Dienstag, 18. Oktober 2011

Antiquarische und neue Titel nebeneinander im Regal - auf zur Doppelbuchhandlung?

Das Ladenantiquariat ist nicht "tot" - es kann heute seine strahlende Wiederauferstehung erleben.

Damit verbunden ist allerdings ein tragischer Aspekt - wir vom Antiquariat werden dann zu Totengräbern des Neubuchhandels, wir gesellen uns zu den Hyänen und Schakalen, die den braven Schafen vom kleineren unabhängigen Neubuchhandel an die Wolle gehen.

Ich lade Sie ein, sich zurückzulehnen, die Augen zu schließen und sich dieses Bild vorzustellen:

Eine klassische Buchhandlung, etwas lockerer vielleicht und ganz sicher optisch anregender und vielfältiger, in der - - alte und neue, noch lieferbare und hundert Jahre alte Bücher, hübsch nach Sachgruppen geordnet, in bunter Reihe  n e b e n e i n a n d e r  stehen.

Wir sehen also unter "Goetheana" unmittelbar Rücken an Rücken und Buchdeckel an Buchdeckel, den neuesten Taschenbuchtitel über Frau vom Stein, die Tischbein-Monographie von 1880 und das Propaganda-Gesülze der Reichskulturkammer zur Goethefeier 1940. Es finden sich die notorisch unterschätzten, weil gut edierten Bong-Klassikerausgaben in 5 oder 15 Bänden neben Hanser-Editionen neuesten Datums.

Bei einem guten, reichhaltigen Sortiment wird so das neue Zwittermodell von Antiquariat und Neubuchhandlung zu einer wahren Schatzkammer. Ich bekomme neben der neuesten Tagesinformation direkt danebenstehend, in bunter Reihe sachlich und verfasseralphabetisch eingeordnet die gesamte retrospektive Fachinformation in jeweils allen Buchgattungen, vom volkstümlichen Büchlein bis zum anspruchsvollen wissenschaftlichen Titel.

Das Hauptproblem dabei sehe ich als alter Praktiker in der Manie, heutzutage neue Bücher in jungfräulicher Frische erwerben zu wollen. Wer die bunte Reihe alter und neuer Bücher durchsieht, wird nach und nach dunkelgraue Finger bekommen und nach kurzer Zeit sehen die lieferbaren Bücher eingestaubt aus. Das Gegenmittel könnte darin bestehen, jedem alte Buch eine Kunststoffhülle zu verpassen und seinen oberen Schnitt sorgfältig zu entstauben.

Wir tun uns bisher in Deutschland sehr schwer mit dem Einsatz von transparenten "Schutzhüllen", vor allem wegen  ihres unverschämt hohen Preises. Aber das ist, dank den fleißigen Chinesen, inzwischen Geschichte - nur hat es noch keiner gemerkt. In Frankreich, wo es eine alte Antiquariatstradition der Schutzumschläge gibt, sind im Großhandel tadellose Klarsicht-Buchhüllen direkt aus China, unter dem Sachbegriff "Heftschoner", mit zwei Einsteckstreifen, nach Größen sortiert, zu 5 Cents zu erwerben. Das ist nun kalkulierbar geworden.

Die dreckigen Hände des Benutzers kommen nämlich weit weniger vom Durchblättern des Buchinneren alter Bücher, sondern vom Anfassen der Buchdeckel/ des Buchrückens und vom Buchschnitt her. Weitere Maßnahmen und Tricks sind möglich, wie auch immer: Das Staubproblem, das beim Miteinander alter und neuer Bücher entsteht, ist lösbar.

Dieses Modell kann wohl nur von Buchantiquaren verwirklicht werden. Es scheint mir auch immun gegen Buchhandelsketten zu sein. Die Bearbeitung der alten Bücher ist nämlich   v i e l  schwieriger als das über weite Strecken recht stupide und normierte Verwalten neuer Bücher (Neubuchhändler bitte weghören). Tatsächlich ist der Umgang mit verlagsneuen Titeln für einen Antiquar schneller erlernbar als umgekehrt der Umgang mit antiquarischen Büchern für den Neubuchhändler.

Dieser Gedanke hat ziemlich viel Dynamit unter der Haube, seine Durchführung erscheint nicht ungefährlich. Neu ist er nicht, im Gegenteil, noch in meiner Jugendzeit gab es vielerorts echte Doppelmodelle der geschilderten Art. Das Interessante aber scheint zu sein, wie perfekt diese Betriebsform nun  w i e d e r  in die neueste Gegenwart passen könnte.

Dieses Modell sollte von allen Seiten diskutiert werden, nicht zuletzt von den bedrängeten unabhängigen Buchhandlungen, denn sie würden das erste Opfer sein, wenn Antiquare anfangen, das Projekt zu verwirklichen.


Das Urheberrecht am Buchdeckel gehört dem herausgebenden Buchverlag, dem wir für die Ausleihe danken

Sind alle Antiquare sozial depressiv?


Sind alle Antiquare sozial depressiv?
Frankfurter Erfahrungen - des Pudels Kern oder: Freud in der Absatzförderung



Man mißtraut zurecht theoretischen Erörterungen, denen praktische Berufserfahrung oder unmittelbare Anschauung als Unterbau fehlt. Dagegen ist es immer reizvoll, vom Angeschauten und Beobachteten hochzuklettern in eine Theorie.

So geht es nun mir. Die menschlichen und sachlichen Erlebnisse eines langen Tages in Frankfurt gilt es in mein bisheriges Modell des Antiquariatswesens einzubauen und, wo dies nicht gelingt, muß das Gebäude im Kopf  umgebaut oder eingerissen werden. In jedem Fall hat die praktische Anschauung Vorfahrt, müssen Wolkenschiebereien nachgeprüft werden.

1.
Das soziale Ungeschick der Antiquare

Es wird behauptet, die meisten Antiquare seien angelernte Autodidakten, ihre Fachkenntnisse mit wenigen Ausnahmen bescheiden, vor allem aber unwissenschaftlich. Das hört man oft von formal ausgebildeten Akademikern, bei Bibliothekaren, Juristen, Historikern ist wenig Gutes zu vernehmen über Exponenten unseres Gewerbes.

Dieses Vorurteil habe ich schon immer für ungerecht gehalten. Ich kann, auch gestützt durch Gespräche in Frankfurt mit mir bisher unbekannt gewesenen Kollegen, als Tatsache feststellen: Das  F a c h w i s s e n  auf ihrem jeweiligen Arbeitsgebiet ist bei den allermeisten Antiquaren der Messeebene ganz vorzüglich, weitaus besser als erwartet und über jede schnöselige Kritik erhaben. Ich halte manche Bibliothekare für erheblich dümmer als die zugehörigen Fachantiquare.

Nicht ganz gilt dies für die menschlichen Eigenschaften. Jedem Besucher muß auffallen, daß gerade die besten Antiquare auf "Edelniveau" eine recht sonderbare Auswahl darstellen. Natürlich kann man aus Physiognomien - Lavater, steh mir bei - nur begrenzt Schlüsse ziehen, aber die Erfahrung des Alters hilft mir da schon, und wenige Sätze mit einem Kollegen zu wechseln ist noch lehrreicher. Wie auch immer, mir scheint eine leise Wehmut, ein Hang zum  D e p r e s s i v e n  vorherrschend zu sein. Die Kollegen können sich nicht recht herausstellen, Lebensangst wird deutlich.

Sind das nur Vorurteile?

Wenn ich mir unter dem Eindruck des vergangenen Jahrzehnts die Reihe der Ereignisse, der stattgehabten und noch mehr der unterlassenen Reaktionen seitens der Kollegen als Filmband vorführe und ablaufen lasse im Kopfkino, decken sich die Frankfurter Beobachtungen mit der jüngsten Antiquariatsgeschichte. Der Kern meiner Theorie in knappen Worten:

Die Antiquare im Spitzenbereich und im oberen Mittelfeld sind, bei herausragenden Fachkenntnissen, sozial vorwiegend  d e p r e s s i v,  h a n d l u n g s g e h e m m t  und  s o z i a l  m u t l o s.

Man darf sich da nicht stören lassen durch jenes fröhliche Treiben, wie es uns Biester dankenswerterweise von der ILAB-Ebene her vorgeführt hat (lustig und entlarvend die kleine Kappelei zwischen Biester und Köstler unlängst wegen der Weimarer Völlereien). Im kleinen Kreis sind Antiquare, das kennen wir auch von der Ortsebene, durchaus jovial, gelöst und heiter. Was nicht gelingt, ist das Wirken, Handeln, Planen in etwas größeren sozialen Zusammenhängen.

Sind Antiquare also sozial Handlungsunfähige? In einem tieferen Begriff ganz unbedingt.


2.
Die schäbige Selbstdarstellung der Antiquare

Natürlich werden sich jene Kollegen am Niederrhein und neuerdings leider auch in Berlin, die mich besonders ins Herz geschlossen haben, einschießen auf meine Feststellung von der schäbigen Armseligkeit des Messewesens im Antiquariat.

Ich höre das schon: Anmaßend der, wie heißt er doch gleich, ach ja, Melzer oder Müller oder so, dümmlich und oberflächlich, aus Zürich oder Basel oder auf dem Feldberg oben, von Tuten und Blasen keine Ahnung, soll der es doch besser machen, kleine Klitsche, Hirngespinste, schon altersblind, grüner Star, Maul halten...

Aber da hilft alles nichts - ein neutraler Beobachter wird mir bestätigen, wenn ich Punkt für Punkt erst die äußeren Eindrücke, dann aber vor allem das Gesamtbild der Messeauftritts der Antiquare als  v e r h e e r e n d  bezeichne. Ein inzwischen leider, wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, in Sachen Antiquariat recht mutlos gewordener, die rauhe Luft unter uns Antiquaren nicht gewohnter, grundgescheiter Mensch, Pardun (Soloantiquar) hat diesen Punkt instinktiv erfaßt und sofort die  Linie vom katastrophalen Messeauftritt alter Art zum gesamten sozialen Erscheinungsbild und - notabene - zur Absatzmisere im Antiquariat gezogen. Ich habe ihn da nicht verstanden und sein Festbeißen in dieses Thema als manisch abqualifiziert.

Heute weiß ich, daß er Recht hat! Mehr noch, von dem erbärmlich-peinlichen Messeauftritt der besten Antiquare, die wir haben, kann und muß man rückschließen auf die Krankheiten unseres Gewerbes. Logischerweise müssen dort dann auch die Hinweise zur Heilung liegen.

Fragen wir uns nämlich, welche Schicht der Gesamtgesellschaft diese unsere erbärmliche, schäbige Selbstdarstellung am wenigsten verstehen, am heftigsten tadeln würde, dann kommen wir zu den kapitalkräftigen Schicki-Micki-Leuten. Eine nicht sehr sympathische Klientel, zugegeben. Aber die allein kann uns aus der Absatzkrise retten. Das gilt für Titel aus dem unteren Spitzenfeld bis tief ins allgemeine Mittelfeld hinein - die neuen Käuferschichten, auf die wir warten und die wir brauchen, werden durch unsere dümmlich-ärmliche Selbstdarstellung verscheucht, wo nicht sogar angeekelt.

Sie verstehen mich nicht? Das ist fürs erste auch so beabsichtigt, denn dieses Thema werden wir in den nächsten Tagen hier ausführlich erörtern. Ich glaube den Stein der Weisen gefunden zu haben in Frankfurt, der unser Gewerbe aus dem Elend führt.

*

Meine Frankfurter Beobachtungen erklären vieles - weshalb wir zum völlig hilf- und wehrlosen Spielball eines Weltunternehmens wie Amazon werden konnten, weshalb der Verband und die Genossenschaft so sind, wie sie sind, weshalb Biester nicht verstehen kann, daß die  a l t e  Schicht der kundigen Büchersammler einer  n e u e n, viel wichtigeren Käuferschicht im Weg steht, weshalb es im tiefsten Sinn um die  W ü r d e  jedes einzelnen Antiquars geht - - und weshalb sich die Antiquare nicht etwa wundern über ihre Hilflosigkeit, ihr Gebeuteltwerden, ihre immer dürftigeren Reserven im gesamten Mittelfeld, sondern das im Grunde als gerechte Strafe, als passsendes Schicksal ansehen für ihre depressive Seele...

Gegen kollektive und einzelne Depressionen gibt es bewährte Hausmittel. Die wollen wir in den nächsten Tagen anwenden. Von Abebooks über Büchermichel, vom Börsenverein bis zur Genossenschaft, alle müssen jetzt auf die Couch. "Freud und die Marktwirtschaft" - warum nicht?


Das schöne Foto von Freuds Couch ist möglicherweise geschützt, ich weiß es nicht.

Montag, 17. Oktober 2011

Imagewandel und Imagearbeit - Antiquare und unabhängige Neubuchhändler vor ähnlichen Problemen

Eine interessante Erfahrung aus Frankfurt möchte ich nachtragen, weil sie uns Antiquare ebenso betrifft wie einen anderen Nebenzweig im Börsenverein, die kleineren unabhängigen Neubuchhändler.

Mir ist bei Unterhaltungen am Rand der Buchmesse und beim Querlesen des "Buchreport" gestern Nacht aufgefallen, daß sich Antiquariat und kleinerer, unabhängiger Neubuchhandel formal gesehen in einer vergleichbaren Situation befinden. Sie müssen beide zu einem radikalen Imagewandel kommen, neue Wege ausfindig machen, ihre ziemlich schlechte Lage durchdenken und dann Handlungsvorschläge auf den Tisch legen.

Wir Antiquare brauchen ganz dringend eine Aufwertung unseres schäbigen Images. Ich war ja am Anfang von der ausgezeichneten, guten Ware und den sachkundigen Kollegen auf der Antiquariatsmesse sehr beeindruckt - bis sich in der Rückschau das wahre Bild herauskristallisiert hat - eine unendliche  f o r m a l  gesehen äußere Schäbigkeit und Billigkeit der ganzen Veranstaltung in der Audi-Muschel. Man kann das hier unten nachlesen.

Da muß tatsächlich ein  I m a g e w a n d e l  her, wie er radikal und neu genug gar nicht vorstellbar ist.

Ebenso Grundlegendes muß bei den unabhängigen kleineren örtlichen Neubuchhandlungen ausgedacht und umgesetzt werden. Wir sehen dort zur Zeit alle Mischungen von sterilen, ungemütlichen, kalten oder - ebenso schlimm - pseudowarmen, aufgesetzt "herzlichen" Buchhandlungen.

Das alles kann in gar keiner Weise ausreichen, um diese Buchhandlungsart vor ihrem bevorstehenden Untergang (der langsam und qualvoll sein würde) zu bewahren.

Ich könnte mir denken, daß bei ähnlichen grundlegenden Problemen eines - notwendigen - I m a g e w a n d e l s  eine Beteiligung interessierter Antiquare an den Diskussionen der unabhängigen kleineren Neubuchhändler sehr ertragreich sein könnte. Das müßte freilich in einem  M e d i u m  geschehen. Es gibt ja genug Vereine und Arbeitskreise (die bisherige Diskussion der unabhängigen kleineren Neubuchhändler überzeugt mich ebensowenig wie die Summe der bemerkenswert törichten Vorschläge des MVB zuhanden des kleinen Neubuchhandels), aber ohne Diskussionskreis, Diskussionsforum geht das nicht. Vielleicht hilft "Buchreport" da, oder wie könnte das organisiert werden? Gibt es das schon? Dann sollte man die Antiquare zur Beteiligung auffordern.

Sonntag, 16. Oktober 2011

Frankfurter Impressionen - der peinliche Teil

1.
Moderater Anfang mit einem Quisquilium

"Im Alter kommt es auf die inneren Werte an" - dieser Werbespruch stand auf der kleinen Werbekarte, neudeutsch Flyer, die mir Biester mit dem neuesten "Aus dem Antiquariat"-Heft in die Hand drückte.

Ich hoffe zuversichtlich, daß er für diesen Werbespruch nicht verantwortlich zeichnet. Die Praktikantin, die sich den Satz ausgedacht hat, sollte zur Strafe zwei Wochen keinen Nachtisch in der Kantine erhalten.

Erstens will das "Alter" nicht daran erinnert werden, auch nicht indirekt - v o r  a l l e m  nicht indirekt - , daß es alt ist. Die Assoziationsbrücke, die hier zwischen "altem Buch" und "altem Menschen" hergestellt wird, ist brandgefährlich.

"Die inneren Werte" haben längst einen leicht ironischen Zug erhalten im täglichen Sprachgebrauch. Neutral darf man sie nicht mehr verwenden . Hier geschieht das, der Leser wird verunsichert.

Zum dritten ist der Satz in der Sache nicht nur schief, sondern falsch. Denn es geht ja gerade nicht um die "inneren Werte" - alle, nahezu alle  T e x t e  bekommen wir heute über das Netz zu lesen, es geht beim antiquarischen Buch (der oberen Ränge, von denen hier gesprochen wird) gerade um die  F o r m, den alten Druck, den Erstdruck, das historische Dokument formal - aber doch nur selten noch um die aktive Nutzung des Inhalts.

Zum zweiten ist dieser Werbespruch im Antiquariat geradezu verhältnisblödsinnig, weil der Einband, die äußere Gestalt, die Erhaltung untrennbar verbunden sind mit dem Gesamtcharakter des Buchs. Deshalb betreiben wir ja Antiquariat!

Ich breche hier ab. Wer immer diesen Werbespruch entwickelt hat, war ein Dummkopf.

Die Rückseite der Werbekarte ist, ähnlich wie der Untertitel "Neues aus der Welt der alten Bücher", im Grundtenor  u n w a h r. "Aus dem Antiquariat" berichtet nur wenig über die Aktualitäten der Branche (und tut auch gut daran). Es ist im besten Sinn ein fast buchhistorisch-buchwissenschaftlich angelegtes, exzellentes Fachblatt - die Lektüre auf der Heimfahrt hat mir eine angeregte und schöne Stunde geschenkt. Besser geht es nicht!

Aber der Versuch, hier "Neues" oder gar "Aktuelles" hereinzubringen, muß scheitern, solang nicht eine völlig neue Zeitschrift konzipiert wird.

Fazit: Diese Werbekarte ist absurd,  s c h ä d l i c h  und blöde. Biester, seien Sie so nett und veranlassen Sie beim MVB, daß diese törichte Praktikantenarbeit zurückgezogen wird, besser heute als morgen.

Man darf eine exzellente Fachzeitschrift nicht mit dummen und falschen Werbetricks im Absatz aufmöbeln wollen.

*
2.
Rabiates Fortissimo in der Hauptsache

Soll ich es sagen oder besser nicht? - Nur immer hinein ins kalte Wasser, Mulzer, was ist von Ihnen auch anderes zu erwarten als schiere Provokation. - Bitte sehr, bitte gleich, Kellner kommt schon.

Der Gesamteindruck unseres besonderen Messeraumes, der Antiquariatsmesse überhaupt war von himmelschreiender Armseligkeit und Ärmlichkeit. Welch verheerendes Gesamtimage für unser Gewerbe, das doch seine besten Vertreter hierher delegiert hatte.

Für einen mit den bisherigen Messen nicht vertrauten, neuen Kunden mit mittleren Ansprüchen mußte diese Messe wirken wie ein Treffen von Altersheiminsassen, die sich zum Verein "wir handeln mit alten Büchern" zusammengeschlossen haben, weil es zur Bereicherung ihres Alters, zum Kampf gegen den Alzheimer und zum Besten igendwelcher Heidenkinder sinnvoll erschien. Sie fanden dann aus Ungeschicklichkeit nur eine alte Abstellkammer neben der Herrentoilette, und weil sie wenig Geld hatten, montierten sie abgelegte Ikea-Regale der billigsten Sorte zu einer Art wackeligen Abenteuerspielplatz-Kistenfeldern mit lustigen Nischen und wackeligen Stühlchen auf.

Alles oberpeinlich, aber es war ja für einen guten Zweck, nichtwahr?

Und in dieser Weise werden von hochgebildeten Spitzenleuten unseres Gewerbes exzellente Qualitätsbücher angeboten.

Das ist  u n w ü r d i g,  o b e r p e i n l i c h  und schadet dem Image des Antiquariats mehr, als daß es nützt.

Ein Kaninchenzüchterverein würde sich schämen, derart  s c h ä b i g, billig und zusammengeschustert, zusammengedrängt seine Ausstellung tragender Muttertiere abzuhalten. Leute, das ist  oberpeinlich!

Ich rede nicht von den einzelnen Gestaltungsfehlern, bin auch überzeugt, daß Thursch aus ungünstigen Verhältnissen das Beste gemacht hat. Aber im Ergebnis ist das ganz unmöglich.

Mein erster Eindruck war der, daß sich hier - ein wenig überalterte - Pfadfinder eine "Messeausstellung" zurechtgebastelt hatten. Insbesondere war auch der Kontrast zum splendiden Luxus der Neubuchmesse ganz fürchterlich. Unsere hervorragenden Titel werden durch einen solchen Rahmen herabgewürdigt -

Mona Lisa auf dem Schrottplatz in Berlin-Kreuzberg ausgestellt... Was bitte soll das?

Schäbige Billigschränkchen, wie sie meine Schwester, die nur Oberstudienrätin ist, hohnlachend der Heilsarmee schenken würde, enthalten Drucke im fünf-, ja sechstelligen Bereich. Werte Kollegen, denken Sie denn, unsere Kunden fänden die miese, peinlich-billige Erscheinung der Antiquariatsmesse putzig, oder rührend, oder niedlich, oder passend? nein - sie finden das   s c h ä b i g.

Weiß der Teufel, wie es die Antiquare geschafft haben, ihrem Messewesen das

***Image eines Russenbasars

zu geben - es  i s t  aber so.

Schuld daran hat vor allem die Hochzüchtung des Messewesens überhaupt. Ob Kaminfeger oder Chemielaboranten: Tagungen und Messen haben heute einen sehr hohen formalen Stand. Wir Antiquare können und wollen uns das nicht leisten, es kostet viel - sehr viel, ich war geschockt bei einigen herkömmlichen Zahlen für kleine Messen. Aber wenn wir das nicht können, ist es dann richtig, auf schäbigstem Padfinderniveau

***mickrige Abfallkistchen-Messen

abzuhalten, in der Hoffnung, daß die Kunden den Antiquaren einen "Chaoten- und Armeleutebonus" geben? Nein, das tun gerade die Käufer im höherpreisigen Niveau nicht, sie lächeln gequält - und kommen nicht wieder.

Die Kernfrage ist doch - brauchen wir die Schicki-Micki-Kundschaft? Da gibt es nur eine Antwort - j a, um Himmelswillen ja! Ohne diese wenig sachkundige und meist auch reichlich unsympathische Kundschaft, die heute das Geld hat und nicht weiß wohin damit, geht es nicht aufwärts im Antiquariat!

Durch derart schäbige, kümmerliche, armselige Messegestaltung verbauen wir uns den Weg zu diesen Leuten.

Ich will noch gar nicht von den besonderen Umständen reden, die Thursch wohl experimentell erproben wollte, was an sich nicht dumm war. Und doch... nach der unendlich kitschigen, peinlichen Weihehandlung für die neuesten Audi-Modelle in einem wahrhaft  p e r v e r s  religiösen Zeremonien nachempfundenen  D o m  des Luxus und der Sitten .- - - dann der Eintritt durch zwei enge Torflächen, wo junge hübsche Messedamen standen und Edles versprachen - bis dann das Entenhausener zusammengestoppelte Regal-, Schränkchen- und Kistenreich begann, schlecht entlüftet und mit Antiquaren bestückt, deren Kleiderordnung hätte energischer besprochen werden sollen. Die Standbeschriftungen, nur durch Querlegen des Kopfes lesbar, waren im Mißverhältnis zu den Gebilden, auf die sie geklebt waren, das Licht grotesk diffus und/oder so peinlich wie in einem Russenflohmarkt auf dem Lahrer alten Militärflughaften - alles   s c h r e c k l i c h  a r m, ganz  b i l l i g, völlig unwürdig.

Diese ganz überwiegend wunderschönen, hochwichtigen Bücher hätten den "Dom" verdient, den Audis wäre der Muffelkeller zuzumuten gewesen...

Fazit: Man muß das Messewesen im Antiquariat grundlegend reformieren - Kollege Thursch an die Front!


(Bange Frage des Mulzer an sich selbst: Hättest du den intimen Teil deiner Notizen nicht besser für Dich behalten sollen?)

Frankfurter Impressionen 2 - das intime Notizbuch

Seit meinem Frankfurter Aufenthalt am Freitag hatte ich nicht eine Stunde freie Zeit zum Nachdenken. Interessanter Selbstversuch gestern den Samstag über: Wenn man einen Tag hindurch, wie es mir gestern geschehen ist, im Ausland reisen und sich dort ausschließlich in einer Fremdsprache verständigen muß, dann bewahrt das Gedächtnis die Ereignisse des davorliegenden Tages ganz frisch. Offenbar kann der Mensch in einer Art Kopfkühlschrank Erinnerungen auslagern, wenn ihn äußere Umstände dazu zwingen. Wobei die Haltbarkeitsdauer im Kühlschrank nicht lang sein dürfte - machen wir uns also gleich an den vertraulicheren Teil meiner Frankfurter Impressionen, ungeordnet, wie sie abrufbar sind im Gedächtnis.

*

Kollege Harteveld kenne ich bisher über seine exzellenten Seltenheiten und, wie ich frei bemerken darf, über recht hohe Preisvorstellungen im mittleren Buchbereich, in welchen er sich mitunter begibt, wobei es sich wohl um übriggebliebene alte ZVAB-Bewertungen aus besseren Zeiten handeln dürfte. Wie auch immer, sein Name steht, neben aufrichtiger Hochachtung für seine Arbeit im Edelbereich, auch für öfteres "heftiges Schütteln des Kopfes" meinerseits, der ich im finsteren Mitteldeck des Antiquariatsschiffes zu malochen pflege.

Worum es mir aber heute geht: Seine joviale Art der Meinungsäußerung in Gruppengesprächen macht eine geordnete Diskussion schwer. Man mag ihn wegen der sympathischen Form seiner Poltereien nicht angreifen, auch der Schweizer Dialekt - ich bin selber Viertelschweizer - ist Schuld, denn Harteveld bewegt sich in einer Art Fremdsprache, wenn er Hochdeutsch diskutiert. Ich würde das Phänomen "Harteveld" abhaken mit der Notiz "ein ungewöhnlich sympathischer, sehr sachkundiger Kollege, der Gruppengespräche aber schwierig machen kann" - wäre da nicht meine Beobachtung, daß erstaunlich viele des in Frankfurt vertretenen Typs der Spitzenantiquare im Gegensatz zu ihm sehr still, nahezu scheu, zurückgenommen, oft auch (ich sags im Schweizer Dialekt) "verscheucht", sogar etwas "verschupft" wirken.

*

Wie ich mit echter Freude feststellen konnte, ist das Bündel meiner Vorurteile gegen die Edelantiquare unberechtigt und dumm gewesen. Tatsächlich sind diese Leute erstaunlich gebildet, human, freundlich und sensibel. Offenbar war ich früher meist nur auf schwierige Vertreter des Spitzenantiquariats gestoßen und habe mir unsinnige Feindbilder aufgebaut.

Was aber ganz sicher stimmt: Die Antiquare bilden eine

*äußerst schwierige Berufsgruppe, was ihre Diskussionskultur, ihre  M e i n u n g s b i l d u n g  betrifft,

und so mag sich auch die verquere Struktur zwischen Verband, AG, Genossenschaft usw. erklären. Ein funktionierendes gruppendynamisches Modell sich vorzustellen, in dem alle Teilnehmer in Frankfurt sich gleichmäßig und gleichgewichtig äußern und auch durchsetzen könnten, ist sehr schwierig. Ich bringe diese umständlichen Formulierungen, weil ich beim Schreiben hier auch zu denken versuche: Wie bitte kann und muß eine neue Organisationsform im Antiquariat aussehen, in der es zur echten  M e i n u n g s b i l d u n g  kommen kann, weniger "demokratisch" (das Antiquariat ist per se elitär und ganz undemokratisch, aber darüber müßte man gesondert sprechen) als vielmehr um mehrere Diskussionskerne geschart Schwerpunkte bildend.

*

Ich gestehe, daß mich Detlef Thursch sehr beeindruckt hat - ein präzise denkender, exzellent formulierender, gelegentlich auch zum Diktatorischen neigender Antiquar und Organisator. Man registriert im ungeschriebenen Notizbuch unwillkürlich (und etwas altmodisch) zu seiner Person: "ein  p a t e n t e r  Kollege", dem man sich ohne Zögern  anvertrauen kann. Solche Menschen sind sehr selten, wo man sie trifft, muß man versuchen sie festzuhalten, denn man findet sie so schnell nicht wieder. Thursch könnte ich mir als Leitperson denken, die das Antiquariat in seiner jetzigen schwierigen Lage souverän, (nicht zu) liebenswürdig, in der Sache knallhart, in der Form aber kooperativ weiterbringen und, man verzeihe mir, f ü h r e n  könnte. Ich habe das kurze Dreiergespräch, in das wir durch Zufall geraten waren, sehr aufmerksam registriert.

Jörg Mewes ist nicht jünger geworden im Lauf der Jahre und kam mir recht desillusioniert vor. Was ihn grundsätzlich enttäuscht haben mag, ihm seine Blütenträume geraubt hat, weiß ich nicht, aber selten habe ich so das Bedürfnis empfunden, jemandem zuzurufen: "Mann, draußen scheint die Sonne, man kann noch Pläne machen - wo bleibt Ihr Spaß an der Sache, was kann ich nur tun, um Ihnen neuen Mut zu machen?".  Ich kenne sein Geheimnis nicht, er hat eines, das ihn quält, das ist spürbar. Oder er ist nur einfach aller Illusionen beraubt, wie auch immer - möge er wieder fröhlich werden!

*

Sich mit einem Menschen bald ein Jahrzehnt hindurch virtuell zu bekriegen, ohne ihm je persönlich begegnet zu sein, das ist eine skurrile Situation, die in der Dichtung schon öfter behandelt worden ist - Biester und ich, wir sind ein literarischer Topos. Ich habe vorgestern schon etwas dazu geschrieben. Ergänzend vielleicht noch die Feststellung, daß das erzkonservative, bis auf den Millimeter korrekte äußere Auftreten Biesters (ich klaue ihm im internen Notizbuch einfachheitshalber den Doktor) , daß dieses "Aufbrezeln" nach Art eines hanseatischen Kaufmanns ihm nicht nur nicht steht, sondern seine Außenwirkung auf eine Ebene schiebt, die ihm nicht recht sein kann.

Er sieht sich, si je ne me trompe pas, als Buchwissenschaftler, genauer gesagt als der große Chronist des Antiquariatsbuchhandels nicht nur in Deutschland, sondern weltweit (freilich lyrisch und begeistert wird er nur, wenn die Rede auf englisch-amerikanische Kollegen und Betriebe kommt - ob er das weiß?) - - und das  i s t  er auch. Aber Näheres weiß man nicht - arbeitet er aus dem Zettelkasten oder trägt er, wie es zum Beispiel bei mir der Fall ist, sein Wissen eher im Kopf spazieren? Er  w i r k t  als Zettelkastenmensch und vermittelt diesen Eindruck durch sein perfektes Auftreten im Stil "Ein Hamburgischer Kaufmann", tatsächlich aber scheint er mir ein echter, tiefbegeisterter Grundlagenkenner des Antiquariats aus dem Kopf, wo nicht aus der Seele zu sein.

Worauf sich meine Hauptkritik denn auch konzentriert - er hat sich irgendwann das jetzige Image zugelegt und kommt nun nicht mehr heraus. Das ist fatal, denn ich weiß aus einigen Einschätzungen seiner Person durch solche Kollegen, auf deren Urteil ich viel gebe,  daß ihm oft Unrecht geschieht. Er wird prompt so eingeschätzt, wie er uns seine äußere Rolle vorführt.

Tatsächlich halte ich ihn für einen Universitätsmenschen, einen Forscher und Lehrer, akademischer Oberbau im besten Sinn, Stil britisches  C o l l e g e. Hier forscht er und arbeitet zugleich kooperativ mit seinen Studenten und mit jenem sympathischen Netzwerk interessierter Fachgenossen, das uns das angelsächsisch Campusleben so angenehm macht.

Dies also ist seine wirkliche Welt. Welches Unglück hat ihn betroffen, daß er seinen Typ verleugnen und nun als verhinderter, geknebelter und auf tausend diplomatische Fallgruben Rücksicht nehmender gehobener Kaufmann daherkommen muß? Sein wahres Image kennzeichnet zum Beispiel eine lockere, britische Salz- und Pfeffer-Tweedjacke im britischen Universitätsstil, leicht vergammelt, jederzeit eine alte Pfeife aus einer der vielen ausgebeulten Taschen ziehend (nota: die Jacke war sehr teuer, dieser Stil ist nicht etwa "billig"), seine Brille ist eine freundliche braungelbe Hornbrille.

Dann gibt sich auch jenes formale Korrektseinwollen, das manche Kollegen äußerst befremdet bei ihm. Unser Gewerbe ist auf allen Ebenen, man kann es drehen und wenden wie man will, gemäßigt chaotisch, es bedarf einiger kreativer Phantasie. Harter und präziser Realtätssinn nach Schema Thursch verträgt sich (interessanterweise) mit diesem Künstlerischen sehr gut im Antiquariat, ganz gewiß aber nicht die "Ein Hamburger Kaufmann"-Pingeligkeit, die sich Biester zum Image erkiest hat.

Überlegungen solcher Art, die beliebig fortgesetzt werden könnten, sind sehr wichtig. Wer in einem Gewerbe, das noch keine festen allgemeinen Organisationsstrukturen hat, Leitungsfunktionen ausübt, den sieht man sich mit Vorteil näher an. Ich bin davon überzeugt, daß Menschen wie Biester sich durch das Finden ihres wahren äußeren Stils ,ihres echten Images zu ungeahnten Aufschwüngen, Ideen und Einsichten durchringen können. Eine britische Tweedjacke ist mehr als nur einfach eine Jacke...

(ein dritter Teil der Frankfurter Erinnerungen folgt)

Freitag, 14. Oktober 2011

Frankfurter Impressionen - ein Kurzbericht

Diese Zeilen schreibe ich in der Nacht von Freitag auf Samstag. Die Zugfahrt mit dem letzten IC aus Frankfurt gestaltete sich dramatisch, von Berlin her 40 Minuten verspätet, die Reisenden verzweifelt ob ihrer verlorenen nächtlichen Anschlüsse. - Morgen früh muß ich gleich weiterreisen in den tiefen Süden, aber ohne eine Notiz von meinem Besuch auf der Antiquariatsmesse möchte ich mich nicht aufs Ohr legen.

Die Buchmesse, in deren größeren Rahmen die Antiquariatsmesse ja eingebettet ist, hat mir den langen Tag über herzliche Begegnungen mit (sehr) hübschen jungen und etwas verwirrten, aber sympathischen älteren Damen gebracht - ist die Buchmesse ein alljährliches Kontaktforum für musische anschlußsuchende Damen? Buchhändlerinnen vor allem sind in Frankfurt euphorisch gestimmt, es steht Frauen gut, wenn sie kulturell arbeiten! Die kulturvollen Männer wirken da schon eher etwas konfus und unordentlich, es sei denn, sie gehören der Verlagsbranche an und wuseln schwarzgekleidet und arrogant durch die Gänge.

Wie auch immer, ich habe mich schon lang nicht mehr so gut unterhalten einen langen Messetag hindurch, von 10 Uhr bis lang nach 19 Uhr. Mein Rat für nächstes Jahr: Wer sich einsam fühlt, wer hübsche und doch auch kluge, sensitive Frauen mag - auf nach Frankfurt!

Soviel zur Buchmesse. Die vielen Stätten zum Kaffeetrinken, das Schlendern von Stand zu Stand, die Sitzbereiche im Freien bei strahlender Herbstsonne, und hinter jeder Biegung wieder eine reizende Frau: So wollen wirs immer haben...

Die Antiquariatsmesse im besonderen war diesmal in jener großen Betonmuschel untergebracht, die der Audi-Konzern gesponsert hat. An einer reichlich wilden, aber nicht unästhetischen Riesenhalle, in der den Automobilen dieser Marke buchstäblich ein Weihegottesdienst zelebriert wird, drückt man sich vorbei, um dann in einen bunkerhaft niedrigen, zugleich aber urgemütlichen Bereich zu gelangen, in dem die Antiquare ihre Waben einrichten durften. Farben und Standanordnung fand ich sehr gelungen, über eine unendlich geschmacklose Café-Empore mit in Schönheit erstarrten, dummfrechen jungen weiblichen Schnöseln mußte man hinwegsehen.

Ich hatte diesmal einen sehr positiven Eindruck von der Stimmung der Antiquare untereinander, einige kurze Gespräche gestalteten sich herzlich - nur scheint mir der Umsatz nicht befriedigend gewesen zu sein bei einigen Kollegen. Das tat mir leid; die meisten Antiquare sind nicht fähig, mit strahlendem Lächeln über nicht recht gelungene Geschäfte hinwegzutäuschen. Dies ehrt die Antiquare, sie sind menschlich, ehrlich und noch keine Geschäftsroboter geworden.

Nach längerem Aufenthalt, auch auf dem neoweiß-kitschigen Caféaltar, schlägt die  B u n k e r - Stimmung des Gebäudes doch aufs Gemüt, überdies stimmt die Klimatisierung in der Muschel nicht, es riecht penetrant nach Beton-Muff und übelster Klimaanlage, so roch es in der "neuen" Freiburger Beton-Universitätsbibliothek, die jetzt gerade abgerissen wird, weil es niemand darin aushalten konnte. Der Audi-Muschel wird es vermutlich nicht besser gehen.

Mir tun die Kollegen leid, die es im Führerbunker ja tagelang aushalten mußten. Ich bin zweimal daraus geflüchtet und habe, der Sauna entronnen, erst einmal tief aufgeatmet in der Herbstluft.

Aus einiger Ferne herbeigeeilt war ich wegen der Jahrestagung der AG mit Vortrag über den ZVAB-Büchermichel (Ende Vormittag) und der Werbeveranstaltung des Amazon-Abebooks-ZVAB-Konzerns, die auf den frühen Abend angesetzt war.

Die Versammlung der AG war nicht nur schlecht besucht, sie wurde zu einer Abstimmung der Antiquare - die ja in der Halle nebenan präsent waren - mit den Füßen, wie sie grausamer nicht hätte ausfallen können. Dr. Biester hatte mit herzlichen Worten auch Gäste eingeladen, indessen es half nichts. Als hätte Biester uns vor Augen führen wollen, daß die AG in ihrer gegenwärtigen Form nahezu "tot" ist und bei den Antiquaren absolut keinen Zuspruch findet, saß ein winziges, verlorenes Grüppchen rund um das große Tischviereck - gespenstisch, eine Geisterveranstaltung.

Es kam durch die echte, warmherzige Freundlichkeit des Vorsitzenden der AG und die tapfere Sachlichkeit Dr. Biesters, ihres Geschäftsführers, trotzdem zu einer kurzen, aber guten und aus meiner Sicht ertragreichen, vernünftigen Diskussion einiger aktueller Anliegen der AG. Als Gast bin ich zu näheren Ausführungen nicht befugt, das lesen Sie bitte in börsenblatt.net nach.

Ich bin Dr. Biester heute zum erstenmal persönlich begegnet. Hinter seiner Hamburger Korrektheit und vermeintlichen Kühle verbirgt sich ein kluges und durchaus zu bewegendes Herz. Ich sage das, obgleich wir uns außerhalb der AG-Versammlung wie Katz und Hund aus dem Weg gegangen sind, ich, weil ich ihn nicht dadurch kompromittieren wollte, mit mir schwarzem Schaf gesehen zu werden, er, weil er mich wohl für arrogant und kontaktscheu halten mußte.

Beides war nicht der Fall und beim nächsten Mal in Frankfurt werden wir uns, so denke ich, an einen Tisch setzen und miteinander diskutieren.

Die anschließende Vorstellung des ZVAB-Büchermichel, die der Chef des recht bedeutenden Schwaneberger-Verlags selbst hielt, war aus seiner Sicht instruktiv. Aus Sicht des praktischen Antiquars aber mußte das Urteil über den Büchermichel weiterhin vernichtend ausfallen, und wirklich hatte auch bisher keiner der anwesenden Kollegen längere Zeit mit dem fehlgeplanten Gebilde arbeiten wollen - außer meiner Wenigkeit, der ich einen halben Tag lang im Juli gelitten, gebrüllt und gelacht hatte, als ich diese Mißgeburt testen mußte.

Mir tun die Schwaneberger-Leute leid. Sie haben es versäumt, mit praktisch arbeitenden Kollegen des Mittelfelds Tests zu veranstalten, von ihnen Erfahrungen einzuholen. Ein ganzer Rattenschwanz von Faktoren wurde falsch, schief, unglücklich übertragen oder auch - schlimmer - nicht übertragen zwischen der Philatelie und dem Antiquariat, vor allem wurde die Bildung eindeutiger, blitzschnell zu erkennender typischer Mittelpreise unter Zugrundelegung vordefinierter mittlerer Zustände versäumt.

Das Ding ist schauerlich mißraten und muß völlig neu aufgebaut werden. In der jetzigen Form ist es eine Totgeburt.

Die Abendveranstaltung der vereinigten Amazonknechte war - vordergründig in herzlicher Stimmung - durchaus gelungen, bei näherem Hinsehen aber eine groteske Farce. Das lag schon an der Planung. Die auf der Antiquariatsmesse anwesenden Antiquare sind allesamt nicht sonderlich interessiert  am Absatz über Bücherportale. Der große Vorsitzende Köstler hatte das ja schon bei dem Umfrage von "Buchreport" lakonisch festgestellt: Die Mitglieder des Verbands würden nur wenig berührt von der ZVAB-Frage.

Daß also dieses Meeting, an dem 950 der 1000 Antiquare in Deutschland brennend interessiert gewesen wären, ausgerechnet unter den 50 abgehalten wurde, die es nur höchst sekundär bewegt, ist ein peinlicher Mißgriff gewesen. Ähnlich schauerlich war die Idee, zunächst einen, dann mehrere lockere Stehkonvente abzuhalten, bei denen Wesentliches in unbeschreiblichem Sprachgewirr untergehen mußte.

Ich war dann doch sehr dankbar für ein langes, wenn auch im Stehen und unter akustischer Quälerei geführtes Gespräch mit einem der Verantwortlichen. Dazu schreibe ich nichts weiter zu dieser späten Stunde. Nur soviel: Ich habe ihm den offenen Kampf der an Amazon verkauften Antiquare für die nächste Zeit angesagt - und er hat bis zum Schluß nicht begriffen, was die 950 Kollegen an der Amazon-Konzentration stört und welche Gefahren sie auf sich zukommen sehen.

Während die Abebooks-Verantwortlichen, besonders der Herr, mit dem ich sprach, einen sehr kompetenten, außerordentlich klugen und wohlunterrichteten Eindruck machten, ist mein langjähriger Zweifel an Herrn Heinisch durch die erstmalige, wenn auch nur zuhörende Begegnung aus kurzer Distanz leider voll bestärkt worden. Dazu nichts weiter.

Und nun verabschiede ich mich. Dieser Tag hat mir die Kollegen aus dem Spitzenbereich unserer Branche doch nähergebracht, ich konnte erkennen, daß sie sympathisch sind, ferner habe ich jetzt einen persönlichen Eindruck von Dr. Biester. Das war die Reise wert.

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Thesenpapier zur Interessenvertretung der Antiquare durch die AG im Börsenverein

"Diskutiert werden soll außerdem die Frage, wie effektivere Interessenvertretung für den Antiquariatsbuchhandel gelingen kann"

Hierzu ein T h e s e n p a p i e r   als Gastbeitrag

mit der Bitte um Kopie und Auslage.

Nach alter Tradition haben Gäste kein Rederecht. Sie legen deshalb externe Arbeitspapiere vor, die in die Diskussion einfließen können - falls einer der Teilnehmer sie gelesen hat, was nicht selbstverständlich ist.


Unser Gewerbe zerfällt in drei sehr deutlich voneinander unterschiedene Bereiche. Interessen, Arbeitsmethoden, Kapitalausstattung, Selbstbild und Kundenbeurteilung sind zwischen diesen drei Schichten sehr unterschiedlich, oft übrigens auch die Charaktere (aber lassen wir das).


(1) Das Edelantiquariat

Halten zu Gnaden, ich habe für diesen Begriff auch nach anderthalb Jahrzehnten der Diskussion einfach keinen Ersatz finden können.  Er trifft das Image dieser Kollegen genau. Wenn ich die Liste der Messeteilnehmer durchgehe, haben wir da eine perfekte Musterkarte des deutschen Edelantiquariats.

Die Interessen, Sorgen, Bedürfnisse der etwa 50 Edelantiquariate im deutschen Sprachbereich werden durch die - freilich bescheidene und nach meiner Einschätzung streckenweise ineffektive - Vertretung durch den  V e r b a n d  hinreichend abgedeckt. Ich sehe da keinen Handlungsbedarf durch eine Parallelorganisation.

Eine notwendige Anmerkung: Der Verband umfaßt neben den echten Edelantiquaren, die ich wie bemerkt auf rd. 50 beziffere, noch das Mehrfache solcher Kollegen, die gern Edelantiquare sein würden, es aber nicht sind. Diese "unechte" Gruppe, etwa 200-300 Antiquare, bedarf einer Interessenvertretung am dringendsten:


(2) Die Antiquare des Mittelfelds

Eine Auswahl von ihnen treffen wir auf Messen, hochpreisige Ware ist ihnen nicht fremd, nimmt aber im Wertschränkchen eher eine Ausnahmestellung ein. Ihr Arbeitsfeld ist entweder ein gutes Allgemeinsortiment im Laden, mit enger regionaler Kunden- und Ankaufsbindung, oder sie betreiben emsig Internetverkauf mit oft überraschen hohen katalogisierten Buchmengen. Hinzu kommen die echten Fachantiquare, auch sie  rechne ich der Mittelschicht zu, freilich mit der Überzeugung, daß Fachantiquare immer ihr eigenes Süppchen kochen (müssen) und gut daran tun, sich separat zu vernetzen.

Bei den Kollegen des Mittelfelds beginnen schon ganz deutlich die akuten Sorgen und Probleme unseres Berufsstands. Eine ganz typische Scham, die der "verschämten Armut" des früheren Mittelstands verzweifelt ähnlich ist, hindert sie daran, ihre Anliegen deutlich zu formulieren. Sie sind die treuesten Verbandsmitglieder, denn es ist für sie eine Ehrensache, nominell zum Edelantiquariat zu gehören. Nur im direkten Gespräch bringt man sie dazu zuzugeben, wie lächerlich gering ihre Kapitaldecke ist, wie unzureichend ihre Einkünfte sind, wie sie unter dem Zwang zu nervtötender Titeleingabe bis spät in die Nacht schier zugrundegehen und daß die ganze Organisation ihres Berufsstandes bisher für sie eher ein lächerlicher, peinlicher  P o p a n z  ist denn eine Hilfe.

Diese Kollegen, die ich aufgrund älterer, freilich von mir hausgemachter statistischer Versuche auf etwa 200-300 schätze, schleppen einen Rattenschwanz ungelöster Probleme mit sich herum. Ich wiederhole mich: Erst bei intensiveren Gesprächen geben sie ihre problematische Lage zu. Tatsächlich leiden viele Antiquare dieser Schicht - um nur ein Beispiel zu nennen - wie die Hunde unter jener vom Verband abgesegneten Abkassiererei durch gebührenpflichtige Preisdatenbanken, ebenso ärgerlich wie etwa die Jahresgebühren der Handelskammer. Freilich - hat sich je einer über die vom Verband verordneten Preisdatenbanken öffentlich beschwert? Das würde ja bedeuten, seine Geldknappheit zuzugeben, und was denken die Kollegen dann im Verband?


(3) Antiquare am Rand und im Keller

Die restlichen  500-600 Antiquare sind mehr oder minder armselige Malocher. Hier reicht die Bandbreite vom Ebay-Sklaven bis zum Flohmarkt- und Mensakistenverkäufer. Was man diesen Leuten, fast immer im Grenzbereich zur Sozialhilfe, Gutes tun kann, sollte man machen - auch wenn höllisch aufgepaßt werden muß, um die beiden gefährlichen Feinde unseres Berufsstandes, Momox und die "Geschenkt"-Ketten nach Schweizer Vorbild, unter ihnen zu erkennen und ihnen bei jeder Gelegenheit auf die Finger zu hauen.

Diese "Rand- und Kellerantiquare" sind in der Regel nicht in der Lage und auch nicht willens, die Probleme ihres Berufsstands zu erkennen. In ihren Foren beißen sie sich in Einzelheiten und Nebensächlichkeiten fest, aus langjähriger Erfahrung wissen wir, daß es völlig sinnlos wäre, die Unterschicht des Antiquariats zu organisieren. Das soll nicht hart klingen, es ist einfach Fakt.


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Also geht es, so meine These, bei der Frage "wie effektivere Interessenvertretung für den Antiquariatsbuchhandel gelingen kann" um eine Organisation des Mittelfelds unseres Gewerbes. Wir sollten nur im Sinn haben, daß unter der "Oberschicht" wirklich nur die echten 50 Antiquare zu verstehen sind bei diesem Modell. Alle anderen gehören ins Mittelfeld, sie haben dort sehr  t y p i s c h e  Interessen, Anliegen und Sorgen.

Über die Problematik der Genossenschaft breiten wir heute gnädig den Mantel des Schweigens. Ich höre in jüngster Zeit nichts Gutes von dort, die Kollegen sind in einer kritischen Phase.

Wie organisiert die AG also die 200-300 Antiquare des Mittelfelds?

Ich hoffe, daß die anwesenden und zur Rede autorisierten Mitglieder der AG im Börsenverein unter sich eine rege Diskussion dieser Kernfrage führen werden. Als schweigender Gast deute ich nur meinen Lösungsvorschlag an:

A.
Es sollte eine neue, sozusagen eine " L i g h t -"Form der Mitgliedschaft  in der AG geschaffen werden. Damit die Satzung nicht geändert werden muß, kann man sowas auch durch  Zusatz  zur Satzung regeln. Die "Light-Mitglieder" brauchen durch ihre Teilnahme auch keine Mitglieder im Börsenverein zu werden, man hat da großen organisatorischen Spielraum.

B.
Ausgehend von Björn Biesters doch recht gutem Adressenmaterial sollte der  g a n z e  Kreis der 200-300 Antiquare des Mittelfelds zur Teilnahme aufgefordert und eingeworben werden. Nach den bisherigen Erfahrungen ist eine Mailingliste kombiniert mit einer Art Yahoo-Forum die beste Lösung. Nur wenn der Antiquar die täglichen Beiträge und Meldungen im Briefkasten hat, wird er zur Kenntnisnahme und Beteiligung angestoßen. Es gibt im Grunde bis heute keinen Ersatz für das Procedere der guten alten Hess-Runde.

C.
Wenn diese erweiterte AG zur Interessenvertretung werden soll, dann müssen demokratische Abstimmungs- und Entscheidungsformen gefunden werden. Eine berufliche Interessenvertretung ist nichts anderes als ein  P a r l a m e n t  im Kleinen. Abstimmungen sind heute elektronisch in ausgefeilter Form möglich, Diskussionen und Resolutionen können gesteuert und eingegrenzt werden.

In anderen Berufsgruppen ist das alles selbstverständlich.

Behalten Sie bitte im Auge, daß meine Vorschläge sich untereinander bedingen. Verwirklicht man nur einen Teil, können die restlichen Faktoren beschädigt oder verunmöglicht werden.

Peter Mulzer