Freitag, 11. September 2009

Die deutschen Antiquare als Herren ihres Monopols








1.
Die Abschottung des deutschsprachigen Altbuchmarkts vom Rest der Welt ist eine Tatsache. Man hat immer wieder versucht, diesen Sachverhalt zu relativieren. Und tatsächlich sind Seltenheiten im mittleren und hohen Versteigerungsbereich auch international handelbar, hochkarätige Graphik sowieso. Und es mag auch sein, daß Maremagnum freudestrahlend italienische Handschriften nach Polen vermitteln konnte, und wirklich kaufen Japaner, so sie sich nicht verheddern im Porto- und Zollprozedere, recht gern ältere deutsche Philosophie.

Was alles aber nichts ändern kann an der Gültigkeit jenes Gesetzes, auf dem ich seit Jahren herumreite: Abgesehen von zu vernachlässigenden Randerscheinungen ist der deutschsprachige Lese- und Käufermarkt von den anderen Sprachbereichen im Altbuchsektor absolut abgeschottet.

Nun ist das schon ein Phänomen. Wir haben seit jeher nämlich eine sehr große deutsche Titelzahl, weltweit früher lange Zeit an erster oder zweiter Stelle, aber keine früheren Kolonien, eine unendlich schwer zu erlernende Grammatik und, nicht zuletzt, unsere Frakturschrift. Unser abgeschotteter Altbuchmarkt ist eine angesichts unserer Millionen von Titeln eine international kein zweites Mal vorkommende Besonderheit.

Ich bitte doch jene wenigen Kollegen, die mit Edeltiteln zu handeln das schöne Vorrecht haben, hier nicht gleich wieder, mit oder ohne ILAB-Datenbanken, die Internationalität auf Messen und in Versteigerungen hervorzuheben. Ebenso mögen die wenigen echten Fachantiquare den Bedarf englischsprachiger Fachtitel in Deutschland, der ja durchaus da ist, nicht verallgemeinern. Tatsächlich sind, vorsichtig geschätzt, 95 % des deuschsprachigen Altbuchmarkts peinlich genau von der übrigen Welt abgeschottet.


2.
Was bedeutet das? Zunächst natürlich ist das eine Erschwerung des Verkaufs, da wir eine weltweite Kundschaft uns beim besten Willen nicht erwerben können. Das ist nicht unbedingt negativ, denn im Umkehrschluß bleiben wir auch von der weltweiten Konkurrenz der Kollegen verschont.

Bei näherem Hinsehen schenkt uns diese Situation ganz erstaunliche Möglichkeiten, die kaum ein anderes Land hat - die wir nur erkennen und dann nützen müssen.

Die Gefahr einer Monopolsituation im deutschsprachigen Datenbankbereich, die Möglichkeit einer Übernahme des ZVAB durch Abebooks, also durch Amazon, ist hier oft und mit Grund diskutiert worden. Darum soll es heute nicht gehen, sondern ich lade Sie ein, in einer vielleicht etwas verblüffenden Wendung den Umkehrschluß zu wagen: Wer hindert uns denn unsererseits, diese Möglichkeit einer Monopolisierung im deutschen Sprachbereich zu nutzen?

Mit knappen Worten - es ist ohne weiteres machbar, den deutschsprachigen Altbuchmarkt monopolartig zu dominieren, ihn in jeder Hinsicht, vor allem auch publizistisch und werbetechnisch, so zu beherrschen, daß den anderen Portalen nur noch der übliche (und juristisch notwendige) Alibi-Sektor im einprozentigen Absatzbereich übrigbleibt.


3.
Ich schätze den Absatz unserer Titel jeglicher Art und quer durch alle Wertstufen zur Zeit innerhalb eines Jahres auf höchstens rund 5 %. Auch hier wieder die herzliche Bitte, daß jene Kollegen, die viel bessere Absatzzahlen haben, sich doch still freuen mögen - denn die betrübliche Tatsache bleibt trotzdem bestehen, daß fast alle Kollegen bei dieser 5 %-Marge herumdümpeln. Abgesichts der ärgerlich hohen festen Abonnements-Grundgebühren etwa beim ZVAB ist diese geringe Absatzmarge höchst peinlich, noch nicht zu reden von der immer fragwürdiger werdenden Zeit-Ertragsrechnung für die Eingabe neuer Titel. Es ist das Riesenmeer unserer bereits vor Jahren aufgenommenen Alttitel, das uns den Blick vernebelt auf die Absatzmisere jetzt und hier.

Wie aber kann der Absatz verbessert werden? Um es gleich zu sagen, nur durch einen M i x von Maßnahmen. Es gibt da kein Patentrezept. Eine Mehrzahl von Möglichkeiten muß diskutiert und angewendet werden.

Was aber eisern feststeht, jeder Kollege sollte diesen Satz auswendig lernen: Alle unsere Förderungsmaßnahmen greifen nicht, wenn sie nicht auf ein großes, allgemeines Modell mit Tendenz hin zur Monopolisierung angewendet werden.

Es wird nie etwas aus den vereinten Bemühungen der Antiquare, ehe wir nicht eine geeignete große Plattform haben, mit der wir uns identifizieren können!

Im Lauf der Zeit sind viele gute (und auch weniger gute) Vorschläge zur Absatzförderung gemacht und in Ansätzen auch verwirklicht worden. Das alles aber geschah zersplittert, marginal, an irgendwelchen Eckchen oder in kleinen Randdatenbänklein. Paradebeispiel für solche Vernutzung, Vergeudung, Verdummung einer Reihe sehr guter Einfälle ist das Geschehen rund um das Webseitenbündnis. Von der Seitenvernetzung bis zur Rabattidee sehen wir manches Goldkörnchen, das aber in einer so törichten und unbegabten Rahmenorganisation im Sande sich verlieren mußte. Auch in der Runde des Kollegen Weinbrenner wurden erstaunlich viele gute Ideen geboren, nur um dann gleich wieder erstickt zu werden in seiner Xing-Manie, Öffentlichkeits=Google-Furcht und anderen täppischen Fehlern. Das hatten wir schon in der ZVAB-Vorplanung vor 10 Jahren besser gemacht, organisatorisch. Nicht heiterer wird das Bild durch nicht klar beendete, weiterdümpelnde Projekte wie die Hoefsche Runde. Die ganz unerträgliche Vereinsführung beim Verband, mit mieser Informationspolitik und stetigem Untergrundkampf, führt auch nicht weiter. Und Philobiblos = Biester, der manches hätte bewirken können über den Börsenverein, kommt von seiner Liebe zum Edelantiquariat nicht los und von seiner zaghaften Unentschlossenheit auch nicht. Über die Genossenschaft lasset uns gnädig schweigen an dieser Stelle.

Die Meta-Projekte hätten in dieser Situation einiges bewirken können. Ich meine da besonders SFB = Eurobuch. In Wien sitzen sie aber seit Jahren gemütlich beim Heurigen und versenken alle Chancen integrativer und organisatorischer Art geradezu kindlich-täppisch. - Wer das Pilotprojekt einer Schule für Antiquare vermischt mit der Bestallung von Ausbildungskräften, die ausgerechnet beim ZVAB fest angestellt sind, der muß sich fragen lassen, ob er von Strategie im Altbuchmarkt überhaupt irgendeine Ahnung hat.

4.
Wir können also feststellen, daß organisatorisch bei Null angefangen werden muß. Das ist nicht weiter schlimm, kann sich sogar als nützlich erweisen, denn so werden alte Seilschaften, Zweckbündnisse, Freund- und Feindschaften entschärft.

Ich würde organisatorisch folgende Anregungen geben wollen:

A.
Der abgeschottete deutschsprachige Altbuchmarkt umfaßt Deutschland, Schweiz und Österreich. Jeder Kollege aus den beiden kleineren Ländern muß mit eingebunden werden. Das ist verkaufspsychologisch wichtig - und übrigens berufliche Ehrensache. Schwächere läßt man nicht im Regen stehen.

B.
Es gibt - in den Köpfen der Kunden, der Kulturwelt, der Kollegen - nur Platz für e i n Portal. Ich hoffe, daß wir die beharrlichen Freunde einer netten "Vielfalt", die in jeder Diskussion auftreten und alle Planung zunichte machen wollen, hier doch überzeugen können. Der Kunde hat wirklich nur Platz in seinem Kopf für e i n e Netzadresse, für e i n e n Datenbanknamen. Ich würde sehr gern die Meta-Schiene mit in die Planung einbeziehen, man könnte ein Dutzend Meta-Datenbanken, Meta-Sammelportale usw. überdenken, wenn da nicht die eiserne Feststellung wäre, daß zumindest im deutschen Bereich alle Meta-Lösungen von stupender Erfolglosigkeit gekrönt waren. Es geht einfach nicht. Weshalb es so ist, weiß ich nicht so recht. Aber facta loquuntur, es ist nun einmal so.

C.
Dieses Portal muß in erster Linie zur Absatzwerbung dienen. Der neue Altbuchkunde - aus der großen Zahl derer, die regelmäßig Neubücher kaufen, sich aber dem Kauf alter Titel noch nicht zugewendet haben - , dieser neue Kunde muß durch ein einfaches, sehr überzeugendes Datenbanksystem gebunden, sozusagen gefangengenommen werden. In der ersten Zeit würde ich dazu raten, das Rabattprizip der Bündnisidee unseres verehrten RFMeyer anzuwenden. Es macht schon was her. 10 % würden dann genügen, wenn die kostenfreie Lieferung hinzukäme, eine Regel, die schon zur Ebay-Abwehr sehr nützlich wäre. "10 % billiger und portofrei", das ist ein ganz gutes Argument.

Auf der psychologischen Schiene muß natürlich erreicht werden, daß man von (fast) a l l e n Antiquaren sprechen kann, deren Bücher hier angeboten werden. Es gibt nichts besseres, werbetechnisch, als das Portal d e r Antiquare anzupreisen.

Weniger wichtig, aber nicht ohne Bedeutung, ist die Datenbank i m B e s i t z der Antiquare, also deren eigene. Dafür haben die Leute durchaus Sinn, vorausgesetzt, meine unselige Genossenschaftsidee wird endlich in den Rhein oder in die Spree versenkt. Dann können "alle" vereinsmäßig locker organisierten Kollegen an der neuen Datenbank teilnehmen und je nach Gusto Anteile aran erwerben. Auch ein Anteil von 10 Euro kann dann werbepsychologisch die "eigene" Datenbank konstituieren. Ich sehe übrigens keinen Grund, warum, nicht die - graphisch überarbeitete - Quack-Datenbank genommen wird, freilich nicht mit dem sprachlich falschen auch sonst unglücklichen Namen. Sollte diese Lösung gewählt werden, müßte sich die Genossenschaft wohl selber auflösen.

D.
Das neue Portal muß absolut die Monopolstellung im abgeschotteten deutschsprachigen Altbuchmarkt anstreben. Dieses Ziel dient der Absicherung gegen drohende ZVAB-Gefahren - die jetzige Tendenz des ZVAB, über seinen Ableger Chosebooks scheinbar expandieren zu wollen, kann auch ein heuchlerischer "sting" sein, damit Abebooks= Amazon etwas regeres Kaufinteresse am ZVAB zeigen möge.


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Eine Handvoll Namensideen für das neue Portal = die neue Datenbank habe ich auch schon. Aber davon später.



Vielleich springt der Börsenverein über seinen Schatten und stellt den Vorschlag zur Diskussion?
Das Werbebild gehört der dort vermerkten Webseite. Wir danken für die Verwendungsmöglichkeit. Bild wird auf einfache Anforderung hin entfernt.

Dienstag, 8. September 2009

Die Bayerische Staatsbibliothek - Hofschranze eines abgemusterten Fürstenhauses?


Inzwischen hat das Bayer. Verwaltungsgericht aus formalrechtlichen Gründen meine Klage abgewiesen. Recht geschieht mir Querulanten.


Sehr geehrtes Verwaltungsgericht München,

in einer allgemeinen Mitteilung hat die Bayerische Staatsbibliothek in München auf ihrer Webseite folgenden Text veröffentlicht:

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07.09.2009
(Titelseite Anfang)
Spektakuläre Neuerwerbung für die Bayerische Staatsbibliothek
Fugger-Handschrift und Druck aus Privatbesitz erworben
Dank einer breiten Finanzierungsallianz ist es gelungen, eine überaus wertvolle Handschrift sowie einen unikalen kolorierten Druck aus dem Privatbesitz von S.D. Hubertus Fürst Fugger-Babenhausen für die Bayerische Staatsbibliothek zu erwerben.
(Titelseite Ende)
(verlinkte innere Seite Anfang)
Spektakuläre Neuerwerbung für die Bayerische Staatsbibliothek
Wappenblatt
Bei den Objekten handelt es sich um das „Ehrenbuch der Fugger“ eine reich illuminierte Renaissancehandschrift des Familienbuchs der Fugger sowie die 1618 vollendete Porträt-Genealogie aller Linien des Hauses Fugger „Fuggerorum et Fuggerarum imagines“, einen hervorragend kolorierten Kupferstichdruck.

Die Handschrift entstand zwischen 1545 und 1548, die Buchmalereien stammen von dem berühmten Buchmaler Jörg Breu d.J. und seiner Werkstatt. In Auftrag gegeben wurde sie von Hans Jakob Fugger um 1543. Mit der Anfertigung des kostbaren Drucks wurde 1588 der in Augsburg ansässige Kupferstecher Dominicus Custos beauftragt. Auch hier handelt es sich um ein Unikat, nur dieses Fuggersche Exemplar umfasst insgesamt 138 Porträts der Familie Fugger und ist meisterhaft - von einem bislang unbekannten Maler - koloriert.

Die nun erworbenen Stücke stellen höchstrangige Objekte bayerischen und nationalen Kulturerbes dar. Sie sind von exzeptioneller Qualität und hervorragender historischer und kunstgeschichtlicher Bedeutung. „Der Ankauf dieser Objekte ist für die Bayerische Staatsbibliothek überaus bedeutsam“, so Kunstminister Wolfgang Heubisch. „Die beiden Bände ergänzen in idealer Weise den reichen Fugger-Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek, zu deren Grundstock die bereits 1571 erworbene Büchersammlung Johann Jakob Fuggers gehört.“

„Es grenzt an ein Wunder, dass es in diesen finanziell außerordentlich schwierigen Zeiten gelungen ist, zwei so herausragende Kulturdenkmäler von nationaler Bedeutung für die Bibliothek anzukaufen. Die fulminante Erwerbung, die – dem Erwerb der Ottheinrich-Bibel vor zwei Jahren vergleichbar – zu den bedeutendsten der letzten 200 Jahre zählt, ist einer beeindruckenden Finanzierungskoalition, insbesondere von Stiftungen, zu danken“, so Rolf Griebel, Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek.

Beide Werke sind inzwischen in der Bayerischen Staatsbibliothek. Nach einer ersten restauratorischen Betreuung werden die Objekte digitalisiert. Im Herbst 2009 sollen sie der Presse präsentiert werden – eine entsprechende Einladung folgt zu gegebener Zeit. Für Anfang 2010 ist eine Ausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek geplant, die diese bedeutende Erwerbung in das Umfeld ihrer Entstehungszeit stellt.

Großer Dank gilt dem Haus Fugger, das im Interesse des Kulturgutschutzes äußerst verantwortlich gehandelt hat, indem es die Bücher der Bayerischen Staatsbibliothek exklusiv angeboten hat und dem Käufer bei den Preisverhandlungen sehr entgegen gekommen ist. „Für mich war es von Anfang an ein besonderes Anliegen, dass die Bücher in die Bayerische Staatsbibliothek kommen. Sie werden dort bestens restauratorisch betreut und können unter idealen Bedingungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden“, so Hubertus Fürst Fugger-Babenhausen. Über den vereinbarten Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.

Besonderer Dank gilt dem Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst für die intensive begleitende Unterstützung im Vorfeld des Ankaufs sowie allen Zuwendungsgebern, deren hohes kulturelles Engagement den Erwerb ermöglichte:

* Ernst von Siemens Kunststiftung
* Kulturstiftung der Länder
* Bayerische Landesstiftung
* Bundesbeauftragter für Kultur und Medien
* Volkswagenstiftung
* Kurt und Felicitas Viermetz Stiftung

Die Bayerische Staatsbibliothek beteiligt sich in diesem und in den folgenden Jahren mit erheblichen Eigenmitteln an der Erwerbung. Anfragen bei weiteren Stiftungen auf Unterstützung dieses Ankaufs laufen derzeit noch.

Über die Bayerische Staatsbibliothek:
Die Bayerische Staatsbibliothek, gegründet 1558 durch Herzog Albrecht V., ist eine der bedeutendsten europäischen Universalbibliotheken und genießt als internationale Forschungsbibliothek Weltrang. Gemeinsam mit anderen Bibliotheken bildet sie die virtuelle Nationalbibliothek Deutschlands. Mit knapp 9,4 Millionen Bänden, rund 52.500 laufenden Zeitschriften in gedruckter und elektronischer Form und über 92.000 Handschriften gehört die Bayerische Staatsbibliothek zu den bedeutendsten Wissenszentren der Welt.

Ansprechpartner:
Dr. Claudia Fabian
Abt. Handschriften und Alte Drucke
Tel.: +49 (0) 89/28638 2255
claudia.fabian@bsb-muenchen.de

Peter Schnitzlein
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: +49 (0) 89/28 638 2429
peter.schnitzlein@bsb-muenchen.de
(verlinkte Seite Ende)

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Ich habe die Direktion der Staatsbibliothek darauf aufmerksam gemacht, daß sie die (sic:) "Höflichkeitsform" S.D. verwendet hat und bat sie um Stellungnahme. Sie erfolgte so:

"...die Bayerische Staatsbibliothek hat in ihrer am Montag, 7. September 2009 publizierten Pressemitteilung (s.a. www.bsb-muenchen.de) die Abkürzung "S.D." verwendet. Als Höflichkeitsform ist diese Anrede unseres Wissens auch heute noch durchaus üblich und geläufig.

Mit freundlichen Grüßen,
Rolf Griebel
Generaldirektor"

Daraufhin sehe ich mich nun veranlaßt, Klage beim zuständigen Verwaltungsgericht in München anzumelden. Ich begründe dies wie folgt:
Durch die Zuordnung der (sic:) "Höflichkeitsform" S.D. für Fürst Fugger-B. werde ich als nicht dem Hochadel angehörender Bürger in meinem Anspruch auf Gleichheit vor staatlichen Behörden verletzt. Die Staatsbibliothek München ist mir als wissenschaftlich Arbeitendem gut vertraut, ich verfolge ihre Verlautbarungen, lese ihre Mitteilungen und benutze ihre Dienste zumindest indirekt, da sie für Süddeutschland eine Art historischer Zentralbibliothek darstellt.

Im Zeitalter der Vernetzung ist die Bayerische Staatsbibliothek somit auch "meine" Bibliothek. Ich nutze ihre Dienste als Bürger des (süddeutschen) Bundeslands Baden-Württemberg seit vielen Jahren ganz selbstverständlich.

Die Zurkenntnisnahme der oben angeführten Mitteilung hat mich in meinem Gleichheitsempfinden als Staatsbürger und als Nutzer dieser Einrichtung empfindlich verletzt.

Wiki schreibt in ihrem Artikel "Durchlaucht" : "Als Höflichkeitsform ist das Prädikat jedoch – so wie es die Bestimmungen bis 1918 regelten bzw. es die Hausgesetze bestimmen – heute noch geläufig."

Für wen oder wo es, außerhalb der Regenbogenpresse und der jeweiligen Adelsverwaltungen, "geläufig" ist, erscheint sehr fraglich. Der Wiki-Satz, auf den sich der Generaldirektor in seiner Email offensichtlich bezieht, ist in der dortigen Form mißverständlich, wenn nicht falsch.

Richtig ist, daß die Zuordnung der (sic:) "Höflichkeitsformel" "Ihre Durchlaucht" in dem offiziellen Schreiben einer staatlichen Behörde u n g e h e u e r l i c h erscheint. Ein normaler Staatsbürger fühlt sich durch derlei absurde, völlig ungerechtfertigte, undemokratische Formulierungen von s t a a t l i c h e r Seite

- gedemütigt,
- beleidigt,
- als Staatsbürger zurückgesetzt.


Ich nehme an, daß mir das Verwaltungsgericht noch Gelegenheit gibt, eine ausführlichere Begründung abzuliefern. Heute geht es mir darum, zu klären, ob mein Antrag auf Klage überhaupt in dieser Form angenommen werden kann.

Mit freundlichem Gruß

Peter Mulzer

Die Direktion der Staatsbibliothek München hat eine Kopie dieses Schreibens bereits erhalten.



Kupferstich von Abraham Bosse
(1604)(1676)(1604–1676): : Le valet de chambre / Der Kammerdiener (aus Wiki/ public domain)

Montag, 7. September 2009

Börsenblatt katzbuckelt vor Fugger-Babenhausen

Das Börsenblatt hat seine Meldung nach Erscheinen meines kleinen Beitrags hurtig geändert, siehe die Nachschrift *)



Lesefrucht aus dem "Börsenblatt des Deutschen Buchhandels", Netzdienst/ Abteilung Antiquariat:

"Spektakuläre Neuerwerbung: Dank einer breiten Finanzierungsallianz ist es der Bayerischen Staatsbibliothek gelungen, eine wertvolle Handschrift sowie einen unikalen kolorierten Druck aus dem Privatbesitz von S. D. Hubertus Fürst Fugger-Babenhausen zu erwerben."

Nun kann dieser sogenannte Fürst, dessen Rechtsstellung seit bald einem Jahrhundert, in vieler Hinsicht sogar seit fast zwei Jahrhunderten abgeschafft worden ist, den Besitz seiner Vorväter verscherbeln, wie es ihm lustig ist. Dr. Graf wird ihm schon auf die Finger klopfen, wenn er versuchen sollte, mit dem Kulturgüterschutz Fußball zu spielen. Und der Börsenverein mag die etwas anrüchige Finanzierung unseres edlen Fürsten ruhig kommentarlos vermelden, zumal hier wenigstens die öffentliche Hand zum Zuge kommt.

Was aber unerträglich erscheint, ist der Namenszusatz "S. D." - "Seine Durchlaucht".

Ich kann gar nicht soviel essen, wie ich kotzen möchte angesichts dieser widerlichen Kriecherei. Daß das Börsenblatt unter Redakteur Casimir eine erzkonservative Einrichtung ist, wissen wir ja nun schon lang, und über die gesamtgesellschaftliche Einstellung des Börsenvereins wird sich keiner Illusionen machen - ein Blick auf den Urheberrechtsstreit reicht aus.

Aber welcher Teufel reitet den Börsenverein - - einen sogenannten Fürsten, dessen Familie dieses Volkseigentum auf, nun sagen wir etwas seltsame Weise mit Hilfe eines fürchterlichen Untertanenrechts in finsteren Zeiten erworben, ersessen, erschachert hat - mit "Seiner Durchlaucht" zu titulieren?

Die Frankfurter Redaktion begibt sich damit auf das Niveau der Herzblätter und der quietschbunten Illustrierten. Dem verantwortlichen Redakteur empfehlen wir den Wechsel zu "Wild und Hund" oder zum Deutschen Adelsblatt.




Grimm, Deutsches Wörterbuch:

FUGGERHANDEL, m. ein geldgeschäft im groszen, ein geldgeschäft zu übermäszigem gewinn. nach fucker statt fugger auch fuckerhandel. verflucht seien alle die geistliche, die sich zu weltlichen händlen, in weltlichen üppigen händlen, in weltlichen sachen und fuckerhändlen gebrauchen lassen

"Rolf" in Wer-weiß-was:
"Ein "Fuggergeschäft" ist also eins, bei dem einem anderen Dinge, Gegenstände, Leistungen "abgeluchst" oder "abgefuggert" ... werden. Ein Geschäft mithin, bei dem der eine den Eindruck oder den Verdacht hat, übers Ohr gehauen, über den Löffel balbiert, über den Tisch gezogen worden zu sein."



Nachschrift: heute um 12 Uhr lesen wir im Börsenblatt:

"Dank einer breiten Finanzierungsallianz ist es der Bayerischen Staatsbibliothek gelungen, eine wertvolle Handschrift sowie einen unikalen kolorierten Druck aus dem Privatbesitz von Hubertus Fürst Fugger-Babenhausen zu erwerben"

So weit, so schnell reagiert. Zwei Fragen: 1) Wer hat denn nun "Seine Durchlaucht" in das Börsenblatt eingeschmuggelt - und wer hat es flugs getilgt? 2) Was wird nun mit der Hauskapelle in Frankfurt?



Das Bild ist Eigentum eines Pressedienstes, dem ich für die Veröffentlichungsmöglichkeit danke. (Bild wird auf einfache Aufforderung hin sogleich entfernt). - Obgleich es bessere und nicht mit Wasserzeichen unterlegte Fotos des Herrschers im Netz gibt, ist gerade dieses Gruppenfoto gut geeignet als Altarbild in der Hauskapelle des Börsenvereins. Jeder Redakteur hat beim Betreten und Verlassen des Verlagsgebäudes laut auszurufen "Es lebe Seine Durchlaucht und das deutsche Urheberrecht!".

Mittwoch, 26. August 2009

Von Mäusen und Antiquaren oder Bindings Opfergang und die Sacherschließung








Vorbemerkung, notwendige: Eben finde ich, leider sehr verborgen, einen ganz aktuellen Text des Kollegen Plocher, den ich Ihnen als (ungemein erheiternde) Pflichtlektüre ans Herz legen möchte:

http://meyerbuch.wordpress.com/2009/08/26/wer-zu-spat-kommt%E2%80%A6-folge-3/#comments

Ende der Vorbemerkung



http://owplocher.blogspot.com/
vom 25.8.2009

Kollege Plocher führt uns eine Erscheinung vor Augen, die wohl jeder Antiquar schon mit einigem Erstaunen im eigenen Geschäftsbetrieb bemerkt hat (die ein anderer aber so poetisch nicht hätte schildern können): Zufällig, versehentlich beigegebene, hastig mit eingepackte, irrtümlich versandte Titel werden vom verdutzten Kunden oft gern behalten, aufrichtig verdankt und es gibt vergnügte Leser, die ernsthaft fragen nach einer Zusatzrechnung für den unverlangten Irrläufer.

Wenn wir auch hoffen wollen, daß Bindings Opfergang nicht systematisch beigegeben, sondern zuhanden der Mäuse in der Scheune als Wochenbett und zur Schärfung der Beißerchen des Mäuse-Jungvolks weiter liegengelassen wurde (wovon sollen die Antiquariatskatzen sonst leben, bitte) - der Sachverhalt ist richtig benannt und er hat, wir sind ja beide der alemannischen Tradition verbunden, natürlich auch eine Hebelsche Nutzanwendung. Klassische Frage:

Was lehrt uns das?

Sehen wir mal näher hin.

Das (bio-)bibliographische Wissen unserer Kunden ist, von den Fachleuten abgesehen, auch in ausgesprochenen Interessensgebieten sehr gering. Wir Antiquare neigen zu einer notorischen Überschätzung des Horizonts unserer Leser in Sachen retrospektiver Bibliographie.

Das fängt schon bei den formalen Zugangstechniken an. Mit Mühe tastet man sich als Kunde über ZVAB oder Abebooks an das Sachgebiet heran, ganz Kühne (meist Institutssekretärinnen) nutzen auch Eurobuch oder - nicht einmal die dümmste Idee - sie ziehen Google(allgemein) als Suchmaschine für den Kauf alter Bücher heran. Aber so gut wie keiner beherrscht die an sich doch einfachen Zugangstechniken des KVK (Karlsruher virtueller Katalog) und Google Books und Worldcat haben es, jede auf ihre Weise, fertiggebracht, den eiligen Durchschnittsnutzer erst einmal zu vergraulen.

Schwerwiegender noch ist die dramatisch abnehmende Kenntnis über historische Zusammenhänge. Unsere Familie weist einige Lehrer auf, so weiß ich aus erster Hand, wie erbärmlich das historische Wissen, das retrospektive Bewußtsein der meisten Gymnasiasten ist. Was für die allgemeine Geschichte gilt, muß noch weit mehr für die historischen Dimensionen der Bibliographie gelten.

Wenn dem so ist - ich lade jeden Kollegen zu einem Kundentest ein - , dann

*setzen wir bei der herkömmlichen Methode viel zu sehr auf bibliographische Genauigkeit,

wir legen Maßstäbe an, die der Universitätsbibliothekar, der ausgefuchste bibliophile Sammler fordern mag - - die aber für den normalen Kunden weitestgehend überflüssig und belanglos sind und die wir Antiquare uns sparen könnten - und sollten.

Der Schwerpunkt unserer Tagesarbeit muß von der unsäglichen Titelaufnehmerei weg verlagert werden zu einer besseren Inhaltserschließung!

Ich sehe die Reform unserer Titelaufnahmen etwa so (um beim gestrigen Beispiel zu bleiben): Z u e r s t kommt immer die Inhaltserschließung. Die muß aber, um Bündnisse und Standards zu ermöglichen, nach einem allgemein anerkannten, verabschiedeten und angewandten Schema erfolgen. M u ß.

Gesangbuch, protestantisch
Noten > Notendruck in Büchern vor 1900
Lied, Untergruppe Kirchenlied
Pfalz (Landeskunde), Untergruppe Kirche
Schöne Einbände des Biedermeier
Vorsatzpapiere, Untergruppe Phantasiepapiere vor 1850
1840 (als Eintrag in eine allgemeinen Zeitschiene, in 10-Jahres-Abschnitten zu indizieren)
Volksfrömmigkeit (als Untergruppe sowohl von Religion wie von Volkskunde)

Dann erst sehe ich, sozusagen im Anhang, die übliche blöde Titelaufnahme.

Meine These ist: Der Kunde erwirbt den Titel dann fast immer aufgrund einer der thematischen Indizierungen. Auf den rara avis, der den Titel dann noch über die klassische Titelaufnahme sucht, können wir lang warten.

Nun noch was anderes. Es hat wenig Sinn, etwa das ZVAB oder unsere anderen Bücherdatenbanken mit unseren verbesserten und standardisierten Sachgebietsindizierungen zu bestücken. Natürlich ginge das - - aber der Kunde findet diese neue, verbesserte Möglichkeit gar nicht und/oder kann, wenn gefunden, nicht mit ihr umgehen. Auch ist die verbesserte Indizierung dann eines jener Alleinstellungsmerkmale, von denen wir immer singen und sagen (und träumen). Die verschenkt man nicht an Melk- und Ausnutzungsdatenbanken.

Ich war gestern abend nicht besoffen, als ich Björn Biester, falls er auf Arbeitssuche sein sollte, die Verwaltung eines solchen vernetzten Datensystems vorgeschlagen hatte - denn

*interessant und vielfältig sachindizierte Datenbanken müssen b e t r e u t werden.

Man muß die Ergebnisse gefällig, übersichtlich, nutzbar machen.

Noch mehr: Die teilnehmenden Antiquare müssen jeden Tag dahin geprügelt werden, ihre Sachgebietsindizierungen sorgfältig zu erledigen - und die Kunden wollen geprügelt sein, um die Sachgebietskataloge anzunehmen und zu nutzen.

Das könnte man nun auch edler sagen, ich möchte erst gar nicht wissen, welches terminologische Geschwurbel unserem neuer Freund Leander Wattig dazu einfallen würde. Aber es geht hier nur darum, zu erkennen, warum und wie wir die Bücher zu unseren Kunden

*hintragen müssen. U n a u f g e f o r d e r t. Mit der Tür ins Haus fallend.

Wir sollten unsere Kunden verführen, belehren, ihnen Nachhilfekurse geben, unsere Titel ihnen, ohne daß sie vorher ihr Glück erahnen, zwangsweise an den Kopf knallen, bei Nacht und Nebel.

Dies alles leistet die Sachindizierung unserer älteren Bücher.

Eingebunden als Eigentum in ein erweitertes Webseitenbündnis (das so kindlich dann aber nicht mehr benamst werden sollte).

Ans Werk!


Das Bild gehört der Lesegesellschaft Stäfa/ Schweiz (oder dem Verleger, von dem sie es entliehen haben). Jedenfalls danke ich für die Illustrationsmöglichkeit.

Dienstag, 25. August 2009

Deutsches Antiquariat




Erweiterung des Webseitenbündnisses - Erschließung neuer Käuferschichten

Zusammenfassung: Es wird angeregt, daß eine Gruppe interessierter Antiquare, aufbauend auf dem Webseitenbündnis von RFMeyer, gemeinsame Sachkatalogisierungen vornimmt. Die Bestände könnten dann nach detaillierten Sachgruppen sowohl quer durch die einzelnen Webseiten als auch in großen Sammelgebietskatalogen abrufbar sein. Die redaktionelle Arbeit an der Systematik, die Koordination usw. würde Redakteur Biester in einer von den Antiquariaten bezahlten verantwortlichen Nebentätigkeit wahrnehmen.


RF Meyers geniale Idee war es, unter einer Vielzahl sehr heterogener Antiquariatswebseiten durch einfache Versuchsanordnungen eine Auswahl zu treffen, in der stillen Erwartung, mit einer übersichtlichen Kollegenzahl sei besser zu arbeiten, ein Exklusivitätsgefühl könnte sich einstellen, die Kunden würden interessiert von Webseite zu Webseite wandern, sich in den virtuellen Läden des ausgewählten Kreises umsehen, man könne dann zu gemeinsamer Werbung gelangen und was dergleichen Erwartungen mehr waren.

Leider hat sich zunächst nur die eine Regel bestätig, daß Antiquare, die gruppenweise auftreten, schnell in gelinde Faulheit und Gedankenlosigkeit zu verfallen pflegen. Kollege RF Meyer hat sich zudem eine ausgeprägte Liberalität, ein freundliches Laisser-Faire auf die Fahnen geschrieben. Philosophen sind so.

Ist der Kern seiner Idee schon erkannt worden? Ich erinnere mich da an den Vorspruch zu Rühmanns Feuerzangenbowle (Prag 1944): "...ist ein Loblied auf die Schule. Aber es ist möglich, daß sie es nicht merkt". In ganz ähnlicher Weise scheint dem "Webseitenbündnis" noch gar nicht aufgegangen zu sein, was es Neues bringt und worin das Revolutionierende seiner Idee steckt.

Ich spreche von Auswahl, von

*Elitebildung.

Das ist ein leicht angestaubtes Prinzip, seit der Adenauerzeit und Herrn Stoiber aus der Mode gekommen und ich bin der erste, der "Elitebildung" mißtrauisch beäugt, wo immer sie auftritt. Aber hier, im berufsständischen Bereich, hat "Elitebildung" ihren guten Sinn. Nicht zuletzt deshalb, weil sich das neue Bündnis ja grundsätzlich als offen versteht innerhalb der Berufsgruppe. "Elite" kann hier einmal Vorbildfunktion meinen, dann aber auch ein Vorreiter-sein-wollen, den Einsatz als Wegebahner - auf welchem Pfad dann immer mehr interessierte Kollegen nachfolgen und auch teilhaben können und dürfen.

Nur wenn eine Elite aus ihrem eigenen Kreis ihnen vorangeht und sie motiviert - dann kann etwas in die Gänge kommen.

Was aber kann sich diese Elite denn vornehmen?

Wir erinnern uns, daß eine Erweiterung unserer Käuferschichten im Bereich der bibliophilen Ware eigentlich nicht notwendig ist. Hier lag ja auch der Denkfehler des Quack-Katalogs. Um den Absatz unserer bibliophilen Titel braucht uns nicht bange zu sein.

Was vielmehr im Absatz wegbricht, zum Teil ganz dramatisch, sind Millionen älterer, ordentlicher mittlerer und unterer Fach- und Sachgebietstitel.

Aber, leider, wir können unsere ältere Sammelgebietsliteratur nur dann an den Mann bringen, wenn wir sie - endlich - einheitlich gliedern. Diese Gliederung können wir nur selber vornehmen.

Wenn jeder Kollege seine Titel nach einheitlichen, vorher vereinbarten Kürzeln indiziert, dann können wir

*übersichtliche Fachkataloge als Gemeinschaftskataloge

fertigstellen. Sie könnten gedruckt vorgelegt werden, dazu unten mehr, lassen sich aber auch innerhalb des Webseitenbündnisses quer durch die Teilnehmerseiten aufrufen.

Um bei einem unserer Sorgenkinder, bei der Theologie, zu bleiben: Das alte Gesangbuch erhält seine Systematikziffer, ebenso das Buch zur Mariologie, zum Kirchenrecht, zur Geschichte der Reformation oder zur Theorie des Orgelspiels.

Mit Fachgliederungen und Fachlisten können wir innerhalb des Webseitenbündnisses ganz faszinierende, zum Sammeln anregende

*Sammelgebietskataloge

erstellen. Die einzige (harte) Bedingung dafür ist, daß jeder Kollege seinen Netzbestand nach den verabschiedeten Systematikkürzeln indiziert. Das ist nur wenig Schreib- aber sehr viel Kopfarbeit. Diese Sachindizierung ist der Schlüssel zur Gewinnung neuer Käuferschichten. Bitte glauben Sie mir - die bibliographischen Kenntnisse zur älteren Sachliteratur sind bei den Käufern äußerst gering - erst durch unsere Sacherschließung führen wir die Kunden zu neuen Kaufimpulsen.

Inhaltserfassung der älteren Titel ist fast so wichtig wie die Titelaufnahme.

Nur eine Auswahl unter den Antiquaren kann das fürs erste machen. Ich schlage vor, dieser Vorreitergruppe den Namen

"Deutsches Antiquariat"

zu geben.

Diese Webseiten-, Aktions-, Sacherschließungsgruppe, ie etwa 100 Antiquare umfassen sollte, braucht unbedingt ein festes Büro. Die dort tätige Kraft muß bezahlt werden. Denn wenn wir eines aus der Misere im Verbandswesen gelernt haben sollten, dann dies: Ohne Moos nix los, und Gott schütze uns vor den Ehrenamtlichen.


Um wirklich neue Käuferschichten zu gewinnen, sollten sehr schnell Sammelgebietskataloge herausgegeben werden. Dafür empfehle ich, zu der vor etwa 10 Jahren gut erprobten Methode der

*Zeitungskataloge

zurückzukehren, unsere großen Sammelgebietslisten also in sauberem Zeitungsdruck und im großen Zeitungsformat herzustellen.

Da sind wir nun bei Björn Biester - er wäre zur Verwaltung des Büros, zur Koordinierung der ieale Mann, wäre er nicht?

Und dann zügig an die Erweiterung des RFMeyerschen Bündnisses, hin zur Gruppe

"Deutsches Antiquariat".



Nachtrag:
Lieber Kollege Wimbauer,
die Sachgebietskürzel sind nur für den internen Gebrauch der Antiquare da. Es sei z.B.

27k VOLKSFRÖMMIGKEIT
27r GESANGBUCH
45k PFALZ
94e SCHÖNE EINBÄNDE DER BIEDERMEIERZEIT

Als Antiquar, der den Titel bearbeitet, gebe ich in ein "27k, 27r, 45k, 94e" und habe damit mein Gesangbuch nach Sammelgebieten "indiziert". Wenig Schreibarbeit, viel Denkleistung.

Der Kunde aber sieht von diesen Ziffern absolut gar nichts. Er hat nur die ausgeschriebenen Namen. Gibt er die als Suchworte ein oder - besser - klickt er sie aus der Sachgebiets-Gesamtliste an, dann ruft die Datenbank die Kürzel auf.

Wir Antiquare müssen die Sacherschließung für den Kunden leisten. Er hat das Buch eben nicht in der Hand, sondern wir. Diese Arbeit läßt sich überhaupt nicht delegieren. Sie muß aber unter den Kollegen abgesprochen und dann einheitlich durchgeführt werden.


Die schöne Aufnahme der Klosterbibliothek Admont verdanken wir wissenswerkstatt.net. Sie wird auf einfache Anforderung hin entfernt.

Montag, 24. August 2009

Antiquariatsgeschichte als Vertuschung, Heuchelei und Beschönigung

Der Börsenverein wie auch insbesondere Björn Biester sind inzwischen mit ernsthaften und überzeugenden Bemühungen angetreten, um den Vorwurf einer Geschichtsklitteruung durch neue ergänzende Arbeiten zu widerlegen. Festzuhalten bleibt aber: In der Sache hatte ich damals Recht. Björn Biester hat sich mir gegenüber bis heute nicht zu einer Stellungnahme aufraffen mögen, das ist nicht gut.





Dies ist ein Meinungsbeitrag.



http://www.stanford.edu/dept/german/faculty/BachBiesterartikel.pdf

Björn Biester war gestern auf die unglückliche Idee gekommen, uns seinen zusammen mit Ulrich Bach 2002 in der Fachzeitschrift "Aus dem Antiquariat" veröffentlichten Aufsatz "Zur Emigration deutscher und österreichischer Antiquare nach Großbritannien" in börsenblatt.net/twitterdienst neu vorzustellen, uns somit zur Lektüre zu empfehlen.

Ich habe, wie wohl alle buchgeschichtlich interessierten Kollegen, einige Tagebücher, Briefe, auch Gestapoakten, Bibliotheksmitteilungen und Familiengeschichten aus den Jahren 1933-1941 im Hinterkopf, die sich um das Schicksal der emigrierten Antiquare ranken, viel Zerstreutes aus bibliothekarischen Zeitschriften der späten Adenauerzeit, manches aus dem New Yorker "Aufbau", die lang meine Wochenlektüre war, aus den verschiedensten Biographien. Dieses mein Vorwissen war selten fröhlicher Natur (am vergnügstesten noch jener große, gut geglückte Bücherumzug per Kanalschiff aus Berlin), sehr oft aber düster, bestürzend, ganz ergreifend. Da wir selbst Antiquare sind, empfinden wir ja das Schicksal unserer Berufsgenossen ganz unmittelbar und sind ihnen näher als mancher, der dem Gewerbe eher fernsteht.

Als innerer Ablauf hat sich, aus einer Vielzahl von Mosaiksteinen zusammengesetzt, ein historischer Film gebildet im Kopf, der mit der subtilen Diskriminierung durch die Kollegen beginnt, mit den Erpressungsmethoden bei der Gestapo fortgesetzt wird, den widerlichen Machenschaften der "Finanzbehörden", den Schikanen der "Paßämter", den Drohungen der Industrie- und Handelskammern, den Nötigungen und Erpressungen der Banken und Kreditgeber, und über allem die Angst - die Furcht um das Schicksal der Verwandten, der Großfamilie - im jüdischen Leben oft so bedeutsam -, der Fürsorge für jüdische und nichtjüdische Mitarbeiter, dem fast völligen Versagen des hitlerfreundlichen Auslands, der Goebbelschen "Buchkultur" - - das alles im Vorfeld. Dann die "Auswanderung" selbst, die mit diesem widerlich beschönigenden Wort nicht benannt werden sollte, denn es war eine brutale Vertreibung, ob mit subtilen oder deutlicheren Mitteln. Der Augenblick, wenn der Zug über die Reichsgrenze fährt, unwiderruflich... Von den Mühen des Neuanfangs, auch bei eigenem beruflichem Glück doch die Sorgen der Familie im fremden Land, ganz zu schweigen von der Sehnsucht, vom Heimweh...

Dies also war mein Vorwissen, und wenn es denn sein muß, trage ich die Quellen einmal zusammen. Sei es nur, um das helle Entsetzen noch deutlicher zu machen, das mich gleich beim ersten Durchblättern dieser Arbeit überfallen hat und das bis zur Stunde in mir lebendig ist: Wie konnte dieser Aufsatz so geschrieben werden? Was ging in den Verfassern vor?

Es geht um das biographische Schicksal von Kollegen, von Menschen jüdischer Rasse, die zufällig Buchantiquare waren, große und bedeutende zumeist. M e n s c h e n haben G e f ü h l e, muß man daran erinnern? Biographen wie Björn Biester ganz gewiß. Mit dem mir nicht weiter bekannten Ulrich Bach zusammen hat er über ein hochsensibles, menschlich extrem wichtiges und diffiziles Thema geschrieben - - mit der Sturheit eines Panzers und der Sensibilität einer Betonmischmaschine.

Ich habe dabei nicht vergessen, daß sich die Verfasser das Thema der "Emigration in London" gewählt haben. Ihre Biographien beginnen indessen ganz folgerichtig in Deutschland. Sie springen dann aber fast ohne Berücksichtigung der höchst dramatischen, entscheidenden Vorgänge rund um die Vertreibung jeweils verschämt und eilig huschend zur Exilsituation in London.

Auch in einem Kurzaufsatz hätten wir Biester solche Gemütlosigkeit angekreidet. Aber hier breitet er mit löblicher Genauigkeit Lebenswege auf 16 A4-Seiten zweispaltig aus, wahrlich Raum genug, um allen Gesichtspunkten gerecht zu werden.

Nach einer seltsam blassen, selbst als Alibiübung unzureichenden historischen Einführung, die mit sprachlichen Leerfloskeln operiert (...dienten reichsweit koordinierte Aktionen dazu, Juden aus der deutschen Gesellschaft auszuschließen...die staatlich sanktionierte Diskriminierung... Juden wurden weitgehend entrechtet...) kündigt sich schon die schiefe, heuchlerische Grundthese einer jüdischen Emigration als "Auswanderung" an. Wir lesen: "Die Maßnahmen wirkten als Aufforderung zur Emigration aus Deutschland".

Die folgenden Zitate erscheinen zunächst recht harmlos:

(Breslauer) "k a m im Sommer 1937 nach London"
(Breslauer) "v e r l o r die Mitgliedschaft im Börsenverein der Deutschen Buchhändler"
"Nur wenige Bücher begleiteten ihn nach London, der überwiegende Teil w a r ... an den Schweizer Sammler Bodmer verkauft w o r d e n"
(Eisemann) "k a m ...1937 aus Frankfurt nach England"
(Eisemann) "v e r l i e ß Deutschland relativ spät und v e r l o r den Großteil seines Besitzes"
(Feisenberger) "v e r l i e ß 1933 Deutschland"
(Haas) "verkaufte sein Lager an die Kollegen... und e t a b l i e r t e sich in London"
(Paul Hirsch) "v e r l i e ß 1936 Frankfurt"
(Albi Rosenthal) "w a r 1933 nach London g e g a n g e n"
(Eschelbacher) "k a m 1933 nach England"
(Homeyer) "die jüdische Herkunft seiner Frau... und publizistische Attacken gegen ihn in NS-Organen zwangen ihn...im April 1938 nach London zu gehen"
(Hans Fellner) "k a m 1938 im Rahmen der wohltätigen "Kindertransporte" aus Österreich nach England"
"vollzog sich die E i n w a n d e r u n g der deutschen Antiquare nach London in zwei Wellen"

Bei näherem Hinsehen sind diese Formulierungen aber im ganz kommentarlosen, nicht eingeleiteten Zusammenhang schlichtweg pervers. Diese Antiquare "kamen" nicht irgendwohin, sie waren vertrieben worden - dieses Wort findet sich, wenn ich recht lese, an keiner Stelle. Sie waren nicht "ausgewandert"; SIE WAREN VIELMEHR ZUR AUSWANDERUNG GEZWUNGEN; GETRIEBEN; GENÖTIGT; ERPRESST; GEJAGT WORDEN. Dies alles verschweigen die Verfasser.

Sie "verloren" nicht ihren Besitz (das klingt, als hätten sie ihn irgendwo aus Versehen stehen gelassen) - er war ihnen GESTOHLEN, GERAUBT, ABGEPRESST, WEGGEFEILSCHT worden.

Kann Björn Biester so blind gewesen sein, daß er nicht individuell auf das furchtbare Schicksal, auf die grausamen Einzelheiten des Vorspiels dieser "Emigrationen"eingehen wollte - auch nicht auf so vielen Textseiten?

Am widerlichsten berührt mich seine groteske Schlußfolgerung, in der wir lesen: "Der Soziologe Georg Simmel beschreibt den Fremden als einen Wanderer, der heute kommt und morgen bleibt...".

Hier wird die sprachliche U m l ü g u n g von der Vertreibung der Juden aus Deutschland sofort nach 1933 als A u s w a n d e r u n g von Biester und Bach perfekt gemacht. Mir persönlich reichen schon die dutzendfachen Wiederholungen, "...kam nach London", um den Ungeist der Verfasser zu erkennen. Denn diesem "kam" steht kein Bedauern, keine Entschuldigung, kein noch so schwacher Versuch der Einfühlung voran.

Ich schäme mich für diesen Aufsatz vor den jüdischen Kollegen, die ja nun lang nicht mehr leben, deren Verjagung, Vertreibung, Hinausekelung, Bedrohung, Verhöhnung, Verächtlichmachung, Terrorisierung, Entwürdigung, schleichenden Entrechtung und Entmenschlichung in ihrer deutschen Heimat dieser unsägliche Aufsatz - - fast mit keinem Wort erwähnt, nur mit einigen alibihaften Leerformeln.

So eiskalt, unsozial und gefühlsarm möchten wir Antiquariatsgeschichte nicht betrieben wissen.


Ich danke militaryimages.net für die Ausleihe des Bilds, dessen Besitzrechte dort liegen.

Kollege Plocher, Jean Paul und die idyllische Verfinsterung







http://owplocher.blogspot.com/
vom 24. August 2009

Wenn die von Metternichs Spiegelkabinetten, abgewürgten Zeitungen, geheim und offen zensierten Büchern, brutalster wirtschaftlicher Ausbeutung und oligarchischer Untertanenquälerei, von Bücklingen und Vatermördern erschöpften Zeitenossen des frühen Biedermeier sich erholen wollten, dann griffen sie zu ihrem geliebten Jean Paul. Die Frauen, auch wenn sie, wie immer, nicht verstanden, was der Dichter eigentlich sagen wollte, verliebten sich in seine gefühlvollen Wendungen und Anmerkungen, fühlten sich ihm an und ein und hielten sich den Dichter wie heute Kollege Plocher seine Antiquariatsbüsis - halt etwas fürs Gemüt... Die Männer scherten sich nicht um die Verrisse klarsichtiger Geister wie etwa Goethe, pfiffen auf den grotesken Schachtelaufbau, rochen geduldig in seine Zettelkästen hinein und sagten sich: Wir verstehens zwar nicht, aber gerade deshalb muß er ein großer Dichter sein.

Das dachte ich einstens auch, und weil ich die Soziologie in ihrer strengen Freiburger Ausprägung nicht recht mochte, wechselte ich die Fächer und warf mich der Germanistik in die Arme. Schon sehe ich Kollegen Plochers Augen aufblitzen - richtig, das erste Oberstufenseminar, in das ich mich hochstapelnd hineineskamotiert hatte, ging über - - Jean Paul.

Ich wills kurz machen: Kein Dichter auf dieser unserer Welt, vielleicht abgesehen von dem reimtändelnden Platen oder Blubodichtern wie Blunck oder Busse ist mir seitdem derart verhaßt wie Jean Paul Richter. Sollte ich ein Bild alles dessen malen, in einer Person, was Dichtung Fürchterliches, was Kunst Abstoßendes und was an Obskurantismus Verwerfliches sein kann, dann würde ich das Portrait Jean Pauls zu Papier bringen, ohne zu zögern.

Es geht nicht gegen die Romantiker, ganz im Gegenteil. Eichendorff ist einer meiner Lieblingsdichter, Novalis verehre ich, E.T.A. Hoffmann kenne ich streckenweise bis zum freien Zitieren hin.

Jean Paul aber hat die Romantik geschändet, hat sie in Verruf gebracht, hat sie mißbraucht.

Wer sagt, daß er mehr als fünfzig Seiten Jean Paul in einem Zuge lesen kann und sich dabei wohl und klaren Geistes fühlt - der lügt. Dieser Dichter hat wunderschöne, immer leider auch süßlich-schwüle Textstellen, aber er kann nicht im Ansatz eine vernünftige Handlung, einen nachvollziehbaren Gang irgendwelcher Ereignisse darstellen.

Nun werde ich als guter Deutscher flugs eine "Philosophie" aufbauen und in seine formale Unfähigkeit ein großes, bedeutsames Geheimnis hineindenken, nicht wahr? Daß er nicht schreiben konnte, jedenfalls nicht in vernünftigen Zusammenhängen, das kann und wird und muß ja gerade die tiefere Bedeutung sein...

Ich halte es mit jener alten zweibändigen Literaturgeschichte von Eduard Engel, die mir der Direktor des Humanistischen Gymnasiums, ich war in der Unterprima und wir tauschten beim alten Antiquar Evers flagellantische Pornographica aus, eines Abends schenkte. Dort wird dem Dichter, mit ähnlichem Bedauern, das ich empfinde, bescheinigt, daß er einfach nicht in klaren Handlungssträngen schreiben kann, daß es eine Qual ist, ihn zu lesen und daß man fliehen möge, sobald ein Buch von ihm am Horizont auftaucht.

Zwei große Referate, halbe Zulassungsarbeiten, habe ich über ihn geschrieben. Seither hasse ich ihn. Diesen abgrundtiefen Haß, diese immer neue Verärgerung versuchte ich jedes Jahrzehnt einmal zu überwinden. Komm, Peter, lies ihn doch mal wieder... Angewidert, zutiefst erzürnt, enttäuscht legte ich ihn wieder weg.

Es ist mir unbegreiflich, daß man sich durch seine Texte hindurchquälen kann. O Kollege Plocher, wie ausgeprägt mag Ihre masochistische Komponente sein? Packt Sie niemals der helle Zorn, kommen Sie sich - und das wiegt schwerer - nicht auf Schritt und Tritt veralbert, verhöhnt vor von dem Dicxhter, der mit Ihnen nur unwürdige Winkelzüge, lächerliche Maskenbälle und oft genug - - platte, dümmliche Scherzchen treiben möchte?

Bei mir im Antiquariat hat Jean Paul die zu ihm passende Erscheinungsform: Er kommt fast nur in den unsäglichen Hempel-Ausgaben vor, Berlin 1860-1880, in reichgeprägten Protzeneinbänden, an sich recht klar und sauber gedruckt - - aber auf dem miesesten, tiefbraunen Hozpapier, das man sich vorstellen kann. Mir ist das immer ein Symbol für gekonnte einzelne Textstellen, bei denen aber die elementare Begabung, größere Formen herzustellen, fehlt.

Jean Paul will ich nur in Hempelschen Ruinen sehen.