Dienstag, 14. Mai 2013

Untertitelprobe 24x36 cm 24,00 €

Dienstag, 30. April 2013

Echte, verfälschte und kopierte Holzstiche - eine Klarstellung


Holzstiche kennt nicht nur der Liebhaber älterer Bücher. Wer sich um Heimat- und Ortskunde, um Firmen-, Technik- oder Wissenschaftsgeschichte bemüht, stößt immer wieder auf diese besondere Reproduktionstechnik. Manch einen packt es dann, er fängt an, sich in die unendlich mühsam hergestellten Kunstobjekte zu verlieben, sie zu sammeln. Holzstiche haben ihren eigenen Reiz, sie sind - von einigen Übergängen um 1900 abgesehen - ganz unverwechselbar.


Nach zwei Jahrzehnten der Flaute - dem allgemeinen Preisverfall bei Graphik geschuldet - beginnt nun wieder eine bescheidene Konjunktur der Holzstiche. Sie erreichen wieder das Preisniveau, das sie um 1990 schon einmal innegehabt hatten, mit dem wichtigen Unterschied, daß die Quellenblätter seither viel seltener geworden sind und der Nachschub an alten Illustrierten und anderen Holzstichwerken knapp wird.

Denn Holzstiche kommen fast nur in den illustrierten Wochenzeitungen etwa zwischen 1850 und 1905 vor, von den großen Lexikonreihen und bestimmten gut bebilderten Monographien abgesehen. Einige Jahrgänge der "Gartenlaube" freilich oder das spätere "Über Land und Meer" sind, auch über Ebay, noch preiswert zu erwerben, aber jenseits der bekannteren Blätter wird der Nachschub knapp, der Markt verengt sich. Dem Sammler kann das nur Recht sein, denn so werden seine gekauften Blätter jetzt seltener, sie behalten ihren Wert.

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Soviel zur Marktlage. Was die Bereitstellung, das Anbieten der Holzstiche angeht, mag ich hier nicht zuviel aus der Schule plaudern. Es gibt im Vorfeld, also schon vor der Einstellung in die eigene Webseite, zu ZVAB- Abebooks und/ oder in den Ebay-Shop eine Reihe kleiner Berufsgeheimnisse - es hat seinen guten Grund, daß größere Holzstichsortimente nur von einer Handvoll Firmen angeboten werden. Ich werde ab sofort auch dazu gehören, nach langer Vorbereitungszeit.

Der Entschluß dazu ist nicht einfach. Neben dem Sammeln der Illustriertenbände, bei mir eine Arbeit von gut zwanzig Jahren, ist es vor allem der Aufwand an Arbeitszeit, der Sorgen bereitet. Anfänger kommen zu fürchterlich schlechten Zeitwerten, sie können, gemessen an den bescheidenen Absatzprozenten, nie zu einem befriedigenden Stundenlohn gelangen. Man muß schon sehr systematisch arbeiten und eiserne Ordnung halten, um auf diesem zähen, mühsamen Feld sein Auskommen zu finden. Der Laie mag es nicht glauben, aber dreiviertel des Reinertrags geht zu Lasten der Arbeitszeit, der Erwerb der Quellenblätter ist das sekundäre Problem.

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Im Bereich der Holzstiche wiederholt sich seit Neuestem ein Problem, das den Briefmarken-Markt vor vierzig Jahren erschüttert - und in der Folge fast zerstört hatte: N a c h d r u c k e  und  V e r f ä l s c h u n g e n.

Es scheint mir, daß die damit befaßten Kollegen sich  E b a y  als idealen Tummelplatz für solche düsteren Methoden ausgewählt haben. Während Ebay durch kleine, aber hochwirksame Zusatzmodule im Briefmarkenbereich inzwischen für einige Ordnung gesorgt hat - ich meine die Zwangsrubriken "echt" usw., die in jedem Einzelfall bestätigt werden müssen -, liegt bei den Holzstichen noch alles im Argen.

Soweit ich sehe, sind es zwei bedeutende Kollegen, die "Kopien", "Neudrucke" oder ähnlich benannte fotomechanische oder photoelektrische  Holzstich-N a c h d r u c k e  anbieten. Während sie, mit dem nötigen blumigen Schmus garniert, in den Angebotstexten immerhin klar zugeben, daß es sich um Kopien handelt, feiert die Täuschung in den Überschriften fröhliche Urständ: Das Wort "Original" wird teilweise in der Artikelüberschrift benutzt, wohl wissend, daß der getäuschte Holzstichkunde dann z u n ä c h s t  annehmen muß, es handle sich um  e c h t e  Holzstiche und den Artikel daraufhin anklickt. Weil  Google, das ist wichtig, ebendiese Ebay-Überschriften unverändert und prominent übernimmt, wird die anfängliche Täuschung in ihrer Wirkung auf den Kunden vervielfacht.

Man mag nun über das Anbieten von Kopien denken, wie man will. Ich halte es für falsch und, vom Standpunkt des Sammlers aus, für ein wenig unmoralisch. Will man es aber trotzdem tun, dann muß in der Überschriftenzeile das Wort "Kopie" oder "Neudruck" erscheinen. Wenigstens aber darf das Wort "Original" dort nicht hineingemogelt werden, unter welchem Vorwand auch immer.

Ebenso bedenklich und schädlich für das schöne Sammelgebiet ist jene Verschönerung, in Wahrheit aus der Sicht des Sammlers jene  V e r f ä l s c h u n g  der Holzschnitte durch Kolorierung. Es gibt eine ganz verschwindend kleine Zahl im Druck kolorierter Holzstiche, meist 1895-1905, die jeder Kenner schnell aufgezählt hat; ferner ganz wenige Holzstichwerke, die ankoloriert wurden. Das sind nicht einmal 1 % der Holzstiche insgesamt.

Mit wenigen Ausnahmen sind aber sonst alle als "koloriert" bei Ebay offerierten Holzstiche in neuester Zeit  n a c h koloriert, je nach Gusto läßt man das in China, in Rumänien oder vom künstlerisch begabten Neffen durchführen, mit etwas Geschick kommt man unter einem Euro zum Ziel. Die Farben sind entsprechend schrecklich. Aber auch wenn sie schön wären: Für den Sammler ist der kolorierte Holzstich vollkommen wertlos; Weiterverkäufe sind später einmal nur an "Dumme" oder gar nicht möglich.

Ich sprach oben von einer verhängnisvollen Parallele zum Briefmarkenmarkt. Dort waren es zwei gut angesehene große Firmen, eine in München, die andere in Braunschweig, die ohne jeden Anstand und völlig unschuldig-naiv ganze Markenalben als "Facsimile" herstellten oder sie von minderwertigen Falzmarken zu richtig vollgummierten Prachstücken "bearbeiteten" - China war übrigens damals schon unter den Fabrikanten. Die Dinge wiederholen sich.

Aus Ärger über die traumatischen Erlebnisse beim Wiederverkauf und Tausch sprangen viele Briefmarkensammler in der Folge von ihrem Hobby ab und bis heute lebt ein Heer halbverzweifelter Prüfer vom Erkennen und Signieren solcher Massenfälschungen und -verfälschungen.

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Gottseidank ist beides, die Nachkolorierung und die Ganzkopie, weitaus leichter zu erkennen. Dennoch ist die Täuschungsgefahr für Laien groß und ich fordere Ebay hierdurch auf, zusätzlich zum Verbot einer Irreführung in der Hauptüberschrift eine Zwangskennzeichnung bei Holzstichen einzuführen, indem entweder "echt" oder "Nachdruck" einerseits und "nachkoloriert" andererseits angekreuzt werden  m u ß.

So kommt wieder Klarheit in das schöne Sammelgebiet.
Peter Mulzer aka "alteskrokodil"


Diesen Beitrag schrieb ich heute als Ratgeber-Text für das Ebay-System. Wegen seiner grundsätzlichen Bedeutung für den kleinen Holzstichmarkt setze ich ihn in Kopie hierher. Das Thema wird uns weiterhin beschäftigen, da hier ein (wenn auch vergleichsweise unbedeutender) Handelszweig im Antiquariat unbedingt geregelt werden muß. Ich hoffe, daß das ohne die von mir bestgehaßten Abmahnungen zu machen sein wird - an meiner Bereitschaft, darauf zu verzichten, solls nicht fehlen. Die Ereignisse im Briefmarkenbereich 1960-1980 - von mir unmittelbar miterlebt - sind als Menetekel an der Wand zu lesen: Was geschieht, wenn ein Sammlermarkt fahrlässig zerstört wird... Inzwischen betrifft das Kolorierungsproblem auch ZVAB, Abebooks usw. - aber Ebay ist da federführend.

Hoffen wir das Beste!

Mittwoch, 6. Februar 2013

Heuchelei und schöne Träume - das Märchen vom gelehrten Antiquar






Die werte Genossenschaft hat schon oft vergessen, wie unterschiedlich unser Gewerbe gegliedert ist - und sie überspielt diesen Punkt ein weiteres Mal, wenn sie nun das Thema "Handbibliothek im Antiquariat" locker vom Hocker durch Vorträge sachkundiger Kollegen in Lübeck erhellen möchte.

Was soll das? Einige würdige Herren des besseren Antiquariats lassen die goldene Uhrkette auf der Weste blitzen oder, um den Gegentyp nicht zu vergessen, hauchen vergeistigt ihre letzten Erkenntnisse in die ergriffene Zuhörerschaft - das  V o l k  aber sitzt leise da in der Kirche, gähnt hinter vorgehaltener Hand, denkt ans Mittagessen und ist in aller Regel ganz unbeteiligt.

Das ist auch gar nicht anders möglich und hätten die edlen Spitzenkräfte unseres Gewerbes besser überlegt, würden sie Thema und Veranstaltung anders geplant haben. So aber sehe ich einen Markt der Eitelkeiten voraus, eine Tagung, bei der sich wenige Auserwählte vor einer noch nicht und vermutlich auch in Zukunft nie berufenen Schar von Minderbrüdern spreizen.

Ich gönne es den Berufenen ja und würde mich in ähnlicher Lage nicht anders verhalten. Es macht eine natürliche und unschuldige Freude, die Unwissenden zu belehren. Das kann ihnen nur nützen. Nur darf ich nicht vergessen, daß es vorgegebene Strukturen und Zwänge gibt, in denen das Fußvolk gefangen ist. Ich muß mit meiner Hilfe dort ansetzen, wo die Armen der Schuh drückt.

Im deutschsprachigen Antiquariat gibt es, locker vom Hocker geschätzt, dreißig bis vierzig Kollegen, die ihre Handbibliothek, die Auskunftsregale der nahen Unibücherei und die Auskunftsquellen des Netzes über "Titel und Preis" hinaus wirklich brauchen und praktisch nutzen.

Die anderen, es dürften beim rapiden Verfall des Gewerbes noch etwa 450 sein, können mit den Begriffen der Bucherschließung, der Sachgebietsbearbeitung, der bibliographischen Recherche nichts, aber auch gar nichts anfangen - es sei denn, ein seltener Titel ist ihnen zugeflogen und nun wollen sie, über jene berüchtigte Versteigerungspreis-Verhehlungs-Schröpfmaschine, die der Verband zu verantworten hat, hinaus Näheres über diesen ihren Rara Avis wissen.

Wir müssen das noch deutlicher sagen: Sie  d ü r f e n  und  s o l l e n  mit Handbibliothek und Bucherschließung nichts am Hut haben.

Wenn ich es ihnen trotzdem nahebringen will und aufgeregt gackernd edle Veranstaltungen in Szene setze, dann mache ich mich als Kollege der Heuchelei schuldig.


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Um eine Handbibliothek und andere Auskunftsquellen zur Bucherschließung wirklich nutzen zu können, muß ich entsprechende Buchbestände haben, auf die ich solche Instrumente anwende. Der durchschnittliche Antiquar bekommt ab und zu ein seltenes Buch unter die Hand, das kann er aber schnell mit den einfacheren Netzmitteln beschreiben. VD16, VD17, die mit ihren Paginierungen immer noch unersetzbaren Radtkes, meinethalben noch die Schröpfagentur - und das wars.

Mehr  s o l l  und darf nicht geleistet werden, wenn ich nicht zusammenhängende größere Bestände am Lager oder im Einkauf habe. Man sehe sich doch nur einmal die Versteigerungshäuser, jene Großmeister der geistlosen Buchvereinzelung, von innen an. Wie arbeiten sie dort? In riesigen Sälen mit exquisiten Handbibliotheken wird so schludrig und flüchtig gearbeitet, daß es Gott erbarm - erst ab etwa fünfthuntert Euronen nimmt sich der Bearbeiter mehr als zehn Minuten Zeit zur Beschreibung des Titels.

Wenn ich nicht ein ehrwürdiges, sehr gutes Lager geerbt oder sonstwie übernommen habe, erhält die Bucherschließung erst Sinn beim Aufbau eines eigenen  S a c h g e b i e t s.

In Ansätzen kennt das jeder Kollege von dem, was sich fast immer durch regionale Ankäufe ergibt: von der Heimatsammlung. Weil aber das übliche Mümmeln und Miefen der Greise der Spezies "Heimatforscher" nicht jedermanns Sache ist, haben die meisten Antiquare wenig Lust, diesen Sachbereich zu erschließen. Ich kann sie verstehen, auch wenn ich aus eigener Erfahrung sagen darf, daß es ab einer bestimmten Bestandsgröße dann eben doch Spaß machen kann (und kein einfaches Unterfangen ist).

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Ich darf gar nicht daran denken, die kleineren Kollegen belehren zu wollen in Sachen Bucherschließung und Handbibliothek, ehe ich ihnen nicht zu den  S t r u k t u r e n  verholfen habe, die ihnen den Aufbau von Sachgebietsbeständen ermöglichen. Fast alle Fragen unseres Gewerbes auf allen Ebenen hängen mit dieser Kernfrage zusammen: Wie kommen wir von der scheußlichen Vereinzelung der Titelaufnahme und Titelverzeichnung in unseren Datenbanken und Portalen wieder weg?

Ich kann es einfach nicht mehr hören, wenn unser aller Dr.Biester  wieder empfiehlt, doch einfach hübsche Gemeinschaftskataloge zu gestalten oder vom Niederrhein her die satte und selbstzufriedene Lehre erschallt, man sitze auf vollen Lägern bester Ware, verkaufe emsig und sei vergnügt, was das ewige Gejammere denn solle?

Die Strukturen müssen verändert werden, ehe über Bucherschließung und Handbibliothek, über Zugänge zu einem Fachwissen des Antiquars diskutiert werden sollte. Wie kann der kleine Antiquar oder der mittlere Berufseinsteiger sich  F a c h g e b i e t e  aufbauen? Wenn ihm das gelingt, dann wird seine Arbeit erst sinnvoll.

Neben bestimmten anderen Ankaufstechniken ist es heute Ebay und, mit deutlichen Abstrichen, auch das Gewusele der kleineren Verkaufsportale, über die zu lohnenden Margen gute bis sehr gute Titel zusammengekauft werden können. Ein halbes Jahr tägliche Internet-Arbeit im Ankauf, ein Portefeuille von zehntausend Euronen - und ein tadelloser Fachbestand zu jedem Thema, das denkbar ist, steht im Regal.  D a n n  erst kann der Kollege über Fachbibliothek und Bucherschließung nachdenken.

Noch wichtiger als solche neuen Wege ist aber der ehrwürdige Pfad des  A u s t a u s c h e s  von Beständen unter den Kollegen. Einzelankäufe bei Antiquaren lohnen sich heute nicht mehr, wenn man Sachgruppen aufbauen will, das geht über das Netz einfacher. Wohl aber muß ein System zum Blockaustausch unter  möglichst allen Antiquaren gefunden und eingerichtet werden.

Jeder sein eigener Fachantiquar! Damit lösen wir auch den durch die Amazonkrake (Abebooks-ZVAB-Amazon) geschaffenen Portal-Alptraum. Und dann, aber erst dann, machen Bucherschließung und Handbibliothek wieder Spaß.

Dienstag, 5. Februar 2013

Antiquare: Börsenverein - stellen Sie unsere Handbibliothek ins Netz!


(Zur Frage der Handbibliothek des Antiquars - und seiner Kunden) 





Es gibt eine ganz erstaunliche Fülle an retrobibliographischen Schriften. Bei vielen bücherkundlichen Arbeitsvorhaben wird man den Eindruck nicht los, daß die aufgewendete Mühe des Forschens, Zusammenstellens und Druckens in keinem Verhältnis steht zur Bedeutung des behandelten Gebiets. Während Schriften zum tieferen Sinngehalt mager gesät sind, drängen sich bibliographische Sammelwerke, mehr oder minder mechanische Kompilierungen, auf engem Raum.

Uns Antiquaren ist die zugrundeliegende Mechanik nicht fremd. Menschen, besonders Männer, neigen zum Sammeln aus Freude am Tun, jenseits tieferer Erkenntnisse. Man kann Bücher, Verfasser, Beschreibungen von Druckwerken genauso gut in Schächtelnchen packen wie Bierdeckel oder Briefmarken. Ich würde hier nicht einmal Freud bemühen, sondern mir den Menschen der Urzeit vorstellen, der für den Winter  in seiner Höhle ansammelt, was er im Sommer erjagen konnte. Der hat sich am Anblick seiner Hasenfelle und Honigtöpfe ähnlich gelabt wie wir heute an den Regalen unserer bibliographischen Handbibliothek.

Abgesehen von solcher Sammelfreude sollten wir uns aber schon vor Augen halten, daß die Mehrzahl der bibliographischen Facharbeiten im Antiquariat unbedeutend, weitgehend selbstzweckhaft und aus einigem Abstand gesehen  s i n n l o s  erscheint. Auch deshalb, weil die modernen elektronischen Auskunfts- und Sammelsysteme von Tante Google über Worldcat bis zu den nationalen Sammelkatalogen im Netz immer besser und tiefer auch die Recherche kleingestrickter Sammel- und Interessensgebiete ermöglichen.

Ich gehe so weit zu sagen, daß viele der klassischen bibliographischen Werke nur noch im Regal stehen, weil die Nutzer noch nicht gelernt haben, mit schon vorhandenen anderen, meist übergreifenden elektronischen Netzsystemen umzugehen. Hätten sie die dazu notwendige Arbeitstechnik intus, könnten sie die fraglichen Handbibliotheksbände entsorgen, natürlich übers ZVAB zuhanden naiverer Gemüter.

Man wird die Frage der größeren Bibliographien in Buchform einzeln entscheiden müssen. Soweit sie  k o m m e n t i e r t  sind, gewichtet, ergänzt oder nach Untergruppen geschickt gegliedert, bleiben sie wertvolle Arbeitsmittel. Das dürfte unbestritten sein. In solchen Fällen wird man auch in der Titelbeschreibung des Antiquariatskatalogs auf die Fundstelle hinweisen, wenn (eine wichtige Einschränkung) das Werk in der betreffenden Bibliographie nicht schnell durch Register aufzufinden ist. Katalogverweise in Antiquariatslisten sollen nicht das rasche Nachschlagen in Registern erleichtern. Ich möchte einfach nicht damit aufgehalten werden, daß mich ein Antiquar belehrt, ein Titel von Sven Hedin oder Rilke sei in dieser oder jener Fachbibliographie aufgeführt.

*

Eine betrübliche Rolle spielt bei der Frage "Handbibliothek des Antiquars / des Büchersammlers" die Raffgier bestimmter Verleger. Ich habe mir eine Freude daraus gemacht, solche Produkte in den letzten Jahren etwas näher anzusehen, wenn Dr. Biester im Börsenblatt sie wieder einmal arglos vorgestellt hatte. Wer ganz überwiegend von der öffentlichen Hand finanzierte bibliographische Fachtitel kleinen bis mittleren Umfangs zu 150 oder 200 Euronen glaubt anbieten zu sollen als Verleger, der verdient kein Lob.

Ich vertiefe dieses betrübliche Kapitel nicht. Es vergiftet den Bereich unserer antiquarischen Hilfsmittel auch anderswo - mit dem ausdrücklichen Segen des Verbands der Antiquare verhökert eine Agentur die - in der Quelle öffentlich zugänglichen - Versteigerungserlöse zu hohen Abonnementspreisen im Netz. Antiquare und ihre Kunden als Milchkühe zu mißbrauchen, das ist nicht gut.

*

Ebenso spannend wie schwierig wird unser Thema, wenn wir zum Urheberrecht kommen. Viele der bibliographischen Hilfsmittel würden im Netz stehen und hurtig benutzt werden können, wäre da nicht ein viel zu lang laufendes, zu kompliziertes und mühsam abzugrenzendes Urheberrecht zu beachten. Es fehlt hier der Raum, um nur einmal auf jene Einzelheiten einzugehen, die mit der Tatsache verknüpft sind, daß urheberrechtsfreie, verwaiste, abgelaufene Titel nicht genau ermittelt werden. Eine gute Hälfte aller kleineren bibliographischen Schriften im Antiquariat, die jetzt noch pauschal als urheberrechtsgebunden behandelt werden, sind es juristisch und genau besehen nicht mehr, sie sind urheberrechtsfrei.

Wie betrüblich sich in Sachen "Handbibliothek" das Urheberrecht auswirkt, sehen wir an einem uns allen vertrauten Beispiel. Die Zeitschrift des Börsenvereins "Aus dem Antiquariat" hat vor einiger Zeit eine zwar unglücklich geordnete, dennoch aber hochinteressante Zusammenstellung der Aufsätze der letzten Jahrzehnte in diesem wichtigen Hausblatt des deutschsprachigen Antiquariats veröffentlicht, sie - die Zusammenstellung und  n u r  sie - ist mit einiger Mühe auch im Netz zu finden.

Hier haben, gegen bescheidenen Anerkennungslohn, hunderte exquisiter Sachkenner meist vorzügliche, oft sogar allzu wissenschaftliche, immer aber wichtige und gute Aufsätze zu bibliographischen Sachfragen des Antiquariats niedergelegt - eine einmalige Fundgrube. Denn hier sind keine öden Listen erstellt worden, sondern lebendige Zusammenhänge wurden aufgezeigt, der neueste Stand der Forschung bemüht, manche der Beiträge hätten unter der Hand gewisser Dokumentationsverleger zu Hundert-Euro-Büchern aufgeblasen werden können - wie auch immer, ein Schatz für den Antiquar und seine Kunden.

Die Bibliographie wurde erstellt, aber die zugehörigen Titel wurden nicht ins Netz gestellt. Die Situation des hungrigen Passanten, der die Torten zwar im Schaufenster sehen, sie aber nicht essen darf, ist einfühlbar. Wer hat schon die Reihe in seiner Handbibliothek stehen? Ich habe mit einigem Grauen gesehen, daß die komplizierte Erscheinungsweise unseres Berufsblatts - zunächst intermittierender, nicht auszutrennender Teil einer anderen Zeitschrift ("Börsenblatt"), dann sowohl separat zu beziehende wie auch weiterhin Bestandteil der Mutterzeitschrift seiende Unterzeitschrift, dann endlich zum selbständig erscheinenden Fachblatt mutierend -  dazu geführt hat, daß "Aus dem Antiquariat" in vielen Bibliotheken nur lückenhaft, problematisch oder gar nicht zu benutzen ist.

Schauerlich wird die Sache besonders dort, wo die Bibliothek uns einlädt, aus den gefühlten zehn Metern der - unglaublich schwergewichtigen - Mutterzeitschrift die schmalen Teile unseres Fachblatts "auszuheben". Wie auch immer, es ist eine praktisch-bibliographische Tragödie.

Welcher Segen, welcher Reichtum für alle antiquarischen Belange, wenn die mittleren und größeren Beiträge dieses Fachblatts separat abrufbar, nutzbar, kopierbar wären, wobei ich schnell hinzufüge, daß dies nicht als Abzock- und Schröpfmodell , sondern mit bescheidener Werbezugabe finanziert werden sollte.

Noch trauriger sieht es mit den Zugangsverhältnissen aus, wenn wir die Jahrzehnte seit 1900 betrachten - welche Fülle bibliographischer Aufsätze liegt brach, verborgen unter dem Schutt riesiger Neubuchhandels-Zeitschriften und/ oder behindert durch "dokumentarisch arbeitende" Verlage, eine besondere Spezies, wie wir oben schon gesehen haben.

Warum ist das so tragikomisch? Weil es nicht so sehr die großen, bekannten Buchwerke sind, die  I m p u l s e  für die Handbibliothek der Antiquare und ihrer Kunden geben könnten - nein, die guten, hochqualifizierten fachbibliographischen  A u f s ä t z e  der letzten hundert Jahre könnten weite Bereiche des Büchersammelns heute wieder neu beflügeln. Es wäre Sache des Börsenvereins des Buchhandels, hier mit gutem Beispiel voranzugehen und "Aus dem Antiquariat" im Netz freizugeben.

 

Die Urheberrechts der Bilder liegen bei faz.net bzw. taz.de und Disney. Ich danke für die Ausleihe. Bilder werden auf formlose Anforderung hin entfernt.

Montag, 4. Februar 2013

Reformieren wir unsere Titelaufnahme?

oder:
 
Neues aus Lübeck







Die Bilder zeigen an einem beliebigen Buchbeispiel jene 4 Grund-Scans, von denen im Text die Rede ist.

Halten zu Gnaden - dies ist eine Plauderei, keine Abhandlung.




Die bibliographischen Kenntnisse unserer Kunden sind äußerst gering. Von wenigen Ausnahmen abgesehen können sie gar nicht unterschätzt werden.

Dies gilt für alle Bereiche der Bücherkunde. Die Vorstellungskraft des Kunden, sich anhand der formalen Titelaufnahme klassischer Art ein B i l d  vom angebotenen Buch, seiner Brauchbarkeit, seinem Wert, von seiner Bedeutung zu machen, ist heute weitgehend verlorengegangen.

Die formale Titelaufnahme, wie sie bisher verwendet wird im Antiquariat, ist lesetechnisch eine monströse Unmöglichkeit.

Sie verzichtet auf die Verwendung von  S y m b o l e n  und  B i l d e r n  in einem tieferen Sinn und macht dadurch das Querlesen unserer Titellisten zur Qual.

Nun einige Beispiele, wobei der erste Punkt nicht der Wichtigste ist:

Der Begriff der "Seitenzahl", eines der heiligen und (bei der selbständigen Titelaufnahme) lästigen Elemente, ist, von Einzelfällen abgesehen, so exakt nicht notwendig. Vielmehr reicht es fast immer aus, den  U m f a n g  des Buchs durch Symbole anzudeuten. In Abstufungen von je 50 Seiten könnten Kästchen gesetzt werden, viereckige schmale Symbole, die es ermöglichen, auf einen Blick den ungefähren Seitenumfang des Buchs zu erfassen.

Ähnliche Symbole verwenden wir für Abbildungen, die Einbandart und den  Z u s t a n d  des Buchs. Auch zum letzten Punkt keine Schulnoten als Ziffern, nein - sofort,  i n t u i t i v  erkennbare Symbole.

Das sind nur kleine Schritte hin zu einer längst überfälligen Generalreform der Titelaufnahme. 


 
Gehen wir nun ans Eingemachte!

Mir persönlich erscheint es wichtig, möglichst jeden Verfasser direkt zu v e r l i n k e n  zu einem Wiki- oder anderen Aufsatz im Netz, der seine Biographie und andere Angaben/ Wertungen liefert. Das bedeutet, in ungewohnter Weise mit Verlinkungen bei der Titelaufnahme zu arbeiten. Die alten Bibliotheksleute haben das im Ansatz schon so gehalten, noch heute ruht etwa die Französische Staatsbibliothek nicht, bis sie die Lebensdaten jedes Autors erfaßt hat und in ihrem Datensatz vermerkt (eine formalistische Praxis, aber immerhin).

Die Titelaufnahme sollte, so meine ich, in möglichst vielen Elementen mit Sachinformationen im Netz  v e r l i n k t  werden. nicht etwa nur mit den dazugehörigen Wiki-Texten, oft sind ja private Webseiten weitaus ergiebiger und interessanter.

Ist das nicht Mehrarbeit für den Antiquar? Ich habe  vor einigen Monaten mit älteren Titeln die Probe aufs Exempel gemacht. In der Mehrzahl der Fälle konnte ich so die  B e d e u t u n g  des Buchs viel besser einschätzen. Der Kunde wird oft durch eine kluge Verlinkung der Personen- und Sachthemen ins Netz hinein ebenso bereichert wie der Antiquar.

Natürlich wird man Doppel- und Mehrfacharbeiten vermeiden. Es ist kein "Klauen", wenn ich Vorarbeiten meiner Kollegen übernehme - die dürfen auch meine eigenen Titelaufnahmen abkupfern. Wollen wir das gierige, kleinliche Hyänentum unserer Verleger in die tägliche Antiquariatsarbeit hineinwuchern lassen? Da sei Gott vor.


*

Wichtiger als das bis zu dieser Stelle Gesagte und überdies ganz schnell zu verwirklichen ist mein zweiter Reformvorschlag zu einer neuen Titelaufnahme:

Wir nutzen bisher kaum die Möglichkeit, durch  B i l d e r  den Inhalt zu erschließen, die Bedeutung des Buchs zu erkennen.

Nun folgt ein Kraftausdruck: Jener Unglücksrabe, der vor etlichen Jahren auf die Idee kam, das (o grausiges Schandwort:) C o v e r  eines Buchs, genauer gesagt den Vorderdeckel zu scannen/ abzulichten und dieses Coverbild zum Regelfall zu erklären, der war - ein Idiot. Ich kann das nicht anders sagen.

Denn auf den Deckel / das Deckelbild / den Einband kommt es meist recht wenig an, wenn es darum geht, zu einer neuen Erschließung unserer Bücher im Netz zu finden.

In Zukunft müssen wir scannen

- das Inhaltsverzeichnis (bei umfangreichen eine ausgewählte Doppelseite des Inhaltsverzeichnisses, gibt es keines, entfällt dieser Schritt),
- zwei geschickt ausgewählte Probe-Doppelseiten aus dem Inhalt, wobei der Stolperstein umgangen werden sollte, nur besonders "schöne" oder eindrucksvolle Doppelseiten zu bringen. Der eine Doppelseitenscan wird  t y p i s c h  sein im Sinne einer Durchschnittlichkeit, den anderen wird man etwas eindrucksvoller mit Bild, Karte oder Tabelle wählen.
- ein Flachauflagebild des  Einbands bzw. des Vorderdeckels (also wie bisher)

Die Bilderstrecke umfaßt mithin 4 Einheiten, die als anklickbare Bildchen neben der Titelaufnahme stehen.

Alle diese Angaben gelten für das klassische Antiquariat. Bei Titeln ab etwa 1970 gelten andere Regeln, sie wird man mit Recht automatisch bearbeiten.



 

Es gibt mehrere Voraussetzungen für die Bildertechnik. Erstens kommen Pixelkameras nicht in Frage, nur Scans. Zweitens muß die Scanmaschine sehr schnell sein, sonst dauert die Anfertigung der Scans zu lange. Drittens muß der Scan auf "200" eingestellt werden, sonst kann die Schrift später nicht gelesen werden. Hier im Google-Blog kann ich die notwendige Auflkösung zum Lesen nicht darstellen, aber technisch ist das sonst gar kein Problem. - Das Webhosting der Bilder muß sehr schnell, sehr billig (fast gratis) und absolut zuverlässig möglich sein. Das geht zur Zeit wohl nur mit Googles Picasa-Webseiten.

Hinter diesen schnell notierten Einzelpunkten versteckt sich ein Rattenschwanz von Folgerungen. Der wichtigste Grundsatz ist: Gedruckte Kataloge/ Listen gibt es ab sofort nicht mehr! Der Komfort durch die neue Listen- und Katalogerstellung ist so immens, so verführerisch, daß auch der konservativste Pirckheimer-Uropa mit fliegenden Fahnen zur Netzliste überlaufen wird und grummelnd zugeben muß: Es ist schon was dran an der neuen Erschließungstechnik unserer alten Bücher


Bis bald Ihr
Peter Mulzer




Nachschrift: Die Kommentarfunktion in diesem Blog hat sich als wenig hilfreich erwiesen, sie ist jetzt abgeschaltet. Wer mir schreiben möchte, bitteschön, bittegleich, Kellner kommt schon: 

mulzerbooks (at) googlemail.com





Samstag, 2. Februar 2013

Ein gemeinsames Portal für Antiquare und ihre Kunden





Die deutschen Antiquare machen sich Gedanken über ihre Handbibliothek - brav, brav.

http://www.boersenblatt.net/592952/template/bb_tpl_antiquariat/

Ich fürchte nur, daß dabei nicht besonders viel herauskommen wird.

Die Frage hängt ja doch in Wahrheit eng zusammen mit Sinn und Unsinn der gegenwärtigen Titelerfassung und Buchbeschreibung. Bei näherem Hinsehen ist beides angesichts der heutigen Möglichkeiten im Internet einfallslos umgesetzt. Die Interessen der  K u n d e n  werden von den Antiquaren hier - wie sonst auch nur allzuoft - nicht berücksichtigt. Kennen die Antiquare eigentlich ihre Kunden?

Unsere werte Genossenschaft, seit zehn Jahren Hort des Kleinmuts und der zu spät gekommenen Einsichten,

http://www.giaq.de/

exerziert zusammen mit dem Verband der deutschen Antiquare, der leicht arroganten Hochburg des Edelantiquariats

http://www.antiquare.de/

jene erzkonservative Antiquariatskultur, die endlich einmal kritisch überdacht werden muß.

Immer noch steht die mechanische  T i t e l a u f n a h m e  im Vordergrund, werden die Nutzungsmöglichkeiten des Internets nicht gekannt, nicht eingesetzt.

Dahinter verbergen sich wahre Tragödien.

Die bisher erschienene Sammelkataloge der Genossenschaft sind abschreckende, geradezu traumatisierende Dokumente aus Sicht des Kunden, der doch längst vom Netz her modernste Bild- und Textinformation gewohnt ist. Sie sind aber zugleich, vergessen wir das nicht, das Ergebnis vieler Stunden ernsthafter Kollegenarbeit, die in den Sand gesetzt wurden. Anstatt visueller Darstellung in langen Bilderfolgen, die uns das wertvolle Buch lebendig  v o r s t e l l e n, wird jener verlogene Affentanz aufgeführt, der voraussetzt, daß der Kunde jenes Sachwissen hat, jene Umgangsfertigkeit mit schriftlichen Titelbeschreibungen, die der Antiquar seinerseits zu besitzen - - vorgibt.

Beide Teile lügen sich an, unter Federführung der Funktionäre unseres Berufs.

Von unten her, wenn ich bei der Berufspyramide bleiben darf, räkelt sich ein ganz anderes Monster im See - weit über die Hälfte aller Kollegen hängt am Tropf der "automatisierten Titeleingabe" des Hauses w+h

http://www.whsoft.de/

Welche gefährliche Rolle w+h nach meiner persönlichen Einschätzung im Antiquariat spielt, ist aus meinen alten Blogs ja wohl bekannt

Das gilt auch für die absolut nicht innovative Art der Titelaufnahme, die dort festgeschrieben, gewissermaßen für alle Zeiten zementiert wurde und wird.

Fazit: Von oben wie von unten her eine katastrophale Rückschrittlichkeit, ein Weiterwursteln nach alten Standards im wohl wichtigsten Bereich unseres Berufs, in der Buchbeschreibung.

So, wie wir im Netz heute

*eine ganz neue Art der Darstellung unserer alten Bücher

brauchen, muß auch unsere Zeit- und Arbeitstechnik im Antiquariat revidiert und neu berechnet und gewichtet werden. Die bisherigen Buchbeschreibungen, ob von unten (jene Millionen von Titeln im ZVAB oder in Abebooks) oder von oben (Edelkataloge und Zimelienlisten der gehobenen Kollegen) sind angesichts unserer heutigen Möglichkeiten, es anders und besser zu machen, schierer  U n f u g.

Was aber will der Kunde denn dann wirklich, was können wir Antiquare ihm anderes, besseres bieten?

Darüber will ich hier in den nächsten Wochen einiges schreiben. Ausgangspunkt ist

mein Arbeitspapier für ein neues Portal, das ich im - leider weiterhin zugangsbeschränkten - Forum

www.geizmonster.de

vorgestern so dargestellt hatte:

Offener Brief an eine unternehmungslustige Kollegin.

Ihre Idee, ein F o r u m für Antiquare einzurichten, ist nicht gut. Ich selber war ja lange Zeit auch auf dem Forums-Trip, wurde aber schon letztes Jahr in einem kurzen Dialog quer über die Tische mit Dr. Biester auf der Frankfurter Buchmesse von solchen Ideen geheilt. Niemand kennt die Antiquare besser als er, und er erklärte kategorisch, das sei mit den deutschen Antiquaren - aus verschiedenen Gründen - nie und nimmer zu bewerkstelligen.

Recht hat er. Es gibt mehrere Gründe, die ich so sehe: Die wirtschaftliche Lage vieler Kollegen ist so schlecht, daß sie jede freie Minute in Titelaufnahme und Versand malochen müssen und sich die Zeit zur Forumsschreiberei abknapsen müßten. Sie leiden wie die Hunde unter der geistlosen Arbeit, die Titelaufnahme nun einmal darstellt. Sie haben fast alle insgeheim andere Interessen und betrachten "Antiquariat" nicht als ihre Berufung, sondern als Fron, die ihnen auferlegt ist.

Für die Bücherkunden gilt das nicht. Ich sehe am Beispiel der Literaturforen, auch der kleinen, daß Büchersammler schreibfreudig sind. Das sehen wir ja in jedem Ladenantiquariat: Die Stammkunden reden stundenlang miteinander, während der zugehörige Antiquar recht zugeknöpft daneben sitzt.




Sie, die Kunden, haben das Bedürfnis, ihre großen und kleinen Nöte, die sie mit uns Antiquaren haben, irgendwo zu diskutieren. Umgekehrt sehe ich da kaum Schreibbedarf, es sei denn, die Antiquare warnen ihre Kollegen vor faulen Kunden.

Das ist also der erste Punkt. Man darf nicht ein Forum aufmachen (nur) für die, die n i c h t diskutieren wollen.

Ein zweiter Punkt ist noch wichtiger. Wir Antiquare sind ganz offenbar unfähig, unsere Lage zu verbessern. Es fehlt uns an den elementaren Techniken. Ich muß zur Zeit in dem doch nicht ganz schlechten ZVAB jeden Tag hunderte von Titelaufnahmen durchforsten und sehe neben den guten Aufnahmen bewährter Kollegen einen Rattenschwanz hundsmiserabler, geradezu peinlicher, lächerlicher Titelaufnahmen. Ich sehe, daß das in der Regel neuere Einträge sind. Insbesondere aus den neuen Ländern schwappt eine Welle schauerlich-mieser Titelaufnahmen herüber.

Eine andere Beobachtung zur Ergänzung. Viele Kollegen plagen sich in Webseiten, bei Ebay und anderswo mit umständlichen, schlechten Scans, mit absurden und ärgerlichen Bildhostern, sie beherrschen keine Techniken, kennen keine Netzadressen für ihre fachliche Arbeit. Was mir seit nun 5000 Verkäufen über Ebay (was etwas anderes bedeutet als Datenbank-Verkäufe) vertraut ist, der Umgang mit Googles Bilderdiensten, wird von den wenigsten Antiquaren beherrscht. Ähnlich s c h a u e r l i c h ist der Umgang mit den Quellen für gute, zu übernehmende Titelaufnahmen aus dem Netz. Undsoweiter... bei den grotesk-täppischen Versandtechniken hört das noch lang nicht auf.

Ehe eine böse Kollegin gleich wieder zuspringt: Nein, ich bin gar kein Vorbild in diesen Dingen. Ich kann mir's erlauben, nonchalant vor mich hinzuschlampen, da ich eine besondere (freilich auch schwierigere) Ware verticke. Aber, und darauf kommt es an, ich w e i ß, wie mans machen kann, sollte und müßte.

Ein ähnliches, schieres Grauen überfällt mich, wenn ich mit jüngeren Büchersammlern rede oder emaile. Ihre bibliographischen, bibliothekskundlichen, retrobibliographischen Kenntnisse sind völlig verfallen gegenüber dem Stand vor noch zehn Jahren. Da ist fast nicht mehr präsent!

Fassen wir mal zusammen:

1. Die Antiquare wollen nicht und nimmermehr aktiv in Foren schreiben; sie haben ihre Gründe dafür.
2. Die Kunden der Antiquare dagegen sind durchaus schreibfreudig.

3. Das technisch-praktische und das theoretische Wissen und Können der älteren Antiquare bedarf dringend der Überholung - das vieler jüngerer Antiquare ist schauerlich dürftig, oft geradezu lachhaft.
4. Die Grundkenntnisse, die unsere Kunden noch vor einem Jahrzehnt hatten, sind rapide im Verfall begriffen.

Daraus resultiert was? Viel wichtiger als ein mühsam zusammengestoppelter "Dialog" in einem "Forum" ist ein P o r t a l - als Zentrale der Wissensvermittlung, der Bereitstellung von Techniken und Taktiken unseres Berufs. Für die hunderte von peinlichen, strunzdummen Anfänger im Antiquariat, die sich in den Datenbanken breitmachen, muß das bis auf stures Kurs-Niveau heruntergefahren werden. Unsere Kunden dagegen brauchen hochkarätiges Faktenwissen.

Also: Nicht ein Forum, da sei Gott vor, sondern ein kombiniertes P o r t a l . Für uns und unsere Kunden. Auch mit Dialog, am Rande. Finanziert durch Bannerwerbung. Auch wenns am Anfang nur Cents bringt, es ist eine gute Qualitätskontrolle.



Das obere Bild zeigt die Ankunft des GIAQ-Vorsitzenden bei der Tagung am 27. und 28. April in Lübeck. In der Mitte die Buchbeschreibung neuen Stils, wie sie nach Vorstellung der Genossenschafts- und Verbandskollegen in Zukunft (wieder) aussehen sollte (mit Dank an den Altmeister Tanconville)

Dienstag, 3. Juli 2012

Consilium abeundi - Webseitenkritik des Portals "Achtung-Bücher.de"




http://www.boersenblatt.net/540595/template/bb_tpl_antiquariat/
 http://achtung-buecher.de


Versandkostenfreie Lieferung neuer und alter Bücher, das sind neue Töne. Hören wir näher hin.

Bei Neubüchern scheint die ohnehin knappe Buchhandelsspanne versandkostenfreie Lieferung nur unter Opfern zu ermöglichen, nur ab bestimmten Mindestbeträgen oder bei längerfristigen Kundenbindungen rechnet sich das.Dies wußten auch die Fabrikanten dieser Portalseite. Sie erwecken trotzdem den ersten Eindruck, als würden sie alle Neubücher postfrei liefern - erst wenn man dem diskret angehängten "Sternchen" folgt, wird ganz unten, nach mehrmaligem Herunterscrollen, in abgeschwächter grauer Kleinstschrift, informiert: "*) Alle nicht als neu gekennzeichneten Produkte werden versandkostenfrei verschickt, sofern Käufer und der Verkäufer aus dem selben Land kommen. Von dieser Regelung ausgenommen sind Neubücher der REDIVIVUS Buchhandlung. Diese werden ab 10,- EUR Einkaufswert versandkostenfrei innerhalb Deutschlands verschickt".

Diese Methode - nachträgliche Einschränkung einer vorausgegangenen Verheissung - ist wenig seriös. Wir sind hier nicht bei Handy-Abzockern, sind wir nicht?

Im Antiquariat können wir spätestens seit der stagnierenden Ebay-Aktion mit den braunen Kreisbuttons "versandkostenfreie Lieferung" von gesicherten Ergebnissen ausgehen: Der Kunde erwartet portofreie Lieferung antiquarischer Bücher "gefühlsmäßig" nicht, er kann sogar, wie wir in den Kundenforen nachlesen, negativ-mißtrauisch reagieren, weil er bei jedem postfreien Angebot nachrechnet, ob der Verkäufer das Porto nicht einfach zum Preis hinzugerechnet hat und also Etikettenschwindel betreibt. Man ist sich heute einig darin, daß eine sehr knapp gerechnete, mäßige Versandpauschale im Altbuchbereich den idealen Mittelweg darstellt.

Man kann mit Webadressen Versuche anstellen, die von Mnemotechnik bis zu Psychoanalyse alle Wissenschaften in Anspruch nehmen. Es gibt aber einige Grundsätze, zu deren Erarbeitung das gesunde, naive Sprachempfinden ausreicht. Ich muß einen positiv besetzten, erfreulichen Namen wählen, wenn ich etwas verkaufen will. Das geht nicht anders. Rücksichten dieser Art sind ganz unnötig, wenn ich eine Seite über den Zivilschutz im Atomzeitalter oder über die Gefahren von Aids bauen möchte. Aber hier sollen Bücher verkauft, mehr noch - Kunden sollen an ein vertrautes und geschätztes Portal gebunden werden.

Dann darf ich nicht mit "Achtung" arbeiten. Das ist im Deutschen allemal ein Warn- und Aufforderungswort, ein Kommando mit Droh-Hintergrund, mag nun eine Infektion, eine Lawine oder der Tatzenstock des Lehrers drohen. Es gibt, freilich schon fast veraltet im täglichen Sprachgebrauch, auch die "Achtung" vor Goethes Werk oder die "Achtung" vor dem Bundespräsidenten. Das kann hier aber nicht gemeint sein.

Daß "Bücher" in der Mehrzahl etwas unglücklich sind in Portalnamen und Webadressen, liegt daran, daß man das Buch zunächst in seiner Einzahl erinnert, während die Mehrzahl "Bücher" immer auch etwas Neutrales, Nüchternes, nicht unbedingt Positives meint. Dann bitte ich nicht zu vergessen, daß "Minus" schwach negativen Anklang hat. Radiosprechern geht es locker über die Lippen, "Südwestfunk minus Sendestudio de", aber sprachpsychologisch ist dieses "Minus" nicht gut und, bedeutsamer, es wird nicht leicht erinnert.

Drei Fehler also in einer Webadresse, wobei "Achtung" weitaus am schwersten wiegt. Zusammen aber ist das Gebilde ganz schlecht. Hier kann ein Kunde gefühlsmäßig-sprachlich nicht heimisch werden.

Die Graphik der Eingangsseite ist schauerlich. Mit dem brandroten Ausrufezeichen wurde in Form und, vor allem, in Farbe eine Zerstörung der Gesamtseite verbrochen, wie sie absurder und schlimmer gar nicht denkbar ist. Wir hatte schon bei der alten Eurobuch-Seite die Verwendung der arteriellen Blutfarbe getadelt, tadeln sie immer noch bei "Booklooker" - nun ist es Achtung-Bücher gelungen, einen noch schrecklicheren Rot-Ton zu finden. Dazu paßt dann - wir sind unter Erwachsenen - das abgeschwächte Kackbraun, das an flüchtig ausgespülte Babywindeln erinnert.

Kleinere Fehler finden sich zuhauf. So sind einige Schriftzüge der Portaleingangsseite mit affigen Schatten hinterlegt, andere nicht. Das Auge taumelt in zwei verschiedenen Dimensionen hilflos herum.

Sie konnten in dieser Softwareschmiede, wir erinnern uns dunkel, noch nie Deutsch. "Innerhalb Ihres Landes" ist sowohl sprachlich wie auch logisch Unfug, auch wenn man weiß, was gemeint ist, so darf man es nicht sagen. Mit der Wendung "Vergriffene Bücher" haben wir im Antiquariat unseren Kummer, denn darunter versteht man Bücher aus den letzten 20-30 Jahren, was unendliche Mißverständnisse beim Kunden heraufbeschwört, dem wir "alte Bücher" oder besser "antiquarische Bücher" aus fünf Jahrhunderten anbieten wollen. - "Geben Sie bitte Titel, Autor, Verlag, Erscheinungsjahr, ISBN usw. ein", auch das muß man anders sagen, irgendwo zwischen "und" und "oder" sollte man sich da schon Gedanken machen.

Graphisch-taktisch macht uns die Eingangsseite auch keine rechte Freude. Das Eingabefeld ist zu kurz, die meisten Kunden wissen nicht, daß sich das Feld im Zug ihrer Eingabe sozusagen unsichtbar beliebig erweitert. Die doppelte Moppelung "Suchbegriff" und "Schnellsuche" ist unsinnig, auch meint der Kunde, oben nur "Begriffe" eingeben zu sollen, unten aber nicht, oder doch? - Dümmlich ist die Verwendung des Worts "Top" gleich zweimal im Kopf zweier ziemlich sinnfrei organisierter Spalten. Der Kunde will keine Zufallstitel angezeigt bekommen, das macht schon Google weitaus besser mit seinem System "aufs Geradewohl" oder wie es dort heißt. - Eine Todsünde ist es, im Mittelfeld gähnende weiße Strecken freizulassen. Die Wiederholung des knallfett-bunt dahingerotzten "Achtung-Bücher.de" (in Großbuchstaben, ohnehin ein Verbrechen!) im Abstand weniger Zentimeter im Kopf der Portalseite wirkt angeberisch und aufdringlich, zu groß geraten ist auch der - typographisch scheußlich variierte - Hinweis auf "Neue und vergriffene Bücher versandkostenfrei innerhalb Ihres Landes."

Rufen wir ausgewählte Titel auf, dann wird die Sache ausgesprochen ärgerlich und ungemütlich. Kann man über Fehler der Portalseite reden, sie auch ausbügeln, dann geht es bei der Titelanzeige ans "Eingemachte", hier kommt es nun darauf an.

Die braune Darstellung der Buchtitel ist viel zu groß! Schon bei der Anzeige weniger Bücher muß man scrollen, das Querlesen wird zur Qual. Weshalb ausgerechnet die Bindungsart schwarz hervorgehoben wird, wissen nur die unglücklichen Konstrukteure. Ob man gut daran tut, auf den Amazon-Abebooks-Zug mit dem problematischen "ab" aufzuspringen, lasse ich dahingestellt. Da stecken viele knifflige Fragen dahinter, müßte man mal unter Kollegen diskutieren.

Gar nicht diskutierbar, sondern eindeutig unmöglich, unfair und, nach meiner persönlichen Einschätzung, tückisch ist die systematische Verbergung zunächst der Namen, später dann der Adressen der anbietenden Antiquare. Man liest die aufgerufene Bücherliste herunter, ohne auf den Namen auch nur eines der anbietenden Antiquariate zu stoßen. Auch wenn ich einen der Titel ein weiteres Mal jetzt einzeln anklicke, erhalte ich nur die knappe Mitteilung: "Verkauf und Versand durch Petra Gros Versandantiquariat" , habe aber immer noch keine Möglichkeit, das Antiquariat zu kontaktieren - auch dann nicht, wenn ich die "vollständige Händlerbeschreibung" anklicke.  Dieser blöde Begriff beschreibt nämlich keineswegs den Händler, sondern gibt die Buch-Beschreibung, die der Händler verfaßt hat.

Ich kann im Einzelfall nur über dem Umweg aus den "Geschäftsbedingungen" oder der "Widerrufsbelehrung" mühsam und versteckt die Adresse des Antiquars ermitteln, was bei mir 2 Minuten gedauert hat. Fazit: Hier wurde mit Absicht und System der teilnehmende Kollege zum gesichtslosen Beiträger und Hilfswilligen degradiert - als Individuum, als Firma mit eigenen Listen, Katalogen, einer Adresse usw. soll er nicht in Erscheinung treten.

Die Aufgabe meines Blogs ist es, Kollegen (und damit auch mich selbst) aufzuklären. Dazu gehört die Webseitenkritik. Das Testergebnis ist in diesem Fall "völlig ungenügend" - 6 - mit der Androhung des Consiliums Abeundi, wegen Tricks des Verantwortlichen, die mehrfach unter die Gürtellinie gehen.


Das Filmbild aus der "Feuerzangenbowle" gehört vermutlich den UFA-Rechtsnachfolgern. Wir danken für die Ausleihe.

Montag, 18. Juni 2012

ZVAB - die Niederführung eines Antiquariatsportals


Der Zusammenhang ist bekannt, ich bitte Sie, sich mit der Sachlage aus den untenstehenden Postings  vertraut zu machen. Heute wird nur ein Detail nachgereicht. "Dokumentiere es, halte es fest".

Vor einer Woche stieß ich auf herben Widerspruch, als ich von deutlichen Indizien einer systematischen Niederführung und Zerstörung des ZVAB-Portals sprach. Ich betonte damals, wie entscheidend das geistige Umfeld  eines Bücherportals für die Akzeptanz seitens des gebildeten Kunden sei, lobte die exzellente sprachliche Gestaltung  bei Abebooks und sprach aus, was ja doch auf der Hand liegt:

Auf kaltem, schleichendem Weg wird zur Zeit das ZVAB im Niveau abgesenkt, damit die Kunden des ZVAB in Abebooks überführt werden können. Auf welchem Tiefpunkt das ZVAB inzwischen angekommen ist, zeigt uns der neueste, direkt zur ZVAB-Eingangsseite verlinkte ganz unsägliche Text über einen russischen Dichter. Ich korrigiere ihn nach Art eines Deutschaufsatzes in Obersekunda:


ereignis- aber auch ruhmreiche 19. Jahrhundert
"aber auch": Ereignisse und Ruhm sind zunächst kein Gegensatz

zu einer Zeit, als Russland unter Alexander I. auf dem Höhepunkt seines Ansehens in der Welt war.
wie bitte?

den schnellen Sieg des Realismus mit Gogol
schnell?

mit den großen Romantikern Puschkin und Lermontow und den schnellen Sieg des Realismus mit Gogol - alle drei verehrte er
er verehrte - Gogol oder den Realismus oder den "schnellen Sieg"?

Aber schon auf der Handelsschule in Moskau war er auch Zeitgenosse des Dekabristenaufstandes
"Aber" ist hier Unfug

...dem Zaren, der dann für 30 Jahre Friedhofsruhe in Russland sorgte.
plötzlicher Einbruch von Umgangssprache.

Er musste den Duelltod eben jener, die er verehrte, hinnehmen - Puschkin (1837) und Lermontow (1841), mit dem er in Moskau studiert hatte.
Zweifach mißratener Satz

Hoffnungsvoll wurde er gestimmt durch den "Bauernbefreier" Alexander II., der die Leibeigenschaft aufhob.
wurde er "gestimmt" - alte Lehrerfrage: "Woher weißt Du das"?

Und er musste mit ansehen, wie sich die russische Gesellschaft zunehmend radikalisierte
das ist schief, die Gesellschaft als solche radikalisierte sich eben gerade nicht

...zunehmend radikalisierte und eben dieser recht liberale Zar und Kaiser ermordet und 1881 mit Alexander III. der Untergang des Zarenreiches eingeläutet wurde.
mehrfach mißlungener Satz, "eben", "recht", "eingeläutet" und krummer Satzbau

Das Ende dieses vierten Zaren zu seinen Lebzeiten erlebte er nicht mehr,
das ist kein Deutsch

Dabei war er auf dem Höhepunkt seines Erfolgs als Zeitgenosse der Großen der russischen Literatur
Zeitgenosse? Der Großen der Literatur? - schlechtes Deutsch

durchaus nicht einer unter vielen.
durchaus mies formuliert

Der fürstliche Anarchist und Schriftsteller Kropotkin – und nicht nur er – nennt ihn in einem Atemzug mit Lew Tolstoi und Turgenjew
verunglückter Satzbau

und das obwohl Gontscharow, wie Melnikow, ganz und gar nicht Revolutionär geschweige denn Anarchist gewesen ist.
unglücklich formuliert und "und"-Wiederholung

war beleidigt und grummelte nur noch vor sich hin
jäher Umschlag aus Normal- in Gossensprache

Schuld war sein letzter Roman Die Schlucht (1869)
schuld war? woran?

In einer Zeit von immer stärker werdendem revolutionären Bewusstsein hatte Gontscharow
in einer Zeit von immer schlechter werdendem Deutsch

außerdem war ihm ausgerechnet die Zeichnung der revolutionären Figur misslungen.
welcher Figur bitte?

Kropotkin hält sie in seinen "Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur (1905)" für das Beste
so kannst du das nicht sagen


Er zeichnete bis überzeichnete den typischen Adligen dieser Zeit
schlecht bis sehr schlecht formuliert

Er zeichnete bis überzeichnete den typischen Adligen dieser Zeit, der, wohl sehend welche Umwälzungen die Zeit – z. B. das Ende der Leibeigenschaft – mit sich bringt und diese auch für richtig hält, es dennoch nicht fertigbrachte,
wahre Fundgrube an Fehlern, allen voran die falsche Zeit. Satzbau ganz unmöglich

der, wohl sehend welche Umwälzungen die Zeit – z. B. das Ende der Leibeigenschaft – mit sich bringt und diese auch für richtig hält, es dennoch nicht fertigbrachte,
ein wahrhaft kranker Satz

Nun hätte man annehmen können, dass sich der Adel, derartig bloßgestellt, auf die Füße getreten gefühlt hätte, zumal sich in Oblomow alle irgendwo wiederfanden.
hätte... hätte

Aber die Karikatur dieses Menschentyps ist keine bösartige, im Gegenteil, Oblomow ist sympathisch – man möchte ihm sogar helfen, damit er sein Leben in Ruhe leben kann
man möchte sogar dem Verfasser dieses Textes helfen - das ist Pennälerschreibe

Alle Szenen sind so liebe- und verständnisvoll gezeichnet
dieses Deutsch ist grauen- und fehlervoll

dass man fast vermuten kann, Gontscharow hat hier Teile von sich selbst gezeichnet
schwerer Grammatikfehler

Gontscharow hat hier Teile von sich selbst gezeichnet – zumindest was die äußere Erscheinung angeht, hat er sich tatsächlich selbst gezeichnet.
unleserlicher Stuß, vor allem die peinliche Wiederholung. "Teile von sich selber gezeichnet" ...

Deutschrusse, der mit den (einem "On dit" zufolge) typisch deutschen Eigenschaften, wie Tatkraft, Zielstrebigkeit, Rationalität und was es sonst noch alles an diesen "guten" Eigenschaften gibt, ausgestattet ist.
"on dit" ist hier der falsche Ausdruck. "Rationalität" als typisch deutsche Eigenschaft - schön wärs ja.

Eigentlich geschieht in diesem Roman zwangsläufig nicht viel, aber das alles, was da nicht geschieht, ist schön und spannend erzählt.
Zum Schluß eine mißlungene ironische Wendung.

Sie wissen ja, sprachliche Fehler erkennen Sie nur aus dem Textzusammenhang heraus. Bitte lesen Sie deshalb den oben verlinkten Originaltext und streichen Sie ihn in Gedanken Punkt für Punkt rot an.


Selbstkritik:
Sie merken schon an meinem unlustigen Ton, daß ich diesen Blogbeitrag eher widerwillig verfaßt habe. Erstens ist es ein Stück harter Arbeit, mißlungene Deutschaufsätze zu korrigieren, zweitens kann nur der Leser folgen, der sich die Mühe macht, den ZVAB-Text parallel zu lesen oder, noch besser, ihn auszudrucken.

Warum also diese Schafschur? Weil hier deutlicher als in anderen Bereichen die Amazon=Abebooks-Strategie zutage tritt, ZVAB endlich eben doch spurenlos in den Amazon-Konzern einzugliedern, mit den bekannten Folgen für die teilnehmenden deutschen Antiquare.








Freitag, 15. Juni 2012

Das neue Verkaufsportal der Antiquare



Antiquare, wiewohl die berufenen Hüter der alten Büchergebirge, lesen ungern (und schreiben noch viel unlustiger). Wen wundert es da, wenn die Kollegen meine Texte als Quälerei empfinden - zu umständlich, zu ausführlich. Den Mulzer wollen wir nicht als Lehrer mit dem Zeigestock, seine Beiträge müssen knapper werden. Fasse Dich kurz!

Ich wills versuchen, auch wenn die verwickelte Materie, der wir uns heute widmen, zu pädagogischen Exkursen und Lehrgängen geradezu einlädt. Wer dazu Fragen hat, kann sich - das gilt auch sonst - in Schriftform jederzeit an mich wenden, mulzerbooks@t-online.de.  Das Telefon wird bei mir nur benutzt im Brandfalle, zur Übermittlung von Todesereignissen und beim Ausrufen der allgemeinen Mobilmachung. Für alles andere haben wir die elektronische Post.

Ich antworte immer, das ist Ehrensache.

1.
Sinn und Unsinn der gedruckten Kataloge im Antiquariat

Nicht daß wir uns falsch verstehen: Kataloge sind im Antiquariat nützlicher denn je, vor allem ist jeder neue  F a c h - Katalog, jede Fachliste eine unverzichtbare Bereicherung. Die retrobibliographische Kenntnis unserer Käufer nimmt galloppierend ab, selbst jüngere Fachleute der einzelnen Gebiete glänzen heute durch Unwissenheit in Sachen ihrer retrobibliographischen Grundlagen. Somit ist jede Fachliste antiquarischer Bücher auch eine Art Hilfsbibliographie.

Das Zusammentragen von älterer Fachliteratur bestimmter Gebiete ist ein mühsames Geschäft und erfordert Langzeit-Organisation, Raum und Geld - wenn der Antiquar nicht das Glück hat, Fachbestände in toto zu erwerben. Die Arbeit lohnt sich aber, und der Fachkatalog muß als Arbeitsmittel bei uns wieder so verbreitet und selbstverständlich werden, wie er es noch vor zwanzig Jahren war.

Nach dieser Vorbemerkung nun der Rundumschlag: In vielen Fällen ist der  g e d r u c k t e  Fachkatalog heute schierer Unfug, ein lächerliches, peinliches Relikt aus Vor-Internetzeiten. Musterbeispiel solcher Idiotie ist der Sammelkatalog, den die unglückliche Genossenschaft der Internet-Antiquare heuer wieder aufgelegt hat. Das Gebilde ist, wie uns das Börsenblatt informiert, nun auch als PDF erhältlich.

Der imposante Sammelband wiegt schwer in der Hand, in der Internetversion ist er, wie alle umfangreichen PDF-Erzeugnisse, eher mühsam zu benutzen. Es kommt den Verantwortlichen für dieses Sammelmonstrum auch weniger auf Augenblickskäufe an, sie hatten von Anfang an anderes im Blick. Neben einer eitlen Selbstdarstellung des Gewerbes sollte eine Art Lagerkatalog geschaffen werden, der dem Kunden einen  t y p i s c h e n  ständigen Überblick  über das deutschsprachige Antiquariat bietet.

Meine Kernkritik: Fast alle der hier gedruckt hineingesetzten, sorgfältig "beschriebenen" Bücher und Graphiken müßten im Internet-Zeitalter gleich beim Lesen mit reichem begleitendem  B i l d m a t e r i a l  versehen sein. Das gilt besonders dann, wenn, wie hier, dediziert bessere Titel, überwiegend versteigerungsfähige, herangezogen werden.

Wie verschnarcht müssen die Väter eines solchen Sammelkatalog sein, wenn sie nicht die Möglichkeiten des Netzes zur Bilddarstellung sehen, blind sind für jene Selbstverständlichkeit des Vorzeigens im Bild, das der Kunde sonst schon bei Seifenschachteln und Bleistiften fordert - und ganz selbstverständlich auch erhält.

Ein Textkatalog, mühsam und verquält mit wenigen Auswahlbildchen geschmückt, ist in seiner umständlichen Beschreibung als Ersatz für reiches gutes Bildmaterial ein Ding des Grauens.

Eine Fachliste, ein Fachkatalog gewöhnlicher, mittlerer Titel ist ohne weiteres gut brauchbar ohne Scans, ohne Fotos. Dies gilt auch für sehr umfangreiche Fachkompendien, wie ich sie vor einigen Tagen hier vorgeschlagen hatte. Aber nie und nimmer ist eine klassische Druckliste in Internetzeiten geeignet für Edelware, schon gar nicht für Sammelkataloge solcher herausgehobener Titel.

Ich weiß schon, welches Vorbild den unseligen Planern vorgeschwebt hat - die dicken Kastaloge der Versteigerer. Hier aber gilt es zu bedenken, daß der Käufer oder sein Agent die Ware in der Vorbesichtigung sehen und prüfen kann und bei den (recht zahlreichen) Fernbietern und denen, die auf Vorbesichtigung verzichten, davon ausgegangen werden darf, daß sie die gewünschten Titel im Einzelfall ausreichend kennen oder sonst Gründe haben, dem Versteigerer blind zu glauben.

Hier aber, bei diesem schrecklich verplanten Monstrum, gibt es keine Besichtigung, keine Versteigerung - die Bilderlosigkeit wird zur Qual, und wer da glaubt, es ergeben sich gerade dann schöne Kontakte durch Anforderung von Scans oder Ladenbesuchen, der kennt nicht die moderne Internetkundschaft - was ich nicht schnell sehen darf, das schiebe ich beiseite.


2.
Das Elend der Antiquariatsmessen

Durch meine böse und, ich gestehe es, zynische Kritik an dem unsäglichen Zopf unseres Messewesens im Antiquariat bin ich noch mehr in Verruf geraten, als es der "Professor Unrat" schon vorher war. Welchen Titel ich übrigens als Auszeichnung empfinde, weil ich das Buch gelesen habe und den Film kenne.

Jene äußerste Peinlichkeit, die über dem Messewesen im Antiquariat lastet, atmet jeder ein, der sich das seltsame Gehabe dort vorurteilslos betrachtet. Verlegen wie Sonntagsschüler stehen die würdigen Herren in ihren Ständen, als seien sie Flohmarktexistenzen oder Vertreter für Massagekissen. Sie lassen sich von den Besuchern begucken, müssen ihren prüfenden Blicken  standhalten, den taktlosen der begleitenden Frauen, den verlegenen der männlichen Kunden, die die Peinlichkeit solidarisch empfinden und sich auf die Ware und die Stiefelspitzen der wie seltene Tiere im  Z o o  ausgestellten Antiquare konzentrieren. Was da an gönnerhafter Bonhommerie seitens der Kunden, an Verlegenheit seitens der gequälten Antiquare stattfindet, tut dem einfühlenden Beobachter in der Seele weh. Glücklich die Antiquare, die das alles kraft solider Dickfelligkeit nicht spüren, aber sie sind in der Minderheit, sind sie nicht?

Die Mühen und Nöte der Buchpräsentation, der (affiger Ausdruck:) händischen (oder gar "taktilen") Betrachtung der Ware sind schon oft erörtert worden. Ich halte auch von daher heute die Messe für überholt. Was die angeblich so nützlichen Kontakte angeht, habe ich seit meinen Frankfurter Beobachtungen meine großen Zweifel. Mein Fazit: Auch hier ist der Nutzen eher gering, er wäre durch andere Veranstaltungen, etwa strukturierte(!) Tagungen mit Fachsitzungen viel besser zu erreichen.


3.
Das Ei des Kolumbus: Visualisierung im Netz

Hier würde ich dies und das zur Bedeutung des Sehens im Antiquariat, zur neuen Rolle des Bilds in psychologischer, also seelenkundlicher Hinsicht geschrieben haben wollen, aber ich soll ja nicht. Also gleich in medias res.

Jeder bessere Titel ab etwa 40 Euro Verkaufswert muß in Zukunft mit etwa 5 sehr guten Scans oder Fotos versehen werden. Die Scans dürfen nur mit hochwertigen Scannern angefertigt werden, dazu taugen auch Gebrauchtgeräte guter Marken. Neupreis um die 2000 Euro, ein gutes Gebrauchtgerät, etwa Epson GT-15000, ist für 400 Euro über Ebay zu erwerben. Ich notiere das, weil die Schusseligkeit vieler Kollegen in solchen praktischen Fragen unerschöpflich ist. Nein, es geht nicht billiger. Ja, den alten Billigscanner müssen Sie wegwerfen. Die entsprechenden Tips für Leute, die Pixelfotos händisch machen wollen, wovon ich herzlich abrate, muß ich mir versagen - billiger wirds auch hier nicht.

Diese 5 Regelscans sind in 3 Minuten erstellt. Das ist zeitlich kalkulierbar, geht doch die Titelaufnahme selbst wesentlich länger.

Man benutzt heute natürlich nur Googles Picasa-Webdienst, um viele tausend Fotos in bester Auflösung fast gratis ins Netz zu stellen. Ich bin immer erstaunt, daß die meisten Kollegen diese Möglichkeiten und Leistungen für "unmöglich" halten. Es gilt da umzudenken - vor fünf Jahren wären diese Bilderdienste zu solchen Preisen und in derart perfekter Auflösung freilich undenkbar gewesen.

Neben die Titelaufnahme tritt also die Fünfergruppe jener kleinen Daumennagelbilder, die sich jeweils bis auf Bildschirmgröße aufziehen lassen, oder - besser - Titrelaufnahme und die schon voll aufgezogenen Bilder werden als Einheit aufgerufen.

Diese Visualisierung unserer besseren Titel führt beim Kunden zu einem wahren  B i l d e r r a u s c h .

4.
Das neue, genossenschaftliche Bildportal der Antiquare

Schon kurzfristig können durch die neue Präsentation drei überholte Darbietungsformen ersetzt werden - der gedruckte Edel-Sammelkatalog, der ILAB-Katalog und die Messen. Das ist unmittelbar einleuchtend, denn alle drei haben es ganz überwiegend mit jenen besseren Titeln ab etwa 40 Euro zu tun, die wir ab sofort mit zusätzlichen 5 Scans versehen wollen.

Sie kennen mich, irgendwo muß der Mulzer doch noch einen Dreh versteckt haben. So ist es.

Wir haben an den jeweils fünf Scans das absolute Urheberrecht. Niemand darf diese Bilder in irgendeiner Weise gewerblich verwenden. Während im privaten Bereich, siehe auch die Bilder dieses Blogs, eine freundliche Grauzone des Bilderausleihens toleriert wird, läuft in der gewerblichen Bildernutzung absolut nichts. Was bedeutet das in unserem Fall?

Wir haben endlich die Waffe gegen die Amazon-Abebooks-ZVAB-Krake in der Hand. Denn nur in unserer eigenen Datenbank, über unser Portal dürfen die Scans verwendet werden!

Nun ist es absolut nicht damit getan, daß etwa die Antiquariat.de-Datenbank, die schon lang mehrere Fotos ermöglicht, ihr Angebot entsprechend erweitert. Auch wenn der Gedanke damals verdienstvoll war, so muß heute die Darbietung der Bilder zusammen mit dem Text ganz anders, viel großzügiger erfolgen. Also nicht anhängen, nicht ausbessern, sondern neu planen.

Auch erfordert die Einbindung des Messewesens und der Edel-Sammelkataloge eine vielfach optimierte Möglichkeit, solche besseren Titel separat abzurufen. Es müssen

*virtuelle Messen und virtuelle Schatz-Schränkchen

eingerichtet werden.

Nun noch ein überraschender Nebeneffekt: Das Portal ist nur genossenschaftlich zu organisieren. Jeder Antiquar bringt ja seine urheberrechtlich geschützten Scans ein. Die Aufrechterhaltung der Rechte ist kompliziert. Auch hier soll ich mich kurz fassen, also sage ich - bitte glauben Sie mir, so läßt sich das fast schon tote Genossenschaftsmodell im Antiquariat neu beleben.




Dank für die Ausleihe des Bänkelsänger-Fotos geht an den Kollegen von billerantik, er besitze die Rechte daran. Bild wird auf  formlose Anforderung hin entfernt.








Dienstag, 12. Juni 2012

Antiquare - die verlogene Idylle eines Berufs



Alle Monate wieder bringt es Dr. Björn Biester fertig, einen schönen Kulturbericht über hochgeistige Antiquare auszugraben, notfalls irgendwo in der Provinzpresse, aber auch weihevolle Selbstdarstellungen eines unserer Kollegen sind greifbar oder, der Tod verklärt ja immer, es findet sich die Gelegenheit zu einem Nekrolog.

Die Provinzpresse, in Sachen lokaler Kulturberichterstattung oft besser als ihr Ruf, liebt das Antiquariat sehr. Es ist ein Farbtupfer, fast immer ein origineller topos, es macht was her, die Leute lesen sowas gern, besonders wenn sie selbst noch nie in einem Antiquariat waren. Was für ein Unterschied zu den Neubuchhandlungen - über die läßt sich erst bei kundigem Blick für die Details schreiben. Antiquariat dagegen geht immer!

Nun will ich nichts gegen die Kollegen sagen, denen eine junge eifrige Redakteurin in den Laden schneit. Ich habe das im Jahrzehnt meiner Ladenarbeit selbst dreimal erlebt und erinnere mich noch gut daran. Erstens schmeichelt es dem Ego, man fühlt sich gebauchpinselt, zweitens mag ein Werbewert damit verbunden sein und drittens handelt es sich im Zeitalter des Praktikantenunwesens in der Regel um eine hübsche junge Dame, mit der man ein wenig flirten wird.

Schon die Einzelheiten unseres Gewerbes sind für Außenstehende recht kompliziert und bis man einen crash-Kurs für die junge Dame veranstaltet hat, ist die erste Stunde vorbei. Dann wird man sie durch die Räume führen, die bekanntlich (außer bei superpingeligen und in aller Regel unfähigen Sauberkeitsaposteln im Antiquariat, halten zu Gnaden) bis ins WC mit Bücherbergen angefüllt sind, in denen es nach nassem Hund und Kriegspapier riecht. Das ist interessant. Von der Titelaufnahme versteht die Journalistin wenig, um so mehr von der EDV und vom Internet - nur gelingt es nie, ihr die besondere Haltung des Antiquars, seine schwierigen Anforderungen und Wünsche, die er damit verbindet, klarzumachen.

So bleibt es bei der Idylle. Es gibt dann in aller Regel etwas peinliche Brüche in der Biographie des, bei näherem Hinsehen, gar nicht so würdigen alten Herrn, er war vielleicht Stasi-Mitarbeiter, Devisenschieber, im Irrenhaus oder dreimal bankrott, hat 40 Semester ordentlich studiert (das bin dann ich) und es ist doch nix aus ihm geworden. Fast immer muß die Redakteurin, die unter der Hand auch zur Biographin wird, mit weiblichem Takt solche Untiefen umschiffen, denn  der Antiquar darf ja nicht gescheitert sein.

Da kommt dann rasch die "Liebe zu den alten Büchern" oder gar die "Liebe zum Buch" ins Spiel. Solchen Unfug kann man auch in den meisten Blogs der werten Kollegen nachlesen, manche, nicht nur in Berlin, verbreiten eine unerträglich weihevolle Stimmung um sich, das Buch wird zum mystischen Selbstzweck. Kommt dann noch verblasene Esoterik dazu, möglichst noch leicht angebräunt, dann stehen wir je nachdem ergriffen oder peinlich betreten vor dem unerträglichen Weltbild des juchtenledernen, erlesene Typographie exerzierenden Antiquars. Immer noch besser übrigens als jene "kaufmännisch ausgebildeten" Kollegen, die weiter westlich angesiedelt sind und knappe, zynische Texte über ebenso zynische Autoren verfassen.

Nun möchte ich recht verstanden werden: Es gibt wirklich eine Menge sehr eindrucksvoller Persönlichkeiten unter den Antiquaren. Ich durfte auf einer großen Studenten-Rundreise von nun auch schon über 40 Jahren Dutzende davon näher kennenlernen. In "Aus dem Antiquariat" sind manche davon sehr liebevoll und einfühlend geschildert worden. Heute gibt es nur noch wenige Kollegen dieser alten Art, aber sie existieren und sind jedem von uns im direkten Verkehr eine Freude und, wie meine Freundin aus evangelischem Pfarrhaus gesagt hätte, "ein inneres Missionsfest".

Um jene vor 40 Jahren zahlreich, heute eher selten vorhandenen Antiquare geht es also nicht - wir sprechen vom durchschnittlichen Antiquarius, der mit oder ohne Laden, jedenfalls überwiegend am Computer und im Internetversand tätig ist und "alle Gebiete" bearbeitet.

Darf ich es deutlich sagen? Der typische mittlere Antiquar übt einen Beruf aus, der in Wahrheit und Wirklichkeit nur gelegentlich idyllisch, fast nie "geistig" ist, der eine wahre Quälerei darstellt und, wir werden gleich sehen weshalb, nur von Masochisten geliebt werden kann.

Im Kern steht jenes Erlebnis, das viele Außenstehende nicht einmal vom Begriff her kennen, das aber auch hochkarätigen Liebhabern des Antiquariats verblüffend oft unzugänglich bleibt, nämlich das fast absolute  L e s e v e r b o t.

Der Antiquar, man stelle sich das richtig vor, hat es den lieben langen Tag über  damit zu tun, Bücher bibliographisch zu klassifizieren, sie in der Regel aus Katalogen einzukopieren, ihren Zustand zu begutachten und einen angemessenen, konkurrenzfähigen Preis zu finden. Noch ein paar Stichworte, wenns hochkommt - das wars! Und diese absolut verblödende, nur im äußersten Randbereich ein wenig geistvolle Arbeit übt er, was bleibt ihm anderes übrig, den lieben langen Tag aus.

Das ist  F r o n a r b e i t  von der schlimmsten Sorte, zumal dann, wenn auch noch die oft doch recht erholsamen Kundenkontakte weitgehend wegfallen und der heillose Antiquar in einem Ladenwinkel oder im stillen Kämmerlein der Titelaufnahme frönt. Das Packen und Versenden ist im Vergleich dazu eine erholsame und anspruchsvolle Tätigkeit, jedenfalls geht mir das so.

Wir sprachen von Masochismus. Ist es, so frage ich jeden denkenden Menschen, nicht eine schreckliche Selbstquälerei, die interessantesten, wichtigsten Bücher nicht lesen zu dürfen, sie durch rasch durch die eigenen Hände gehen und in andere, fremde Hände gelangen lassen zu müssen? Es ist, ich versichere Ihnen, eine reine  Q u a l. Je interessanter die Titel, desto scheußlicher ist das  L e s e v e r b o t, das jede antiquarische Tätigkeit durchzieht wie ein roter Faden.

Und weil das so ist - jeder Kollege wird es Ihnen unter vier Augen bestätigen -, sehen wir Antiquare die verbreitete Iylle, die Außenstehende um unseren Beruf spinnen, mit der Ratlosigkeit dessen, der es weißgott besser weiß.

Und was wir den Kulturjournalisten der Lokalpresse noch mit süßsaurem Lächeln nachsehen, das mögen wir fürwahr bei denjenigen Fachjournalisten nicht, die unser Gewerbe wirklich kennen. Ich weiß, daß Dr. Biester mit seiner - sonst ganz vorzüglichen - Fachzeitschrift "Aus dem Antiquariat", die wir längst als sein Lebenswerk,  s e i n e  Zeitschrift bezeichnen dürfen, auch diesmal wieder nicht verstehen wird, wovon ich spreche. Er hat es noch nie begreifen wollen. Vor seinem klugen Auge steht das halbe Hundert herausgehobener Spitzenantiquare, die schöne alte Drucke, Buchkunst und Exilliteratur bearbeiten  d ü r f e n.  Er sieht fast nie die anderen neunhundertfünfzig Antiquare, versteht deren fürchterliches Los nicht, er kann es nicht sehen.

Antiquariat ist für 950 von 1000 Kollegen heute scheußliche, ödeste Tagesfron mit kleinen Lichtblicken. Gerade weil Antiquare eine lexikalische Grundbildung brauchen, weil der Altbuchhandel vor allem in Internet zur peinlichen Farce wird, wenn dieses große lexikalische Wissen fehlt - - gerade deshalb leidet der gebüldete Antiquar wie ein Hund zwischen Titelaufnahme und Packtisch.

Wem das Lesen weitgehend verboten ist bei seiner Berufsausübung, der rettet sich um so lieber auf kleine Inseln seines Hobbys, seines Spezialgebiets. Von daher rührt die Tatsache, daß sich in der Lebensbeschreibung fast jedes Kollegen eine Reihe liebenswerter Fachgebiete findet. Aber das ist ein Arbeiten  gegen die Öde, gegen die tiefe Tristesse des Berufs.

Aus dieser Grundfrage ergibt sich alles Weitere - das erstaunliche Desinteresse derer, die die Fron des Berufs nicht kennen, für Datenbankfragen, für Zusammenarbeit mit Bibliotheken, für Strukturiertheit und Organisierung, für Rationalisierung und Zusammenarbeit. Bitte, was wollen die Antiquare denn immer - wo sie doch so einen interessanten Beruf haben!

Den haben sie nur in der Wunsch- und Trugwelt von "Aus dem Antiquariat".

Die Idyllisierung des Antiquariatsgewerbes ist zutiefst verlogen.


Das Buchdeckelbild ist möglicherweise noch urheberrechtlich geschützt. Wir haben es bei http://theoldspeakjournal.files.wordpress.com mit Dank ausgeliehen. Bild wird auf formlose Aufforderung hin entfernt.

Samstag, 9. Juni 2012

Medienanweisung Amazon in Sachen Abebooks/ZVAB (Satire)


Arbeitsanweisung Amazon / Abebooks / ZVAB Nr. 3
vom 7.Juni 2012


- Dies ist eine Satire -

Liebe informelle Mitarbeiter des Amazon-Konzerns,

aus gegebenem Anlaß möchten wir unseren Vertrauensleuten in den Buchhandelsmedien ein großes Lob aussprechen. Es ist Ihnen auch in den vergangenen Monaten gelungen, die Schweigeverpflichtung in Sachen Antiquariat einzuhalten und durchzusetzen.

Wir kontrollieren, Ebay abgerechnet, 80 - 90 % des Internetabsatzes über Datenbanken im deutschen Bereich. Ein ganzes Gewerbe, das Antiquariat, hängt nun auf Gedeih und Verderb von unserem Konzern ab. Für Ihre Mithilfe dabei herzlichen Dank!

Die Sprachregelungen des Konzerns, die einzuhalten Sie sich verpflichtet haben, sind Ihnen ja bekannt, sie sollen hier noch einmal kurz zusammengefaßt werden.

§ 1
Es muß unter allen Umständen verschwiegen werden, in welchem Ausmaß die Dominierung des Internetabsatzes im deutschsprachigen Altbuchmarkt durch unseren Amazon-Konzern vorangeschritten ist. Würden die Fakten einer größeren Öffentlichkeit bekannt, müßten wir mit Protesten der in Monopolfragen recht sensiblen Kulturwelt rechnen.

§ 2
Deshalb wird systematisch und bei allen sich bietenden Gelegenheiten eisern verschwiegen, daß sich ZVAB und Abebooks im Alleinbesitz unseres Konzerns befinden. Es ist fernerhin unerwünscht, in bedauerlichen Einzelfällen freilich nicht zu vermeiden, wenn erwähnt wird, daß das ZVAB nichts anderes ist als ein Betriebsteil von Abebooks. Gegen die (sachlich richtige) Formel

Amazon = Abebooks = ZVAB

muß mit allen zulässigen Mitteln vorgegangen werden. Sie wissen, daß Sie da freie Hand haben, unser Sonderetat zur Bekämpfung des Bekanntwerdens dieser Formel steht Ihnen jederzeit zur Verfügung.

§ 3
Ein besonderes Lob sprechen wir an dieser Stelle Dr. Björn Biester aus, der unter Chefredakteur Dr. Casimir verantwortlich zeichnet für den Netzteil des Börsenblatts des deutschen Buchhandels, Sparte Antiquariat. Es ist ihm gelungen, nicht nur die oben erwähnte Formel Amazon = Abebooks = ZVAB  zu vermeiden, sondern auch seine jüngste Umfrage in Sachen Bücherdatenbanken derart verschachtelt und vernebelt zu veröffentlichen, daß in zwei Beiträgen buchstablich  n i c h t s  klar wurde für den Leser. In diesem Zusammenhang unsere Anerkennung für den Verweis auf vollkommen blödsinnige Forenstellen

Gut so! Alles, was zur Verwirrung und Einnebelung der Situation geeignet ist, soll herangezogen werden. Bestens eignet sich hier auch das Zitieren solcher Antiquare, die aus ihrer Spitzenposition heraus den Absatz über die Datenbanken als quantité négligable betrachten und aus ihrer (im Internetabsatz wenig vorhandenen) Erfahrung heraus kleine Randportale als ihr "Hauptabsatzmedium" bezeichnen. Während also Außenseiter zitiert und nebensächliche Umstände hochgespielt werden, vollzieht sich im deutschen Altbuchmarkt der Abschluß unseres Konzernfeldzugs, zieht sich die Schlinge um die Antiquare zusammen.

§ 4
Der eine oder andere unter Ihnen mag Skrupel empfinden, weil er ja die verhehlte Gefahr für einen ganzen kleinen Berufsstand sieht und dabei "nicht mitmachen möchte". Den informellen Mitarbeitern unseres Konzerns rufen wir in Erinnerung, daß es - als Untergruppe der Amazon-Strategie gegen Ebay im Kampf um die Eroberung der Weltverkaufsmärkte aller Warengruppen im Internet - um die Beherrschung des deutschen Neubuchmarktes geht. Es mag bedauerlich sein, daß die Antiquare dabei das Bauernopfer darstellen, aber anders war es nicht möglich - nur in Deutschland als abgeschottetem Sprach- und Lesebereich kann Amazon = Abebooks = ZVAB ungehindert arbeiten, ohne daß Hilfe oder Störung aus anderen Teilen der Welt denkbar wäre. Dieser Umstand - die besonderen Marktregeln des "abgeschotteten Sprachbereichs", gehören, wie Sie ja wissen, ebenfalls zu den stets zu verhehlenden Umständen - darf in den Medien nie besprochen werden.

§ 5
Ein wichtiger Teil der Amazon-Strategie, der in Ihre Hände gelegt ist, wurde bisher mustergültig und hochwirksam erfüllt: Das Hochspielen der vom Umsatz her ganz absurd kleinen, unbedeutenden und marginalisierten anderen Verkaufsplattformen, die nicht unserem Konzern angehören. Hier wurde medientechnisch Großartiges geleistet, denn ganz selbstverständlich traten allerorten in den Medien, auch in den Fachorganen des Buchhandels, die ungefährlichen, kleinen Altbuchportale mit allem Anschein einer Bedeutung auf. Hierfür unseren verbindlichen Dank, so soll es auch weiterhin sein.

Nicht erwünscht ist eine klare Darstellung der wahren Funktion und Bedeutung der Metasuchmaschinen. Die kulturelle Öffentlichkeit soll diese für eigenständige Verkaufsportale halten und über ihre reine Zuträgerrolle für unsere drei marktbeherrschenden Konzernportale nicht, ich wiederhole nicht aufgeklärt werden. Suchmaschinen wie Eurobuch und Bookfinder erfüllen höchst nützliche Dienste als Vernebelungsmaschinen. Kommen neben den Miniaturportalen noch die Metasuchmaschinen ins Spiel, ist die sachliche Verwirrung im Kopf des Lesers komplett. Das ist erwünscht und muß, wie bisher, erfolgreich weiter durchgehalten werden.

§ 6
Wir haben in einer der früheren Konzernanweisungen auf die für uns hochgefährliche Rolle der Webseitenverbünde der einzelnen Antiquare hingewiesen. Hier haben wir inzwischen über unsere Vertrauensleute unter den Antiquaren mit gutem Erfolg die Methode "Lahmlegen durch Mitmachen" angewendet. Der Gedanke wurde bewußt überschwänglich gefeiert und mit Vorschußlorbeeren bedacht, dann aber systematisch und mit brutaler Konsequenz durch die Mitinitiatoren ausgetrocknet, indem sie nicht mehr reagierten. So wollen wir es auch in ähnlichen Fällen halten. Es ist uns gelungen, die potentiell gefährliche Arbeitsgemeinschaft "Antiquariat" im Börsenverein auf ähnliche Weise lahmzulegen und, neueste gute Kunde, zu beseitigen.

§ 7
Mit höchster Vertraulichkeitsstufe nehmen Sie bitte folgenden Strategiehinweis nur zu Ihrer persönlichen Kenntnis. Wir haben uns dazu entschlossen, das ZVAB nicht durch einen Übernahmeakt auch nominell in Abebooks zu überführen. Es scheint dem Amazon-Konzern weitaus sinnvoller, das ZVAB langsam auszutrocknen und die dort schwindenden Kunden-, Bücher- und Absatzzahlen bei Abebooks neu zu integrieren. Stellen Sie sich das wie bei 2 kommunizierenden Gefäßen vor, das eine (ZVAB) wird langsam geleert, die  Inhalte fließen aber zu Abebooks hinüber, das immer voller wird.

Diese Methode nennen wir konzernintern "die große Verblödung". Wir wissen, wie sensibel die Mehrzahl der Altbuchkunden auf kulturelle Werte, sprachliche Stilisierungen usw. reagiert und darauf großen Wert legt. Deshalb senken wir seit Monaten die Begleittexte des ZVAB-Portals in ihrem Niveau bis auf den Kulturteil des Düsseldorfer Anzeigenblatts hinab, sorgen für einen Abituraufsatzstil - und registrieren mit Vergnügen, wie positiv im Gegensatz dazu die Käufer auf die exzellent redigierten Begleittexte des Abebooks-Portals reagieren. Das ZVAB wird in nächster Zeit noch zunehmend verblödet und in keiner Weise geändert, während Abebooks - auch im Urteil scharfer Kritiker - immer besser wird und jetzt schon ein ausgezeichnetes Portal darstellt.

Auf diese Weise "verschwindet" das ZVAB, ohne daß die Öffentlichkeit viel davon spürt. Wir halten diese Methode für genial. - Zu den noch nicht kalkulierbaren Risiken der nächsten Zukunft gehört der Versuch, auf europäischer Ebene (Straßburg) gegen die Antiquariatssparte unseres Konzerns vorzugehen. Auch wenn das juristisch erfolglos bleiben dürfte, könnte publizistisch großer Schaden angerichtet werden durch solche Versuche und die damit verbundene öffentliche Argumentation. Ich darf daher die oben erwähnten Medien bitten, hier absolutes Schweigegebot einzuhalten. Auch hier stehen Ihnen weitere Mittel aus unserem Spezialfonds unproblematisch zur Verfügung.

§ 8
Auch wenn es vordergründig nur eine juristische Frage zu sein scheint, stellt die jüngste Zurücknahme der Bank-Zwangsfunktion bei Ebay eine herbe, spürbare Beeinträchtigung unserer Strategien dar. Wir halten den Ebay-Plan für schlichtweg perfekt und sehen in ihm ein Vorbild, dem auch wir nacheifern wollen. Denn erst wenn der Antiquar finanztechnisch in ein besonderes Amazon=Abebooks=ZVAB- System eingebunden ist, haben wir ihn auch mittelfristig in der Hand. Nun sind, wie Sie wissen, unsere Abrechnungsmethoden bei Abebooks bzw. Amazon streckenweise schon dem jetzt vorläufig verbotenen Ebay-Finanzsystem ähnlich gestaltet. Die Öffentlichkeit erfährt davon wenig, die Händler sprechen (bisher, erfreulicherweise) kaum davon. Ich bitte daher, jede Erörterung des Abrechnungssystems von Abebooks mit seinen Händlern zu unterbinden. Das ist nicht erwünscht.

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Liebe informelle Mitarbeiter, vergessen wir nicht das große Ziel - es muß gelingen, den kleinen, abgeschotteten Berufsstand der Antiquare im gleichfalls von der Welt isolierten deutschen Sprach- und Lesebereich

*in eine Schar scheinselbständiger, auf Gedeih und Verderb von uns abhängiger Dienstleister

umzuwandeln.

Dies haben wir zu rund 80-90 % im Internet-Portalabsatz, Ebay abgerechnet, schon geschafft. Wir können und werden die Gewinnmargen steigern, die Teilnahmeregeln brutalisieren, eine Vielzahl von Kontroll-, Belobigungs- und Prämiensystemen einführen, um diese Konzernsparte zu einer gut melkenden Kuh zu machen.

Die große Linie sieht ja, wie Sie wissen, eine marktbeherrschende Stellung von Amazon auch im deutschen Neubuchabsatz vor. Wir betrachten die Eroberung des Antiquariatsmarkts als wichtigen Baustein auf dem Weg zu diesem Ziel. Die Buchmedien, dank Ihrer Hilfe stockblind auf beiden Augen für diese Möglichkeit, werden uns dabei am wenigsten stören.

Wir sind auf gutem Weg! Amazon dankt seinen informellen Vertrauensleuten in der Buch- und Medienbranche.

Ernest Morris
CEO des Amazon-Konzerns für Abebooks und ZVAB


Das Foto zeigt die Ballettgruppe der informellen Medienmitarbeiter bei einem Auftritt vor dem Amazon-Vorstand. Das Foto gehört dapd/ Spiegel, wir danken für die Ausleihe. Bild wird auf formlose Anforderung hin entfernt. 

- Dies ist eine Satire  -

Donnerstag, 7. Juni 2012

Das Börsenblatt des deutschen Buchhandels als Schreibknecht des Amazon-Konzerns



http://www.boersenblatt.net/537107/template/bb_tpl_antiquariat/

Das Börsenblatt des deutschen Buchhandels als Schreibknecht des Amazon-Konzerns

Das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel mitsamt seinem Netzdienst börsenblatt.net hat, hört man sich um, den Ruf einer erzkonservativen Fachzeitschrift.  Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie gnadenlos Aktivisten, aufgeklärte Gemüter von der Mitte bis nach links, gescheite Leute im Geistesleben überhaupt über die Mutter beider Medien, den Börsenverein des Buchhandels, urteilen. Ich für mein Teil habe eher Verständnis für die Versuche des Vereins, mit letzter Kraft absurde Pfründen und Positionen zu verteidigen, die schon auf mittlere Sicht unhaltbar erscheinen. Unser Urheberrecht in seiner jetzigen Form wird keinen Bestand haben, die Verleger werden immer mehr Texte an Publikationsformen im Internet verlieren, das Verscherbeln von Papieren, die mit staatlichen Geldern erstellt worden sind, zu exorbitanten Preisen und mit arroganten Allüren hat keine Zukunft. Auch die Vertriebsform des stationären Buchhandels geht ihrem Ende entgegen.

Nun könnte man sich auch eine progressive Form der Abwehr vorstellen, neue Bezahlmodelle im Internet etwa , ein neues Verständnis der Verlegertätigkeit, neue Impulse für den stationären Buchhandel. Aber Mutter Börsenverein hat eine Struktur, die nach 150 Jahren des Erfolgs in der jetzigen Lage verheerende, lähmende Folgen in sich birgt: Verleger und Buchhandel sitzen dort in einem Boot, müssen es miteinander aushalten und gemeinsame Taktiken entwerfen. Eine fast unmögliche Aufgabe in einer Zeit, in der Verleger wie auch Buchhändler jeweils für sich zu einem neuen Selbstverständnis finden müssen.

Als kleines Anhängsel treten in Frankfurt auch noch die Buchantiquare auf. Sie durften dort manches Jahr eine gar nicht so erfolglose Sondergruppe bilden. Absurde Beitragsforderungen und allzu elitäres Berufsverständnis führten im Lauf der Jahre zu einer Austrocknung des bescheidenen Grüppchens der Antiquare im Börsenverein, bis die Altbuchhändler kürzlich dort mit dem Versandhandel zusammengelegt  und faktisch beerdigt worden sind.

Eine sehr edel und vielleicht allzu wissenschaftlich geführte Fachzeitschrift, "Aus dem Antiquariat", hatte sich schon vor einigen Jahren von einem Beilagenteil des Börsenblatts zum selbständigen Medium gemausert. Was bleibt, ist die Sparte "Antiquariat" des Börsenblatt-Netzdienstes. Um sie geht es uns heute.

Die deutschen Antiquare finden sich dort, mangels besserem berufskundlichem Lesestoff, in erstaunlicher Beharrlichkeit ein. Man darf aus verschiedenen Anzeichen schätzen, daß gut 300 der rund 900 Buchantiquare dort sehr regelmäßig aufscheinen, wie man in Wien sagen würde. Zwar wurde der Antiquariatsteil systematisch ausgetrocknet und eingeschrumpft, meist erhält der Antiquar nur noch meinungsferne, fast beleidigend knappe Sachinformationen aus der täglichen Mailbox des Redakteurs - um so besser beachtet werden die nun spärlich gewordenen Beiträge mit redaktioneller Eigengestaltung.

Die Situation im deutschsprachigen Antiquariat ist bekannt und kann hier nur angedeutet werden: Dramatischer Rückgang der Ladengeschäfte, mangelhafte Selbstorganisation des kleinen Gewerbes in drei Berufsvertretungen und folglich keine zentrale Selbsthilfe beim Ausbau des Internetverkaufs über die Homepages der Antiquare, kaum Unterstützung durch den Börsenverein, kaum Verbindung zwischen den elitären Antiquaren ("Messeantiquare") und dem großen Rest des Gewerbes, brandgefährliches blitzartiges Wachstum von Großfirmen, die Bücher im Netz aufkaufen und sofort wieder zu Schleuderpreisen losschlagen.

Dramatischer als die bisher genannten Faktoren wirkt sich aber die Konzentration im Internetabsatz aus. Zwischen 75 und 85 Prozent des Internetverkaufs der deutschen Antiquare über Bücherdatenbanken gehören einem weltweiten Konzern, A m a z o n. Auch hier ersparen Sie mir hier die Einzelheiten, ich habe sie vorgestern in diesem Blog dargestellt und als Tatsache sind sie unbestritten. Der Datenbankverkauf ist nicht irgendein Absatzweg von mehreren, denn das besondere Medium des alten Buchs kann - aus vielerlei Gründen - nur in großen Portalen gebündelt und abgewickelt werden.

Amazon hat Abebooks, die weltweit führende Datenbank im Internetverkauf, für eine sehr hohe Summe erworben. Abebooks wiederum hat ZVAB, die mit Abstand bedeutendste Verkaufsdatenbank im deutschsprachigen Bereich, aufgekauft. Abebooks und ZVAB  g e h ö r e n  Amazon, eingestandenermaßen werden alle wichtigen Entscheidungen bei ZVAB und Abebooks allein vom Amazon bestimmt oder - man lehre uns Amazon kennen - von dem Weltkonzern  b e f o h l e n.

Eine Marktmacht, die Amazon derart eindeutig nach meinem Wissen in keiner anderen Ecke der Welt hat. Fakt ist, daß der durchschnittliche Buchantiquar im deutschen Sprachbereich, was den Internetabsatz angeht, schon zu weit über drei Vierteln ein willen- und hilfloser Knecht des Weltkonzerns ist. Meine Versuche, die deutschen Monopolbehörden zum Einschreiten zu bewegen, sind erfolglos geblieben. Ob es mir gelingt, Amazon auf Europaebene noch zu stoppen, wird sich zeigen. Das Fatale ist eben, daß es nicht verboten ist, ein Monopol zu  h a b e n.  Stoppen kann man eine Firme mit fast absoluter Marktbeherrschung in unserem Land nur zu dem Zeitpunkt, wo sie sich anschickt, ihr Monopol noch durch Zukäufe auszubauen.

Die Lage ist den Antiquaren durchaus bewußt. Kein längeres Gespräch mit einem mittleren Kollegen, in dem sich nicht blanke Angst und abgrundtiefes Mißtrauen gegenüber Amazon zeigt. Das jüngst wieder - bis auf weiteres - eingestellte Vorhaben von Ebay, Käufer und Verkäufer zu entmündigen, Zahlungswege in jährlicher Milliardenhöhe selbst als Quasi-Bank zu kontrollieren, weist sehr präzise die eine Richtung, in die es gehen soll: Der einzelne Antiquar wird zum macht- und hilflosen Franchisenehmer, zum Subunternehmer, zum Laufburschen und Stallknecht des Weltkonzerns.

Dies ist nun keine sozialistische Panikmache. Ich kenne aus meiner fernen Universitätszeit höchst konservative Volks- und Betriebswirtschaftler, denen ich die Mechanismen etwa von Abebooks auseinandersetzten konnte, mitsamt früherer Versuche im US-Bereich. Der Gegensatz von 900 kleinen und kleinsten, noch unabhängigen Unternehmern und der Marktmacht des Amazon=Abebooks=ZVAB-Konzerns im deutschen Spraschbereich hat sie erschreckt. Solche Konzentrations- und Monopolformen sind geeignet, unsere Marktwirtschaft zu zerstören, sie sind unerwünscht gerade auch aus konservativer Sicht.

Nun veranstaltete Dr. Biester, unter Dr. Casimir verantwortlich für die Sparte "Antiquariat" im börsenblatt-netzdienst, eine Umfrage unter deutschen Antiquaren zu genau dieser Frage. Er erhielt aufgrund einiger Undeutlichkeiten in der Formulierung der Netzumfrage zwar keine prägnanten, aber doch hinreichend klare Ergebnisse, die meine Darstellung des Sachverhalts grosso modo bestätigen. Biester hat die Wunde bloßgelegt - weigert sich aber offenkundig, sie zu verbinden, mehr noch, er  b e n e n n t  sie nicht einmal korrekt - nicht mit einem Wort!

Das ist erstens eine ungeheuerliche Illoyalität gegenüber den Antiquaren. Sie beteiligen sich an der Umfrage doch in der Erwartung, daß Biester die Ergebnisse fair und deutlich interpretiert auch in einem tieferen Sinn. Wir finden von Biester auch nicht ein Wort der Bewertung, der Auslegung, er zählt nicht einmal 1 + 1 zusammen. Er  v e r h e h l t, er verschweigt, daß ZVAB zu 100 % ein Geschäftsbereich von Abebooks ist, er unterschlägt, daß Abebooks auch in kleineren Geschäftsentscheidungen absolut von der Konzernmutter Amazon abhängt.

Amazon = Abebooks = ZVAB. Dieser einfache Sachverhalt ist Ihnen in diesem Beitrag nicht einen Nebensatz wert, werter Dr. Biester. Daß Sie in früheren, lang zurückliegenden Beiträgen den Sachverhalt dargestellt hatten, ist eine andere Sache. Hier durften Sie ihn nicht übergehen.

Das ist ganz einfach ungeheuerlich! Damit die Sache nicht so auffällt, fügen Sie einige (mehr oder minder gescheite) Kommentare von Kollegen an, in bunter Durcheinanderwürfelung.

Redakteur Dr. Biester, dieser Ihr Beitrag ist Parteien v e r r a t  an der Klientel, für die Sie zu schreiben haben, deren Interessen Sie nach Treu und Glauben wahren sollen.

Ich mache mich nicht auf, nun die üblichen Fragen zu stellen, wer wen zahlt, wer wessen Geschäfte betreibt. Ich darf Ihnen da nicht Unrecht tun, stelle nur fest - angesichts der Sachlage, der Verhältnisse ist Ihr Beitrag eine wenn nicht bewußte, so jedenfalls grob fahrlässige Verfälschung und Vernebelung des sachlichen Kerns, um den es hier geht.

Sie würden gut daran tun, dazu in Ihrem Blatt Stellung zu nehmen.




Das Abreißbildchen haben wir, mit Dank, bei der Webseite http://gedankenfrei.wordpress.com, ausgeliehen - deren Texte wir uns aber, in diesem Fall solls gesagt sein, nicht zu eigen machen.