Sonntag, 30. Oktober 2011

Mit Ebay-Technik gegen Amazon - das Auktionsportal der Antiquare


Auch ein Geschenk zum Jubiläum der GIAQ



Zunächst ein aktueller Nachtrag zu meinem ILAB-Beitrag, der unwirsch aufgenommen worden ist.

Kurzer Besuch bei der ILAB-Datenbank - unbeschreibliches Elend. Es werden in einer Art Metasuche überwiegend Feld-, Wald- und Wiesentitel, nach düsteren Kriterien ausgewählt, in einer unbeschreiblich miesen, primitiven, ganz verhunzten graphischen und benutzungstaktischen Weise angeboten, mit schweren Anfängerfehlern, peinlich eingefaßten Kästchen, störenden Randangeboten, unglücklicher Schrift, paradoxer Gliederung, grauenhafter Farbgebung und noch häßlicherer, absurderer Zumüllung des oberen Seitenviertels - - meine Herren, diese Büchersuche entspricht genau dem Bild, das ich von der ILAB habe. Werfen Sie mal meine Standardsuche "Hitler Kampf" an, und wenn Sie nach der dritten Seite nicht schreiend und fluchend abbrechen, dann können Sie als Krankenpfleger in einer Irrenanstalt arbeiten.

Solang die ILAB ihr Verkaufsportal durch Praktikanten aus der Unterprima gestalten läßt, soll sie nicht in Weimar Kulturtheater abhüpfen und einen auf Verbrüderung machen (während sich die Großen der Branche in Wahrheit spinnefeind sind und sich die Kunden abjagen). Erst die Hausaufgaben erledigen, dann dürfen die Knaben auf den Fußballplatz.

Sagt den Leuten das niemand? Die eigenen Webseiten der illustren Teilnehmer in Weimar, das ergeben Stichproben schnell, sind exzellent gestaltet.

*
Versprochen ist versprochen, nun bekommt die Genossenschaft ihr Jubiläumsgeschenk.

Ich fasse mich im heutigen Beitrag ungewohnt kurz, um über vermeintliche Kleinigkeiten, an deren Bemeisterung aber der halbe Erfolg des Projekts gebunden ist, nicht zu viel zu verraten. Das Vorhaben ist im Kern durch Außenstehende der Branche nicht gut nachzuahmen, denn es baut auf dem  beruflichen, internen  V e r t r a u e n  der Antiquare und ihrer  K u n d e n  zu dem Projekt und seinen Gestaltern auf. Es kann vermutlich überhaupt nur aus der Branche heraus verwirklicht werden.

Wir erinnern uns alle an jenen an sich hochinteressanten Versuch aus Hamburg, eine Datenbank, ein Verkaufsportal nur für  h o c h preisige Ware einzurichten. Im Börsenblatt, das damals noch Diskussionen zuließ - goldene Zeiten, wohin seid ihr entschwunden - wurde das Brisante daran im Kollegenkreis sofort erkannt. Mir ist jene Auseinandersetzung noch in Erinnerung, weil ich die große Linie genial fand, mich dann an Einzelheiten aufhängte und als das Unternehmen schon am Einschlafen war, wurde es mir wieder sympathisch. Wer sich mehrfach irrt in einer Einschätzung, der vergißt das nicht so schnell.

Seither bestehe ich bei allen Webprojekten darauf, zuerst und vor allem die vermeintlich kleineren Fehler aufzugreifen und sie zu tadeln. Denn wer im Kleinen nicht seriös arbeitet, der schafft auch die Generallinie nicht. An jenem Hamburger Webportal war alles, aber auch wirklich alles verkehrt, schief und falsch aufgefaßt worden. Das Deutsch fürchterlich, die Argumentationen unbeholfen, die Administrativa grotesk, die Arbeitsgrundlage absurd, die Vorarbeiten hingeschlampt - irgendeine Jurastudentin hatte das mit einem Hamburger Antiquariat (verzeihen Sie:) zusammen hingerotzt.

Diese zurecht schnell wieder eingegangene Blume im Hausgarten der Antiquare hatte aber einen sehr wichtigen und guten Ausgangspunkt, der durch die törichte Ausführung zu Unrecht diskreditiert worden ist. Wir müssen dort weiterarbeiten und es diesmal besser machen.

E b a y  ist ja nun das schwierigste, komplizierteste Gebilde im Bereich des Altbuchabsatzes. Ich bin, wie Sie vielleicht wissen, ganz zufällig zu einem der wenigen Antiquare geworden, die sich auf Gedeih und Verderb an Ebay gehängt haben. Meine Ebay-Geschichte gehört hier nicht her, sie ist tragikomischer Natur und läßt sich ganz grob so zusammenfassen: Meinen älteren Titeln tut es ausgesprochen gut, wenn ich sie mit mehreren sehr großen und scharfen Scans darstellen kann. Dies war jahrelang eigentlich nur mit Ebay möglich. Die Erstellung von Ebay-Einträgen, auch mit Turbo-Lister, ist so absurd schwierig und langwierig, daß ich mir einen "Sport" daraus machte, die Ebay-Nüsse zu knacken - und nachdem das eines Tages saß, wollte ich die unendlichen gehabten Mühen, mein schweres Lehrgeld, dann auch einsetzen und nutzen.

Ebay-Verkäufer aus Trotz und Eigensinn also - das trifft es genau. Absatz und Kasse stimmen auch. Das gilt aber nur für meine etwas seltsame alte Ware. Ungeübten Kollegen mit eher durchschnittlichen Titeln rate ich strikt ab von Ebay. Dort kaufen: immer -  dort anbieten: lassen Sie es bleiben.

Was ich bei Ebay am eigenen Leibe erfahren konnte, war zweierlei:

1.
Die Sammler alter Bücher lieben das Versteigern, die  A u k t i o n  ungemein, nichts gehört auf einer merkwürdigen Gefühlsebene enger zum Horten seltenerer Bücher als das Versteigerungserlebnis. Könnte was mit "Jäger und Sammler" zu tun haben, aber auch mit "Vorspiel und Orgasmus" - lassen wir das.

Weil den Messen das Versteigerungserlebnis fehlt, sind sie so öde und langweilig, so peinlich und armselig. Der Antiquar soll nicht im Ställchen sitzen und Bücher anbieten - er soll sie  v e r s t e i g e r n. Das ist Leben, das ist  L u s t...

2.
Die Darstellung vor allem älterer und ganz alter Bücher im scharfen Foto, in der Regel also im  S c a n , ist ungeheuer hilfreich für den Umgang mit alten Büchern, nur müssen es fast immer mehrere Fotos, soll es eine Foto s t r e c k e  sein.


Nun gerate ich schon in Gefahr, Details auszubreiten. Für den Kollegen, an den ich mich wende, ist der Gedankengang nachvollziehbar, wenn ich unter Auslassungen gleich zum Kern des Projekts springe:

Die Genossenschaft richtet in ganz enger Verbindung mit ihrer "gewöhnlichen" Datenbank ein Versteigerungsportal für Titel im oberen Mittel- und im Spitzenbereich ein. Zwar sollten engste technische Koppelungsmöglichkeiten vorgesehen werden - keine Details ausplaudern, Mulzer - , aber als Imageträger muß das neue Versteigerungsportal  a u c h  unabhängig wahrnehmbar sein für den Kunden.

Die Forderungen an das Image, die Vertrauenswürdigkeit eines Versteigerungsportals im oberen Mittel- und im Spitzenbereich sind ungleich höher, als das bei einer Bücherdatenbank üblichen Zuschnitts vorauszusetzen wäre. Bei dieser empfindlichen Ware und den noch empfindlicheren Kunden sollte jeder Schritt auf seine Außenwirkung überprüft werden - wirkt das  s e r i ö s  oder eher nicht?

Es läßt sich nicht vermeiden, daß die Versteigerungshäuser dadurch etwas ramponiert werden. Es soll ihnen zur Zeit sehr gut gehen, ich denke, die Antiquare könnten dieser Sondergruppe ihres Gewerbes einige Opfer, etwas Streß abverlangen. Schwer betroffen würde das Messewesen.

Das Versteigerungsportal, soweit gehe ich nun doch ins Detail, muß ein Klon von Ebay sein. Ebay ist auf seine umständliche Weise gut bis sehr gut, die Konkurrenten, die es anders machen wollten als Ebay, zeigen sich als jämmerliche, mehr oder minder mißglückte Unternehmungen. Also fast überall Ebay-Standard anwenden, nur muß und soll das natürlich ganz anders aussehen.

*
Das ist eine Sache, die uns Amazon-Abebooks-ZVAB vermutlich nicht nachmachen können. Der Imageträger nämlich, die Antiquare im deutschen Sprachbereich, bürgt für fachmännisches Vorgehen in diesem Feld, von dem beide, Einlieferer wie Käufer , sehr genau wissen, wie sehr es  V e r t r a u e n s s a c h e  ist. Natürlich stellt sich, gerade für dieses Projekt, die Genossenschaft neu auf und/ oder nimmt eine allgemeine Berufsvertretung als Verein hinzu.

Ich sehe strategisch schon mittelfristig einen ungeheuer starken  A n s c h u b  für das angeschlossene Portal gewöhnlicher Bücher, das ja leider konkurrenzrechtlich angreifbar immer noch unter dem Namen "Antiquariat" firmiert. Es ist eine eiserne Voraussetzung, daß die  k u l t u r e l l e   Karte für das neue Versteigerungsportal eingesetzt und hoch gespielt wird. Ich liefere den Verantwortlichen auf Wunsch jede Menge Gesülze, auch hochtrabendes, kulturelles Geschmuse - hier hat es seinen Platz, um die vom Antiquariat weniger, von ihrer Kulturmission aber umsomehr überzeugten Kulturredakteure der Medien zu beeindrucken.

Und im Kern ist der Gedanke ja nicht falsch: Eine Experten g r u p p e  leitet und kontrolliert das weißgott nicht anspruchslose Unterfangen, Titel ab etwa 50 Euro kontinuierlich im Netz zu versteigern. Womit schon die vielleicht wichtigste Parallele mit Ebay und der entscheidende Unterschied zu den Versteigerungshäusern benannt ist: Jedes Wochenende zum Sonntagabend hin eine Versteigerungssitzung im Netz. Immer, kontunierlich. Wie Herr Jauch mit der Ratestunde. Man freut sich jede Woche darauf.

So werden Auktionsportal, gewöhnliches Bücherverkaufsportal, Genossenschaft und allgemeiner Berufsverein zu einer Waffe, mit der wir uns vielleicht noch aus der Umklammerung Amazon-Abebooks-ZVAB befreien können.

Nicht vergessen - es geht dabei zentral um den  I m a g e t r a n s f e r  vom neuen Versteigerungsportal zur Bücherdatenbank.



Das Urheberrecht am Bild besitzt die diamonds-showcompany, der wir für die Ausleihe danken

Donnerstag, 27. Oktober 2011

ILAB in Weimar - alles nur Schäferspiele ?

All about the League ... and Goethe - The ILAB Presidents’ Meeting in Weimar 2011

Es ist der ILAB hier gelungen, in gut zweihundert Zeilen  n i c h t s  mitzuteilen. Ich weiß nicht, ob der Verfasserin, Frau van Benthem, klargeworden ist, daß sich ihr Bericht auf dem Niveau gelackter, widerlicher Meeting-Firlefanzereien vom Rotary- oder Malteserritter-Typ bewegt. In meiner Journalistenzeit hatten wir Hochglanzartikel dieser (Un-)art kommentarlos und sehr schnell dorthin befördert, wo sie hingehören - in den Papierkorb.

Wenn uns die ILAB zu ihren Diskussionen, Problemen und Projekten nichts sagen will, schön. Dann soll sie anständig genug sein und  g a r  n i c h t s  schreiben.

Angesichts der umfassenden weltweiten Probleme unseres Berufsstands   empfinde ich leere Null-Texte dieser Art als  p e i n l i c h. Den Kollegen und der Presse gegenüber ist das unaufrichtig und unverschämt.

Auf solche gelackten Verbergungen und Verhehlungen, im süßlichsten Kulturschmuse-Ton vorgetragen, kann man nur grob reagieren, halten zu Gnaden.

Der oben verlinkte Text ist angesichts der Sachlage eine Ungeheuerlichkeit.

Diese Form von Frühstücks-Berichterstattung möchte ich mir im Namen der deutschen Antiquare hierdurch  v e r b e t e n  haben.

Peter Mulzer, Antiquar in Freiburg

Nachtrag, etwas abgekühlt drei Stunden später:
Blogschreiben kann spontan sein. Ich nehme mir die Freiheit, mich aufzuregen, wenn ich dazu Veranlassung zu haben meine. "Therapeutisches Brüllen" - ja bitte. Nur so erfahren Verfasser und Auftraggeber bei der ILAB,  was ich wirklich empfinde, eine Mischung aus Ärger und Enttäuschung nämlich.

Die ILAB-Seite wendet sich ja nicht nur an die große Welt. Sie ist Schaufenster vor allem zum Beruf hin, hat auch internen Charakter. Es ist nicht das erste Mal, daß wir uns über die ILAB ärgern. Ticken Antiquare in anderen Ländern anders? Nein, im Gegenteil! Sie nehmen ihren Beruf auch gesellschaftlich oft ernster als wir versponnenen deutschen Kollegen. Bei Tomfolio zum Beispiel wurde und wird seriös  g e d a c h t.
Weiß der Teufel, weshalb die Herren bei der ILAB immer einen auf  g e m ü t l i c h, ruhig und problemfrei machen müssen. Ich kann, wenn ich sowas lesen soll, in Rage kommen. Dagegen sind unsere Apostel vom Dienst, die das Mottto "Was wollt Ihr denn, bei mir läuft alles bestens, jeder Antiquar, der sich bemüht, hat sein gutes Auskommen, ich bin o.k., du bist o.k., wir alle sind o.k., nur der neurotische Mulzer muß mal wieder unsere Idylle stören, noch Anfänger und Waisenkinder. Bei der ILAB kann man wirklich heucheln - Anerkennung.

Natürlich spreche ich nicht für "die deutschen Antiquare", da sei Gott vor, und so bitte ich auch die Schlußbemerkung im Text oben zu verstehen. Ich habe nur leider ein gutes Gedächtnis und mein Elefantenhirn speichert so viele Gespräche mit Kollegen in der letzten Zeit, die Angst, Unsicherheit, Verärgerung und Ratlosigkeit mit sich herumtragen.

Angesichts der Debakel in Serie, die sich die ILAB geleistet hat und noch leistet, der nicht eingelösten Chancen, der abgewürgten Diskussionen, ist mir jedenfalls das heuchlerische Schönwetter- und Gemütlichtun zuwider. Brüllen befreit! Problieren Sie es ruhig mal aus.

Nachtrag 2:

Darf man sich selbst zitieren? Ich unternehme es und bringe ein Zitat aus einem privaten Schreiben von heute früh:
Allerdings habe ich seit Jahren den Eindruck, daß die ILAB nicht einmal eine - geheime oder intern eingestandene - Strategie hat, sondern wie ein Schifflein ohne Ruder dahintreibt im Weltmeer. Auch sind die Freundlichkeiten, die man sich dort austauscht, durchaus ernst gemeint und insoweit aufrichtig.

Irgendwie hat mich der Text gestern spontan genervt, solche ersten Eindrücke sind ja meistens richtig - da war eine üble Schönwetterschreiberin am Werk. Aber die ILAB mitsamt ihren ewigen unglücklichen Datenbankprojekten eignet sich, eben mangels Strategie, nicht recht als Buhmann. Es scheint mir eine Frage der "verpaßten Chancen" zu sein.

10 Jahre GIAQ-Genossenschaft im Antiquariat: Die unterdrückte Jubiläumsrede


Zum bevorstehenden zehnjährigen Jubiläum der Genossenschaft GIAQ steht es mir wohl an, ein Grußwort zu schreiben. Ich will es unpolemisch halten, alte Sünden übergehen und überhaupt der milde Gründungsvater sein, wie er im Bilde steht.

So beschränke ich mich auch auf zwei persönliche Bemerkungen, die wir gleich zu Beginn abhandeln wollen.

Ich bin tatsächlich derjenige, der sich in der Runde des Berner Kollegen Hess erstmals und ausführlich für die Gründung einer Genossenschaft im deutschen Sprachraum eingesetzt hat. Vor 12 Jahren erhielten etwa 250 Kollegen meine ausführlichen Vorschläge und Papiere dazu. Entscheidende Hinweise hatte uns Plurabelle (Cambridge) gegeben, Tomfolio, die US-Genossenschaft der Antiquare, begann zeitgleich mit ihren Gründungsvorbereitungen.

Zum anderen: meine Vorschläge sind nicht aus der Luft gegriffen. Ich habe zwar nichts Wissenschaftliches veröffentlicht, saß aber viele Jahre zu Füßen der alma mater und sollte von meinen Haupt- und Nebenfächern, Soziologie und Jura, immerhin etwas im Gedächtnis behalten haben.

Nun übergehen wir die etwas seltsame Gründungsversammlung in Berlin, meine gleichfalls seltsame hastige Verabschiedung von der Genossenschaft, das noch seltsamere Taktieren des Kollegen Müller, meine vergeblichen verzweifelten Versuche, die Genossenschaft wie auch die Datenbank vor Peinlichkeiten in Namensgebung und Struktur zu bewahren. Alles vorbei, Schall und Rauch.

Und nun zum Thema.

Ehe mich die Gründungsgruppe von ihrem Forum ausgeschlossen hatte, zeichnete sich schon ab, daß das deutsche Genossenschaftsrecht zu einer unübersteigbaren Hürde werden könnte für jeden Fortschritt, jede Weiterentwicklung unserer besonderen Antiquariatsgenossenschaft.  Der Gesetzgeber hatte es gut gemeint vor über hundert Jahren mit dem Raiffeisengedanken und der Selbstorganisation in Handwerk und Landwirtschaft - tatsächlich aber steht heute der Tausendseiten-Kommentarband zum deutschen Genossenschaftsrecht als Felsblock im Wege, den man geduldig mit schmalspurigen Zahnradbahnen umfahren muß. Schnellbahn - kein Gedanke!

Diverse kleinere Ungeschicklichkeiten der GIAQ und ihrer Datenbank dienten mir seither als Quälball, das war ungerecht und ich möchte das nicht rechtfertigen. Erst Anfang diesen Jahres begann ich positiv zu denken und kam zu einem neuen Modell, mit dem wir der Genossenschaft auf die Beine helfen können. Mit Zückerchen und geduldigem Streicheln kommt der müde Gaul aber nicht wieder auf die Füße - da müssen schon Seilwinden her.

Mein Organisationsmodell, bei dem wie erwähnt Soziologie und Jura zusammenwirken, sieht die Gründung eines

allgemeinen Berufsvereins

vor, der Entscheidungsträger der Genossenschaft wird. Wie man das im einzelnen sauber konstruiert, muß man noch zurechtfeilen, denn die bisherigen Anteilseigner der Genossenschaft behalten ja ihre Rechte und ein Verein kann, soweit ich das überblicke, grundsätzlich nicht  Träger einer Genossenschaft sein.

Darum soll es primär aber nicht gehen. Viel wichtiger ist, daß eine  a l l g e m e i n e   Berufsvertretung entsteht, die  d e m o k r a t i s c h  organisiert und geleitet wird und die den entscheidenden  E i n f l u ß  auf die Genossenschaft ausübt. Was in der Praxis heißt: auf die Datenbank, auf das Verkaufsportal.

Nur eine wirklich demokratisch abstimmende Berufsvertretung kann dem drohenden Monopol der Amazon-Satrapen Abebooks und ZVAB noch Paroli bieten - indem sie die genossenschaftliche Datenbank zum Portal der eigenen Berufsvertretung  a l l e r  Antiquare macht.

Das setzt voraus, daß sich unsere Berufsgruppe endlich nach formal parlamentarischen Regeln organisiert. Ein Medium ähnlich der alten Hess-Runde (ich mach das nicht, dem Börsenverein stünde es gut an, Dr. Biester an die Front - oder der Buchreport oder sonstwer) muß einen tragfähigen Rahmen aufbauen. Dann wird wie im Schweizer Parlament, das sich hervorragend für solche Prozeduren eignet und sogar von Tomfolio als Beispiel herangezogen worden war, mit Vernehmlassungen, Motionen, Beschlüssen gearbeitet.

Da das alterprobte Mechanismen sind, breite ich sie hier nicht aus, stelle nur den Kern dar.  Wer eine Meinung, eine Ansicht, einen Weg, einen Vorschlag zu machen hat, formuliert seine Gedanken in einem kurzen Posting, das jeder Kollege automatisch in den Briefkasten bekommt. Man kann solche Vorschläge bündeln, wie auch immer, nach festgelegter Diskussionszeit, werden auch die Für- und Gegenstimmen, Erläuterungen und Ergänzungen elektronisch allen Kollegen zugestellt, dann wird auf genau formulierte Fragen hin abgestimmt (Poll-Funktion).

Ähnlich geht es zu bei der Wahl von Personalvertretungen, der Datenbankgestaltung usw.

Während man bei der allgemeinen, umfassenden Demokratie eine skeptische Grundhaltung haben kann und nicht viel Sinn erkennt darin, seine Stimme mit Millionen anderer abgeben zu sollen, ist die demokratische Abstimmung innerhalb einer  B e r u f s g r u p p e  ein ungeheuer nützliches Instrument! Es müssen nur die parlamentasrischen Grundregeln getreulich eingehalten werden.

Mit diesem Gedanken möchte ich meine Jubiläumsrede schließen: Stärkt die Genossenschaft mit einer beigeordneten allgemeinen Berufsvertretung aller Antiquare - dann wird sie zu einem wundervollen Instrument, gerade heute in der Stunde äußerster Gefahr, in der uns das Bundeskartellamt im Regen stehen läßt und Abebooks, mit weitem Abstand, zur Zeit die beste Verkaufsdatenbank ist.


Das Foto gehört Johann Bremmenkamp, dem wir für die Ausleihe danken

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Warum Buchhändler und Antiquare Amazon-Abebooks-ZVAB in ihr Herz geschlossen haben



Amazon verdankt seine weltweit überragenden Verkaufsraten in Büchern und anderen Artikeln neben niedrigen Preisen vor allem einem ausgeklügelten System an Kundenwissen, an Informationen über Bedürfnisse und Wünsche seiner Käufer, aber auch aller, die sich nur dort informieren, die Amazon als - übrigens vorzügliche - Informationsquelle, als Lexikon, Wiki und bibliographisches Hilfsmittel  nutzen.

Aus diesem Netz von individuellen, aber auch gruppen-, länder- und schichtenspezifischen Netzwerken teils intimster Natur generiert Amazon allgemeine Trends, ebenso ein umfassendes Personenwissen. Während alles von Googles Informationshunger spricht, lag bisher die Sammelwut von Amazon im Halbschatten. Erst in jüngster Zeit wacht die Blogosphäre auf und beginnt, Amazon auf die Finger zu schauen. Von gewöhnlich sehr gut informierten Bloggern und Insidern wird das sensible, intime Wissen von Amazon - Literatur ist eben eine besondere Ware - inzwischen als weitaus gefährlicher eingeschätzt als das von Tante Google, für den einzelnen Nutzer wie für die Gesellschaft insgesamt.

Der brave unabhängige Ladenbuchhändler mag zwar seinen Kunden kennen und ihm aus diesem Wissen heraus manchen Titel empfehlen, wenn er ihn im Laden sieht und begrüßt. Dieses berufliche Vorwissen bleibt aber immer auf seine Buchhandlung und den betreffenden Kunden beschränkt. Er vernetzt sein intimes Wissen nicht, er zieht keine Querlinien und füttert damit nicht Datenbanken, Marktforschungsinstrumente und Verlagsplanungen.

Wer  sich Amazon bedient, sei es daß er bei Amazon kauft oder sich nur dort informiert, der muß wissen, daß er einen Rattenschwanz von Wissen über sich selbst mitliefert. Er gibt nicht nur sein Geld, sondern seine Seele Amazon in die Hand. Ist der Begriff "Seele" übertrieben? Wer seine Bedürfnisse, Wünsche, Ablehungen/ Abstinenzen, seine Korrelationen ("hat auch gekauft"), gar seine Urteile und Wertungen ("Besprechungen, Foren") zu Amazon trägt, und sei es nur dadurch, daß sein Kaufverhalten über Jahre hinweg registriert wird - der fördert die riesige Konzernkrake.

Darüber kann man nicht gut diskutieren, das ist einfach so.

Das gilt natürlich auch für die Ableger des Konzerns, deren Zusammenhang mit der allesbeherrschenden Mutter möglichst verhehlt wird. Wir sprechen vom ZVAB und von Abebooks.

Ich möchte nicht mißverstanden werden: Die Informationsbeschaffung, die Amazon betreibt, mag für deutsche Gemüter etwas sehr amerikanisch und großzügig aussehen, aber sie ist  l e g a l. Es handelt sich um legal erworbene Datenmengen und Datennetze, um legal beschaffte Profile und rechtmäßig erworbene Gefühlsschattierungen. Bei Amazon sitzen die besten Verkaufsstrategen der Welt, die führenden Marketingpsychologen, ganze Batterien von psychoanalytisch und verhaltenspsychologisch geschulten Universitätsabsolventen, um die Datenmengen auszuwerten und der Planung zuzuführen. Würde Amazon anders handeln, müßte man den Konzern "dumm" nennen. Er ist aber sehr klug.

Nun zappelt der Buchkäufer im Netz, das Amazon mit List und Tücke ausgespannt hat, und es ist ihm - egal.

Amazon hat aber natürliche Feinde. Aus recht unterschiedlichen Gründen hassen und fürchten die unabhängigen Ladenbuchhändler und die Buchantiquare Amazon. Bauen sie eine gemeinsame Kampffront auf? Da sei Gott und der Börsenverein vor, denn Gott hat uns die freie Marktwirtschaft beschert, hat er nicht, und der Börsenverein ist zur Neutralität verpflichtet - Amazon sitzt auch im Börsenverein!

Bedeutet das nun, daß die selbständigen Ladenbuchhändler taten- und aktionslos zusehen müssen, wie sie von Amazon langsam abgewürgt werden? Sie verhalten sich so, aber weder Gott noch die Marktwirtschaft wollen das. Im Gegenteil, nach den Regeln der Marktwirtschaft  s o l l , ja  m u ß  sich das Opfer von Konzentrationen und Monopolbestrebungen  w e h r e n. Rennt das Mäuslein nicht aufgeregt hin und her, bis es die Katze wieder in die Krallen nimmt, dann ist die Natur auf den Kopf gestellt.

Ich habe gestern aufgezeigt, daß Abebooks und ZVAB in den Abwehrkampf der Buchhändler gegen Amazon einbezogen werden müssen. Es geht nicht an, daß diese beiden Buchverkaufsportale - zum Beispiel über Antiquaria - Scheinallianzen und Kooperationen mit den Buchhändlern eingehen und die Neubuchhändler ihren Untergang noch durch eigene Dummheit befördern.

Denn wer hindert ZVAB und Abebooks daran, ihre legal erworbenen Datengebirge dem Amazon-Weltkonzern zu unterbreiten, sie zuzuliefern? Auch wenn sie jetzt tausend Schwüre ablegen würden, dies nicht tun zu wollen (ich hab noch nichts davon gehört), dann können beide Töchter, zu 100 Prozent im Amazon-Besitz, dies jederzeit nachholen. Es geht nicht so sehr um konkrete Verkaufsdaten, die wird ZVAB nicht weitergeben, da es unter deutschem Recht steht, es geht um die sensiblen Zusammenhänge, um Bedürfnisse, Sehnsüchte, Motive.

Ein Buchhändler, der direkt oder indirekt ZVAB und/ oder Abebooks fördert, mit ihnen zusammenarbeitet, der gräbt sich sein eigenes Amazon-Grab.

Für die Buchantiquare, soweit sie denken können, stellt sich die Frage längst nicht mehr. Sie haben inzwischen alle verstanden, daß es zum großen Abwehrkampf gegen den Monopolisten kommen muß, sonst ist ihre wirtschaftliche Freiheit besiegelt.

Amazon-Abebooks-ZVAB sind zum Teil selber schuld an der kommenden Zuspitzung der Lage. Wie konnte Amazon so, verzeihen Sie meine persönliche Einschätzung,  f r e c h  sein, ohne irgendein Schamtüchlein ganz nackt und brutal Abebooks und ZVAB hundertprozentig aufzukaufen? Nicht einmal die strategisch nützliche Beteiligung Dritter, ein kleines Manöver, um ihr Quasimonopol im Portalabsatz der deutschen Antiquare zu bemänteln, war ihnen die Sache wert. Ich möchte das als  z y n i s c h  einschätzen. Zynismus pur, querbeet über alle Blumengärtchen und Felder gebrettert, die Kartellbehörden offenbar so wirksam kaltgestellt, daß irgendeine Rücksichtnahme unnötig erscheinen konnte - drauflos.

Das Untätigsein der Kartellbehörde wird wohl erst in einem Gerichtsverfahren aufgedeckt werden können, ich sehe keinen anderen Weg, um diesem Skandal auf den Grund zu kommen.

Die Kernfrage stellt sich so: Dürfen wir, sollen wir zum Boykott von Amazon und seinen Satrapen aufrufen?  N e i n ! Das dürfen wir nicht, und wir wollen es auch nicht.

Es geht vielmehr um zweierlei. Einmal müssen Sachverhalte, die Amazon offenbar unter der Decke halten will,  p u b l i k  gemacht werden. Da sich kein Netzdienst, keine Zeitung, kein Fachblatt mit einem Konzern anlegen will, der direkt oder über seine Satrapen schöne, fette Inseratengelder im Beutel hat,  müssen einige unabhängige Kollegen vom Buchhandel und aus dem Antiquariat diese Publizität besorgen. Ich bin einer von ihnen.

Aber auch ich boykottiere nicht. Es gilt, nun in unmittelbarer Zukunft folgenden Weg einzuschlagen: Nach der schonungslosen Aufklärung, nach der Aufdeckung der Bedingungen und Hintergründe des Schweigens des Kartellamts, aber auch ganz einfach nach der stetigen Wiederholung dessen,  w a s  A m a z o n  offenbar  v e r h e h l e n  will (daß Abebooks Amazon gehört, daß ZVAB Amazon gehört) - - soll die Schaffung von Ersatzstrukturen in Angriff genommen werden, die Amazon und seinen beiden Satrapen  P a r o l i  bieten können.

Der Buchhandel muß hier seine Hausarbeiten erledigen, die Antiquare die ihrigen.

Also nicht Boykott, sondern Aufklärung und dann Gegenplanung, darum geht es jetzt. Wer noch nicht gekauft worden ist, der möge sich einreihen in die Abwehrfront gegen Verhehlung und Marktmißbrauch, gegen Monopolplanung jeder Art.

Wenn wir Antiquare einmal begriffen haben, daß wir von Amazon-Abebooks-ZVAB als Stoßtrupp zur Eroberung des deutschen Neubuchhandels mißbraucht werden sollen, dies ist meine persönliche Einschätzung - - dann ist schon viel erreicht.



Die touché-Folge gehört dem Künstler und der taz, (Anmerkung des Sätzers: ...die uns die Verwendung zu diesem Blogtext bestimmt nicht übel nehmen wird)

Dienstag, 25. Oktober 2011

Antiquaria - der Ladenbuchhandel alimentiert seinen Henker


Im Börsenblatt-Netzdienst wird zur Zeit diskutiert über die Frage, ob "die Beziehungen zwischen Sortiments- und Antiquariatsbuchhandel (...) ausbaufähig seien". Eine Warntafel hierzu muß gleich am Anfang des Weges aufgestellt werden.



Die Fakten sind betrüblich für die Antiquare und es dürfte sich inzwischen unter ihnen herumgesprochen haben: Die beiden größten Verkaufsportale für deutschsprachige alte Bücher im Netz,  ZVAB und Abebooks, gehören seit diesem Frühjahr zu 100 % wem - richtig,   A m a z o n.  Der internationale Weltkonzern, der sein Scherflein beigetragen hat zum Untergang des selbständigen Buchhandels, hat beide gekauft. Er beherrscht die elektronischen Absatzwege des Buchantiquariats im deutschen Sprachraum über Portale je nach Interpretation zu 80 - 90 %. Die Antiquare zittern, ihnen ist nicht wohl dabei, hilflos sehen sie zu, wie ihre wirtschaftliche Freiheit bedroht wird. Manche von ihnen sehen sich schon als Franchisenehmer des Amazon-Konzerns, warte nur balde.

Über diese Tragödie, der das Bundeskartellamt mit den Händen im Schoß untätig zusieht, ist wenig in die breitere Öffentlichkeit gelangt. Von gelegentlichen Randnotizen abgesehen haben auch die Medien des Neubuchhandels keine Notiz davon genommen.

Das war mit Sicherheit ein Fehler.

Für jeden Buchhändler - im Folgenden sprechen wir jetzt nur noch vom N e u - Buchhändler - ist "Amazon" ein Reizwort, es löst in ihm Angst aus - zurecht. Durch seine schiere Marktbeherrschung sägt der Konzern, ohne besonders böse zu sein, mit viel Geschick und bisher unaufhaltbar an den Absatzmargen des stationären Buchhandels. Amazon hat es nicht nötig, unangenehm aufzufallen, das besorgen die Gesetze des Marktes. Über der Frankfurter Buchmesse schwebte Amazon, einem düsteren Riesenvogel gleich, und seine Fittiche überschatteten die Gemüter der Buchhändler, besonders der kleinen und unabhängigen, die überleben wollen.

Es muß wiederholt werden: Abebooks und  Z V A B  sind beide zu hundert Prozent im Besitz von Amazon.

Jeder Cent, der ZVAB zugewendet wird, stärkt Amazon, jeder Werbeimpuls für ZVAB kommt Amazon zugute. Und auch dies sei wiederholt, daß ich Amazon keine bösen Absichten unterstelle, vielmehr  i s t  Amazon einfach die riesige Maschine, die den unabhängigen kleineren Buchhändler erdrücken  m u ß, nolens volens. Die Gesetze des Marktes...

Es ist nun dem Todeskandidaten ziemlich egal, wer ihn morgen aufhängen wird und warum er das tut. Für das Opfer zählt nur die vorhersehbare Hinrichtung.

Wir kennen aus den düstersten Tagen Deutschlands jene Rechnungen für die "Kosten der Hinrichtung", die eine entmenschte Justiz den Verwandten jedes Hingerichteten zuzustellen pflegte. Man möchte meinen, das sei der Gipfel des Zynismus.

Aber es gibt noch eine absurdere, zynischere Situation: Man male sich aus, der Todeskandidat alimentiere  f r e i w i l l i g  und vor seiner Exekution den Henker. Außer in Sadomaso-Zirkeln ist so etwas undenkbar.

Meinen Sie? Genau das findet täglich einige hundert Mal immer dann statt, wenn ein Buchhändler über das Antiquaria-Programm bei ZVAB antiquarische Bücher bestellt. Er nährt damit beständig seinen marktwirtschaftlichen Henker - Amazon. Henker - als technischer Begriff ist das zulässig, als moralische Qualifikation möchte ich das Wort aber nicht verstanden wissen.

Man muß natürlich näher hinsehen. ZVAB bietet den Antiquaria-Dienst "kostenlos für den Buchhändler" an. Das bedeutet freilich nicht, daß er ganz kostenlos für den Antiquar sei, von dem die Bücher kommen. Vor allem aber stellt jede Bestellung einen nicht hoch genug einzuschätzenden  W e r b e -  und  I m a g e w e r t  für das ZVAB und seinen Alleinbesitzer Amazon dar.

Wir wissen spätestens seit den Google-Milliardengewinnen, daß der Werbewert und der Imagenutzen oft weit höher sein können als eine "Gebühr". Und wirklich sponsert jeder Buchhändler, der über Antiquaria bei ZVAB antiquarische Bücher ordert, seinen marktwirtschaftlichen Henker, A m a z o n.

Das sei nun alles nur indirekt und über sieben Suppenteller? So tickt der Markt nicht. Erstens wissen auch Insider nicht, ob das ZVAB, ja - ob auch Abebooks nicht diesen Herbst, nächstes oder erst übernächstes Jahr auch technisch voll integriert werden soll in das Amazon-Portal. Es wird für sehr wahrscheinlich gehalten. Zweitens erhält Amazon das gesammelte Herrschaftswissen der beiden Konzernteile.

Diese Andeutungen mögen genügen, um dem Buchhändler klarzumachen:

*Mit jeder Antiquaria-Bestellung sponsert er seinen marktwirtschaftlichen Henker, Amazon.

Daß es auch noch andere Henker gibt, die ihm zu Leibe rücken, tröstet den kleineren unabhängigen Buchhändler nicht. Amazon ist allemal der gefährlichste. Ist es nicht auch eine Sache der  W ü r d e  des bedrohten Buchhändlers, seinen marktwirtschaftliche Henker nicht auch noch vorher zu alimentieren?



Für das Foto danken wir dem Stadtmuseum Erfurt, das die Rechte daran besitzt

Montag, 24. Oktober 2011

Wie sich das Antiquariat aus dem Internet verabschiedet

- Nachtrag zum Aufsatz Nr. 200 - 

Es ist wie der Erwachen aus einem bösen Traum, wenn ich mich in diesen Tagen frage: Wie um alles in der Welt konnte ich mich derart unsinnig verbeißen in die großen Datenbankprobleme? Warum habe ich mich niemals gefragt, ob denn das Anbieten alter Bücher im Internet nicht in Wahrheit unzureichend, mühsam, unzweckmäßig, geradezu blödsinnig sei, ob wir uns nicht alle auf einem schauerlichen Trip befänden, der für uns wie auch unsere Arbeitsobjekte entwürdigend, ja beleidigend ist?

Im letzen Aufsatz mit der Nummer 200  habe ich angedeutet, daß die Titelaufnahme für Bücher unterhalb des Versteigerungsniveaus, in jedem Fall aber unter etwa 50 Euro Mittelwert nicht sinnvoll ist. Zwei Ausnahmen hatten wir gelten lassen, solche Ware, die für hochspezialisierte Fachkataloge geeignet erscheint und dann hochpreisige Ware jeder Art.

Alle anderen Bücher können schon in einer kleineren Großstadt ab etwa 100.000 Einwohnern, in größeren Orten sowieso, ihre Käufer finden, sofern sie in einem Laden angeboten werden, der gut bekannt ist. Wir sprachen von dem ganz unabschätzbar hohen Werbewert, den die Bildung eines

"Hauses der Bücher"

mit sich bringt, erwähnten den Anmutungscharakter einer Einrichtung dieser Art, luden eine Neubuchhandlung im Erdgeschoß zur Beteiligung ein.

Ich habe heute einige Testgespräche mit Kollegen und Kunden geführt und werte die Ergebnisse gleich aus.

1.
Es ist nicht möglich, das Modell in kleineren Orten durchzuziehen. Die Kernthese ist ja, daß sich für fast alle Arten alter Bücher sehr wohl eine ausreichende Ladenkundschaft finden läßt. Erfahrungsgemäß brauchen wir dazu aber die Bevölkerungsstruktur und Menschenmenge einer Großstadt. Ich sehe ohnehin nicht ein, weshalb Antiquariate in kleineren Orten bestehen sollen - dem Kollegen ist zuzumuten, in seinen Stadtladen zu pendeln, wenn er im Umkreis eines größeren Orts wohnt.

2.
Das Modell hat nur Sinn, wenn der Antiquar regelmäßig neue Titel, neues Futter querbeet durch alle Sachgebiete nachliefern kann. Deshalb ist  eine flächendeckende Ankaufstätigkeit durch den Kollegen notwendig. Früher war das selbstverständlich und es schadet den Antiquaren, auch den darin ungeübten, gar nichts, wieder Hausbesuche zu machen und zu inserieren. Ankäufe bei Privat an der Quelle lohnen sich immer, auf eine gewisse Zeit hin betrachtet und ausgewertet. Viele Kollegen sind in dieser Beziehung heute stinkfaul.

3.
Es ist gut möglich und sogar wahrscheinlich, daß sich für teure Titel ab etwa 50 Euro am Ort keine Käufer finden. Dort - aber nur dort - ist das Einstellen in eine überörtliche Verkaufsdatenbank oder das Einliefern bei einem Versteigerungshaus notwendig und sinnvoll.

4.
Mit den modernen elektronischen Mitteln ist es gut möglich, das eine oder andere Antiquariat stundenweise ohne Personal  zu lassen. Die Einrichtung des "Hauses der Bücher" sollte so sein, daß das stockwerkmäßig unterste der Antiquariate ständig besetzt ist und zeitweise eine Abschrankung vorgesehen ist. Der Kollege kassiert dann die Titel der Kollegen, die ihren Laden "oberhalb" nicht besetzt haben, mit ab. Natürlich muß dann jedes Buch mit einem kleinen Eignerzeichen des Antiquariats versehen sein. Radierungen wird der Kunde dann nicht vornehmen, wenn die elektronische Videoüberwachung im ganzen Haus lückenlos erfolgt - eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

5.
Die Preise unter 30 Euro können und sollen nach Gefühl festgesetzt werden. Der Kunde akzeptiert in einem vernünftigen Rahmen individuelle Preisgestaltungen im unteren Buchbereich durchaus. Wird vor der Preisauszeichnung und dem Einstellen ins Regal jeder zweite Titel im Netz nachgesehen, "was er denn kostet", dann wird mein Modell ad absurdum geführt.

6.
Wir brauchen eine sehr gute Sachgliederung der Bestände im Laden. Da besteht großer Nachholbedarf! Die Schilder müssen groß, leserlich und geschickt angebracht sein. Es ist unsäglich, wie die meisten Ladenantiquariate derzeit noch zusammengestümpert werden vom Technischen her. Ich bin gern bereit, solche Fragen hier in extenso durchzusprechen und Rat zu geben.


Die drei Ziele

- radikale Senkung der Miete
- Minderung der Personalkosten
- großer Selbstwerbeeffekt durch Konstituierung des "Bücherhauses"

dürfen nie aus dem Auge verloren werden. Nur dann ist die Rückkehr zum Ladenantiquariat als Normalverkaufsform möglich.

Ergänzende, flankierende Maßnahmen durch Webpräsenzen, Webverbünde usw.- sind möglich, bei Durchführung meines Modells aber im Grunde nicht notwendig.

Wird es richtig durchgeführt, läuft es von selber.


Die Gegenrechnung an Zeit und Kosten ist weitaus günstiger als der Vertrieb durch jede Art Datenbank. Ein ganzheitlicheres Arbeiten ist möglich, der Antiquar wird überhaupt erst wieder zum M e n s c h e n, wenn er nicht mehr Fron ableisten muß durch das scheußliche Titelaufnehmen und die nicht minder widerliche Einzelstück-Versendung.

Freitag, 21. Oktober 2011

Das "Haus der Bücher" - Trick 7 im Antiquariat

(Zur Feier des Blogbeitrags Nr. 200)

Es gibt Texte, die nicht jeder schreiben darf. Wenn ich mich heute zur Generalabrechnung mit dem Anbieten und dem Verkauf unserer alten Bücher im Internet anschicke, dann geschieht das vor dem Hintergrund meiner bisher 199 Blogbeiträge, die sich um die Mittelpunkte Antiquariat und Internet gruppieren, mit allen Detailfragen, unter vielen Gesichtspunkten.

Zunächst gilt es, vom Scheitern zu berichten, von Mißerfolgen und Hindernissen, die zu überwinden sich als unmöglich erwiesen hat.

1.
Das retrospektive Bibliographieren, die Information über Bücherarten und Buchinhalte im Internet ist für die meisten Menschen zu schwierig. Es ist auch nicht möglich, ihnen das notwendige Handwerkszeug bereitzustellen, finden sich doch selbst ausgewiesene Universitätslehrkräfte oft nicht zurecht zwischen KVK, Google Books, Fachdokumentationen und Wiki.

2.
Die Versuche, retrospektives Buchwissen über unsere Datenbanken/ Verkaufsportale oder gar in den Antiquariatswebseiten zur Verfügung zu stellen, sind bisher kläglich gescheitert und haben auch in Zukunft keine Chance verwirklicht zu werden, weil hier jeweils händische Arbeit, anspruchsvolle retrobibliographische Leistung angesagt ist, die niemand bezahlen kann und will.

3.
Automatisierte Stichworteinteilungen und Schlagwortlisten sind für historische Buchabfragen, die über Verfasser- und Titelnachfragen hinausgehen, immer nur ganz unzureichendes Stückwerk. Es gibt im Grunde keine echten "Fachkataloge", die automatisch generiert werden können. Der beste Weg wäre noch das von Amazon und in Ansätzen auch von Abebooks verwirklichte Netzwerk mit "...hat auch gekauft..." und diverse Besprechungsdienste, aber hier dauert es, anders als bei noch lieferbaren und sonst neuesten Titeln, viel zu lang, bis Derartiges retrobibliographisch nutzbar würde.

4.
Die rücklaufende bibliographische Titel-Kenntnis ist bescheiden - am besten sind noch Hobbygebiete und Hochpreistitel bei potentiellen Käufern bekannt -, noch kläglicher ist es um das Wissen der tatsächlichen Buchinhalte bestellt und völlige Unwissenheit breitet sich aus bei Fragen der sachlichen Bewertung und Brauchbarkeit älterer Titel. Dem wäre abzuhelfen nur durch den großen, von mir angedachten und unlängst neu hier dargestellten "Bücher-Michel", den aber niemand finanzieren kann und dessen Erstellung Jahre beanspruchen würde.  Ich sehe noch das Entsetzen des Schwaneberger-Chefs vor mir, als ich vergangene Woche bei der Jahrestagung der AG im Börsenverein  in Frankfurt davon sprach, daß der "Bücher-Michel" als Nachschlagewerk echte redaktionelle Arbeit fordern würde, er sei automatisch nicht zu erstellen.


Wenn ich einen Titel nicht kenne, dann kaufe ich ihn auch nicht. Habe ich mich bis zum Titel und zu ein, zwei Inhaltsstichworten durchgearbeitet, weiß ich immer noch nichts über die Brauchbarkeit und Wünschbarkeit des Buchs gerade für meine eigenen Zwecke.

Theoretisch könnte man mit Google-Scans und sogar mit Google-"Snippets" näheres Wissen zum Inhalt erlangen. Die dazu notwendigen Internet-Techniken sind aber ungemein schwierig und lassen sich auch kaum vereinfachen. Wer je seinem Kunden versucht hat, solche elementaren Zugangstechniken zu vermitteln, der weiß, wie und warum das für 95 % unserer Altbuchkunden nicht zu machen ist. Sie können es nicht, und wenn sie es können, dann wollen sie es nicht. Sinnlos, über diesen Punkt weiter nachzudenken.

Halten wir hier inne und fassen wir zusammen: Praktisch alle unserer möglichen Kunden haben nur äußerst bescheidene oder gar keine Kenntnis von der Ware, die wir für sie bereithalten und verkaufen wollen. Wir bieten eine Ware feil, über die die angedachten Abnehmer viel zu wenig, oft fast gar nichts, schon gar nichts Wesentliches wissen.

***

Wir werden später sehen, daß diese Regeln für drei Buchgattungen im Antiquariat nicht oder doch nur beschränkt gelten, für die seltenen Bücher vom unteren Versteigerungsbereich an aufwärts, für die typischen Fachkatalog-Titel bei strenger Auslegung des Begriffs und für neueste Bücher aus den letzten zehn bis zwanzig Jahren.

Alle anderen Titel im Antiquariat, (also etwa 70-80 % unserer Ware) sind im Netz nur unzulänglich abzusetzen, der Netzverkauf ist für sie eine ungeschickte Krücke, eine Notlösung. Was aber dann?

Vor etwa zehn Jahren hatte ich in der Hess-Runde den daran beteiligten 250 Antiquaren sehr ausführlich ein Modell vorgestellt, das wenig später im Wirbel um den Erwerb des ZVAB untergegangen ist. Ein Freiburger Kollege, den ich unlängst antraf, erinnerte sich nach den langen Jahren präzise an alle Einzelheiten. Er schloß mit der Bemerkung, daß er sich daran aus der Rückschau gern beteiligt hätte. Das gab mir zu denken: So schlecht konnte mein Entwurf also doch nicht gewesen sein. Es handelt sich um die erste Fassung meines

H a u s e s  d e r  B ü c h e r.

Ich gehe davon aus, heute mehr denn je, daß in der räumlichen Zusammenführung, allein schon durch örtliche Konzentration, ein gar nicht hoch genug zu bewertender Imagegewinn (ein Werbewert, eine Erinnerungskraft) liegt, ohne Inserategebühren, gratis als Nebenprodukt einer vernünftigen Überlegung vom Kunden aus.

Der Kunde nämlich sagt sich (dies ist der Kern meiner Idee), daß er lange Wege nicht zu machen gewillt ist, daß er keine Zeit verlieren möchte, daß er vergleichen will und Abwechslung schätzt.

Das "Haus der Bücher" vereinigt mehrere Antiquariate und eine Neubuchhandlung in einem Innenstadt-Haus. Die Miete ist nach Stockwerken gestaffelt, das Erdgeschoß kommt recht teuer, nach oben hin wird das Mietgeld progressiv niedriger.

Ist der Kunde, der überhaupt, um mit Wattig zu reden "was mit Büchern macht", erst einmal im Haus, wird er der Versuchung nur selten widerstehen, auch die anderen Altbuchgeschäfte zu besuchen; als Antiquariatskunde wird er seine Bestellungen auf Neubücher der Buchhandlung im Erdgeschoß zuwenden - es ist so praktisch! Dieses Modell ist mit "Synergieeffekt" nur unzureichend zu beschreiben, es findet eine "Anmutung" statt, ein (heiliger oder unheiliger)  G e i s t  wird geschaffen, auch dies einfach durch die Ansammlung, die Kumulierung von Büchern und von Antiquaren (und Buchhändlern). 

Man kann den Grundgedanken nun nach gusto ausbauen. Gesellige Naturen, wie ich eine bin, würden versuchen, das Abenteuer  e i n e s  großen Antiquariats mit gleichgeordneten Beständen und separater Preisauszeichung  a l l e r  teilnehmenden Kollegen zu verwirklichen, in der Regel aber möchte jeder Antiquar und der Buchhändler sowieso sein eigenes Ding haben, Stockwerk, sogar Stockwerkshälfte. Dann geht der Kunde von Geschäft zu Geschäft, trockenen Fußes im gleichen Haus.

Das Hindernis des Treppensteigens betrifft uns Antiquare eher weniger. Unsere Kunden sind ganz überwiegend ältere und alte Männer, die in der Regel erstaunlich gut zu Fuß sind und zwecks religiöser Selbstkasteiung, Disziplin oder zur Pflege ihres Altersmasochismus ganz gern die Mühsal des Treppensteigens auf sich nehmen - Frauen würden das nie tun. - Mit viel Hingabe wird man die Chance nutzen, Personal einzusparen durch gemeinsame Überwachung und zentrales Kassieren im Antiquariatsbereich, wie denn die Personaleinsparung größer sein kann als der Effekt einer billigeren Miete. Ganz vorn beim Nutzen sehe ich aber immer den Werbewert.

***

Wenn die im ersten Teil dieses Aufsatzes formulierten Hypothesen zutreffen, und keiner wird das Gegenteil behaupten wollen, dann ist der Absatz unserer älteren und alten Bücher über die großen Verkaufsdatenbanken  ein Notbehelf, eine Krücke mit vielen Mängeln. Diese Mängel sind so gravierend, daß der Rückgang im Verkauf antiquarischer Bücher vermutlich nur und allein darauf zurückzuführen ist. Und was läge denn auch näher: Ein Buch, das ich im vordergründigen wie im tieferen Sinn nicht  k e n n e, das kaufe ich nicht!

Es wurde monatelang in unseren Medien gesprochen von der "Haptik" des Buchs im Ladenantiquariat, ich gestehe, ebensowenig aus der Zwickmühle des Denkens herausgekommen zu sein. Waren wir denn blind? Die Lösung liegt irgendwo anders - wenn ich ein Buch zur Hand nehmen kann, es anblättere, das Inhaltvsverzeichnis überfliege, zwei Sätze aus dem Vorwort und eine halbe Seite irgendwo im Innern lese - dann weiß ich in etwa, was das Buch ist, sein kann, bedeuten mag für mich. Will ich Näheres wissen, dann kann ich mich tiefer hineinlesen, erinnere ich mich an dieses oder ein ähnliches Buch, kürze ich das Verfahren auf Sekunden ab. Ich habe als Kunde die  F r e i h e i t, mich so zu informieren über jedes Buch, wie ich es brauche, wie ich es will.

D a s  ist  L a d e n a n t i q u a r i a t, darum geht es - Information in Freiheit.

Und natürlich schnell, und billig. Ich kann wiederkommen, weitere Titel kaufen, die ich mir schon vorgemerkt habe im Geiste.

Den Schnelligkeitsaspekt unterschätzt man gern - wie mühsam ist für die meisten älteren Menschein eine Netzbestellung. Und die Kosten für jeden Einzelversand, Arbeitszeit für den Antiquar hinzu, wer das auf den jeweiligen übers Netz verkauften Titel umrechnet, wird sich wundern...

Präsent dagegen ist jedem Kollegen die unsägliche Mühe der Titelaufnahme, denn zu dieser Zeit muß ja die der "dauernd unverkauften" Titel addiert werden, bei mir war das immer mindestens x 5, sodaß aus einer schnellen Titelaufnahme von 3 Minuten je tatsächlich verkauftem Buch 18 Minuten werden, eine grauenhafte Vernutzung der Lebenszeit. Werte Kollegen, ich meine es genau so - Lebenszeitvernutzung.

Anmerkung zur Ladenarbeit: Ladentitel unter etwa 30 Euro sehen wir nicht im Internet nach - Preis nach Gefühl. Sie werden erstaunt sein, wieviele Kunden das akzeptieren und wie selten im Billigbereich durch den Käufer im Laden "Vergleiche" mit dem Internet angestellt werden.  Viel wichtiger als Preisfuchserei ist das Einstellen nach vernünftigen, detaillierten Sachgebieten!

Nicht nur der Kunde orientiert sich gefühlsmäßig schnell und gern innerhalb der Sachgebiete im Laden, auch der Antiquar selbst zieht daraus viel Gewinn. In meinem ersten Hinterhof-Laden, ein wahres Ikea-Sten-Museum, wußte ich nach einigen Jahren wie im Traum, wo welche Bücher standen, und das bei 12.000 Titeln. Man liebt als Buchantiquar wieder die Bücher, wenn man sie nicht zum Versand bereithalten muß, sondern in und mit ihnen leben darf. Es ist ein ganz anderes Arbeiten.

***

Und nun zum Kern des Plans. So wie der Antiquar räumlich im Ankauf sein Gebiet erfaßt und abdeckt, so richtet er sich auch räumlich ein im Absatz:

Im Einzugsgebiet seines Ladens wird er zum Milchladen, zur T a n k s t e l l e  im Bereich der alten Bücher. Man muß das erlebt haben, wie viel einfacher, schneller und erfreulicher es für den Kunden geht, wenn er sein altes Buch vor dem Kauf sehen, durchblättern, aus mehreren auswählen, den Zustand prüfen, sein Budget austarieren kann, Alternativtitel findet, an die er nicht gedacht, von denen er vorher gar nichts gewußt hatte.

Diejenigen Kunden, die partout ein bestimmtes Buch und  n u r  dieses suchen, sind viel seltener, als es uns die Portale weis machen wollen. Wir bedienen die meisten Kunden viel besser, wenn wir ihnen eine  A u s w a h l  ihres Interessen g e b i e t s  bieten können - ad oculos, zur Hand.

Dies alles scheitert aber kläglich und jämmerlich, wenn dabei nicht der "Trick 7" angewendet wird. Der besteht nun einmal in jenem uralten Mulzer-Modell vom gemeinsamen "Haus der Bücher". Nur so ist das heute machbar - keine Illusionen bitte! MIt voller Miete und ohne den Synergie- und Werbe-Zusatzwert des Modells kann sich ein Einzelantiquar in der Innenstadt kaum mehr halten.

Damit die Antiquare nicht in alte Denkschienen zurückfallen, liste ich den Nutzen des Modells noch einmal mit Prozentzahlen der Wichtigkeit auf:

1) fast gratis zu habender Werbewert am Ort  40%
2) Miet- und Personaleinsparung  30 %
3) freundnachbarlicher Austausch unter den Mietern, nicht "allein"  10 %
4) Hin- und Herschieben von Beständen, Sachgebieten, Kunden  10 %
5) Imageaufwertung (für die Antiquare durch den beteiligten Neubuchhändler im Erdgeschoß, für den Neubuchhändler durch die Antiquariate) 10 %

Ich schätze den örtlichen Bekanntheitsschub ("ja, die Antiquariate und eine Buchhandlung, die sind im "Haus der Bücher" in der Lortzingstraße, davon habe ich gehört") noch höher ein als die doch sehr beträchtliche Mieteinsparung - ich weiß warum. Sie vermissen vielleicht den Nutzen-Ansatz eines internen Mehrverkaufs, aber diese Chance bietet das "Haus der Bücher" eher nicht, denn die Konkurrenz sitzt ja Tür an Tür und das hebt sich dann gegenseitig auf.

***

Von versteigerungsfähigen Titeln und von typischen Fachkatalog-Beständen abgesehen bedeutet das neue Modell

das  E n d e  des Verkaufs über die  P o r t a l e.

Damit ist auch die leidige - und gefährliche - Amazon-Abebooks-ZVAB-Frage vom Tisch. Die Datenbanken werden in kurzer Zeit ganz ausgetrocknet. Der Umsatz, die Kosten, der Zeitaufwand  s p r i c h t, und bald werden wir uns an die Verkaufsportale nur noch mit stiller Rührung erinnern.

Der gesamtdeutsche Absatz mit seiner elenden Konkurrenz und der würgenden Abhängigkeit wird ersetzt durch die regionale Bearbeitung, den regionalen Kundenkontakt. Der Antiquar wird wieder das, was er einmal war.

Weil man Wichtiges wiederholen soll, sage ich zum Schluß ein drittes Mal, daß es nicht mit Bücherdörfern, nicht mit ländlichen Standorten, schon gar nicht mit billigen Einzelläden in Vororten oder teuren Geschäften in der Innenstadt geht, sondern  n u r  so:

- unabhängige kleinere Buchhandlung als Partner im EG,
- mehrere Antiquariate (mindestens 2) in den oberen Stockwerken
- breites Allgemeinsortiment
- Preise bis 30 Euro ohne Rücksicht auf Internet
- sehr gute und klare Sachgebietseinteilung

und das Grundgefühl, zusammen mit Kollegen oder allein Sachwalter der Büchersammler jeder Couleur in einer  R e g i o n  zu sein.

Schluß mit der drögen Webseitenarbeit für untere und mittlere Titel, Schluß mit dem Versenden kleinerer Titel via Bücherportale, Austrocknen der Portale durch Ladenverkauf, gute Innenstadtlage -  im "Haus der Bücher".


Wir danken Anjas-Puppenstube für die Ausleihe des schönen Fotos