Mittwoch, 1. Juli 2009

Ein jugendliches Image für das Antiquariat schaffen!




Irgendwo wird der Feldzug eröffnet. In aller Regel steht das auslösende Ereignis in keinem Verhältnis zum späteren Ausmaß des Krieges, wohl aber ist es meistens symptomatisch für die Grundtöne des Konflikts, ob es sich nun um die Emser Depesche, die Schüsse in Sarajewo oder den getürkten Überfall auf den Gleiwitzer Sender handelt.

Antiquare dürfen schon auch einmal historisch-feierlich argumentieren, sind sie doch die Hüter der zuständigen Literatur. Und so betrachte ich den Imprimatur-Skandal, auf dessen Ausfechtung ich übrigens mit alemannischer Zähigkeit bestehen werde, als Beginn einer Operation, die im gesellschaftlichen Maßstab nahezu bedeutungslos erscheint, für unser Gewerbe aber entscheidend werden könnte:

Wir beginnen nun mit dem Umbau unseres Images.

Jenseits aller fachlichen Einzelgründe, deren wir uns von Fall zu Fall ja liebevoll angenommen haben, fehlte bisher die große Linie. Wir beobachten seit Jahren einen Rückgang unseres Absatzes, einen großflächigen Preisverfall und das Wegbrechen ganzer Sachbereiche, etwa der deutschen Literaturgeschichte, der Theologie, der Kunstgeschichte. Die nun ja schon "alte" Dame Ebay hält uns gnadenlos den Spiegel vor, numeriert unsere kariösen Zähne, verschweigt uns aber die Adresse guter Zahnärzte.

Die große Linie - sie muß bestimmte Kriterien erfüllen. Schon ein flüchtiger Blick auf unser Gewerbe zeigt dem Betrachter, daß die geradezu peinliche Separierung, die Auftrennung und Einkästelung des Antiquariats in sich teilweise überschneidende Organisationen unbedingt hinderlich, schädlich sein muß. Die schüchternen Versuche, Meta-Gruppen zu bilden, ein Verfahren, das uns Altbuchhändlern von den Meta-Suchmaschinen her ja vertraut sein sollte, sind gottsjämmerlich gescheitert, nicht zuletzt dadurch, daß sich der Börsenverein bisher fast allen Chancen und Möglichkeiten verschloß, seinerseits die Mittlerrolle zu übernehmen und Meta-Einrichtungen für das Antiquariat zu schaffen. Wo er es in Ansätzen geleistet hat, etwa im Schulungswesen, blieb er eher zaghaft.

Die große Linie muß allen Zweigen und Betriebsarten des Antiquariats gerecht werden, sie muß jedem immer nur denkbaren Antiquariat nützen können! Damit ist ein großes Wort ausgesprochen, scheint diese Forderung doch bisher unerfüllbar.

Nun sind wir, dies danken wir dem Imprimatur-Jahrbuch, ein Stück vorangekommen. Denn der damit verbundene Skandal ist in seiner Schädlichkeit für unser Gewerbe derart offenkundig, wir bekamen die damit verbundenen Dreistigkeiten dergestalt mit dem Holzhammer übergezogen, daß wir alle aufgewacht sind. So schlimm also steht es mit den wertvollsten Arbeitsmitteln, mit den besten Werbeträgern des Antiquariats, - mein Gott! Wie konnte es so weit kommen?

Und in diesem Augenblick wurde uns klar: Unser Image ist offensichtlich durch diese und ähnliche Praktiken, noch mehr aber durch Unterlassungen, seit längerer Zeit schwer beschädigt.

Ich habe die hinter dem Imprimatur-Skandal stehende Tendenz als "greisenhaft" gebrandmarkt. Das ist nicht zwingend - es gibt auch bornierte, eigensüchtige und arrogante "junge" Zeitgenossen. Wir tun gut daran, uns nicht auf negative Ziele einzuschießen, sondern sogleich und von Anfang an einen positiven, schönen Horizont ins Auge zu fassen.

Deshalb formuliere ich:

Das Image des Antiquariats - vom kleinen Lädelchen bis zum Edelkollegen mit Messeware - muß sofort und in einer großen Kraftanstrengung umgewandelt werden vom Greisenhaften zum Jugendlichen.

Die erste, ganz einfache Begründung dafür liegt in dem unmittelbar bevorstehenden Strukturwandel, den wir verachtete Ebay-Billighuber viel früher spüren und ausmachen konnten als die anderen Kollegen: Es vollzieht sich die Umgestaltung des Antiquariats zum reinen Sammlermarkt.

Das alte Buch wird demnächst nicht mehr "gebraucht". Wer alte Bücher "braucht", der erhält sie elektronisch. Diesen Wandel können wir uns nicht schnell genug denken. Was an urheberrechtlich geschützter (und nicht trotzdem übers Netz greifbarer...) Literatur bleibt, das wird gebraucht derart billig, daß sich herkömmliche Antiquariatstechniken zu seiner Bearbeitung nicht mehr lohnen. Im Grunde sind wir heute schon so weit.

Fazit: Wir werden zu Agenten eines Sammlermarktes. Das ist nicht schlecht, denn Sammler sind sehr treue und dankbare Kunden. Die Sache ist nur die - wir müssen den Sammlermarkt "Altes Buch" erst einmal richtig ankurbeln.

Dazu brauchen wir vor allem ein Image, das jüngere Menschen anspricht. Dieses junge, neue Image des Antiquariats, bezogen auf Büchersammeln (nicht Bücher nutzen oder brauchen) muß vom Start an völlig anders aufgebaut werden.

Dazu gehört auch, daß wir dafür sorgen, die Erschließungsmittel, die Sekundärliteratur unter unsere Kontrolle zu bringen. Arbeitsmittel wie das Imprimatur-Jahrbuch müssen zum Preis wissenschaftlicher Taschenbücher verbreitet werden. Das darf anders überhaupt nicht sein. Auf Autoren wie Verbände ist hier einzuwirken.

Aber täuschen wir uns nicht - es genügt nicht, so zu tun, als würden wir uns ein neues Image aufpappen, es uns auftünchen. Die Wandlung zur Jugendlichkeit muß von innen her kommen.

Ein Beispiel für die zu lösenden Kernaufgaben ist ein jugendliches, neues, allgemeines Logo für das Antiquariat. Seit C.G. Jung kennen wir die tiefere Bedeutung solcher Symbole, solcher Zeichen.



Oben stellvertretend ein jugendliches Logo aus ganz anderem Zusammenhang, das leider heute fast nur noch - - Greisen vertraut ist.

Der IMPRIMATUR-Skandal - Sequel 1





Die meisten Leute unterschätzen den Eigensinn zänkischer alter Herren. Tatsächlich ist Vorsicht im Umgang mit Greisen geboten. Auch mit bücherhandelnden.

Glauben diese auch noch eine Mission für ihre Berufsgruppe erfüllen zu sollen und haben sie sich allerhand kindisch-knabenhafte Abenteuerlust bewahrt, dann werden alte Männer fallweise zu Hyänen und Monstern. Ich bin so ein Greisengerippe und liebe es gar nicht, unterschätzt zu werden.

Die Gesellschaft der Bücherfreunde, in vollem Umfang verantwortlich für den ärgerlichen Preisskandal, von dem gestern hier die Rede war, meinte gestern abend, mit einer direkten unverbindlichen Email mich nebelhaft-fürsorglich einlullen zu sollen nach dem Motto: "Bub, du verstehst gar nicht, worum es sich da handelt. Warte nur, bis du groß bist, dann erschließen sich dir die Hintergründe. Bis dahin schweig still und langweile uns nicht".

So, verehrter Herr Professor Wittmann, geht es nicht. Ich will im Sinne der Vertraulichkeit des Worts Ihre Email nicht zitieren und antworte daher indirekt: Die Fakten liegen für jedermann auf dem Tisch. Bitte verkaufen Sie mich nicht für dumm.

Noch immer mache ich übrigens die Herausgeberin direkt verantwortlich für den geschehenen Unfug - sie ist Medienwissenschaftlerin, sollte sich nicht hinter dem Vorsitzenden verstecken, sondern von ihrem Fach her antworten. Tua res agitur, verehrte Frau Professor. Wenn Sie nicht gesonnen sind, den blödsinnig-unverantwortlichen Preisskandal um das Imprimatur-Jahrbuch zu verantworten und rechtzufertigen, wer denn dann? Es handelt sich da um einen Teil Ihres Fachgebiets, halten zu Gnaden. Sie werden doch nicht mit Ihrem guten Namen für ein Sammelwerk als Herausgeberin zeichnen, ohne als Medienwissenschaftlerin auf die äußeren Fakten mit zu achten. Sie kennen die Folgen solcher gnadenlosen Abzocke doch genau. Lassen Sie das zu?


Die hervorragende Karikatur verdanken wir der Webseite www.leonope.com. Der Originaltitel des Bilds, das nicht gemeinfrei, sondern Eigentum des österreichischen Rechteinhabers ist, lautet "Die Wiener Panzerknacker". Ich freue mich, Ihnen damit ein Beispiel für die hohe österreichische Kunst der politischen Karikatur zeigen zu können. - Bild wird nach formloser Aufforderung entfernt. - Ich vertraue darauf, daß der geneigte Leser /die -in die sinngemäße Übertragung auf den Imprimatur-Skandal herzustellen in der Lage ist. Besonders schwer scheint mir die Denkaufgabe nicht zu sein...

Dienstag, 30. Juni 2009

Was uns Redakteur Biester verschweigt



Soll ich aus meinem Herzen eine Mördergrube machen? Darf ich nicht sagen, daß mir das törichte "Berichten" unseres Redakteurs Biester von Tag zu Tag mehr auf den Keks geht? Hat Biester nicht den Mut, Stellung zu nehmen? Wer verbietet es ihm, welche Rücksichtnahmen binden ihn?

Jüngstes, höchst ärgerliches Beispiel ist seine Berichterstattung über das Durcheinander rund um die ILAB-Datenbank. Der Rockingstone-Sprecher hat ja durchaus Recht mit seinen Argumenten und die ILAB, offenbar nicht viel mehr als die Summe ihrer Landesverbände, hat sich töricht, verantwortungslos und konfus gezeigt.

Daß uns Biester seine Stellungnahme zu grundsätzlichen ILAB-Belangen nicht verrät, kann ich angesichts seiner notorischen Anbetungshaltung dem deutschen Verband gegenüber ja einfühlen. Schwamm drüber, da kennen wir ihn inzwischen - eher verfüttert er seine Butterbrote an die hungernden Frankfurter Mainratten in der Tiefgarage, als daß er den Verband kritisiert. Da sei Casimir vor.

Aber was wirklich nicht hätte geschehen dürfen: Er benennt den unglaublichen, unseligen Fehler von Samshuijzen nicht - Samshuijzen vergißt die absolute Abschottung und Sonderstellung des deutschsprachigen Altbuchmarkts. Diese Regel gilt auch, mit minimalen Ausnahmen, für teure Bücher.

Wir werden von einem hier nicht zu nennenden niederrheinischen Kollegen, der schon marelibri mit auf dem Gewissen hat, in nächster Zeit wieder unsinnige Fenstersprüche über den Segen internationaler Datenbanken und fruchtbarer Zusammenarbeit zwischen turkmenischen und deutschen Bibliophilen hören - vergiß es. Die GIAQ macht ohnehin grundsätzlich alles falsch, was verkehrt zu machen geht - ein Fluch liegt über diesem Restgebilde, weiß der Kuckuck, weshalb. Ich habe dafür längst keine Erklärung mehr.

Rockingstone aber mit ihrem Herrn Samshuijzen sollte es besser wissen. Herr Biester, warum verwenden Sie nicht ein einziges Wort darauf, um Rockingstone von diesem deutschen Teil der Neubelebung der ILAB-Datenbank zurückzuhalten? Er muß gesagt bekommen, daß es, von wenigen Sektoren abgesehen, Spiegelfechterei, Augenwischerei und absolut sinnlos wäre, deutsche Titel auf breiter Ebene international anzubieten.

Zur Nachprüfung meiner These reicht es völlig aus, gebildete Menschen im fremdsprachigen Ausland zu fragen: Lest ihr deutsche Fraktur halbwegs fließend?

Schon die auf diesen Satz sich einstellende Verblüffung ist heilsam. Sie lehrt: Hände weg vom fremdsprachigen Ausland (Spezialsektoren wie Philosophie nach Japan und Atlanten in die USA ausgenommen) - wir müssen unsere Datenbanksorgen innerhalb des deutschen Sprachgebiets lösen.

Ich wills jetzt einfach mal wissen: Wieviel bessere Bücher in deutscher Sprache und in Fraktur glauben Sie, lieber Herr Biester, werden ins fremsprachige Ausland verkauft? Was denken Sie? Ich sag Ihnen meine Schätzung: Ein halbes Prozent der insgesamt verkauften älteren Frakturtitel.

Und nun bitte Butter an die Fische - stimmt meine Schätzung in etwa? Wenn ja, dann müssen Sie das sagen, es ist Ihre Pflicht. Sie verletzen durch Ihr stures "Berichten" die Interessen der Antiquare immer dort, wo Sie "werten" müßten.

Wer schweigt als Redakteur, wo offenkundig Unfug geplant und Falsches gedacht wird, der tut Unrecht.


Den Mühlstein, der manchen Hals zieren könnte, verdanken wir der lesenswerten Webseite www.payer.de, deren Eigentum das Bild ist. Wird auf einfache Anforderung hin entfernt.

Die Entgreisung des Antiquariats




1.
Jene Schmierenkomödie um die Verhehlung und Verschacherung guter Texte, Stichwort "Imprimatur-Jahrbuch", wird nun wieder einmal in Kohlscher Manier ausgesessen. Einfach nicht reagieren auf das Gepöbele eines Provinzantiquars!

Wenn es nach mir geht, bleibt der Skandal den Mitwirkenden noch einige Zeit in Erinnerung. Wer exzellente, wichtige Inhalte durch formale Fehler gefährdet, verbirgt, in ihrer Wirkungsmöglichkeit beeinträchtigt, der versündigt sich an der Sache, am Inhalt, am Anliegen ebenso wie ein Setzer, der gute Texte durch sinnentstellende Fehler ruiniert. Da sehe ich gar keinen Unterschied.

Das Thema taucht nun schon zum zweiten Mal in diesem Blog auf. Wir mußten vor einigen Tagen mit Betrübnis feststellen, wie ein halbes Hundert Kollegen sich mit überwiegend sehr guten Katalogaufnahmen für ein Sammelwerk abgemüht hatten, das dann in Strategie, Verteilungsweise, Druckverfahren, Werbetechnik und Imagepflege derart verhunzt, zerstört, verdummt und vertan worden ist, daß - immer nach meiner persönlichen Einschätzung - ein Denkmal der Blödheit und ein Stein des Anstoßes dort übrigblieb, wo ein Fanal, ein Anstoß, ein Werbeargument erster Güte für unser Gewerbe hätte entstehen können.

Wir lernen daraus, daß Fehler in der F o r m ebenso zerstörend wirken können wie solche im Inhalt. Ich gehe noch einen Schritt weiter und fordere in dieser Zeit des Umbruchs, des Wechsels zwischen Buch- und elektronischer Form, zwischen Laden und Internetvertrieb, zwischen open source-Gratisvertrieb und lasterhaften Apothekenpreisen der Geisteserzeugnisse, daß der F o r m nötigenfalls mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als dem Inhalt. Der beste Inhalt geht zugrunde, er wird vergeudet, wird verborgen, wenn in der Form seiner Präsentation grobe Fehler gemacht werden.

Unsere Professorin tut so, als wüßte sie das nicht. Sie weiß es aber als Fachgelehrte ganz genau, und da liegt für mich der eigentliche Stein des Anstoßes.


2.
Ich greife heute einen Aspekt heraus, der bei der Imprimatur-Affaire nur scheinbar nebensächlich ist, in Wahrheit aber den Kern berührt: Die Überalterung, die Vergreisung unseres Gewerbes, genauer gesagt seines Images - unersetzbares Fremdwort, dessen Gebrauch ich mir nachzusehen bitte.

Im Antiquariat ist mehr als in anderen Gewerben und Sammelbereichen die Sekundärliteratur, die bibliographische Verzeichnung, die historische Kompilierung wichtig. Das hängt mit mancherlei interessanten Faktoren zusammen, nicht zuletzt auch mit dem Fehlen einer Gesamtbibliographie des deutschsprachigen Schrittums, der letzte Versuch ging im Bombenhagel des 2. Weltkriegs zugrunde. Aber auch symbolhafte Gründe spielen da mit: Wer Bücher sammelt, für den deckt sich in der Herausgabe von "Büchern über Bücher" auf glücklichste Weise Inhalt und Form. Und dann ist das Thema Verlag und Druck, Dichter und Buchbinder, Zensor und Kupferstecher, ist also das ganze Universum rund um das Buch einfach faszinierend.

Wo nun diese Form, nämlich das "Buch über das Buch", derart wichtig und zentral auftritt, dort vermuten wir, daß ein guter Imageträger, ein Hilfsmittel zur Imagepflege, ein Instrument zur Darstellung des Fachs, zur Werbung für unser Gewerbe gegeben ist. Veröffentlichungen wie "Imprimatur" nehmen eine ganz zentrale Stellung ein im Universum der Bücherliebhaberei. (Sie sehen, ich vermeide das Wort "Bibliophilie", es ist überflüssig wie Krampfadern, was haben wir nicht für ein aussagekräftiges deutsches Wort dafür!).

Wenn das so ist, dann ist die Art, in der "Imprimatur" angeboten, vertrieben, beworben wird, für das Antiquariat von Bedeutung. Wir sind aufgerufen, näher hinzusehen. Ich schreibe meine Texte fast immer mit pädagogischen Hintergedanken - an und für sich sind mir, ich äußere weiterhin meine persönliche Einschätzung, sozial gedankenlose Professorinnen ebenso schnuppe wie Verleger, die sich durch ihre Preispolitik zu Totengräbern des gedruckten Buchs machen. Die sollen ruhig ihr Süppchen kochen, hab ich nicht Besseres zu tun? Aber es geht um Grundsätzliches.


3.
In meiner etwas anstrengenden Art, vom Steinchen zum Stöckchen zu kommen, lade ich Sie zuvor ein zu einem Blick auf den Neubuchhandel: ein Gewerbe steht dort vor dem unmittelbaren Untergang, abgesehen von einer Meute unsympathisch agierender Rechtsanwälte und der ratlosen Korona weltfremder Obergerichte stehen die Büchermacher alleingelassen im Regen, jeder Kenner des Netzes wird den kommenden Tod des Buchs diagnostizieren, und noch lang vorher den der Neubuchhandlungen.

Was aber tut der Neubuchhandel? Er verharrt hilflos wie das Kaninchen vor der Schlange. Ich habe noch nie solch törichte, dümmliche, unbeholfene Tapsereien gelesen wie in den Stellungnahmen, Bündnissen und Projekten, die dem Neubuchhandel helfen sollen. Hier wird die Lektüre der Börsenblatt-Ausgaben zur Qual und es bleibt nur tiefes Mitleid zurück für diesen Berufsstand, dem offensichtlich Mut, Klugheit, auch die nötige Frechheit, vor allem aber Phantasie, sozialer Durchblick, Kunden- und Menschenkenntnis fehlt. Sind alle Buchhändler dümmliche Kleingeister? Man könnte es glauben, zumal das Börsenblatt hier, anders als in seinem Sonderbereich Antiquariat, völlig versagt und ein gerüttelt Maß Mitschuld am Untergang des Neubuchhandels auf sich geladen haben wird. Indessen ist das ein anderes Kapitel, und wir tun gut daran, zu unserem Gewerbe zurückzukehren.

Das Antiquariat hat ganz andere Hausaufgaben zu machen. Es ist in einer weitaus glücklicheren Situation als der Neubuchhandel, ja es kann, richtig angeleitet, sogar der eigentliche Nutznießer der gleichen Misere sein, die den Neubuchhandel niederführt und zugrunderichtet.

Dazu bedarf es eines neuen Images.

Dieser Satz ist wichtig und eigentlich selbstverständlich. Nun haben wir aber leider zwar einige verirrte Volks- und Betriebswirtschaftler, die uns aber derart täppisch und weltfremd in die Irre geführt haben, daß es Gott erbarm - ich vergesse nie gewisse Xing-Texte, deren hochtrabender Gestus in genauem Gegensatz zum peinlichen Inhalt stand. Wir sollten ganz einfach anfangen und uns um jenes Image kümmern, ohne das weder ein rollender Kaffeestand noch ein Pudelscher- und Waschsalon seine Arbeit beginnen würde.

Dieses Image muß natürlich von uns allen erarbeitet werden. Abrenzung, Verheimlichung, Grüppchenwirtschaft führen da nicht weiter. Ich darf hoffen, daß die werten Kollegen Mebes (Yahoo-Gruppe, lang ists her) und Weinbrenner (Xing-Gruppe) inzwischen das Törichte ihres abstrusen Verfolgungswahns eingesehen haben: Eine Berufsgruppe muß offen agieren, Geheimniskrämerei schadet nur, Ausgrenzerei noch mehr.

Ich kann aber immer nur einen Aspekt vorschlagen, zur Diskussion bringen. Alles weitere muß die Berufsgruppe selber aus sich heraus entwickeln.

Mein Thema ist heute die Vergreisung des Antiquariats. Sie muß durchbrochen werden mit allen Mitteln, sie ist als schädlich zu brandmarken. Greisenhaftes Gebaren, greisenhafte Verhaltensweisen müssen überall totgeschlagen werden wie Motten, wo man sie trifft - klatsch.

Das Greisenhafte durchzieht unser Gewerbe, unsere Sammelleidenschaft wie ekliger gelber Schimmel das an sich gute, aber feucht aufbewahrte Brot. In jedem Ladenraum des Antiquariats stinkt es nach Greis, die alten Männer liegen oben auf den Regalen, alte Männer greifen mit verdorrten Fingern aus Kellerlöchern in den Ladenraum, der Antiquar sitzt beim Katalogemachen auf gekrümmten Greisenrücken, sabbernde Greise mümmeln mit ihm am Frühstücksbrot und nuckeln an seiner Kaffeetasse.

Dieses Greisenhafte ist an vielen, an allzuvielen Elementen unseres Gewerbes festzumachen. Der Greis ist der Fluch des Antiquariatsgewerbes.

Greisenhaft ist der lächerliche Tick, wir sollten unsere Bücher nach den traditionellen bibliographischen Regeln "erfassen" - anstatt die sture Formalbibliographie endlich durch Inhaltserfassung zu ersetzen. Ich hab dazu schon viel geschrieben. Wir müssen unsere Läden radikal umdenken und für die jüngeren Menschen betrebar, bewohnbar machen, noch radikaler sind unsere Kataloge zu ändern. Der jüngste Antiquariats-Sammelkatalog war formal gesehen das scheußlichste Vergreisungsinstrument, das je erschienen ist - hoffentlich das letzte dieser Art. Vergreist sind unsere Werbemittel, vergreist ist unsere Art der berufsständischen Zusammenarbeit. Zänkische, zahnlose Greise separieren sich in eifersüchtig überwachte Sondergrüppchen, halten sich bei Quisquilien auf, verlieren die große Linie, den Horizont völlig in den kleinlichen Greisengehirnen.

Es riecht überall im Antiquariat nach Inkontinenz, Altmännersocken und mangelndem Deodorant. Das alles bitte ich in übertragenem Sinn zu verstehen. Bis in kleinste Verästelungen ist unser Gewerbe systematisch angegreist, vergreist und verknöchert. Wir haben uns abstoßend gemacht!

Nun bin ich ja, das muß in Klammern gesagt werden, einer der dienstältesten Kollegen. Wird kontinuierliche Nebenbeschäftigung im Antiquariat, etwa die Schulzeit- und Studienfinanzierung, mit anerkannt, habe ich 50 Berufsjahre auf dem Buckel. Ich taste mich heute mit Rauschebart und Nickelbrille durch die Straßen und bin als Fotomodell für das Motiv "sabbernder Greis" gut brauchbar.

Gerade deshalb kann ich mich zu diesem Thema frei äußern, ohne die schönen Regeln jener Pietät dem Alter gegenüber zu verletzen, von denen ich ohnehin nie viel gehalten habe.

4.
Nun erkennen Sie auch, was mich am "Imprimatur-Skandal" so aufregt: Es ist das Musterbeispiel einer vergreisten, schädlichen, unser Image zerfressenden, gedankenlos-dümmlichen Vorgehensweise.

Wer bitte sagt uns denn, daß es nicht jüngere Leser- und Käuferschichten für Sammelbände dieser Art gibt? Zweihundert Mark auszugeben für einen ordentlich gedruckten, gut illustrierten Band von etwas über 300 Seiten, das ist Greisenart. Der büchersammelnde Greis hat genug Sammler-Masochismus, um ohne weiteres zwei alte Blaue dafür hinzulegen, Jahr für Jahr. Das erspart den Gang ins Sadomaso-Studio, wo alles noch teurer wäre. Die Bibliotheken erpreßt man ein wenig, sie "müssen" das Buch ja haben. Ansonsten verharrt man in hilfloser Resignation, indem man sich selber versichert, es gebe ja sonst doch keine Käufer solch anspruchsvoller Texte.

Diese intrigante, unsaubere, mutlose Greisenart wirkt auf jüngere Menschen so abstoßend, daß man schreiben könnte: Leutz, merkt Ihr das denn nicht? So darf es nicht gemacht werden!

Richtig beworben, für 29,50 Euro gut gedruckt und gebunden, notfalls in Südtirol oder in Zagreb (die wollen auch leben), die Autoren sogar, man staune, bescheiden entlohnt - - so geht das, so macht man das.

Freilich, es wäre das nur ein kleiner Beitrag zur Entgreisung des Antiquariats. Aber ein nicht unwichtiger.

Der fällige Imagewandel des Antiquariats muß tatkräftig, mit jugendlichem Elan in Angriff genommen werden. Kehrt die Greise vor die Tür, kippt sie aus dem Fenster! Wenn sie Herzensbildung haben, werden sie uns sogar verstehen.





Das Bild ist Eigentum der Webseite
www.schlohmann.de/artcenter.html. Wir danken für die Verwendungsmöglichkeit. Wird auf einfache Aufforderung hin sogleich entfernt.

Montag, 29. Juni 2009

Warum das Imprimatur-Jahrbuch der Bibliophilie schadet


1.

Imprimatur
Ein Jahrbuch für Bücherfreunde. Neue Folge
[Band XVIII (2003)]

Leinen, 326 Seiten, 157 Abbildungen - 24 x 17 cm
ISBN10: 3-447-04723-2
ISBN13: 978-3-447-04723-4
96,00 Eur

Kein Zweifel: Der Verlag Harrassowitz in Wiesbaden ist ehrenwert und angesehen. Nichts anderes kann von der Gesellschaft der Bücherfreunde behauptet werden. Auch bitte ich zur Kenntnis zu nehmen, daß ich die folgenden kritischen Bemerkungen im Sinne einer persönlichen Meinungsäußerung und in meiner Eigenschaft als unmittelbar Betroffener niederschreibe.

Es gibt eine Preispolitik des Buchs, eine Preispsychologie. Man kann damit nutzen, aber auch schaden. Durch falsche Bücherpreise wurden schon Ideen zerstört, Bewegungen eingesargt, gute Gedanken eingemauert - man denke etwa an die ältere Anthroposophie vor den Taschenbuchausgaben. Bücherpreise sind mehr als nur Kalkulation, weit mehr.... - Und nun zum konkreten Fall, der uns Antiquare unmittelbar angeht.

Was hier geschieht, ist eine Schande, es ist ein Unrecht am Gedanken der Bibliophilie, der Bücherleidenschaft, der Liebe zum alten Buch. Die völlig abstruse - fast möchte ich sagen unmenschliche - Haltung der Gesellschaft der Bücherfreunde erscheint mir ebenso verwerflich wie die Preispolitik des Verlags.

Wir haben im Auge, wenn wir dies behaupten, daß der Verlag seine Kalkulation im speziellen Fall erheblich lockerer gestalten kann als sonst, weil ja die Mitglieder der Gesellschaft das Jahrbuch als Teil ihrer Mitgliedschaft automatisch erhalten - eine gute Startauflage ist gesichert. Nichts erfreut den kalkulierenden Verleger mehr als solche Subskriptionssicherheit.

Wenn ich nun aber dem Nichtmitglied 326 Druckseiten mit 96 Euro, auf gut deutsch für 200 Mark alter Währung verkaufen will, dann grenzt das nach meiner Einschätzung an Mißbrauch.

Wieder einmal hat eine Vereinigung, von der man einigen Einfallsreichtum im Bemühen, ihre schöne Idee zu verbreiten, hätte erwarten können, kläglich versagt.

Der Verleger kann dafür nicht einmal besonders viel. Er kommt mir in diesen digitalen Zeiten vor wie einer jener Sparkassenmanager, der mit Recht darauf hofft, daß es immer noch genug alte Omas geben wird, die fleißig auf Sparkassenbüchlein einzahlen - - deren Rendite die Inflationsrate unterbietet. Auf Naivenfang läßt sich der Vorgang aber leider nicht beschränken, denn es ist auch leise, vom Verlag so in der Regel gar nicht gewollte, manchmal nicht einmal bewußte "automatische Erpressung" mit im Spiel. Denn wer das Buch vom Thema und den - exzellenten - Autoren her unbedingt braucht, ohne Mitglied zu sein, der muß es erwerben. Ob die dort Schreibenden wissen, daß sie sich an diesem subtilen psychologischen Spiel mitschuldig machen?

Nochmals: Ich unterstelle keine Absicht, weder dem Verlag noch der Gesellschaft noch gar den Autoren. Aber sie müssen doch sehen, daß sie sich mit solchen Verlagsobjekten zu Mitagenten in einem Spielchen machen, das, soweit Bibliotheken und Institute als Nichtmitglieder das Buch erwerben, über die öffentliche Hand jeder von uns mitbezahlt.

Düster wird es, wenn wir die privaten Interessenten, die sich nicht an die Gesellschaft binden wollen, betrachten. Denn hier wird nun nackte Abschreckungspolitik bewirkt.

Es müßte das Interesse der Antiquare sein, den bibliophilen Gedanken zu bewerben, zu verbreiten, rasch und allgemein zugänglich zu machen.

Bücherpreise dieser Art zerstören, verderben, gefährden die Bibliophilie. Wir Antiquare solllten derartigen Verlagsobjekten den Kampf ansagen.

2.
Macht sich hier einfach nur der Gegensatz bemerkbar - zwischen jener Edel-Bibliophilie, wie sie Redakteur Biester so sehr liebt und die sich nirgends deutlicher abbildet als in seinem "Aus dem Antiquariat", das Scharwenzeln, Heucheln und Erbsenzählen auf Messen und in teuren Großstadtantiquariaten - - und der anderen, der Mittelklasse-Bücherleidenschaft?

Da steckt viel mehr dahinter. Nur ein Beispiel: Ich will jüngere Menschen, regelmäßige Neubuchkäufer und bibliophil Interessierte, ins Antiquariat hinüberziehen, sie sollen auch bei uns Kunden werden, sich nach und nach eine antiquarische Bibliothek aufbauen, Sammler der alten Bücher werden.

Eine der ersten Grundsätze dabei muß sein, gerade in Internet-Zeiten, daß der Bibliophile nicht allein den Text, sondern das körperliche Buch besitzen soll und will. Er wird einen Sinn dafür bekommen müssen, daß die Magie des gedruckten Wortes auf Papier durch nichts zu ersetzen ist.

Eine dreiste Ohrfeige ins Gesicht dieser meiner Strategie als Antiquar ist die gemeinschaftliche Spitzenleistung der Bücherfreunde zusammen mit Harrassowitz - wie um alles in der Welt soll ich denn dem jüngeren, angehenden Bibliophilen klarmachen, daß er sich solcher Beutelschneiderei unterwerfen muß?

Deshalb sollte die Preispolitik des Verlags, weit mehr aber noch die Blindheit und Taubheit der "Bücherfreunde" deutlich gebrandmarkt werden als das, was sie ist - ein Beitrag nicht zur Genesung, sondern zum baldigen Tod des Büchersammelns.

Vorsicht, hier sind Totengräber am Werk!



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Ein vielsagender Kommentar im Börsenblatt.net zur dortigen Neuerscheinungsmeldung:

1.
H. Erlemann 29.06.2009 16:13h
Nur kurz: Eigentlich Pflichtlektüre für jeden Antiquar und Bücherliebhaber. Die Fülle der aufbereiteten und teils nur angedeuteten Informationen ist beeindruckend.

Mein Kommentar zum Kommentar:
So ist es! Wie wahr! - Und bitte, wie soll ich dem Adepten der Bücherliebhaberei, dem Neubeflissenen, dem jungen, sagen, daß ihn ein Wissenschaftsverleger und ein blind-tauber Bibliophilenverein diese Pflichtlektüre - - nur für 98 Euro verhökern will?

Das wäre von einem verantwortungsvollen Verein für 29,90 Euro zu machen. Das könnte ich vertreten, ohne dem Kunden gegenüber schamrot zu werden.

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neuerlicher Nachtrag:

2. H. Erlemann 29.06.2009 20:07h
Was ein süddeutscher Antiquar ohne Kenntnis des Inhalts mit Gemecker über den Preis des neuen Jehrbuchs im Blog schreibt, ist unerheblich. Informationen kosten Geld, sind es auch wert.

Zum Beispiel: Ernst Ludwig Presse. Das Archiv ist gehaltvoll. Fast alle Korrespondenz ist vorhanden.
Ein Schatz. Seit 10 Jahren bekannt, aber bislang nicht gehoben.

Schande über den Besserwisser aus Freiburg, der viel schwadroniert und defätistisch agiert, dem ich jetzt ein weiteres Krokodil zuschicken werde.

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Lieber Herr Erlemann,

solche Leserbriefe im Börsenblatt sollen Sie nicht schreiben. Damit bringen Sie unser aller Redakteur Biester in eine peinliche Lage. Er hat Angst vor dem Verlag Harrassowitz - schon vor vielen Monaten, als er mich noch nicht aus dem Börsenblatt hinauszensiert hatte, tilgte er sorgfältig alle Postings, in denen ich mich gegen das nach meiner persönlichen Einschätzung ganz unerträgliche und schädliche Gebaren unserer beiden Bibliographie-Verlegergrößen in Wiesbaden und München gewendet hatte. Dieses Thema nun durch die Hintertür in seinen Tempel der Reaktion, der kritiklosen Anbetung von Geld und Wirtschaftsmacht hineinzutragen - - fi donc.

Anmerkung: Mein geschätzter Kollege Erlemann-Eutin ist der eine der beiden Herausgeber jenes unsäglichen "Gemeinschaftskatalogs" , den wir einige Blogs weiter unten mit Entsetzen und Trauer so negativ zu rezensieren hatten in der Form, der Verbreitung, der Medien(un)wirkung - bei ansonsten ausgezeichnetem Inhalt. Die Parallele ist schon fast erheiternd - wieder handelt es sich, nun beim "Imprimatur", um wichtige, brilliante Texte, deren technische Darbietung, hier beschränkt allein auf die Preisgestaltung, sich als katastrophal dumm und unangemessen erweist.

Hier nur zur Sache: Imprimatur ist mir seit der Unterprima vertraut, als ich mit Sondergenehmigung, die war damals noch notwendig, meine Nachmittage in der Freiburger Unibücherei zubringen durfte, vorzugsweise in deren ausgezeichneter bibliographischer Abteilung.

Sie können leider nicht lesen, oder Sie mögen es nicht tun: Hatte ich auch nur mit einer Zeile den Inhalt, den Gehalt, die Bedeutung des Imprimatur-Jahrbuchs herabsetzen wollen? Das Gegenteil ist der Fall - ich halte "Imprimatur" für unverzichtbar, wünsche ihm, nicht nur als bestes Werbemittel für unser Antiquariat, weiteste Verbreitung. Gerade deswegen, das sollte nun doch ein Blinder verstehen, ärgert es mich bis zu Weißglut, wie töricht, leichtfertig, verantwortungslos hier diese ausgezeichnete Quelle, dieses geschätzte Grundlagenwerk einem (hier nicht näher zu qualifizierenden) Verleger in den Rachen geworfen wird, der mit seiner Preisgestaltung nach meiner persönlichen Einschätzung eines ganz gewiß tut - - - die Verbreitung des ihm anvertrauten Werks nach Kräften zu behindern.

Das ist ein Verrat am Inhalt der Jahrbücher. Wenn ich so tue, als könne ich dieses Jahrbuch nicht anders vertreiben als zu 98 Euro, dann bin ich, von einer höheren Warte betrachtet, dem Inhalt, den Verfassern gegenüber - - gewissenlos. Das ist, wie eingangs bemerkt, meine persönliche Wertung, aber Sie dürfen Gift darauf nehmen, lieber Herr Erlemann, daß in einem Prozeß, den der Verleger gegen mich anstrengen würde, Medienfachleute und Antiquariatskollegen als Gutachter bereitstünden, um zu bestätigen: Da hat der Mulzer Recht, so geht es nicht, so darf ein Verleger Informationen dieser Art nicht verhehlen, verbergen. Das ist nicht sachgerecht, nicht gerecht dem vorzüglichen Inhalt gegenüber.

Die eigentliche Schande aber bei diesem Trauerspiel fällt auf die verantwortliche Herausgeberschaft. Wie um alles in der Welt will sie, sach- und fachkundig, eine solch unsägliche Preispolitik rechtfertigen? Ihr gegenüber sage ich, anders als dem Verleger, der Geschäftsmann ist und sein darf: Frau Professor, Sie haben durch diese Art des "Herausgebens" wichtiger Texte Ihrem Fach nicht gedient, sondern geschadet, Sie haben Wissenschaft damit nicht verbreitet, sondern verhehlt.

Daß das Börsenblatt mitsamt dem verschüchterten Redakteur Biester, daß "Aus dem Antiquariat" und der bis in die Haarspitzen arrogante, versnobte Verband der Antiquare keinen Widerspruch anmeldet und die Überlegungen des alten Mulzer totschweigt - das wundert den Kenner der Szene nicht.







Das Foto gehört der informativen Webseite www.wallstreet.de. Wir danken für die Verwendungsmöglichkeit und entfernen das Foto auf formlose Anforderung hin sogleich.

Freitag, 26. Juni 2009

Dreigegliedertes Verkaufsportal der Antiquare - Sequel 1




Nachtrag zum Vorschlag eines dreigegliederten Portals:

Noch nie ist irgendein Kollege auf das Bündel meiner Thesen zur Verkaufsstrategie und zur Gewinnung neuer Käuferschichten eingegangen. Liegt das darin begründet, daß dem Antiquar strategisch-gesellschaftliches Denken besonders fern liegt? Wie auch immer, hier sind sie gleich nochmal:


Der mittlere Nutzer unserer Verkaufseinrichtungen im Netz, ob Webseiten, Datenbanken oder Metasucheinrichtungen, ist nicht in der Lage, vor allem aber nicht willens, mehrere Portale abzufragen. Er kann und will sich nur eine Anlaufadresse merken, der er dann treu bleibt.

Die Gründe für diese seine *Unwilligkeit*, ein begabter und geübter Kreuz- und Quereinkäufer im Netz zu sein, sind vielschichtig. Wichtig ist für uns nur, daß der Kunde sich so verhält. Ich halte zwei Motive dafür verantwortlich:

Einmal ist dem Sammler alter Bücher sein Hobby zwar lieb, aber er hat noch einen Rattenschwanz anderer, beruflicher und privater, Verpflichtungen im Netz - also bleibt ihm nur eine sehr begrenzte Aufmerksamkeitsspanne zum Netzthema "Antiquariat". Zum anderen ist as ZVAB eben doch unangefochtener Marktführer, und sehr viele Sammler kommen mit ZVAB bisher gut hin.

Wir brauchen ein psychologisches Argument, um die Trägheit und Ungeübtheit des Käufers in den Griff zu bekommen. Das kann, nun folgt der Kern meiner Theorie, die Sie ja alle kennen, nur sein, daß in der neuen dreifachen Datenbank

*alle oder doch sehr viele Antiquare vertreten sind.

"Vertreten sein" reicht aber nicht hin. Die eigentlich doch sehr überraschende Misere, man möchte von einem Scheitern sprechen, die die Meta-Verkaufsportale befallen hat und aus der sie nicht herauskommen, lehrt uns, daß es psychologisch eines weiteren Argumentes bedarf.

Hier ist nun das dreigeteilte System des neuen Portals qua Konstruktion sehr hilfreich, denn es geht ja von RF Meyers Webseitenbündnis aus - hier sind sehr viele Antiquare nicht nur "irgendwie auch vertreten", sondern sie stehen verantwortlich, sie firmieren unter diesem gemeinsamen Dach. Das ist etwas viel Wertvolleres und Aussagekräftigeres für den Kunden, denn noch immer ist Netzkauf alter Bücher Vertrauenssache in hohem Maß.

Die Vielseitigkeit der Einzelwebseiten der Antiquariate muß so überzeugend sein wie ihre Menge. Vom Edelantiquariat bis zum MA-Wühlmäuschen, vom Fachantiquar bis zur ästhetischen Jungfrau, die Kinderbücher bei Kerzenlicht anbietet - alles muß da sein.

Nun ein weiterer Schritt meiner Argumentation, auch den kennen Sie ja längst: Um eine Vielzahl von Kollegen einbringen, versammeln zu können, müssen die Bedingungen der Teilnahme quasi ohne Eintrittsschwelle gestaltet sein. Das heißt, daß wir unsere Musterwebseiten verschenken sollten und auch in der Entgeltfrage der Datenbank stur auf Selbstkostenniveau fahren müssen. Wir sollten das so hinbekommen, daß jeder Antiquar mit ärgerlicher Handbewegung murmelt - naja, warum nicht, kostet ja fast nischt, schadt nischt, machen wir.

Also nicht mit hohen Ansprüchen, auch nicht mit jener bedeutungsvollen Sprache antraben, die mich bei der GIAQ so aufregt. Das Bedeutungsvolle kommt dann später schon noch, denn die Antiquare waren stets auch heimliche Zeremonienmeister und Hohepriester. Aber zunächst einmal müssen wir tiefstapeln, nicht fordern, ganz selbstverständlich-beiläufig agieren.

Wir haben also folgendes zu diskutieren:

Vor- und Randbemerkung: Am besten führt RF Meyer die Feder, wenn mein Name auftaucht, laufen die Kollegen ja doch wieder schreiend davon. Diesen Blog hier liest ja keiner, und ich wünsch mir durchaus, daß das so bleibt. Denn dann kann RF Meyer sozusagen auf einem weißen Blatt Papier anfangen.

1.
Entwurf und Diskussion einer Rahmen-Webseite. Das fertige Modell kann und soll jeder Kollege für seine Bedürfnisse ändern, er kann Teile davon übernehmen, auch nur die juristischen Texte, wie er will, nur muß er die Standards einhalten, durch die gewährleistet wird, daß er Angaben für die Sachgebietsportale besonders kennzeichnet, ebenso Fachkataloge usw. - Das ist gratis und steht allen frei.

2.
Erarbeitung und Diskussion der Fachportale. Die könnte man, angelehnt an jene Sachgliederung, die irgendwo unten in diesem Blog vergraben ist, erst einmal verbindlich thematisch festlegen. Dann stoppelt man eine Art Wiki zusammen, bringt einige gute Scans mit typischen Bücherarten aus dem Themengebiet, damit der potentielle Büchersammler Lust bekommt und angeregt wird. Sozusagen ein Gang ins Fachantiquariat, visuell.

3.
Die gemeinsame Datenbank. Dazu übernimmt man eine gute schon bestehende, betreibt sie still und leise - - um dann am Tag x den Massentransfer dorthin zu unternehmen. Die Vernetzung der drei Teile muß natürlich schon vorher klappen. Ich finde es lustig, daß die neue ILAB-Datenbankplanerin jetzt ähnliche Vernetzungen machen will. Im Prinzip hatte das ja auch die Quack mal ganz gut angedacht, dann aber so ziemlich vertan, schade. Es bleibt also nicht ewig Zeit, sowas zu entwickeln, die Konkurrenz schläft nicht. Die kommerziellen Datenbanken können ein Modell dieser Art nicht anbieten, weil sie damit den Traffic über ihr Abmelksystem schnell verlieren würden. Das kann (sich) nur ein Portal leisten, das grundsätzlich keinen Gewinn machen soll. Die Arbeitsstunden sind aber gut zu löhnen; das nicht überall und immer vorgesehen zu haben, war ein Denkfehler der Quack, der bestimmt viel geschadet hat. Ehrenamt ist gut, Stundenlohn ist besser.


Die Graphik ist Eigentum des Herausgebers der DVD. Wir bedanken uns für die Illustrationsmöglichkeit. Wird auf formlose Anforderung hin sogleich entfernt.

Für alle Antiquare: Die neue dreigliedrige Portal-Datenbank

1.Bild: Schema-Übersicht
2.Bild: Auf dem Dreifuß links sitzt, ganz ohne Hutnadel, unsere Kollegin aus Kiel - rechts bewundern wir Oberkonsistorialrat RF Meyer


1.
Es gibt kaum etwas Peinlicheres als jene Gaukler, die sich - mit allen Tricks ihres Fachs - als Berater, Psychologen, Soziologen, kurz: seelenkundliche Marktwirtschaftler in unser Wirtschaftssystem einklinken wollen. Redakteur Biester nimmt gerade, wie er uns freudestrahlend mitteilt, an einem solchen "Seminar" teil. Wer durch die nach meiner Einschätzung infam manipulativen Fotos des Leiters auf der Seminar-Webseite noch nicht abgeschreckt worden ist, der soll - - zum Augenarzt gehen.

Die Frage stellt sich schon: Bringen betriebs- und marktwirtschaftliche Lehren irgendetwas für unser höchst eigenwilliges, kompliziertes und einmaliges Gebiet, das Antiquariat? Trennt man die einzelnen Bereiche auf, nach Edel-, Laden-, Fach-, Kistenschieber-Antiquariat usw., dann mag es die eine oder andere Erkenntnis geben. Da aber so gut wie immer alle oder doch mehrere dieser Aspekte vermischt sind in jeder Firma und noch höchst individuelle Ankaufs-, Lager- und Absatzstrukturen hinzukommen, kann uns die Expertenwelt der Marktwirtschaft nicht helfen.

Was übrigens auch für den Neubuchhandel gilt. Aber das ist ein anderes Kapitel. Ich habe selten so schwache, schlechte und primitive Abhandlungen gelesen wie die im allgemeinen Börsenblatt immer dann, wenn es um Absatz, Psychologie und Marktgesetze des Buchhandels geht. Auch hier kommen wir ganz offensichtlich nicht mit allgemeinen Regeln der Wirtschaft, sondern nur mit hochspezialisiertem Fachwissen weiter. Wenn wir gerade dabei sind: Warum gelingt es der - brillianten - Buchwissenschaft so selten, brauchbare Anwendungsmodelle für den Neubuchhandel zu liefern?

Aber zurück zum Antiquariat. Ich sagte vor einigen Tagen schon, wie rührend sich unser neugebackener Kollege Weinbrenner, und mit ihm andere Leute aus der allgemeinen Betriebswirtschaft, in ihrer XING- Zwangsanstalt vertan hatten im Sachbereich "Antiquariat". (hatte ich "XING-Raubritterburg" gesagt? Nein - ich dachte nur gerade daran, daß XING das Nutzungsrecht für alle dort geschriebenen Beiträge beansprucht - wer dort schreibt, muß das wissen. Sagen tut es ihm vorher keiner, Weinbrenner zu allerletzt. Ich erfuhr es erst, schadenfroh angegrinst, im Nachhinein). Wir kommen, ich wiederhole es, mit allgemeinen Lehren aus dem Wirtschaftsleben, so gut sie gemeint sein mögen, in unseren speziellen Bereichen nicht weiter.


2.
Ich wäre zu gern dabeigewesen in Berlin, als das schüttere Grüppchen der Sieben Schwaben von der AG im Börsenverein am Tisch saß, Kollege Dumjahn hätte mit mir über Schmalspurbahnen in Ostpreußen gefachsimpelt und Kollege Gruber zorngrollend meine unsäglich unkorrekten Rechnungen moniert. Spaß beiseite, irgendwann mag sich unser aller Redakteur Biester an mein Arbeitspapier erinnert haben, in dem ich die AG zum Hoffnungsträger einer neuen Dachvereinigung aller Antiquare ernannt und verschiedene sehr praktische und unmittelbar durchführbare Szenarien für den Weg dahin aufgestellt hatte.

Nach beiläufiger Erwähnung meines Namens laufen zwei der Genossenschaft eng verbundene Herren knallrot an, Kollege M. vom Rhein bekommt einen Zufall, Gruber rollt die Augen gen Himmel, Dumjahn seufzt vernehmlich auf. Ein Engel geht durchs Zimmer, noch einer... Der arme Biester versinkt im Boden, tütet die Mulzerschen Vorschläge geschwind ganz unten in der Mappe wieder ein - das Unsägliche ist vorbei. Weiter zur Tagesordnung.

Einige Minuten noch lastet der Schatten des Verworfenen aus Freiburg über der Szene, alle fühlen sich wie bei der Familienfeier, wenn ein Unglückswurm an Onkel Theobald erinnert, der als schwarzes Schaf der Familie zwischen Irren- und Zuchthaus hin- und herverschubt wird. Nicht erwähnen! Aber irgendein Trottel findet sich immer, der sich nicht an das Schweigegebot hält.

Ich halte jenen Aufsatz für das mit Abstand Beste, was mir je eingefallen ist. Sie können es bei Bedarf ja nochmal nachlesen.

3.
Nun stellt sich die Frage, was wir Antiquare unmittelbar, sofort, ohne lange Vorplanung unternehmen sollen und können.

Das geht nicht ohne Wiederholung von längst Gesagtem und gut Bekanntem ab.

Man kann meine Portal-Datenbank in 3 Arbeitsteile gliedern:

a) Handreichung/ Grundmodelle für gute Antiquariatswebseiten - diskutieren und dann als Muster ins Netz stellen - -

b) diese Kollegenseiten von den enthaltenen Titeln her vernetzbar machen mit einer allgemeinen Bücherdatenbank im Eigenbesitz aller Antiquare - -

c) gute Sachgebietsportale erstellen, die ihrerseits wieder vernetzt sind sowohl mit den Antiquariatswebseiten als auch mit der allgemeinen Datenbank.

Der Kunde kann dann, das muß durch entsprechende Hinweise und Buttons gefördert werden, beständig hin- und herwechseln zwischen diesen 3 Bestandteilen der Datenbank. Vom Sachgebietsportal "Eisenbahn" her kommt er sowohl zum Fachantiquariat Dumjahn als auch zu den kleineren Fachbeständen anderer Antiquariatsseiten - aber das Sachgebietsportal enthält auch alle Eisenbahntitel aller Antiquariate als Ausschnitt aus der allgemeinen Datenbank.

Dadurch ist die Webseitenbündnis-Methode des Kollegen RF Meyer verbunden mit meiner Theorie, daß in Zukunft der Sachgebietssammler immer wichtiger wird für unseren Absatz der alten Bücher und daß für jedes denkbare Altbuch-Sammelgebiet Fachportale eingerichtet werden sollten. Im Mittelpunkt aber steht nach wie vor die allgemeine Datenbank unter der Kontrolle aller Antiquare.

4.
Ich bin bereit, mich einzubringen in den Sachbereich Standardwebseiten / Webseitengestaltung. Hier liegt sehr vieles ganz fürchterlich im Argen. Ich sag ja nichts, wenn es sich, wie es mitunter der Fall ist, um selbstgebastelte Webseiten kleiner Kollegen handelt. Aber es sind gerade die größeren, teils teuer bezahlten, "ausgesurzten" Webseiten, die ich, sorry, zum Kotzen finde und wo ich mit dem Anstreichen gröbster Fehler in Graphik, Psychologie und Text gar nicht nachkomme.

Da es so ist, bitte glauben Sie mir - es ist noch viel schlimmer -, scheint mir das Entwerfen mehrerer Musterseiten höchst nützlich. Die diskutieren wir dann gemeinsam durch. Die Endfassungen darf jeder Kollege in der hergestellten oder auch in veränderter Form für sich selber verwenden - vorausgesetzt, daß er sich zur Teilnahme am "Webseitenbündnis" und an der allgemeinen Datenbank verpflichtet.

Hier müssen endlich auch die Pflichttexte in Sachen Fernabsatz, Geschäfts- und Lieferbedingungen diskutiert und festgelegt werden. Man watet da bei den Kollegen durch kniehohen Müll, das muß ja nicht sein, muß es nicht?