zu offenbaren.

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Das Verkaufsportal, die Datenbank ist im Augenblick unsere einzige Waffe.

Ich sage das nicht gern, denn nach wie vor ist jenes "Haus der alten Bücher" in der Version, die  e i n  zental gelegenes Mietshaus für alle Antiquare einer Stadt vorsieht, das genossenschaftliche Instrumentarium par excellence. Nur durch solche vom Keller bis unters Dach durch indivuduelle Antiquariate besetzte Innenstadtanwesen können die Kollegen ihren bescheidenen Werbeetat bündeln. "Wo sind die Antiquare? - In ihrem Haus auf der Kaiserstraße".

Auf mittlere Sicht wäre so auch ein geregelter Sofortankauf im Momox-Abwehrkampf möglich - denn die Bücher unter den Arm zu nehmen und direkt gutes Geld zu bekommen, in einem weithin örtlich bekannten "Haus der Antiquare" in der Innenstadt, wo mehrere Möglichkeiten des Verkaufs bestehen, das wäre einer der Stiche, die Momox ins Herz treffen könnten.

Aber solche Genossenschaftsprojekte brauchen Zeit - wenn auch fast kein Geld, was sie sympathisch macht. Es muß "nur" organisiert werden.

Zeit ist aber nicht da. Die Kartellbehörde läßt uns im Regen stehen, Momox vernichtet allmonatlich rechnerisch einen weiteren Antiquar - es darf nur schnell Wirksames geplant werden. Alles andere wäre Luxus in der Stunde der Gefahr.

*
Die genossenschaftliche Datenbank läuft eigentlich ganz gut. Es gibt dort Schönheitsfehler, die schnell ausgebügelt sind. Vor allem sollten alle Features, die Amazon und Abebooks bieten, übernommen werden, insbesondere eine gute Verlinkung vieler Titel ins Netz, zu Bibliographien, zu Google. Hier muß gnadenlos abgekupfert werden, soweit es das Wettbewerbsrecht zuläßt - nur keine falsche Scham!

Die wichtigsten Hausaufgaben liegen auf einem anderen Feld, wohin uns Amazon-Abebooks nicht folgen kann (von dem armen schlichten ZVAB sprechen wir nicht - das gibts bald nicht mehr) - einer ganz engen, konsequenten Vernetzung der genossenschaftlichen Datenbank mit den Webseiten - mit  a l l e n - Webseiten aller Kollegen (nicht etwa nur denen der Genossenschaftsmitglieder). Wir müssen in Windeseile und in echter Gemeinschaftsarbeit ein Gehäuse errichten, vor dem Amazon-Abebooks neidvoll stehen wird und in das es uns  n i c h t folgen kann, weil sie nicht die goldene Freiheit eines genossenschaftlichen Portals genießen.

Webseitenverbund - aber ja, bitte!
Und möglichst von Anfang an auch einen breitgefächerten Auskunfts- und Kompetenzdienst. Und natürlich billigere Preise von dem Tag an, an dem... Kurzum:  Das ganze Instrumentarium an Folterwerkzeugen, die Amazon-Abebooks-ZVAB wehtun können.

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Am wirksamsten dabei ist aber unser Einbruch in Gewissen und  S y m p a t h i e  der Kulturwelt. Sie kauft unsere Bücher oder könnte sie doch kaufen. Die Schiene, auf der der Sympathiezug läuft, hat in goldenen Lettern eingraviert: DIES IST DIE DATENBANK DER ANTIQUARE. Sie "gehört" nicht nur ihnen (das wäre nicht einmal notwendig), nein - IN IHR ARBEITEN DIE ANTIQUARE, in ihr kannst Du alle Geschäfte, alle Fachleute, alle Kollegen ansprechen, im Foto direkt verlinkt sehen.

Das ist kein Wunderwerk. Wenn es richtig geplant wird, läuft es fast selbsttätig, denn es macht Spaß, sich als Firma, im Portrait, mit seinen Interessen und Lagerräumen, seinen Listen und Katalogen wiederzufinden in jenem großen Gehäus aller Antiquare...

*
Nun noch was zur Namensfrage - ach je. Einfach ist das nicht, zumal nach dem Sündenfall, der uns "Antiquariat" als Bezeichnung geschenkt hat. Mir sollte da was einfallen, sollte es nicht? Ich braue mir inzwischen einen Kaffee, und dann wird nachgedacht.

Der Name muß die neuen Grundideen im Abwehrkampf gegen das Amazon-Monopol verdeutlichen und möglichst gleich auch noch das Momox-Thema rüberbringen.

Hoppla, eben fällt mir ein, daß dies so ziemlich das einzige Geheimnis ist, das man bewahren muß bei der Planung.

Ansonsten, frisch ans Werk!

Donnerstag, 8. September 2011

Wir basteln uns ein Momox!


Bauanleitung mit mehreren Modellbögen

Man nehme eine Silberschüssel - pardon, das Thema ist zu ernst für Scherze.

Es gibt notwendige Mitwirkende, ohne die alles gar nicht funktionieren kann. Sortieren wir die mal auseinander.

A.
Zunächst benötigen wir eine perfekte, preiswerte und allgemein akzeptierte Buch-Verteilstruktur. Was bis vor wenigen Jahren noch umständlich, recht teuer im Verhältnis und nicht allgemein akzeptiert war, ist der schnelle, preiswerte, problemlos zu ordernde und einfach zu bezahlende  V e r s a n d.  Nur wir alten Semester können uns überhaupt noch vorstellen, was es bedeutet, Bestellpostkarten zu schreiben, Waren per Nachnahme oder auf Rechnung zu erhalten, diese Rechnung zu bezahlen, indem man "Überweisungsscheine" in der Bank auszufüllen oder in Postscheckumschlägen zum Briefkasten zu tragen hatte. Alles das geht heute elektronisch und ziemlich reibungslos über die Bühne. Der Aufwand, ein Taschenbuch in meiner Buchhandlung zu holen, ist größer als der einer Amazon-Bestellung.

Hier verstehe ich übrigens die Neubuchhandlungen nicht - es fällt ihnen, soweit ich das hier am Ort sehe, absolut nichts ein, um die Kunden durch "Erlebnisse" oder Zusatznutzen welcher Art auch immer an ihren Laden zu  b i n d e n, sie anzulocken. Die Ideenlosigkeit, die Tranigkeit der meisten Buchhandlungen führt sie direkt in den Untergang. Aber das ist ein anderes Kapitel.

B.
Als zweite Zutat zur Bastelanleitung benötigen wir eine gute, schnell zu erhaltende, ausreichende bibliographische Information - natürlich im Internet. Sie wird ganz hervorragend geleistet bei Amazon und Abebooks - auch deshalb steht das ZVAB auf dem Aussterbeetat - und wer höhere Ansprüche stellt, kann über Google-Snippets und einen Rattenschwanz von Rezensionsdiensten, Perlentaucher wir grüßen dich, fast immer präzise bibliographische Einschätzungen gewinnen im Netz. Aber Amazon und Abebooks reichen sehr oft schon aus.

Ohne diese Internet-Bücherkunde würde man wieder in die Steinzeit zurückkehren. Wie liebe- und mühevoll hatten wir doch die Literaturteile von FAZ, Welt, Zeit und Süddeutscher Zeitung, vor allem aber von Tante NZZ gesammelt, ausgewertet, als bibliographischen Schatz gehortet! Die heute fast ausgestorbenen Hallen der "bibliographischen Handbibliothek" in der nahen UB sahen uns täglich bei der Durchsicht der neuesten Frankfurter und Leipziger bibliographischen  Hefte, Literaturdienste jeglicher Couleur waren unentbehrlich. Fast alles ist nun verweht und eigentlich überflüssig.

C.
Drittes Werkzeug für unsere Bastelstunde ist die Preistransparenz in den Verkaufsdatenbanken der Neu- und vor allem der Altbücher. Erst jetzt, wo der Kunde Herr der Preisübersicht geworden ist, funktioniert der Fernabsatz wirklich. Daß er dort wiederum vielfältig manipuliert werden kann, spielt jetzt keine Rolle. Es reicht aus, daß der Kunde an seine "Durchsicht" im Preisgegfüge glaubt.

Einfaches Bezahl- und Liefersystem, bibliographische Information im Internet (vor allem auch wertende) und das Bewußtsein einer für den Käufer durchschaubaren Preisgestaltung im Gesamtmarkt, diese drei Merkmale müssen da sein.

Dann können wir weitermachen.

D.
Zunächst will ich den Ankaufsmarkt in die Hand bekommen. Gründe dafür habe ich drei, zum einen will ich Ware bekommen, zum anderen sollen der Konkurrenz, uns Antiquaren nämlich, Nachschub und Kundenkontakte weggenommen werden und zum dritten will ich das Publikum  s ü c h t i g machen, ich will es eingewöhnen dazu, daß das gelesene Buch zu einer wiederverwertbaren Ware wird, im Gefühl des Kunden.

Ich nenne dieses Prinzip "das Buch als  P f a n d f l a s c h e".

Man muß sich das nicht zu kurzzeitig im Umlauf denken, es gibt da mehrere Möglichkeiten zeitlicher Zyklen, im längsten Fall kommt das Buch erst nach dem Tod des Lesers zurück, im kürzest denkbaren schon Stunden nach dem Erwerb, wenn es nämlich ein Fehlkauf war und ich zu faul bin zum Umtausch im Laden (von gestohlenen Neubüchern lasset uns schweigen, obgleich - ein reizvolles Thema...).

Genial daran ist die Umkehr des Prinzips des einfachen Versands, diesmal nicht vom Händler zum Kunden, sondern vom Kunden zum Händler. Wie schon beim Versand in der anderen Richtung will das gut durchkalkuliert sein, Transportrabatte sind bis auf Cents herab eisern auszuhandeln, ein sehr strenges Controlling muß jedes Ausufern der Versandkosten unterbinden.

E.
Habe ich den Kunden erst einmal an dieses Kreislaufmodell gewöhnt, dann wird er schnell handzahm und treu wie ein Schäferhund. Es wäre das ideale Modell einer Käuferbindung, würde da nicht ein fast unüberwindliches Hindernis bestehen:

Das neuere gebrauchte Buch hat, weit mehr noch als das ältere antiquarische , einen fatalen  S c h m u d d e l c h a r a k t e r.

Ich halte das imagemäßig für eine fast unüberwindliche Hürde. Amazon, bei näherem Hinsehen aber auch Abebooks, würden sich bei vollem Einsteigen in die Momox-Kreisläufe ein peinliches Schmuddelimage zulegen, das sich tödlich lähmend auswirken müßte auf jene so ersehnten Neuwaren-, Elektronik- und anderen Edelwarenverkäufe, die in der Auseinandersetzung mit  E b a y  jetzt zentral wichtig sind.

Ich halte dieses Dilemma für unübersteigbar und möchte vorhersagen, daß Amazon und auch Abebooks nur zögerlich und sozusagen aus einem "wir aber auch"- Prinzip heraus h a l b h e r z i g  mit Momox gleichziehen. Es ist sicher, daß Momox und Amazon-Abebooks zwar feindliche Brüder bleiben und sich quasi Konkurrenz machen, daß sie aber in Wahrheit auf Dauer separate Geschäftsfelder beackern werden. Momox wird den Schmuddelsektor, so gut es geht, besetzen, Amazon-Abebooks wird kulturell oder sonst etwas "edlere" Ware haben (wollen).

Wenn Momox gescheit vorgeht, dann lagert es den Vertrieb seiner Titel in solche Firmen und Kanäle aus, die nicht sofort erkennbar sind als Momox-Betriebsteile. Die qua Momox-Prinzip erworbenen Titel erhält der Käufer dann durch Einrichtungen des Momox-Firmennetzes, die im Grund nichts anderes sind als Versandantiquariate. Es würde mich auch nicht wundern, wenn es bald Momox-Verkaufs-Ladengeschäfte geben wird oder sie, heimlich still und leise, längst existieren.

Durch die Trennung von Erwerb und Betrieb, durch die Verhehlung der Vertriebsfirmen, wird

*die psychologisch schmuddelige  Gebrauchtbuchware reingewaschen.

F.
Der anfangs eher bescheidene Werbeetat im Momox-Ankauf wird bald gigantische Ausmaße annehmen. Es ist dann für jeden Konkurrenten, insbesondere den einzelnen Antiquar, ganz unmöglich, ein Konkurrenzunternehmen aufzuziehen gegen Momox. Wohl aber gibt es noch, wenn auch in letzter Stunde, die Chance der Gegenwehr eines genossenschaftlich organisierten gemeinsamen "Momox der Antiquare."

Die psychologischen und wirtschaftlichen Mechanismen des Momox-Prinzips sind damit erst angedeutet. Für ein gutes "Momox-Basteln" muß das Verhältnis zu den Bücherdatenbanken ebenso geklärt werden wie die Technik, mit der die Verdrängung der Antiquare aus dem ihnen ja eigentlich zustehenden Markt camoufliert, weggelogen, vertuscht werden kann.

Ich verwette meinen Winterhut, daß das Mittel der Wahl bei Momox ein sorgsam bemänteltes F r a n c h i s e - System sein wird.

Der Antiquar demnach als abhängiger Lohnsklave, als brave nützliche Kuh im Stall?

Derzeit stehen die Antiquare von zwei Fronten her in Gefahr, ihre Freiheit zu verlieren: Amazon-Abebooks-ZVAB von links, Momox von rechts, das Antiquarskind in der Mitten...

Goethe, steig vom Denkmal herab und hilf uns!




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